"Er schlägt Kapital aus dem geistigen Eigentum der deutschen Fußball-Fans": Kritik an Ballermann-Sänger Ikke Hüftgold wegen Pyrotechnik-Lied

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"Pyroteeechnik ist doch kein Verbrechen" schallt es bei dieser EM allerorts. Das Lied stammt ursprünglich aus den Kurven, ehe Ikke Hüftgold einen Malle-Hit daraus machte - zum Missfallen des Fan-Bündnisses "Unsere Kurve". Im Hype um das Lied sieht die Interessengemeinschaft aktiver Fußball-Fans keine Hilfe im Kampf um die Legalisierung von Pyrotechnik.

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Genau wie Check24-Trikots und der Saxophonist André Schnura gehört es bei dieser EM zwingend zu Spielen der deutschen Nationalmannschaft: das Pyrotechnik-Lied. Bei jedem Fanfest und in jedem Stadion ist es zu hören und geht einem danach nur noch schwer aus dem Ohr. "Pyroteeechnik ist doch kein Verbreeechen. Wir werden dafür kääämpfen. Und lassen Emotionen freien Lauf. Pyroteeechnik!"

Traditionell sind Anhänger der deutschen Nationalmannschaft eher nicht für den exzessiven Einsatz von Pyrotechnik oder gar den Kampf zur Legalisierung dieser bekannt. Ganz anders als viele Fanszenen der hiesigen Klubs, die seit langem dafür eintreten - auch über Bündnisse wie beispielsweise "Unsere Kurve".

Wie bitteschön hat es dieses Lied dann aber in den Dunstkreis der deutschen Nationalmannschaft geschafft? Die bewegte Geschichte handelt von einer lange zurückliegenden Kampagne, vom sogenannten Balkonultra und vom Ballermann-Sänger Ikke Hüftgold.

Kurven, Balkonultra, Ballermann: Die bewegte Geschichte des Pyrotechnik-Liedes

"Das Lied kam circa 2010 im Zuge einer Kampagne zur Legalisierung von Pyrotechnik auf. Damals wurde es in vielen deutschen Kurven gesungen, irgendwann ist es ausgelaufen", erklärt Thomas Kessen, Sprecher von "Unsere Kurve", im Gespräch mit SPOX. "Vor einigen Jahren hat es dann der Balkonultra aufgegriffen. So ist der Malle-Barde Ikke Hüftgold auf das Lied aufmerksam geworden."

Beim Balkonultra handelt es sich um einen 29-jährigen Thüringer, der eigentlich Niko Thoms heißt und Altenpfleger ist. Seit 2022 veröffentlicht er bei TikTok Videos, auf denen er sich beim Grölen von Fangesängen auf seinem Balkon zeigt. Die größte Reichweite bekam das in den Kurven zwischenzeitlich etwas in Vergessenheit geratene Pyrotechnik-Lied.

Ikke Hüftgold erkannte Potenzial für einen Malle-Hit und lud den Balkonultra zu einer gemeinsamen Aufnahme ein, Ende Mai kam das Lied auf den Markt, schaffte es schnell in die Charts, an den Ballermann und von dort zu Länderspielen. "Ikke Hüftgold schlachtet das jetzt kommerziell aus und schlägt somit Kapital aus dem geistigen Eigentum der deutschen Fußball-Fans", sagt Kessen. "Rein rechtlich ist das sauber, dennoch empfinde ich es als schwierig."

Dass DFB-Fans bei der EM oder Party-Fans am Ballermann das Lied singen, "stört uns nicht", sagt Kessen: "Ich sehe aber keinen Zusammenhang zwischen dem Hype um das Lied und dem ernsthaften Kampf zur Legalisierung von Pyrotechnik. Diesen Kampf führen aktive Fans und auch wir als 'Unsere Kurve' an anderen Stellen und mit anderen Mitteln. Ich kann mir nicht vorstellen, dass der Malle-Hit einen Einfluss auf die relevanten Gremien hat."

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Erfolgreicher Kampf: Norwegen legalisiert Gebrauch von Pyrotechnik

Trotz aller ernsthaften Kampagnen und allem spaßigen "Pyroteeechnik"-Gesang ist eine Legalisierung in hiesigen Stadien nicht in Sicht. "Aktuell haben sich die deutschen Fanszenen mit dem Status quo eingerichtet. Man zündet verantwortungsbewusst und stilvoll", erklärt Kessen. "Für jede Pyrofackel wird der entsprechende Verein vom DFB-Sportgericht bestraft."

Für die Klubs kommen so durchaus beträchtliche Strafen zusammen, der 1. FC Köln musste vergangenes Jahr aufgrund von Pyrotechnik-Vergehen seiner Fans beispielsweise insgesamt rund 600.000 Euro an den DFB bezahlen. "Einige Vereine hinterfragen diese Strafpraxis, es regt sich Widerstand von dieser Seite", beobachtet Kessen.

In anderen europäischen Ländern führte der Kampf der Fans für die Legalisierung von Pyrotechnik unterdessen bereits zum Erfolg: Norwegen verkündete vor wenigen Tagen im Rahmen eines Pilotprojekts die Erlaubnis, bei Erst- und Zweitligaspielen bis 2025 Pyrotechnik zu zünden. Kulturministerin Lubna Jaffery sieht die brennenden Fackeln als "Teil der norwegischen Fankultur. Es schafft eine gute Stimmung und eine schöne Atmosphäre rund um die Spiele, sofern es auf sichere und verantwortungsvolle Weise genutzt wird."