BVB - Ex-Physiotherapeut Thomas Zetzmann im Interview über seine 16 Jahre bei Borussia Dortmund

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16 Jahre lang hat Thomas Zetzmann als Physiotherapeut bei Borussia Dortmund gearbeitet. Er erlebte die erfolgreiche Zeit des BVB unter Jürgen Klopp und war bis zu seinem Abgang 2022 steter Wegbegleiter des häufig verletzten Marco Reus.

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Dieses Interview erschien erstmals am 13. Juni 2023.

Im Interview mit SPOX und GOAL spricht Zetzmann, der Anfang der 1990er Jahre als A-Jugendspieler zum BVB wechselte und seine Profi-Karriere nach mehreren Operationen frühzeitig beenden musste, über seine innige Beziehung zu Reus und die Ära unter Klopp.

Der 53-Jährige erzählt auch vom Anschlag auf den BVB-Mannschaftsbus 2017, vom Handy-Verbot auf der Massagebank, einem aufmüpfigen Ersatztorwart und versucht sich an einer Erklärung für Dortmunds ständige Muskelverletzungen.

Herr Zetzmann, nach 16 Jahren beim BVB haben Sie den Verein im vergangenen Sommer auch aus privaten Gründen verlassen. Ihre Mutter wohnt in Berlin, ist 86 und pflegebedürftig. Wie geht es Ihnen ohne das Hamsterrad Fußball, in dem Sie sich zusammen mit Ihrer Zeit als Spieler über 30 Jahre befanden?

Thomas Zetzmann: Ich bin zunächst etwas in ein Loch gefallen und habe in den ersten drei Monaten nicht ein Spiel geguckt. Da habe ich gar nichts vermisst. Ich bin natürlich froh und dankbar, dass ich so oft es geht in Berlin sein und mehr Zeit mit meiner Mutter verbringen kann. Auch gemeinsame Unternehmungen mit Kumpels kamen jahrelang zu kurz, weil ich ja stets um acht Uhr wieder an der Massagebank stehen musste. Jetzt ist das Sabbatjahr aber vorbei und die Finger jucken wieder. Ich vermisse es mittlerweile, weil ich einfach durch und durch Fußball-Therapeut bin. Ich spüre, dass ich mit bald 53 Jahren eine Aufgabe und einen geregelten Rhythmus brauche.

Wie kurzfristig kam Ihre Entscheidung zustande - oder bahnte sie sich schon länger an?

Zetzmann: 16 Jahre am Stück für einen Arbeitgeber ist eine sehr, sehr lange Zeit, die irgendwann mal auch vorbei ist. Im Endeffekt war das so gewollt. Sebastian Kehl hat als Sportdirektor natürlich auch neue Ideen miteingebracht. Dazu hat sich im medizinischen Bereich mit der Zeit sehr viel geändert, es kamen insgesamt viele neue Leute in den Verein. Mir war schon länger sehr wichtig, dass ich mich um meine Familie und mich kümmere und da ein bisschen Ordnung hineinkriege. Denn Arbeit ist nicht alles.

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Wie intensiv war Ihr Job?

Zetzmann: Im Erfolg merkt man den großen Stress nicht. Wenn der allerdings ausbleibt oder man sehr viele Verletzte hat und alle um einem herum Druck machen, sieht es anders aus. Da meldet sich der Körper durchaus. Gerade dann, wenn man von einem Auswärtsspiel im Ausland kommt, um vier Uhr morgens erst ins Bett geht und drei Stunden später wieder aufstehen muss.

Wie lange ist man denn an einem handelsüblichen Wochentag im Einsatz?

Zetzmann: Das ist sehr individuell und hängt teils auch davon ob, wie oft am Tag trainiert wird. In der Regel ist es so: Wenn morgens Training ist, findet um acht Uhr eine Medizin-Sitzung statt. Um neun Uhr kommen die Spieler und werden vom Doktor untersucht. Dann ist um halb elf Training, das ein Therapeut mit der Eisbox begleitet. Die anderen therapieren die Spieler, die nicht trainieren. Um 13 Uhr essen wir alle zusammen zu Mittag. Wenn zweimal trainiert wird, geht es um 14 Uhr mit ein paar Besprechungen weiter und um halb vier ist wieder Training. In dem Fall ist der Arbeitstag meist gegen 19 Uhr vorbei.

