BVB - Marius Wolf im Interview: "Ich habe mir oft eingebildet, irgendetwas Komisches zu spüren"

"Es war schon immer mein Verein, ich würde gerne bleiben": Marius Wolf hofft auf eine Vertragsverlängerung beim BVB.
© imago images

Operation am Herzen, Nationalmannschaftsdebüt und der verspielte Meistertitel: Borussia Dortmunds Marius Wolf hat eine aufwühlende Saison hinter sich. Im Interview mit SPOX und GOAL blickt er zurück und nach vorne. Außerdem spricht der 28-jährige Rechtsverteidiger über Raphaël Guerreiro, Jude Bellingham und Niklas Süle.

Anzeige
Cookie-Einstellungen

Herr Wolf, Sie waren über weite Strecken der Saison Stammspieler bei Ihrem Lieblingsklub und wurden erstmals in die Nationalmannschaft berufen - am Ende stand aber der tragisch verspielte Meistertitel. Wie blicken Sie auf diese Saison zurück?

Marius Wolf: Dass wir den Meistertitel so knapp verpasst haben, ist extrem bitter. Beim Abpfiff habe ich nur Leere gefühlt. Persönlich verbinde ich aber auch viel Gutes mit der vergangenen Saison. Die Nominierung zur Nationalmannschaft war im positiven Sinne ein i-Tüpfelchen.

Was schießt Ihnen als erstes in den Kopf, wenn Sie an das entscheidende Spiel gegen den 1. FSV Mainz 05 denken?

Wolf: Wie wir nach dem Spiel vor der Südtribüne standen und uns die Fans trotzdem mit Gesängen aufgebaut haben. Das haben wir Spieler nicht erwartet. Dieser Moment wird mir für immer in Erinnerung bleiben. Diese Atmosphäre der Gemeinschaft spricht für den BVB und seine Fans und ist einzigartig im Fußball.

Wie lief der Tag danach ab?

Wolf: Es gab ein Treffen mit allen Beteiligten. Der Vorsitzende der Geschäftsführung, der Sportdirektor und der Trainer haben Ansprachen gehalten. So kurz danach war es für uns alle schwer, die richtigen Worte zu finden. Ich fand es aber wichtig, dass wir alle nochmal zusammengekommen sind. Auch, weil wir die Spieler verabschieden konnten, die den Verein verlassen.

Raphaël Guerreiro wechselt ablösefrei zum FC Bayern München. Wie beurteilen Sie seinen Transfer?

Wolf: Ich wünsche ihm persönlich alles Gute - obwohl er offenbar zu Bayern geht. (lacht) Rapha ist menschlich ein Super-Typ und ein überragender Fußballer. Für mich war klar, dass er zu einem Top-Klub wechseln würde.

Auch Jude Bellingham zieht es zu einem solchen: Real Madrid. Wie haben Sie seine Entwicklung beim BVB erlebt?

Wolf: Wenn ich ihn bei seiner Ankunft und jetzt vergleiche, sehe ich zwei verschiedene Personen. Ich habe bisher im Fußball noch nie gesehen, dass sich jemand in so kurzer Zeit derart weiterentwickelt - fußballerisch, vor allem aber menschlich.

"Dieser Moment wird mir für immer in Erinnerung bleiben": Marius Wolf lobt die Unterstützung der Dortmunder Fans nach dem verpassten Meistertitel.
© imago images

Nach der Enttäuschung am 34. Spieltag sagte Hans-Joachim Watzke, dass "einige Spieler mit dem Druck nicht umgehen konnten". Teilen Sie diese Ansicht?

Wolf: Natürlich hat ein enormer Druck geherrscht. Es wurde viel geredet, man hat viel mehr Feedback bekommen als sonst, die Medien haben Geschichten in der Dauerschleife produziert. Ich habe das aber ausgeblendet und bin mit der Situation klargekommen. Ich kann nur in mich hineinschauen.

Haben Sie jemals mehr Druck gespürt als vor diesem Spiel?

Wolf: Vor dem Rückspiel gegen Chelsea im Achtelfinale der Champions League habe ich einen ähnlichen Druck empfunden.

War das ganze Umfeld emotional zu aufgeladen?

Wolf: Nein, davon lebt der Sport. Es wäre eher schlimm gewesen, wenn es nicht so gewesen wäre. Am wichtigsten ist, dass wir daraus lernen. Aus solchen Erlebnissen kann man extrem viel mitnehmen. Wir wissen, was wir das nächste Mal in so einer Situation anders machen müssen.

