Fussball

10. Todestag von Robert Enke - Berater Jörg Neblung im Interview: "Du wirst alt, mein Lieber, habe ich gescherzt"

Am 10. November 2009 nahm sich Robert Enke das Leben.

Am 10. November jährt sich der Todestag von Robert Enke zum zehnten Mal. Jörg Neblung lernte Enke 1996 kennen, als dieser zu Borussia Mönchengladbach wechselte. Später wurde Neblung Enkes Berater - und gehörte zu den wenigen Menschen, die von Beginn an von Enkes Erkrankung wussten.

Im Interview mit SPOX und Goal blickt Neblung zurück und spricht über Enkes letzte Tage, dessen Schauspielkunst, die gemeinsame WG-Zeit in Köln und was sich seitdem rund um den Fußball verändert hat.

Herr Neblung, Robert Enkes Tod jährt sich am Sonntag zum zehnten Mal. Wie schnell ist die Zeit seitdem für Sie vergangen?

Jörg Neblung: Ich stelle fest: Je älter man wird, desto schneller läuft die Sanduhr. In diesem speziellen Fall ist es ziemlich unglaublich, dass es schon zehn Jahre sein sollen. Das sagen auch alle Beteiligten. Ein sehr einschneidendes Erlebnis ist wohl einfach länger präsent. Mir kommt es vor, als läge Roberts Tod fünf Jahre zurück.

War das damals Ihre erste Erfahrung mit dem Tod einer Ihnen nahestehenden Person?

Neblung: Ja.

Was hat diese Erfahrung in Ihnen ausgelöst?

Neblung: Demut vor dem Leben und Dankbarkeit für das, was man hat. Ich bin heute noch sehr dankbar und froh, dass ich diesen Stempel habe, der Enke-Berater zu sein - trotz dieses schwierigen Ausgangs. Ich möchte einfach die Zeit, die wir zusammen hatten, nicht missen. Wir hatten sehr schöne Momente, harte Kämpfe, schwierige Phasen durch den Tod seiner Tochter und seine Depression. Das Positive überwiegt aber definitiv. Ich denke sehr gerne an ihn zurück und spreche auch gerne über ihn.

Erinnern Sie sich noch an das letzte Mal, als Sie Enke gesehen haben?

Neblung: Das war nach seinem letzten Spiel gegen den HSV. Es war ein riesiger Angang für ihn, mit diesem lähmenden, halbtoten Gefühl auf den Platz zu gehen. Wir sind anschließend zusammen nach Hause gefahren. Ich saß mit einem guten Gefühl im Auto.

Haben Sie gar keine Anzeichen für das gespürt, was nur zwei Tage später passieren würde?

Neblung: Wir stellten in diesen Tagen und nach dem Spiel schon fest, dass er sich mit einem vermeintlichen Fehler bei einem Gegentor gar nicht so auseinandersetzt, wie er das sonst tat. Er überging das irgendwie. Ich habe natürlich versucht, das zu deuten. Insgesamt waren wir aber alle der Meinung, er hat eine aufsteigende Tendenz. Wir dachten, die Medikamente wirken und es würde jetzt Stück für Stück bergauf gehen, um wieder aus der Depression zu kommen - so wie wir es von der ersten Therapie her kannten.

Wann ging diese zweite Depressionsphase bei Enke genau los?

Neblung: Sie nahm ihren Anlauf im Sommer-Trainingslager 2009 in Österreich. Dort sagte er zu mir: Jörg, ich fühle mich so kaputt, ich bin so müde, ich weiß auch nicht. Ich habe dann noch Witzchen gemacht, weil er damals das bislang beste Leben überhaupt gelebt hatte. Er war die Nummer eins der Nationalmannschaft, hatte eine wundervolle Tochter adoptiert und konnte es sich aussuchen, ob er in Hannover bleibt oder zu einem Top-Klub wechselt. Familie, Freunde, Nachbarn - das gesamte Setting war gut. Daher war ich nicht darauf vorbereitet, dass diese Krankheit zurückkehren könnte. Du wirst alt, mein Lieber, habe ich gescherzt. Letztlich war das aber der Anfang vom Ende. Sein Gemütszustand wurde von Woche zu Woche schlechter. Die Psychopharmaka hat er dann rund acht Wochen vor seinem Tod verabreicht bekommen.