Wie groß ist letztlich der Anteil des reinen Handwerks an der Massagebank?

Zetzmann: Mittlerweile überwiegen leider die Medizin-Sitzungen. Nicht falsch verstehen, das muss alles sein und man muss auch mit der Zeit gehen. Für mich persönlich war das aber zu viel. Da sitzen dann 15 Leute mit ihren Laptops und es geht sehr viel um Theorie. Dennoch darf man die Basis nicht aus den Augen verlieren: die reine Sport-Physiotherapie. Im Fußball sollte man immer von Tag zu Tag und nicht in Wochen oder gar Monaten denken. Es ist ein Tagesgeschäft, in dem man relativ schnell handeln muss - und zwar vor allen Dingen mit Mut. Man muss von sich und seiner Arbeit überzeugt sein und sie auch gegenüber den Spielern und dem Trainer durchsetzen können.

Ist das gerade im Umgang mit Trainern bisweilen schwierig?

Zetzmann: Bei Jürgen Klopp - da gab es noch keine täglichen Medizin-Sitzungen - war es so: Jeden Morgen um acht Uhr musste einer der Therapeuten eine Liste abgeben, wer trainieren kann und wer nicht. Bei ihm kam es immer auf seine Tagesform an, da bekam man manchmal auch richtig Feuer. Deshalb hat sich von meinen Kollegen teils über ein Jahr lang niemand mit der Liste zu ihm getraut. Meist bin ich dorthin gelatscht, weil ich keine Angst hatte und einfach gesagt habe, was los ist. Nach dem Motto: 'Gib' uns bei dem Spieler noch zwei Tage, ich hatte seinen Muskel in der Hand und bin der Fachmann - dann kann er am Wochenende auch spielen.' Diesen Mut und auch die klare Ansage hat Jürgen meist gemocht und das dann so akzeptiert.

Sie waren früher selbst Fußballer. War das im Umgang mit den Spielern, aber auch Ihren Kollegen in der medizinischen Abteilung, von Vor- oder Nachteil?

Zetzmann: Beides. Ich hatte zu vielen Spielern einen guten Draht, weil ich eher über die Fußballsprache kam und ein Freund davon bin, Dinge klar anzusprechen. Ich hatte keinen Schiss, einen Star wie Jadon Sancho, der nicht ganz einfach war, in die Schranken zu weisen. Ist man reiner Therapeut, hat man natürlich auch viel mehr Ängste: Wie weit kann ich bei einem Spieler gehen? Der soll ja nicht zum Trainer rennen und einen verpetzen. Ich wusste aber, dass ich Michael Zorc oder die Trainer auf meiner Seite hatte, denn Disziplin ist schon ein großes Thema in unserem Bereich. Wenn man sich als Team unter den Therapeuten nicht einig ist und keine gemeinsame Linie fährt, tanzen die Spieler auf einem herum. Da gab es ehrlich gesagt schon Reibungspunkte, die sich über die Jahre wahrscheinlich auch etwas gehäuft haben.

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Gibt es eigentlich Handy-Verbot, wenn die Spieler auf der Massagebank liegen?

Zetzmann: Ich erinnere mich noch gut an eine Episode mit Mohamed Zidan. Der war ja ein Liebling von Jürgen - und hat sich wohl deshalb ein paar Dinge herausgenommen. Eines Tages ist er zu mir zur Massage gekommen, hat sich drei Rollhocker vor die Bank geschoben und dort vier nagelneue Apple-Pakete hingelegt. Die wollte er dann während der Behandlung auspacken.

Wie haben Sie reagiert?

Zetzmann: Ich habe ihm gesagt, dass ich ihn so nicht behandle. Er meinte mit einem Augenzwinkern: 'Dann gehe ich zum Trainer!' Das hätte er natürlich nie gemacht. Der war der liebste Kerl, den man sich vorstellen kann. Aber ich sagte dann: 'Mach! Der wird dir einen schönen Einlauf verpassen und auf meiner Seite stehen.'