Und zwar?

Wolf: Man kann Druck auch positiv sehen, dann kann Druck sogar schön sein. Man muss mehr darüber sprechen, was man gewinnen - und weniger darüber, was man verlieren kann. Das Spiel selbst hätten wir meiner Meinung nach ruhiger angehen müssen. Nach dem 0:1 hätten wir nicht so überhastet auf den Ausgleich drängen sollen. Wir hätten mehr auf die Defensive achten müssen.

Im SPOX-Interview vor etwa eineinhalb Jahren haben Sie erzählt, dass Sie sich vor Spielen immer Motivationsvideos anschauen. Praktizieren Sie das immer noch?

Wolf: Nicht mehr so konsequent wie damals. Je nachdem, wie ich mich fühle. Mittlerweile höre ich meistens einfach nur Musik.

Haben Sie sich vor dem Mainz-Spiel etwas angeschaut?

Wolf: Nein.

Haben Sie Beispiele für Videos, die Sie sich als Einstimmung vor Spielen schon angeschaut haben?

Wolf: Früher hauptsächlich Videos von Cristiano Ronaldo, zuletzt von Conor McGregor.

"Wenn ich ihn bei seiner Ankunft und jetzt vergleiche, sehe ich zwei verschiedene Personen": Marius Wolf schwärmt von Jude Bellinghams Entwicklung.
© getty

Oftmals entsteht nach großen Niederlagen ein besonderer Geist, der Mannschaften später zu großen Siegen trägt - beispielsweise den FC Bayern nach dem Finale dahoam 2012 zum Triple 2013. Gab es diesmal einen Dortmunder Schwur?

Wolf: Die Enttäuschung war am Tag danach zu groß, um sich auf die neue Saison einzuschwören. Nach und nach müssen wir aus der Enttäuschung aber Kraft schöpfen. Wir wollen nächste Saison an diese Rückrunde anknüpfen.

Ein wichtiger Baustein für die erfolgreiche Rückrunde war wohl Co-Trainer Armin Reutershahn, der im Winter zum Trainerteam gestoßen ist.

Wolf: Armin ist zu uns gestoßen, weil Peter Hermann leider mitten in der Saison aus gesundheitlichen Gründen ausscheiden musste. Beide sind tolle Co-Trainer. Ich kannte Armin schon von meiner Zeit bei Eintracht Frankfurt, da war er auch als Co-Trainer tätig. Er ist menschlich ein Klasse-Typ, mit dem man immer quatschen kann. Mit seiner Erfahrung war er vor allem für die jungen Spieler extrem wichtig. Im Winter-Trainingslager hat er mit uns viel an den Standards gearbeitet. Man hat in der Rückrunde gesehen, dass wir uns in diesem Bereich extrem verbessert haben.

Wie haben Sie die Zeit zwischen dem letzten Bundesligaspiel und der Zusammenkunft beim DFB verbracht?

Wolf: Ich war erst zuhause und dann ein paar Tage mit meiner Freundin und einem befreundeten Pärchen in Griechenland im Urlaub. In so einer Phase bin ich lieber unter Leuten als alleine. Ich habe versucht abzuschalten und nicht über Fußball nachzudenken. So bin ich aus der negativen Gedankenspirale herausgekommen.

Wie war das Zusammenkommen mit den Bayern-Spielern Joshua Kimmich, Leon Goretzka, Jamal Musiala und Leroy Sané beim DFB?

Wolf: Natürlich haben wir darüber geredet. Sticheleien der Bayern-Spieler gab es aber nicht.

Ihr BVB-Kollege Niklas Süle fehlt etwas überraschend im DFB-Kader, begleitet wurde die Nicht-Nominierung von Diskussionen über seine Arbeitseinstellung. Wie beurteilen Sie das?

Wolf: Ich trainiere jeden Tag mit ihm und sehe, dass er bei jedem Training und in jedem Spiel 100 Prozent gibt. Er war ein sehr wichtiger Faktor für unsere starke Rückrunde.

Marius Wolf absolvierte bisher drei Länderspiele für Deutschland.
© imago images

Sie haben beim Lehrgang im März Ihr Länderspieldebüt gefeiert. Hatten Sie schon im Vorfeld der WM Kontakt mit Hansi Flick?

Wolf: Nein. Er hat mich im März zum ersten Mal angerufen. Für mich war das sehr überraschend.

