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Fussball

"Teilweise fällt sogar das Atmen schwer"

Von Interview: Barbara Kuhn
Wurde mit der U 17 2009 in Deutschland Europameister: KSC-Talent Matthias Zimmermann
© Getty

Matthias Zimmermann steht mit der deutschen U-17-Nationalmannschaft im Achtelfinale der WM in Nigeria. Gegner wird die Schweiz sein (Mi., 18.45 Uhr im LIVE-TICKER), die ihre Gruppe gewann und Favorit Brasilien aus dem Turnier kegelte. Im Interview spricht das Talent des Karlsruher SC über die außergewöhnlichen Bedingungen in Afrika, erklärt weshalb Fußball eine reine Kopfsache ist und warum Deutschland das Zeug zum Weltmeister hat.

SPOX: Herr Zimmermann, erst einmal herzlichen Glückwunsch zum Erreichen des WM-Achtelfinals.

Matthias Zimmermann: Vielen Dank! Nach dem Rückstand gegen Honduras sah es nicht so gut aus. Aber am Ende wurde dann doch noch alles gut. Auch durch die Schützenhilfe der Schweiz.

SPOX: Hatten Sie zwischendurch das Gefühl, dass es nicht reichen könnte?

Zimmermann: Nein, eigentlich nicht. Es war genauso, wie bei der EM. Beim Spiel gegen die Türkei lagen wir auch 0:1 hinten und im Endspiel gegen die Niederlande ebenso. Aber wir haben eine starke Moral. Klar haben wir durch das Tor von Honduras einen Tiefschlag einstecken müssen. Aber da darf man nicht aufgeben und muss bis zur 90. Minute kämpfen. Einfach immer an die eigene Stärke glauben. So haben wir es dann auch geschafft und am Ende noch drei Tore gemacht.

SPOX: Da war ja noch nicht klar, ob Ihr es ins Achtelfinale geschafft habt.

Zimmermann: Das war wirklich ein banges Warten. Zumal das Schweiz-Spiel erst um 19 Uhr angefangen hat, da waren wir schon lange fertig. Brasilien war immer am Drücker und hatte viele Chancen. Aber dann hat die Schweiz das Tor erzielt und alles war gut.

SPOX: Wie war denn der Moment, als Ihnen klar wurde: Wir stehen im Achtelfinale?

Zimmermann: Am Anfang konnte ich es gar nicht richtig fassen. Gerade, weil wir die ersten beiden Spiele unglücklich aus der Hand gegeben haben. Wir haben gut gespielt, aber an den Punktverlusten waren wir auch selbst schuld. Als die Schweiz dann gewonnen hatte, ist mir ein großer Stein vom Herzen gefallen. Endlich Achtelfinale und doch wieder eine Chance auf das große Ziel, Weltmeister zu werden.

SPOX: Kann man die beiden Rückschläge gegen Nigeria und Argentinien auch ein bisschen auf das ungewohnte Umfeld in Nigeria schieben?

Zimmermann: Nein, sicher nicht. Ich denke, am Ende hat uns einfach die Konzentration gefehlt. Wir haben es verpasst, gegen Nigeria das vierte Tor zu machen, damit die nicht mehr zurückkommen können. Und gegen Argentinien dürfen wir nach der Führung nicht so passiv sein, müssen aggressiver draufgehen und vorne nachlegen, damit die einen Knick in ihrem Spiel bekommen.

SPOX: Also haben Sie sich schnell an Nigeria gewöhnt?

Zimmermann: Die vielen Impfungen am Anfang muss der Körper schon erst einmal verarbeiten. Das Wetter hier ist anders und die Luftfeuchtigkeit ist sehr hoch. Teilweise fällt sogar das Atmen schwer. Es dauert schon vier oder fünf Tage, bis man angekommen ist und sich daran gewöhnt hat. Ich denke aber, dass wir jetzt wirklich fit sind.

SPOX: Inwiefern haben die Impfungen Ihre Leistungsfähigkeit beeinträchtigt?

Zimmermann: Bei mir persönlich war es nicht schlimm, aber einige meiner Teamkollegen hatten Durchfall und Bauchschmerzen. Das kann natürlich auch mal vom Essen kommen, aber ich denke, es war die Malaria-Prophylaxe.

SPOX: Sind die notwendigen Impfungen und die ungewohnte Schwüle ein Nachteil für europäische Teams?

Zimmermann: In den ersten Spielen war das sicher ein kleiner Nachteil. Mittlerweile kann man alles ganz normal umsetzen. In Deutschland war das natürlich angenehmer. Da musste man nichts einnehmen und konnte frei aufspielen. Noch dazu im eigenen Land, mit eigenen Fans. Hier kommen die Impfungen und das Wetter dazwischen.

SPOX: Und die Sicherheitsbedingungen.

Zimmermann: Das ist schon alles ein bisschen komisch. Du sitzt im Bus und nebenher fahren Polizeifahrzeuge. Wenn wir aussteigen, warten Männer mit Maschinengewehren am Trainingsplatz, die das Gelände überwachen. Ich bin mal gespannt, wie es in Lagos wird.

SPOX: Kann man sich da überhaupt sicher fühlen?

Zimmermann: Auf jeden Fall. Wir haben aus Deutschland noch zwei Sicherheitsleute dabei, die auf uns aufpassen. Man kann also locker sein, Spaß haben und frei aufspielen.

