Fussball

Das verrückte Bundesliga-Jahr des SSV Ulm 1846 in der Saison 1999/2000: Absturz aus dem Fußball-Himmel

Trainer Martin Andermatt (l.) und Manager Erich Steer führten Ulm 1999 sensationell in die Bundesliga.
© imago images

Was Sport-Fans während der Corona-Krise bleibt, ist die Erinnerung an bessere Zeiten. Deshalb blicken wir auf das einzige Bundesliga-Jahr des SSV Ulm 1846 in der Saison 1999/2000 zurück. Gemeinsam mit SPOX und Goal erinnert sich der damalige Ulm-Trainer Martin Andermatt an vier Platzverweise für sein Team in einem Spiel, eine historische Heimklatsche, überlaufende Fans und einen beispiellosen Absturz.

Als Berti Vogts vor einigen Jahren während eines Bundesligarückblicks im TV eine Szene des SSV Ulm 1846 gezeigt wurde, war der ehemalige Bundestrainer baff: "Ulm hat in der Bundesliga gespielt? Wollt ihr mich verarschen?" Nein, das wollte niemand. Ulm hat tatsächlich ein einjähriges Gastspiel in Deutschlands Elite-Liga gegeben - in der Saison 1999/2000.

Wie Vogts wird die Ulmer so mancher vergessen haben. Kein Wunder: Nach jahrelangem Missmanagement und mehreren Insolvenzen ist der Chaos-Klub von der Donau seit geraumer Zeit von der großen Fußball-Landkarte verschwunden. Aktuell belegen die Spatzen in der viertklassigen Regionalliga Südwest den siebten Platz. Da mittlerweile wieder vernünftig gewirtschaftet wird, besteht die Hoffnung, dass der Verein in den kommenden Jahren zumindest mal wieder in der 3. Liga auftauchen könnte.

Von einem Höhenflug wie zur Jahrtausendwende zu träumen, wäre allerdings vermessen. Damals schafften es die Ulmer durch zwei Aufstiege in Folge sensationell in die Bundesliga. Nur zwei Jahre benötigte der SSV anschließend, um 2001 im Sturzflug völlig pleite in der damals fünftklassigen Verbandsliga zu landen - der bis heute heftigste Absturz in der Geschichte des deutschen Profi-Fußballs.

Das Jahr in der Bundesliga hatte es aber in sich. Mit geringen finanziellen Mitteln, einem deshalb nicht bundesligatauglich besetzten Kader, dafür aber gigantischer Euphorie stürzten sich die Ulmer in das größte Fußball-Abenteuer ihrer Klub-Historie: ein Rückblick auf ein außergewöhnliches Fußball-Märchen ohne Happy End.

Chronologie des Ulmer Fußball-Wahnsinns

März 1999: Aufsteiger Ulm steht in der 2. Liga auf Rang fünf, Trainer Ralf Rangnick zieht es während der Saison zum VfB Stuttgart. Der damals 38-jährige Martin Andermatt übernimmt - mit vier Punkten Rückstand auf die Aufstiegsplätze.

Martin Andermatt: "Ich kam damals als Nobody nach Ulm und fand eine Mannschaft vor, die als solche funktionierte. Rangnick hat im Raum spielen lassen. Für mich war das nichts Neues, das kannte ich aus der Schweiz. Wir haben uns dann in den restlichen Spielen im taktischen Bereich schlauer verhalten als so mancher Gegner, weshalb es mit dem Aufstieg geklappt hat."

Aufstieg in die Bundesliga: Zehn Spieltage später ist der Coup geglückt. Ulm reicht am 34. Spieltag ein 0:0 gegen Fürth, um hinter Bielefeld und Unterhaching Platz drei zu erobern - der Durchmarsch ist geschafft.

Andermatt: "Ich erinnere mich gut: Es war ein sehr emotionales Erlebnis in einem proppenvollen Stadion. Neben dem Donaustadion war zudem auf einer Wiese noch eine Leinwand aufgebaut - halb Ulm war da. Nach dem Abpfiff habe ich die Schwaben mal so richtig feiern sehen - das sieht man nicht oft." (lacht)

Ulms Motto in der Bundesliga: "Ein Jahr Party"

Ulm plant die Bundesliga: Der SSV versucht sich für das Oberhaus zu rüsten. Die Mittel sind äußerst begrenzt, Manager Erich Steer hat im Profifußball praktisch keine Erfahrung. Immerhin: Die Euphorie ist riesig. Die Stadionkapazität wird auf 23.000 Zuschauer aufgestockt, der SSV verkauft 15.000 Dauerkarten.

