"Ein potenzieller Top-Spieler": Ex-Bayern-Talent Kenan Yildiz vor Debüt für die Türkei - hat der DFB geschlafen?

Von Falko Blöding
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Der türkischen Nationalmannschaft winkt der Abend der großen Debüts. Während beim EM-Qualifikationsspiel in Kroatien viele Augen auf den neuen Cheftrainer Vincenzo Montella und dessen ersten Auftritt an der Seitenlinie gerichtet sind, könnte es noch einen weiteren Debütanten mit Italien-Bezug bei den Türken geben: Kenan Yildiz von Juventus winkt sein erster Einsatz für die A-Nationalmannschaft.

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Yildiz' Berufung markiert den Höhepunkt einer steilen Entwicklung und wirft auch Fragen auf: Hätte der FC Bayern einst stärker um seinen ehemaligen Nachwuchsstürmer kämpfen müssen? Und hätte auch der DFB sich für den in Regensburg geborenen Yildiz mehr ins Zeug legen sollen?

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Antonio Di Salvo beschäftigte sich nicht mit Kenan Yildiz

Die zweite Frage ging am Montag direkt an Deutschlands U21-Nationaltrainer Antonio Di Salvo. Er sieht aber keine Versäumnisse beim DFB, der aktuell nicht unbedingt mit Top-Angreifern gesegnet ist. Di Salvo führte aus: "Ich kenne Kenan Yildiz schon lange. Ich wohne in München und habe früher schon Kenans Jugendspiele beim FC Bayern gesehen. Ich habe mich aber mit ihm aktuell nicht beschäftigt, weil ich ja weiß, dass er auch schon für die U21 der Türkei gespielt hat."

"Wenn ein Spieler für ein anderes Land spielt, dann ist es für uns erstmal so, dass er sich dann entschieden hat", so Di Salvo weiter. Dem widerspricht allerdings ein Tweet von Transferexperte Fabrizio Romano von Ende August, in dem es heißt, der DFB habe zumindest Yildiz' Verfügbarkeit abgeklopft. Offensichtlich aber ohne Erfolg.

Eine Überraschung ist es aber nicht, dass Yildiz, der einen türkischen Vater und eine deutsche Mutter hat, sich nun mit Einsatzminuten in der EM-Quali für die Türkei festspielt. Er lief auch bereits für die von Di Salvo angesprochene U21 und die U17-Auswahl der Türken auf.

Er sei "stolz", für die Türkei zu spielen und werde "alles geben", ließ Yildiz als Reaktion auf seine Berufung in einem Statement auf Instagram wissen.

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Kenan Yildiz ist "ein potenzieller Top-Spieler"

Verdient hat sich der 18-Jährige die Nominierung für Montellas Kader mit starken Auftritten in der Juventus-Jugend und vielversprechenden Kurzeinsätzen bei den Profis des italienischen Rekordmeisters. Unter anderem spielte Yildiz während des 2:0-Siegs im Derby gegen Torino am Wochenende und kassierte anschließend ein Sonderlob von Massimiliano Allegri. Juves Trainer sagte gemäß Tuttosport: "Er hat heute klug und clever gespielt. Es ist sensationell, jemanden zu sehen, der den Ball so stoppt wie er."

Überhaupt gilt Allegri als großer Fan von Yildiz. Er prophezeite ihm bereits "eine brillante Zukunft". Romeo Agresti ist Juventus-Korrespondent bei SPOX und GOAL. Er berichtet: "Vor ein paar Monaten hat Yildiz seinen Vertrag vorzeitig bis 2027 verlängert. Der Verein setzt für die Zukunft auf ihn. Und mit den Problemen von Pogba und Fagioli (positive Dopingprobe und Ermittlungen wegen illegaler Sportwetten, d. Red.) könnte er noch früher als geplant zu regelmäßigen Einsätzen bei den Profis kommen."

Yildiz großer Vorzug ist dabei die Kreativität. "Er dribbelt stark und spielt gute Pässe", weiß Agresti. "Dazu ist er gut im Abschluss. Trotzdem hat er ein Auge für seine Mitspieler und ist nicht eigensinnig, das ist wichtig bei Allegri. Man sieht, dass er ein potenzieller Top-Spieler ist." Arbeiten müsse der Offensivspieler allerdings an seiner Konstanz. Oft taucht er während einer Partie für mehrere Minuten ab und wirkt lethargisch.

Dabei kann Yildiz mehrere Positionen bekleiden. Sowohl die offensiven Flügel als auch die Rollen der hängenden Spitze und des Spielgestalters füllt Yildiz mühelos aus. Langfristig dürfte er auf der Position des offensiven Mittelfeldspielers direkt hinter einem Stoßstürmer landen.

Yildiz wechselte vom FC Bayern zu Juventus Turin.
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Kenan Yildiz wechselte vom FC Bayern zu Juventus

Yildiz' Talent kennt man auch beim FC Bayern bestens. Dort spielte der Teenager von 2012 bis 2022 und war zeitweise Kapitän in seinen Mannschaften, ehe er sich entschied, nach Turin weiterzuziehen. Der FCB musste sich mit einer verhältnismäßig kleinen Ausbildungsentschädigung trösten. Hasan Salihamidzic, Bayerns Ex-Sportchef, nannte wirtschaftliche Gründe als Motiv für den Transfer.

Der Bild sagte er: "Yildiz ist ein junger talentierter Spieler, den wir gerne weiter auf seinem Weg begleitet hätten. Seinen finanziellen Forderungen konnten und wollten wir allerdings nicht entsprechen. Deshalb wird Yildiz uns leider verlassen."

Laut Sport1 allerdings erhoffte sich Yildiz vom Wechsel zu Juventus größere Chancen auf eine schnelle Entwicklung - und aktuell scheint er mit seiner Wahl richtig gelegen zu haben. Jedenfalls ist es nicht wahrscheinlich, dass er es in Bayerns Starensemble so schnell in die A-Nationalelf geschafft hätte.

Kenan Yildiz (l.) verlässt den FC Bayern wie erwartet Richtung Juventus Turin.
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Kenan Yildiz und Arda Güler sind die Hoffnungsträger der Türkei

Montella nominierte Yildiz also für sein erstes Länderspiel nach der Amtsübernahme von Stefan Kuntz. Ein Fingerzeig für das langfristige Projekt, das der ehemalige Coach von Adana Demirspor im Sinn hat. Yildiz gilt als Versprechen für die Zukunft, gemeinsam mit dem ebenfalls 18 Jahre alten Arda Güler von Real Madrid ist er der Hoffnungsträger der Fans mit Blick auf die EM 2032, die in der Türkei und Italien stattfinden wird.

Der Weg zu regelmäßigen Einsätzen in der Nationalelf ist für Yildiz dennoch erstmal weit. Die Offensive der Mannschaft ist gut besetzt, seine Rivalen werden - je nachdem, welche Formation Montella künftig spielen lässt - wohl Cengiz Ünder und Irfan Can Kahveci (beide Fenerbahce) sein.

Die Stimmung vor dem mutmaßlichen Doppel-Debüt gegen den WM-Dritten Kroatien ist jedenfalls prächtig. Im Training kassierte Yildiz von seinem neuen Trainer schonmal eine freundschaftliche Nackenschelle, ehe alle Beteiligten schmunzelten.

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