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Radsport

Ein Unglück kommt selten allein

Von Bastian Strobl
Eugene Christophe (2. v. l.) gehört zu den großen Legenden der ersten Tour-Jahre
© getty

Die Tour de France feiert in diesem Jahr ihre 100. Ausgabe (Sa., 15 Uhr im LIVE-TICKER). Passend zum Jubiläum blickt SPOX auf die Flegeljahre der "Grande Boucle" zurück. Mit dabei: Anekdoten en masse und der größte Pechvogel der Tour-Geschichte.

Die Helden von einst sind immer noch da. Der Zahn der Zeit mag an ihnen genagt haben, doch die verblichenen Schwarz-Weiß-Fotografien an den Wänden des "Le Reveil Matin" haben nichts von ihrer Wirkung verloren. Jedes schmerzverzerrte Gesicht erzählt auch heute noch seine ganz eigene Geschichte.

Vor diesem Restaurant in Montgeron, 18 Kilometer von Paris entfernt, begannen vor über 100 Jahren 60 wagemutige Radfahrer ihre Reise quer durch Frankreich. Es war die Geburt einer Legende.

Was damals als eine geschickt inszenierte Werbeaktion der französischen Zeitung "L'Auto" begann, ist heutzutage nach der Fußball-Weltmeisterschaft und den Olympischen Spielen das drittgrößte Sportereignis der Welt.

Juckpulver und Gift

Doch der Weg der Tour de France bis zu einem Massenphänomen war lang und beschwerlich. Große Sieger erblickten das Licht der Öffentlichkeit, tragische Helden wurden gefeiert, Konkurrenten mit allen Mitteln aus dem Weg geräumt. Es waren die Flegeljahre der "Grande Boucle", wie die Franzosen ihr liebstes Kind gerne nennen.

Besonders der Umgang untereinander würde im 21. Jahrhundert für offene Münder sorgen. Nägel wurden auf dem Asphalt verstreut, Juckpulver einander in die Hosen geschüttet oder Trinkflaschen vergiftet. Abkürzungen mit der Eisenbahn oder dem Auto waren ebenfalls an der Tagesordnung. Der Fairplay-Gedanke - wenn er überhaupt irgendwann einmal Einzug in den Radsport erhalten hat - war damals wohl den wenigsten ein Begriff.

Die Organisatoren trugen ihr Übriges dazu bei. Ohne Rücksicht auf Verluste scheuchte man die Fahrer über Aubisque, Peyresourde und Tourmalet. Die Pyrenäen und wenig später auch die Alpen bekamen ab 1910 ihren festen Platz in der Streckenführung. Legendär der Kommentar von Octave Lapize, als er zum ersten Mal über den Aubisque fuhr: "Mörder!"

"Die Tour ist ein Kreuzweg"

Es ging hoch und runter, über Stock und Stein, ohne Verpflegung, ohne Verschnaufpause. Die Verhältnisse müssen unvorstellbar gewesen sein. Die einzige Lösung: Doping. Aufputschmittel gehörten bereits damals quasi zum Alltag. Doch wer mochte es ihnen verdenken?

"Die Tour ist ein Kreuzweg", lederte Henri Pelissier 1924 gegenüber Albert Londres los. "Kennen Sie unseren Treibstoff?", fragte er den Journalisten und offenbarte den Inhalt seiner Tasche. "Das ist Kokain für die Augen. Das ist Chloroform für das Zahnfleisch."

Es war zu dieser Zeit, als der wohl größte Pechvogel der Tour-Geschichte die Bühne der großen Schleife verließ. Eugene Christophe, geboren in der Nähe von Paris, absolvierte 1925 seine letzte Tour.

Anekdoten en masse

Seinen Platz in den Geschichtsbüchern hatte er damals schon sicher. Ohne eine weitere Anekdote wollte sich der Franzose allerdings nicht verabschieden. Der Belgier Emile Masson bat Christophe auf den letzten Etappen, ihn ins Gesicht zu schlagen, um ihn vor dem Einschlafen zu bewahren. Es war der letzte denkwürdige Moment einer langen Tour-Karriere, die 19 Jahre zuvor ihre Premiere erlebt hatte.

Sein neunter Rang 1906 ließ allerdings noch nicht erahnen, welche Tragik ihm auf seiner unendlichen Reise durch Frankreich noch bevorstehen sollte. Dabei war der ersehnte Gesamtsieg bereits sechs Jahre später eigentlich zum Greifen nahe, als Christophe der Konkurrenz deutlich überlegen war.