SPOX: Also braucht man einen freien Kopf. Ihr Kapitän Reinhold Yabo hat gesagt: "Es ist keine Frage der Qualität, sondern eine reine Kopfsache".

Zimmermann: Dem stimme ich voll zu. Fußball wird auch im Kopf entschieden. So war es ja auch schon gegen Nigeria und Argentinien. An der Qualität liegt es bei uns nicht, schließlich sind wir ja Europameister geworden.

SPOX: Aber die Gegentore entstanden auch durch individuelle Fehler. Die ist man von einem Europameister gar nicht gewohnt.

Zimmermann: Vielleicht hatten wir schon im Hinterkopf: "Drei Null. Das ist durch, das schaffen wir locker und bringen das schon heim." Gegen Argentinien haben wir gedacht, es wird schon reichen, wenn wir's locker runter spielen. Aber so ein Spiel dauert immer 90 Minuten. Man muss einfach bis zum Ende alles geben, darf nie abschalten. Man muss weiterspielen, bis der Schiri abpfeift und immer das Beste daraus machen.

SPOX: Kam auch ein bisschen Nervosität dazu?

Zimmermann: Als Nigeria im ersten Spiel den Anschlusstreffer geschossen hat, war auf einmal auch das Publikum wieder da. Da wurden wir dann vielleicht schon ein bisschen nervös. Beim 2:3 war dann die Stimmung wieder richtig gut. Es war so laut, man hat die eigenen Leute nicht mehr verstanden. Klar ist man da nervös.

SPOX: Matthias Sammer meinte nach den Spielen gegen Nigeria und Argentinien: "Sie müssen wieder aufstehen und sich gegenseitig unterstützen. Jetzt zeigt sich die Mentalität des Teams." Hat sich etwas innerhalb der Mannschaft verändert?

Zimmermann: Wir haben uns mit dem ganzen Team zusammengesetzt und besprochen, was eigentlich los ist. Wir haben noch mal unsere Ziele definiert und auch Klarheit zwischen uns Spielern geschaffen. Geklärt, ob wir uns noch einig sind. Wir sind dadurch noch mehr zur Einheit geworden, noch enger zusammengewachsen. Wir haben ein paar Leader, die immer vorangehen. Reinhold Yabo, unser Torwart Marc-Andre ter Stegen. Auch Mario Götze gehört dazu. Die ziehen alle mit. Und als Team können wir es schaffen. Jetzt erst recht.

SPOX: Stichwort Karlsruher SC: Wie sieht es aus mit der Profimannschaft?

Zimmermann: Nach der Entlassung von Ede Becker habe ich einen Monat bei den Profis mittrainiert. Markus Schupp hat dann gesagt: "Konzentrier dich erstmal auf die WM. Wenn die ganze Sache vorbei ist, kommst du erst mal zurück und wir reden dann in Ruhe." Dann kann ich auch wieder bei den Profis trainieren. Vielleicht komme ich ja auch mal zum Einsatz. Gegen 1860 saß ich schon auf der Bank. Ich spiele ja schon fest in der zweiten Mannschaft.

SPOX: Haben Sie einen festen Plan, wann es mit dem Profi-Geschäft losgehen soll?

Zimmermann: Nein. Erst einmal zählt die WM, hier will ich gut spielen. Wenn ich wieder in Karlsruhe bin, werden die mir schon sagen, was sie mit mir vorhaben. Ich will fest bei einer Mannschaft spielen und dort meine Leistung bringen. Dann kommt man immer höher.

SPOX: U-17-Trainer Marco Pezzaiuoli forderte letztes Jahr in einem Interview Verbesserungen in der Ausdauer und im Spiel nach vorne von Ihnen. Sind das immer noch Ihre Schwächen?

Zimmermann: Ich habe mich schon weiterentwickelt. Ich spiele ja regelmäßig bei den Amateuren, habe die WM-Vorbereitung gemacht und schon Profi-Luft geschnuppert. Ich habe jetzt nach vorne viel mehr Druck, mehr Erfahrung, ich traue mir mehr zu. Dadurch, dass mir alle helfen und mich aufbauen, ich mittrainiere und drei Mal pro Woche an meinen Ausdauerwerten arbeite, konnte ich mich schon verbessern.

SPOX: Sie spielen in der U-17-Nationalmannschaft als Sechser. Ist das Ihre Lieblingsposition?

Zimmermann: Dort spiele ich auf jeden Fall am Liebsten. Michael Ballack ist da mein großes Vorbild. Deco natürlich auch. Aber Xavi von Barcelona gefällt mir am besten, weil er die Bälle super verteilt und schnell nach vorne spielt. Ich möchte ein Spieler sein, der zweikampfstark ist und schnell nach vorne spielt. Außerdem braucht man ein gutes Auge und muss viel mit seinen Mitspielern kommunizieren.

SPOX: Zum Abschluss noch die wichtigste Frage: Wer wird U-17-Weltmeister?

Zimmermann: Ich glaube, dass wir Weltmeister werden. Die Gegner haben uns nicht mehr auf der Rechnung, weil wir in den Gruppenspielen nicht so gut waren. Aber ich glaube an uns, wir können das schaffen. Die anderen Mannschaften sind natürlich auch sehr gut. Wir können ja alle Spiele im Hotel live im Fernsehen anschauen. Aber wir können alle schlagen. Wir stehen im Achtelfinale und da heißt es "hopp oder topp". Wenn wir verlieren, sind wir draußen. Also Alles oder Nichts. Alles auf Sieg.

Steckbrief von Matthias Zimmermann

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