Und?

Zetzmann: Mo war sauer. Das sind ja auch alles kleine Kinder. Er hat sich dann von einem Kollegen behandeln lassen, da durfte er mit seinen Sachen spielen. So etwas geht aber normalerweise natürlich nicht. Wir haben uns daher darauf geeinigt, dass die Spieler bei Auswärtsspielen und im Trainingslager die Handys benutzen durften, zu Hause im Trainingszentrum aber nicht.

Stimmt denn noch das klassische Bild vom Physiotherapeuten als Seelsorger der Spieler, bei dem sie sich ausheulen können?

Zetzmann: Nein, das ist längst vorbei. Heute vertiefen sich alle in ihr Handy. Sich für den Menschen zu interessieren, steht nicht mehr im Vordergrund. Wenn man nach der Sommerpause zurückkam und die Spieler fragte, wo sie ihren Urlaub verbracht haben, kam keine Gegenfrage. Da gibt es keinen Austausch mehr. Das ist wirklich traurig und hat mich zusehends nachdenklich gemacht. Früher ist man mit den Spielern auch mal einen Kaffee oder ein Bierchen trinken gegangen, aber das passiert nicht mehr.

Machen Sie den Spielern dafür einen Vorwurf?

Zetzmann: Irgendwie nicht, weil sie einfach so mit sich selbst und ihren Gedanken beschäftigt sind. Ich habe ja Marco Reus zwölf Jahre intensiv betreut - selbst bei ihm kam sehr wenig zurück. Das ist schlicht eine andere Generation. Ich habe das mit der Zeit beobachtet und hatte dann auch keine andere Erwartung mehr. Da wurde nicht mehr nach irgendetwas gefragt, sondern nur noch die Behandlung gemacht.

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Wie kam es denn, dass Sie ausgerechnet mit Reus so engen Kontakt hatten?

Zetzmann: Marco kam nach seinem Wechsel aus Gladbach ins Trainingslager in der Schweiz eingeflogen und stieß erstmals zum Team. An dem Tag herrschte etwas Aufregung. Ein Kollege sagte beispielsweise zu mir: 'Ich bin gespannt, welchen Therapeuten er haben möchte.' An so etwas habe ich gar nicht gedacht, mir war das eigentlich relativ egal. Als er dann da war, haben sich alle sofort bei ihm vorgestellt. Ich hielt mich jedoch zurück, weil ich ihn erst einmal ankommen lassen wollte. Später lief er mir beim Gang zum Essen über den Weg. Wir haben uns vorgestellt und da sagte er dann: 'Okay, wenn du Physio bist, dann kümmerst du dich ab jetzt bitte immer um mich.' Vermutlich war ich ihm sympathisch, aber ich habe keine Ahnung, warum er das direkt so äußerte. Aber von da an war das auch so. (lacht)

Reus erlitt zahlreiche schwere Verletzungen. Sie standen stets an seiner Seite. Wann war es für ihn am schlimmsten?

Zetzmann: Als er sich im Pokalfinale 2017 das hintere Kreuzband riss, dachte man schon, dass in diesem Alter die Karriere normalerweise beendet ist. Das hintere Kreuzband ist einfach eine ordentliche Hausnummer. Danach standen acht Monate sehr intensive Arbeit an, in der bei mir auch privat viel auf der Strecke blieb, weil ich ihn ja auch in meiner Urlaubszeit immer begleitet und betreut habe.

Wissen Sie noch, wie es erstmals dazu kam, dass Sie Reus in den Urlaub folgten?

Zetzmann: Ja. Als wir in der Saison 2014/2015 auf den vorletzten Platz abgerutscht sind, zog er sich eine Bandverletzung am Sprunggelenk zu. Die Nerven lagen blank. Ich musste dann zu Michael Zorc und Jürgen gehen. Die meinten nur: 'Der Marco will in der Winterpause nach Florida fliegen - und du musst mit!' Ich hatte aber bereits eine Reise mit meiner Freundin gebucht. Michael sagte: 'Das kannst du streichen. Nimm' deine Freundin mit. Wir spielen um den Abstieg, du musst den fit machen.' (lacht) Da ging mir schon der Arsch auf Grundeis.