Wann hatten Sie das letzte Mal Kontakt?

Neblung: Am Tag vor seinem Tod per SMS. Wie war es heute? Ja, alles okay. Er hat damals die sogenannte präsuizidale Einengung gefühlt. Sie sorgt dafür, dass die Depressiven eine deutliche Erhellung erfahren, weil sie wissen, dass sie nicht mehr lange leiden müssen und es bald vorbei ist.

Sie haben dann am Tag seines Todes vergeblich versucht, telefonischen Kontakt zu ihm aufzunehmen.

Neblung: Ich habe an diesem Tag erst gar nicht versucht, ihn zu erreichen. Er hatte uns gesagt, er hätte zweimal Training, weil er Rückstände aufholen wollte. Dann stellte sich heraus, dass gar kein Training war - auch nicht mit dem Torwarttrainer. Das erfuhren wir, da sich seine Frau Teresa wunderte, weshalb er sich noch nicht bei ihr gemeldet hatte. Sie rief dann den Torwarttrainer an, weil sie Robert nicht erreichen konnte. Robert muss diese Anrufe gesehen haben, weil er zu dem Zeitpunkt der Kontaktaufnahme noch gelebt hat. Als klar war, dass er uns angelogen hatte, brach bei uns die Panik aus. Ich habe Teresa telefonisch gebeten, in Roberts Schlafzimmer nach Notizen oder Hinweisen zu suchen. Dort hat sie dann ja den Abschiedsbrief gefunden.

Wie haben Sie schließlich von seinem Tod erfahren?

Neblung: Nachdem klar war, dass er einen Abschiedsbrief hinterlassen hat, ist Teresa sofort mit einer Freundin losgefahren, um die Gegend abzusuchen und sein Auto zu finden. Ich habe per Notruf eine Vermisstenmeldung bei der Polizei aufgegeben. Danach habe ich umgehend mit Teresa telefoniert, um mir berichten zu lassen, was dort genau passiert. Sie haben dann auf der Fahrt tatsächlich zwei Ambulanzwagen mit Blaulicht gesehen. Das verstärkte natürlich unsere große Sorge. Ich habe ihr gesagt, sie soll hinterherfahren. Letztlich war ich live am Telefon mit dabei, als sie die Bestätigung bekam. Ich saß damals allein in meinem Schlafzimmer in Köln - und dann rief plötzlich jemand von der Bild-Zeitung an.

War das Zufall?

Neblung: Nein. Ich wurde gefragt, ob denn bei Robert alles okay sei. Das finde ich bis heute einfach unfassbar. Ganz offensichtlich hatte die Bild von wem auch immer einen Hinweis bekommen. Sie wussten eher Bescheid, was passiert ist, als wir. Das war schon sehr irritierend.

Auch Christoph Daum äußerte kurz nach Enkes Tod, er habe sich ihm damals, als Daum sein Trainer bei Fenerbahce in Istanbul war, anvertraut. Sie sagten daraufhin, dass Sie diese Aussage sehr verwundert habe. Inwiefern?

Neblung: In den Tagen nach seinem Tod wurden viele kryptische Geschichten und Unwahrheiten verbreitet. Bevor noch mehr solche Dinge in der Öffentlichkeit aufkamen, die jeglicher Wahrheit entbehren, bin ich irgendwann in einem Interview deutlich geworden. Ich habe auch eine einstweilige Verfügung von Daums Anwalt bekommen, die ich selbstverständlich nicht unterschrieben habe.

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