Sie standen dann sowohl gegen Peru als auch gegen Belgien in der Startelf. Wie lautete Flicks Feedback?

Wolf: Er war damit zufrieden, wie ich mich in die neue Mannschaft und das neue System eingefunden habe, und meinte, dass ich im Verein weiter Gas geben soll.

Die Beliebtheitswerte der deutschen Nationalmannschaft sind seit Jahren schlecht. Was muss passieren, dass vor der Heim-EM im kommenden Jahr doch noch Euphorie ausbricht?

Wolf: Es muss in Deutschland wieder ein Gemeinschaftsgefühl entstehen. Wir müssen die Spiele gewinnen, das ist der wichtigste Punkt. Wir brauchen aber auch die Unterstützung der Fans, gerade wenn es mal nicht gut läuft.

Wie haben Sie die missratene WM in Katar verfolgt?

Wolf: Ich habe zwar alle Spiele angeschaut, mich zu dem Zeitpunkt kurz nach meiner Herz-OP aber in erster Linie mit mir und meinem Körper beschäftigt.

"Es war schon immer mein Verein, ich würde gerne bleiben": Marius Wolf hofft auf eine Vertragsverlängerung beim BVB.
© imago images

Aufgrund eines Vorhofflimmerns mussten Sie sich im November am Herzen operieren lassen. Wann haben Sie gemerkt, dass etwas nicht stimmt?

Wolf: Es war nicht so, dass ich monatelang etwas gespürt hätte. Das kam plötzlich. Ich habe mich ein, zwei Wochen lang nicht so gut gefühlt, hatte eine innere Unruhe. Als Sportler kennt man seinen Körper gut und merkt schnell, wenn irgendetwas nicht passt. Also bin ich zu den Ärzten gegangen und habe die Diagnose bekommen.

Zwischen diesem Tag und der OP sind nur drei Tage vergangen.

Wolf: In diesen drei Tagen habe ich mir riesige Sorgen über meine weitere Karriere gemacht. Die Ärzte haben mir aber versichert, dass mich das künftig nicht beeinträchtigen wird. Die Zeit der Ungewissheit ist schnell vergangen. Ich bin von einem Arzt zum nächsten geeilt und habe dazwischen mit meinen wichtigsten Menschen gesprochen.

Wer war Ihnen aus dem Klub in dieser Zeit eine Stütze?

Wolf: Vor allem unser Psychologe Philipp Laux. Auch die Mannschaft, der Trainer und unsere beiden Ärzte haben mir Kraft gegeben. Nach der Operation haben mir alle versichert, dass ich mir keinen Druck machen und mich bei der Genesung nicht stressen soll.

Wie verlief die Reha?

Wolf: Zehn, zwölf Tage nach der OP durfte ich wieder laufen. In der Anfangszeit war ich sehr ängstlich. Ich habe mir oft eingebildet, irgendetwas Komisches zu spüren. Dann bin ich zu den Ärzten gegangen, aber es war nie etwas. Super-Tage haben sich mit Scheiß-Tagen abgewechselt. Je öfter ich mich verausgabt habe und nichts passiert ist, desto mehr Vertrauen habe ich gewonnen. Irgendwann habe ich den Punkt erreicht, an dem ich versucht habe, nicht mehr permanent darüber nachzudenken. Dieser Prozess passiert nicht automatisch, den muss man sich hart erarbeiten. Das war der schwierigste Weg, den ich in meiner Karriere gegangen bin. Es ist ein besonderes Gefühl, das Vertrauen in seinen Körper zurückzubekommen.

Ihr Vertrag beim BVB läuft bis 2024. Gab es schon Gespräche über eine Verlängerung?

Wolf: Nein. Ich wollte mich während der Saison davon nicht ablenken lassen. Zunächst lag mein Fokus darauf, nach meiner OP zurückzukommen. Dann waren die Spiele zu wichtig. Ich fühle mich wohl in Dortmund. Es war schon immer mein Verein, ich würde gerne bleiben.

Marius Wolf: Stationen seiner Karriere

ZeitraumKlubPflichtspieleToreAssists
2014 bis 2016TSV 1860 München4455
2016 bis 2017Hannover 962--
2017 bis 2018Eintracht Frankfurt (Leihe)38611
2019 bis 2020Hertha BSC (Leihe)2315
2020 bis 20211. FC Köln (Leihe)3523
seit 2018Borussia Dortmund9054