Wie sahen solche Aufenthalte schließlich für Sie aus?

Zetzmann: Grundsätzlich wollte Marco trotz der Reha-Phase auch seinen Urlaub genießen. In Florida hatte er noch nicht Frau und Kind, da nahm er zwei Kumpels mit und ich hatte ein günstigeres Hotel neben seinem. Ich habe ihn zweimal am Tag je eineinhalb Stunden behandelt und nach Anweisungen der Fitness-Abteilung auch auf dem Platz mit ihm gearbeitet. Man hatte zwar auch mal einen Tag frei, aber Zeit für Sightseeing war eher nicht.

Kommt es bei längerfristigen Ausfällen auch vor, dass externe Therapeuten den Verein kontaktieren und ihre Hilfe anbieten?

Zetzmann: Ja, regelmäßig sogar. Einmal kam einer mit einem selbst geschweißten Monster-Gerät an und wollte einen Spieler mit zwei Sitzungen von seinen Rückenschmerzen befreien. Die Übungen dauerten je zehn Minuten. Dafür wollte er dann einen hohen vierstelligen Betrag. Wir haben dankend abgelehnt und ihn vom Hof gejagt. (lacht) Es ist natürlich nachvollziehbar, wenn sich Spieler an den vermeintlich letzten Strohhalm klammern, nachdem die Genesung länger dauerte als erwartet. Wir waren stets offen dafür, doch oft haben sich diese sogenannten Experten erst nach Monaten gemeldet. Es dauert eben oft sehr lange, bis eine Entzündung am Nerv oder in der Sehne ganz geheilt ist. Diese Geduld bringt nur kaum einer mit. Mir ist es dann zu einfach, wenn jemand von außen kommt, die Genesung schon abgeschlossen ist und dann aber sagt: 'Ich habe es gelöst!'

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Wenn man über Monate so intensiv zusammengearbeitet hat und wie Reus so häufig von schweren Verletzungen gebeutelt wurde, gab es da auch Momente, in denen er am liebsten alles hinwerfen wollte?

Zetzmann: Als er bei dem Kreuzbandriss merkte, dass er auch nach zwei oder drei Monaten noch nicht wirklich viel machen konnte, sagte er schon einige Male: 'Boah, heute habe ich gar keinen Bock!' Er lag auch schreiend und weinend auf meiner Bank, als er bei der Beugung des Beins über einen Punkt gehen musste, der sehr schmerzhaft ist. Man muss aber nach einer gewissen Zeit schlichtweg die Struktur durchbrechen, damit die Beugung so funktioniert, wie sie bei einem Hochleistungssportler funktionieren muss. Das war schon extrem für ihn, er wollte das eine oder andere Mal nicht mehr. Ich konnte ihm nur sagen, dass er mir vertrauen soll, weil ich weiß, was ich tue.

Wie tickt Reus als Mensch?

Zetzmann: Er ist sehr in sich gekehrt, man kommt sehr schwer an ihn heran. Er hat Herz und eine sehr soziale Ader, wie sich ja auch in der Corona-Zeit zeigte, als er mit der Hilfsaktion "Help your Hometown" eine halbe Million Euro spendete. Als Kapitän ist er nicht gerade ein großer Lautsprecher, doch das ist letztlich eine Typ-Frage. Sebastian Kehl ging als Häuptling voran und machte in der Kabine klare, deutliche Ansprachen. Marco spricht relativ wenig und will eigentlich gar nicht so sehr im Vordergrund stehen.

Sie sind mit Reus nicht nur nach Florida geflogen, sondern auch nach Ibiza oder Dubai. Haben Sie da auch Neid seitens der Kollegen gespürt, weil es stets Sie waren, der ihn begleiten durfte?