Andermatt: "Ulm in der Bundesliga war bis dahin nicht vorstellbar. Also mussten wir uns überlegen, wie wir an die Sache rangehen. Schließlich haben wir das Motto 'ein Jahr Party' ausgegeben und gehofft, dass ein zweites Jahr drangehängt werden kann. Wir wollten diese riesige Aufgabe positiv in Angriff nehmen."

2. Spieltag: Auswärtsspiel bei 1860 München. Die Partie geht mit 1:4 verloren. Andermatt erinnert sich herzhaft lachend an eine Szene, die gut beschreibt, wie überrascht die meisten Ulmer Spieler selbst darüber waren, plötzlich in der Bundesliga zu spielen.

Andermatt: "Als wir vor dem Spiel im Olympiastadion in den Katakomben standen, schaute mich Oliver Unsöld ungläubig und mit offenem Mund an. Ich fragte ihn, was los ist. Und Oli meinte: 'Trainer, vor einem Jahr musste ich hier noch an der Kasse anstehen.'"

Holpriger Auftakt: Nach drei Spieltagen steht der SSV schon da, wo ihn alle erwartet haben - mit nur einem Punkt im Tabellenkeller. Dennoch schwappt den Spatzen eine Welle der Sympathie entgegen.

Andermatt: "Die Ulmer waren gern gesehene Gäste. Nicht etwa, weil sie Punkte abgeliefert haben, sondern weil sie in ihrem Auftreten eine echte Bescheidenheit an den Tag gelegt haben. Das war authentisch und galt für alle Bereiche."

Ulm gegen Hansa Rostock: Vier Platzverweise in einem Spiel

Ein schwacher Kader: Dennoch macht sich schnell bemerkbar, dass der Kader nicht bundesligatauglich besetzt ist. Die "Stars" im Team sind unter anderem: Torhüter Philipp Laux, Aufstiegsheld Dragan Trkulja, Sascha Rösler, Janusz Gora oder Hans van de Haar, mit zehn Toren bester Ulmer Bundesligatorschütze. Ulm, der krasseste Außenseiter, der sich jemals dem Abenteuer Bundesliga gestellt hat?

Andermatt: "Ja, das kann man so sagen. Man muss sich nur mal anschauen, welche Spieler später den Sprung geschafft haben. Das waren Laux, der nach Dortmund ging, Rösler und Otto vielleicht noch, der später in Griechenland gespielt hat. Sonst hat das Gefüge gestimmt, wir konnten nur als Mannschaft dagegenhalten. Das war letztlich auch der Grund, weshalb es nicht ganz gereicht hat für den Klassenerhalt. In der Bundesliga kannst du taktisch gut spielen, rennen und kämpfen. Am Ende gibt aber oft die individuelle Qualität den Ausschlag."

Vier Platzverweise in einem Spiel: Den ersten bemerkenswerten Auftritt liefern die Ulmer am 4. Spieltag in Rostock ab. Der SSV geht unbeholfen zu Werke, die Spieler sind einfach zu langsam und treffen in schöner Regelmäßigkeit nicht den Ball, sondern die Beine der Hansa-Spieler. Zudem lässt Schiri Herbert Fandel Fingerspitzengefühl vermissen. Die Folge: Vier Ulmer fliegen vom Platz, Andermatt und Manager Steer müssen auf die Tribüne - Bundesliga-Rekord! Mit acht Mann erzielt Ulm das 1:1, in der Schlussminute macht Hansa das 2:1. Gora wütet, sein "Skandal!"-Schrei wird legendär.

Andermatt: "Ein verrücktes Spiel, bei dem die Emotionen übergekocht sind. Ich wurde damals zu Unrecht auf die Tribüne geschickt. Nicht ich war zum Linienrichter unverschämt, sondern er zu mir. Aber ich bin nicht nachtragend. Fandel war damals völlig zu Recht ein angesehener Schiri, nach Abpfiff war das erledigt. Nur für Janusz Gora nicht." (lacht)

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