Fussball

Teetotal, Golf und vier Leihen: Wie Harry Kane über Umwege zum Tottenham-Stammspieler wurde

Harry Kane spielte im Frühling 2012 für den FC Millwall.

Harry Kanes Weg zum Stammstürmer von Tottenham Hotspur und der englischen Nationalmannschaft war kein direkter. Zwischen 2011 und 2013 sammelte er bei insgesamt vier Leihstationen Profierfahrungen, ehe er sich bei seinem Lieblingsklub durchsetzte. Zwei Weggefährten von damals erinnern sich.

Maik Taylor war bereits 41 Jahre alt, als er im März 2012 zum FC Millwall wechselte und für die restlichen zehn Saisonspiele den Posten des Stammkeepers übernahm. Er sollte Erfahrung bringen in einen Klub, der in der zweitklassigen Championship in akuter Abstiegsnot steckte und im Angriff auf die erst 18-jährige Tottenham-Leihgabe Harry Kane setzte.

Als Taylor kam, wusste er längst Bescheid. "Ein Freund von mir hatte damals eine Dauerkarte bei Tottenham und Harry schon bei einigen Europa-League-Spielen gesehen", erinnert er sich gegenüber SPOX und Goal. "Und er hat mir gesagt: 'Der Junge hat alles. Der wird ein ganz Großer.'" Bei Millwall wurde er zunächst vor allem ein ganz Wichtiger.

Im Endspurt der Saison 2011/12 avancierte Kane mit vier Toren in den letzten sechs Spielen zu Millwalls Nichtabstiegshelden. Die Fans wählten ihn anschließend zum besten jungen Spieler des Klubs. Es war der nächste Schritt auf Kanes zwei Jahre und vier Leihen umfassenden Umwegen vom Tottenham-Jugendspieler zum Tottenham-Stammspieler.

Im zweiten Anlauf zu Tottenham Hotspur

Kane wuchs nahe der White Hart Lane auf, in seiner Familie hielt man es natürlich mit den Spurs. Entsprechend groß war die Begeisterung, als der junge Harry zu einem Probetraining eingeladen wurde; entsprechend groß die Enttäuschung, als er abgelehnt wurde. Anschließend spielte er für den Rivalen FC Arsenal, doch nur kurz. "Ein bisschen mollig und nicht sehr athletisch" sei er laut des damaligem Akademie-Leiters Liam Brady gewesen. Aussortiert.

Erst beim FC Watford überzeugte Kane nachhaltig - sogar Tottenham, das es sich anders überlegte und ihn doch noch in die Jugendakademie aufnahm. Zehn war er damals und für ihn war es die Erfüllung eines Traums. Tottenham! Sein Tottenham. Bereits sechs Jahre später unterschrieb er seinen ersten Profivertrag, dann kamen die Leihen.

Diese Leihen, die für so viele aufstrebende Talente englischer Top-Vereine die Einfahrt in die Karriere-Sackgasse sind. Von einem Klub zum nächsten geschoben und von einem Land ins nächste, bis der erste Vertrag irgendwann endet und damit auch der Traum von der großen Karriere. Für Kane sollten die Leihen aber nicht in eine Sackgasse führen, sondern über Umwege ans Ziel.

Im Januar 2011 fing es an: Kane unterschrieb beim Londoner Drittligisten Leyton Orient, pendelte dort zwischen Startelf und Bank und erzielte fünf Treffer. Nach seiner Rückkehr im Sommer 2011 traf er auch für Tottenham, in der Europa-League-Gruppenphase gegen die Shamrock Rovers. Trainer Harry Redknapp verhalf ihm zu den ersten Profieinsätzen für seinen Jugendklub und Taylors Freund mit Dauerkarte schaute ganz genau zu.

Harry Kane bei Millwall: Stets ein Lächeln und kein Alkohol

Doch Kane zog weiter, zu Millwall, wo Taylor bereits nach den ersten gemeinsamen Trainingseinheiten wusste, dass sein Freund recht gehabt hatte. "Harry hatte damals schon einen super linken Fuß, einen super rechten Fuß und einen super Kopfball. Er hatte eigentlich alles, war wie eine Art junger Alan Shearer." Alan Shearer, das muss man wissen, ist der treffsicherste Premier-League-Torjäger der Geschichte, ein Vergleich mit ihm das maximale Lob für einen Stürmer. Es waren aber nicht nur seine fußballerischen Qualitäten, die Kane auszeichneten. "Sein Enthusiasmus war unglaublich. Er liebt den Fußball über alles und trug damals bei jedem Training, bei jedem Spiel ein Lächeln auf den Lippen", sagt Taylor.

Der Torwart-Veteran hatte mit seinen 41 Jahren schon alles gesehen. Er spielte im Süden in Southampton und im Norden in Leeds, er spielte auf dem Land bei Farnborough und jetzt eben in der Metropole London. Überall hatte er Leihspieler von größeren Klubs kommen und gehen gesehen und die meisten davon, sagt Taylor, haben sich für zu gut gehalten. "Harry aber ist immer respektvoll aufgetreten. Eigentlich war es unmöglich, ihn nicht zu mögen."

In der Mannschaft sei er bestens integriert gewesen - obwohl er vom verbindenden Element Bierkonsum absah. Damals wie heute verzichtet Kane auf Alkohol. "Er ist ein Teetotal", sagt Taylor und schmunzelt. "Bei den Teamabenden war er zwar immer dabei, hat aber nichts getrunken und ist früh heimgegangen. Harry ist ein Familienmensch und am allerliebsten zu Hause."

Handicap 6 und Tore gegen den Millwall-Abstieg

Draußen gefiel es ihm am besten auf grünem Rasen, auf dem Fußball- genau wie auf dem Golfplatz. "Nach den Trainingseinheiten ist er oft mit Teamkollegen golfen gegangen. Dabei konnte er gut entspannen", erzählt Taylor. "Ich habe auch einige Male mit ihm gespielt - und meistens verloren. Harry ist ein super Golfer, hatte damals schon Handicap 6."

Auf dem Fußballplatz erkämpfte sich Kane bei Millwall direkt nach seinem Wechsel im Januar 2012 einen Stammplatz. Das erste Tor gelang ihm zwar erst knapp zwei Monate später, aber anschließend traf er regelmäßig und hatte damit großen Anteil am Klassenerhalt. "Wäre Harry nicht gekommen, wären wir wahrscheinlich nicht drinnen geblieben", sagte Millwalls damaliger Co-Trainer Joe Gallen dem Guardian. "Seine Tore und seine Spielweise haben alles zum Positiven gewendet."

Millwall profitierte von Kane - und Kane profitierte von Millwall. "Dieser Abstiegskampf hat mich zu einem Mann gemacht", sagte er später. Als 18-jähriger Mann kehrte Kane also zurück zu Tottenham und feierte am 1. Spieltag der Saison 2012/13 bei einer 1:2-Niederlage bei Newcastle United per Einwechslung sein Premier-League-Debüt.

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