Zetzmann: Natürlich. Ich hatte durchaus ein wenig das Gefühl, dass ich dadurch unverschuldet in eine Schublade geriet, die mich ehrlich gesagt auch etwas genervt hat. Ich konnte ja nichts dafür, denn ich habe das nie entschieden, sondern immer der Trainer und der Spieler. Irgendwann haben wir das auch etwas aufgeteilt und uns abgewechselt, teils auch innerhalb des Urlaubs des Spielers.

An der Seite von Reus haben Sie am 11. April 2017 auch den Anschlag auf den BVB-Mannschaftsbus miterlebt. Zum Glück nicht im Fahrzeug selbst, sondern im Privatwagen von Reus, der zu dieser Zeit wegen eines Faserrisses pausieren musste. Wären Sie sonst mit im Bus gesessen?

Zetzmann: Wir Therapeuten haben uns untereinander immer abgesprochen, wer welches Spiel besetzt. Ich war bei dieser Partie nicht eingeteilt. Marco wohnte bei mir um die Ecke, auch das Mannschaftshotel war nicht weit entfernt. Er holte mich ab und wir fuhren zusammen ins Stadion. Auf dem Weg erhielt Marco im Auto plötzlich einen Anruf von Gonzalo Castros Frau. Sie sagte in Panik, wir sollen sofort wieder umdrehen, hier gäbe es einen Terroranschlag. Wir haben uns nur angeguckt und gedacht: Was labert die denn für einen Scheiß?

Haben Sie die Anweisung von Castros Frau befolgt?

Zetzmann: Ja. Wir waren zwar schon am Stadion, aber machten sofort kehrt. Marco hat die ganze Zeit versucht, einen Spieler zu erreichen, aber da ging natürlich keiner ran. Es herrschte große Hektik. Wir fuhren dann zum Hotel, doch da gab es keine Chance. Die Straße war abgesperrt, dort stand ein großes Polizei-Aufgebot mit Maschinengewehren. Wir mussten beide nach Hause fahren.

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Wie haben Sie diesen Abend dann noch verbracht?

Zetzmann: Ich saß mit meiner Freundin zusammen und wir haben die Informationen aufgesaugt, die tröpfchenweise über das Internet und Fernsehen eintrudelten. Ich habe auch meinen Kollegen Peter Kuhnt noch erreicht, der im Bus saß und mir die Ereignisse schilderte.

Was passierte am nächsten Tag am Trainingszentrum, als Sie erstmals wieder auf die Mannschaft trafen?

Zetzmann: Es ging drunter und drüber, da es immer mehr Informationen gab - auch von der UEFA bezüglich der Frage, ob nun gespielt werden muss oder nicht. Hans-Joachim Watzke und Thomas Tuchel sprachen nach dem Training zur Mannschaft. Im Nachgang war es unverantwortlich, das Spiel am nächsten Tag anzusetzen. Da mache ich der UEFA einen großen Vorwurf, die Menschlichkeit blieb komplett auf der Strecke. Niemand konnte ja ausschließen, dass nicht einen Tag später auch am Stadion etwas passieren würde. Es war beängstigend und für diejenigen, die im Bus saßen, logischerweise ein Trauma.

Welchen Eindruck haben die betroffenen Spieler auf Sie gemacht?

Zetzmann: Die waren mit ihren Gedanken überall, aber sicher nicht beim Fußball. Es stand die Polizei über Nacht vor ihren Häusern, viele haben Kinder - da können Sie sich vorstellen, was einem nach einem solch gravierenden Vorfall durch den Kopf geht.

Zurück in die jüngere Vergangenheit: Als die Meldung Ihres Abschieds vom BVB durchsickerte, wurde sie mit der hohen Anzahl an Muskelverletzungen in der Vorsaison verbunden. Unter anderem Marco Rose musste daraufhin öffentlich klarstellen, dass das nicht der Grund für die Trennung war. Tat es Ihnen weh, dass nach 16 Jahren Vereinszugehörigkeit ein solcher Vorwurf im Raum stand?