Am Ende jubelte allerdings Odile Defraye, der vom damaligen Reglement profitierte. Eine Punktewertung entschied über den Gesamtsieger, wodurch die Belgier samt Defraye mit einer geschlossenen Mannschaftsleistung bei den meisten Sprints nicht zu schlagen waren.

Der Gabelbruch

Als im Jahr darauf das Zeiten-Klassement eingeführt wurde, galt Christophe erneut als einer der großen Favoriten. Und es sah lange Zeit gut aus, bis sich die Riesen der Pyrenäen vor den Fahrern auftürmten.

Zu Beginn der Bergetappe schien aber selbst dies Christophe und sein Team nicht aufzuhalten. Mit einem brutalen Ausscheidungsrennen zermürbte man die Konkurrenz. Auf dem Gipfel des Tourmalet hatte Christophe bereits stolze 18 Minuten Vorsprung auf seinen großen Rivalen Philippe Thys.

Bis das Schicksal erneut unnachgiebig zuschlug. "Auf der Abfahrt merkte ich auf einmal, dass etwas mit meinem Lenker nicht stimmte. Ich hielt an und sah, dass meine Gabel gebrochen war", erinnerte sich Christophe einige Jahrzehnte später.

"Ich habe richtig geheult"

So stand er wohl einige Minuten verlassen und verloren an der Seite des Schotterweges, der ins Tal führte, und musste mit ansehen, wie die Gegner nach und nach an ihm vorbeizogen.

"Ich habe richtig geheult. Vor Wut, ich konnte es nicht fassen. Ich habe dann mein Rad geschultert und bin den Berg zu Fuß heruntergelaufen. 14 Kilometer, ich konnte vor lauter Tränen fast nichts sehen. In Sainte-Marie-de-Campan, einem Dörfchen, habe ich ein kleines Mädchen getroffen, das mich zu einem Schmied brachte."

Zwei Stunden waren seit dem Malheur bereits vergangen. In Anbetracht der Tragik und des Pechs schien seine Geschichte kaum noch steigerbar zu sein. Doch Christophe hatte die Rechnung ohne das unnachgiebige Regelbuch gemacht.

Keine Hilfe vom Schmied

Es war den Fahrern strikt verboten, Hilfe von anderen Personen anzunehmen. Reparaturen musste man selber vornehmen. So blieb dem verzweifelten Christophe, der als Schlosser handwerklich zumindest nicht gänzlich untalentiert war, nichts anderes übrig, als die Gabel unter den Anweisungen von Monsieur Lecomte, dem ansässigen Schmied, selber zusammenzuschweißen.

Zumindest den Blasebalg ließ er von einem kleinen Jungen bedienen, was die anwesenden Rennkommissare sofort und unerbittlich mit einer Zeitstrafe ahndeten. Menschlichkeit war zu diesen Zeiten im Radsport - und vielleicht auch heutzutage noch - fehl am Platze.

Es ging nur um den Erfolg - und gute Werbung für die Sponsoren. Dass der Automobilhersteller Peugeot, der Christophes Team finanziell unterstützte und mit Rädern versorgte, die gebrochene Gabel nach der Etappe angeblich verschwinden ließ, passt zu dieser sagenhaften Episode - genauso wie die herzerwärmende Rückgabe 30 Jahre später, als ein Unbekannter Christophe die Gabel nach seinem Tod hinterließ. Er konnte seinen Frieden damit machen - und mit der Tour.

Das erste Gelbe Trikot

Dass er 1919 und 1922 erneut die Tour wegen einer gebrochenen Gabel verlor, ließ ihn endgültig unsterblich werden. Seine Geschichte faszinierte die Öffentlichkeit so sehr, dass er in der ersten Tour nach dem Ersten Weltkrieg mit 13.310 Francs das gleiche Preisgeld bekam wie der Sieger Firmin Lambot.

Im selben Jahr wurde er zudem der Träger des ersten Gelben Trikots. "Man konnte die Trikots fast nicht unterscheiden. Vor allem für die Fans war es unmöglich, die Fahrer zu erkennen", so Christophe, der über diese Ehre allerdings weit weniger erfreut war als gedacht und sich als menschlicher Kanarienvogel fühlte.

Seinen Platz im "Le Reveil Matin" hatte sich der ewige Zweite spätestens damit redlich verdient gehabt. Am Ort, wo die Tour einst begann. Und für einige auch endete.

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