Zetzmann: Das war sehr schwer für mich und ist ziemlich doof gelaufen. Es grenzte auch an Rufschädigung. Der Verein und ich hatten zuvor alles fair und sachlich besprochen. Die Verletzungsproblematik ging ja über Monate und es kam natürlich immer wieder etwas heraus. Ob man da schließlich ein Bauernopfer gesucht hat, das lasse ich mal dahingestellt. Es ist aber grotesk zu glauben, dass von sechs Therapeuten und drei Ärzten ein einziger alleine für die Probleme verantwortlich ist.

Inwiefern waren Sie auch überrascht, dass die Personalie eines Physiotherapeuten plötzlich diese hohen Wellen schlug?

Zetzmann: Mein Handy hat geglüht. Sky hat die Meldung ja auch den ganzen Tag im Fernsehen laufen lassen. Viele ehemalige Trainer oder Spieler wussten davon nichts, daher kontaktierten mich einige recht geschockt nach dem Motto: 'Das gibt's doch gar nicht, dass die dich für die Verletzungen verantwortlich machen!' Ich habe den Sky-Reporter später auch zufällig in einem Café getroffen und ihm meine Meinung gegeigt. Wir mussten das bringen, sagte er. Man hätte aber etwas sensibler damit umgehen und es in einen Gesamtkontext einordnen müssen. Ich werde es Marco Rose daher im Leben nicht vergessen, dass er diese Meldung im Interview nach dem darauffolgenden Spiel als Farce bezeichnete. Welcher Trainer setzt sich schon für einen Physiotherapeuten ein? Und: Mit den Verletzungen ist es ja danach auch nicht besser geworden, sondern eher noch schlimmer.

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Was ist denn Ihre Erklärung für diese Vielzahl an ähnlichen Verletzungsmustern?

Zetzmann: Ich habe eine Hypothese, die ich auch gegenüber der sportlichen Leitung geäußert habe: Im Stadion ist Hybridrasen verlegt. Das ist ein Gemisch aus Kunstrasen und normalem Rasen. im Trainingszentrum gibt es vor allem zwei große Plätze: Einer mit Hybridrasen, der damals auf Geheiß von Thomas Tuchel entstanden ist, weil er auf demselben Untergrund trainieren wollte, auf dem auch im Stadion gespielt wird. Und einer mit normalem Rasen.

Es wird also in Ihren Augen zu oft zwischen beiden Plätzen gewechselt?

Zetzmann: Ja, vor allem wetterbedingt. Es gab in meinen Augen keinen durchgängigen Rhythmus. Dazu müssen die Spieler jeweils ihr Schuhwerk wechseln. Auf beiden Plätzen hat man dann an bestimmten Strukturen in den Gelenken, Sehnen oder Faszien eine ganz andere Spannung drauf. So können Dysbalancen in den Gelenken und Muskelansätzen entstehen. Ich glaube, es würde den Spielern guttun, wenn man sich auf einen Belag einlassen würde.

Sie haben eingangs erwähnt, dass der BVB auch im medizinischen Bereich unter Kehls Ägide teils neue Wege geht. Wie müsste sich der Verein Ihrer Meinung nach idealerweise aufstellen?

Zetzmann: Ich habe ihm gesagt: Man würde gut daran tun, sich von der bisherigen flachen Hierarchie zu verabschieden und stattdessen einen leitenden Physiotherapeuten einzustellen. Dass einer die Entscheidungen trifft und nicht jeder seinen Senf dazugibt, wäre sinnvoller. Ich habe schon vor Jahren gesagt, dass die Qualität eines jeden Therapeuten richtig eingesetzt werden sollte. Jeder Therapeut hat spezielle Kenntnisse, individuelle Ausbildungen und Behandlungsmethoden: Der eine ist Spezialist für Bänder oder Muskeln, der andere für Gelenke. Ein Therapeuten-Screening, wer was wie gut kann, ist für mich heutzutage Pflicht. Gerade wenn man sechs, sieben Therapeuten hat, sollte man deren individuelle Qualität richtig einsetzen. Das hätte ich mir gewünscht, denn damit wären wohl viele Missverständnisse und Vertrauensverluste gar nicht erst aufgekommen.

Lassen Sie uns noch ein paar bunte Fragen durchgehen: Bei welchem Spieler und vor welchem Spiel war es besonders wichtig, ihn mit mehr Behandlungen als gewöhnlich noch fit zu bekommen?

Zetzmann: Bei Roman Weidenfeller vor dem Halbfinal-Rückspiel in der Champions League bei Real Madrid 2013. Er hatte drei Tage vorher Probleme gehabt. Da hatten wir schlaflose Nächte und mussten eine 24-Stunden-Therapie machen. Am Ende hat es aber funktioniert und er hat super gehalten.

Wer war aus Sicht eines Physiotherapeuten der vorbildlichste Spieler?

Zetzmann: Tamas Hajnal. Der war jeden Tag bei uns, das nervte schon beinahe. (lacht) Er wollte aber eben sehr professionell mit dem Thema umgehen, wobei ich fand, dass er fast schon zu sehr in seinen Körper hineinhörte. Auch Markus Feulner war sehr professionell und bedacht. Die beiden haben uns gut gefordert.

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Gab es einen Spieler, der besonders spezielle physiotherapeutische Wünsche hatte?

Zetzmann: Mo Dahoud ist jemand, der dem Therapeuten klare Anweisungen macht, was er wie haben möchte. Wenn es ihm guttut oder das vielleicht auch ein anderer Therapeut immer bei ihm gemacht hat, ist das auch nicht verkehrt.

Wer war der verrückteste Spieler?

Zetzmann: Pierre-Emerick Aubameyang. Er hat aber geliefert. Daher konnte er auch jeden Tag mit einem neuen Ferrari um die Ecke kommen, das war dann egal.

Wer war vor allem menschlich besonders?

Zetzmann: Sebastian Rode. Ein sehr intelligenter Mensch, mit dem man tiefgehend über allerhand Themen sprechen konnte. Das gilt auch für Sebastian Kehl. Bei Neven Subotic kam das erst später, der war am Anfang noch auf einem anderen Trip. Doch das waren Spieler, bei denen deutlich mehr dahinter war als beim restlichen Großteil.

Mit welchem Trainer kamen Sie am besten zurecht?

Zetzmann: Mit Jürgen Klopp, Thomas Tuchel und Marco Rose. Das waren Trainer, die auch meine - ich nenne es mal fußball-medizinische - Sprache verstanden und sehr viel Wert darauf gelegt haben. Ich ärgere mich noch heute, dass ich bei Thomas Tuchels Gartenparty nach seinem Abschied bereits im Urlaub war, denn die muss sensationell gewesen sein. Lucien Favre war auch ein sehr feiner und höflicher Mensch, ganz toll. Wie auch Peter Bosz. Es gab keinen, den ich irgendwie blöd fand. Da kann ich auch für meine Kollegen sprechen, denke ich.

Eine unumgängliche Frage: Welche ist Ihre liebste Klopp-Anekdote?

Zetzmann: Oh Gott, da gibt es so viele, die würden für ein Buch reichen.

Nehmen Sie eine, die Ihnen spontan einfällt.

Zetzmann: Es sind zwei. Einmal im Trainingslager in Marbella waren alle noch nicht so richtig wach und das Trainingsspiel lief nicht besonders gut. Der dritte Torhüter Zlatan Alomerovic knallte mit einem Spieler zusammen. Ich stand mit der Eisbox zwar ein gutes Stückchen entfernt, aber habe sofort Blut aus seiner Nase laufen sehen. Dazu muss man wissen: Bei Jürgen sollte man erst aufs Feld laufen, wenn es wirklich kritisch ist. Er wollte das Spiel nicht unnötig unterbrechen. Das war so etwas wie eine Erziehungsmaßnahme für die Spieler, er hat stets eine gesunde Härte gefordert. Da hat man sich als Physio auch mal einen zünftigen Einlauf abgeholt, wenn man vermeintlich unnötig hineingelaufen ist.

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Und das haben Sie in diesem Fall getan?

Zetzmann: Ja, aber es war für mich unumgänglich. Zlatan hat ordentlich geblutet. Jürgen aber hat sich über die Unterbrechung aufgeregt und nur geschrien: 'Steh' auf!' Und Zlatan schrie zurück: 'Wie, steh' auf? Siehst du das nicht?' So etwas hat sich in den ganzen Jahren nie jemand getraut. (lacht)

Wie reagierte Klopp?

Zetzmann: Der meinte eiskalt: 'Was hast du gerade gesagt? Du stehst jetzt sofort auf und gehst in dein Tor. Oder willst du wieder in die zweite Mannschaft?' Ich habe zwar versucht zu beschwichtigen, aber Jürgen war wohl auch aufgrund des laschen Spiels auf 180 und hat dann auch mich angeschissen. Im Nachhinein hat er sich wie so oft entschuldigt und gemeint, er habe übertrieben und die Situation ganz anders eingeschätzt.

Anekdote Nummer zwei ist dann etwas fröhlicher?

Zetzmann: Ja. Nach seinem Abschied rief er mich an, ich solle mal bei ihm zu Hause vorbeikommen. Weil ich ihn auch ein-, zweimal behandelt habe, hat er dann meiner Freundin und mir einen Hotel-Gutschein für eine Woche auf Sylt geschenkt. Ich war total baff und habe gemeint, dass ich das nicht annehmen kann. Auf einmal gab er mir eine Backpfeife, die echt auch richtig wehtat, und blaffte nur: 'Du nimmst das jetzt und Ende!' Dann war die Nummer gegessen. Eine überragende Geste von ihm.

Stimmt es eigentlich, dass die Profis nach Siegen am nächsten Tag immer Schnitzel zu essen bekommen und wenn ja, wer hat das eingeführt?

Zetzmann: Das stimmt. Zu Jürgens Zeiten gab es keinen eigenen Koch. Da hat Paul, der Platzwart des gesamten Trainingsgeländes, mit seiner Frau nach Siegen immer Rührei gemacht. Als Mannschaftskoch Dennis Rother dann eingestellt wurde, hat man ihm das erzählt. Er meinte, die Spieler würden häufiger nach Schnitzel fragen. So wurde schließlich das Rührei vom Schnitzel abgelöst.

In einem Podcast auf der BVB-Homepage sagten Sie kurz nach Ihrem Ende bei der Borussia: "Ich habe für mich privat ein bisschen was vor." Was war damit gemeint?

Zetzmann: Seit 2011 habe ich nebenbei mit etwas Glück ein kleines Business aufbauen können. Anfangs war das ein Hobby, mittlerweile ist daraus ein zweites Standbein geworden. Ich baue alte Wohn- und Bestandsobjekte um und renoviere sie, um sie anschließend zu verkaufen oder zu vermieten. Zudem habe ich ein paar Ideen im Kopf, eventuell eine Stiftung zu gründen oder zumindest ein soziales Projekt auf die Beine zu stellen. Ich bin im Berliner Ortsteil Charlottenburg aufgewachsen. Es hat mich nachdenklich gemacht, dass dort am Stuttgarter Platz sehr viele Obdachlose unter den Brücken leben müssen. Ich möchte etwas zurückgeben, um Menschen zu helfen.

Wie geht es nun bei Ihnen konkret weiter, werden Sie zur kommenden Saison wieder in den Fußball zurückkehren?

Zetzmann: Komplett raus war ich ja nicht. Ich gebe ein paar ehemaligen BVB-Spielern, die sich bei Bedarf eine weitere Meinung einholen, nebenbei Tipps. Ich möchte aber wieder als Fußball-Therapeut arbeiten und bin dazu mit ein paar Vereinen im Austausch. In diesem Bereich habe ich enorme Erfahrung, die ich gerne weitergeben möchte. Momentan steht jedoch noch nichts fest. Was ich mir beispielsweise gut vorstellen kann, ist die Rolle, die Peter Kuhnt seit seiner Rückkehr zum BVB innehat: die Eins-zu-eins-Betreuung von Langzeitverletzten statt der Arbeit an der Basis.

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