Fan-Gewalt im US-Sport

American Hooligan

Von Jan-Hendrik Böhmer
Donnerstag, 10.12.2009 | 19:16 Uhr
Bei der Lakers Parade gerät die Situation außer Kontrolle
© Getty
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Marlins @ Nationals

Brennende Streifenwagen, gestürmte Spielfelder, ausgestochene Augen und abgerissene Hoden. Hat Amerika ein Hooligan-Problem - oder sind es wahrlose Akte betrunkener Idioten? SPOX hat bei Experten nachgefragt.

41513. Diese Zahl klebt auf nahezu jedem der 75.540 Sitze im Land Shark Stadium von Miami - und auf riesigen Plakaten an den Stadionwänden. "Report unruly fans", steht darauf. Melde Fans, die sich nicht an die Regeln halten. Anonym. Schnell. Per SMS.

Gut 100 Mal kommt das bei Heimspielen der Dolphins vor. Nicht selten werden die Unruhestifter direkt vom stadioneigenen Sicherheitsdienst in Gewahrsam genommen. Maximal zwei Minuten brauchen die bis zu 50 Ordner, um vor Ort zu sein.

Schlägereien trunksüchtiger Schreihälse

Solche Systeme gibt es mittlerweile überall in der NFL. Rund 4000 Fans flogen bis November aus den Stadien. Auch auf Anraten von NFL-Commissioner Roger Goodell.

Denn Szenen, wie sie sich 1997 im Veterans Stadium abspielten, sollen der Geschichte angehören. In der damaligen Heimat der Philadelphia Eagles war es beim Spiel gegen die San Francisco 49ers auf den Tribünen zu 60 Schlägereien gekommen.

Die Medien prophezeiten der Liga daraufhin ein Hooligan-Problem. "Trunksüchtige Schreihälse, die ihre vermeintliche Macht demonstrieren und so tun, als seien sie eins mit der athletischen Show auf dem Rasen", schrieb etwa die "New York Times".

"Verdreckte, saufende Penner"

Sie meinte damit Menschen wie Shaun Young. "Wir sind verdreckte, widerliche, saufende Penner und stolz darauf, dass uns keiner leiden kann. Wir wollen, dass ihr Angst habt", erklärte der Eagles-Fan dem Journalisten und Autoren Jere Longman.

Young saß bis 2003 im "Nest of Death". Den berüchtigten oberen Sitzreihen des Veterans Stadium. Das Selbstverständnis dort: "Wir wollen gegnerischen Teams und Fans Gottesfurcht beibringen", so Stammgast Bill Deery in einem Zeitungs-Interview.

Der Weihnachtsmann in Gefahr

Wie das geht? Indem man etwa einen Rollstuhlfahrer zwingt, sein Dallas-Cowboys-Trikot auszuziehen und es direkt vor seinen Augen zerreißt. Oder man bricht einem 60-jährigen Fan das Bein. Einfach so. Man kann aber auch Spieler und Trainer der Cowboys mit Schneebällen bewerfen und Baseball-Spieler J.D. Drew mit Batterien.

Ein Weihnachtsmann-Darsteller musste sogar von Sicherheitskräften aus der Spielfeldmitte evakuiert werden, in die er sich vor den Randalierern geflüchtet hatte.

How to be an Eagles Fan: Das Video

"Für viele Fans ist das ein Initiationsritus", erklärt Al Petrillo, der in Philadelphia als Ordner bei Sport-Events arbeitet. "Man säuft, die Schimpfwörter fliegen, und schon ist die Schlägerei in Gang."

Goodell will Fan-Feiern verkürzen

Die NFL will deshalb den Alkohol-Ausschank im Stadion einschränken. Der vor gut 16 Monaten vorgelegte "Fan Code of Conduct" erlaubt einen Liter Bier pro Person und Kauf.

Im Stadion.

Das Problem: Die meisten Unruhestifter betrinken sich gar nicht im Stadion - sondern davor. Beim traditionellen Tailgating. Bis zu sieben Stunden vor Kickoff versammeln sich Tausende auf dem Stadion-Parkplatz zum Grillen, Feiern - oder, um sich hemmungslos zu betrinken.

Deshalb will Goodell das Treiben auf dreieinhalb Stunden begrenzen. "Dies gibt uns eine bessere Chance, dass die Fans das Stadion wenigstens einigermaßen nüchtern betreten", sagt NFL-Sicherheitsdirektor Jeffrey Miller.

"Wir haben kein Problem"

Doch viele Tailgater laufen Sturm. Sagen, die Party sei eine amerikanische Institution, beschuldigen die Liga, sie würde mit einer ur-amerikanischen Tradition brechen.

Die meisten Teams lassen die Fans deshalb gewähren. Lediglich die Tampa Bay Buccaneers haben die Öffnungszeiten der Parkplätze verkürzt. "Warum sollten wir auch?", fragt Brett Daniels, Sprecher der Dallas Cowboys. "Wir haben kein Problem mit den Tailgatern." Und so geht es vielen.

Denn nicht immer und überall muss es zu Ausschreitungen kommen. Ein Großteil der Spiele (besonders beim Basketball und Eishockey) sind und bleiben friedliche Familien-Veranstaltungen.

"Das gewalttätigste Land der Welt"

Dennoch lässt sich das Gewalt-Problem im US-Sport nicht gänzlich wegdiskutieren. Im Mai 2008 überfuhr ein Fan der New York Yankees einen Boston-Red-Sox-Anhänger, weil dieser "Yankees suck" gerufen hatte. Ein anderer Red-Sox-Sympathisant verlor ein Auge, als er in Chicago von Cubs-Rowdies auf einer Kinder-Feier verprügelt wurde. Bei einem High-School-Event in Chicago wurden fünf Jugendliche niedergeschossen. Ganz ohne Alkohol und Tailgating.

Warum? "Amerika ist ganz einfach das mit Abstand gewalttätigste Land der industrialisierten Welt", fasste es der kalifornische Kongressabgeordnete Dan Lungren zusammen. "Gewalt ist tief in unserer Gesellschaft verwurzelt und ein fester Teil des American Way of Life." Sprich: Nicht der Sport-Fan wird plötzlich gewalttätig, sondern der gewalttätige Amerikaner ist eben auch ein Sport-Fan.

Das ist vermutlich auch einer der Gründe, warum die Fan-Gewalt kaum ein Thema in den US-Medien ist. Die Probleme würden zwar nicht unter den Teppich gekehrt, wären allerdings auch nicht mehr als Randnotizen, sagt Journalist Chad Conine im Gespräch mit SPOX.

Für den "Waco Tribune- Herald" war der 33-Jährige mehrere Monate lang unterwegs, um als einer von wenigen Medienvertretern das Thema Gewalt ausführlich zu untersuchen. Dabei hatte er ernsthafte Probleme, über das Thema zu recherchieren. "Ein Großteil der Gewalt ist schlichtweg nicht dokumentiert. Es war, als würde ich Geister jagen", so Conine.

Gestürmte Spielfelder und abgerissene Hoden

Dabei gäbe es Ansatzpunkte im Überfluss: Denn die Gewalt ist kein ausschließliches Problem der Profi-Ligen. Auch bei College- und selbst High-School-Veranstaltungen kommt es regelmäßig zu größeren Zwischenfällen, die "wegen der starken Bindung der Fans an die eigene Schule oftmals noch wilder" ausfallen.

Sein persönliches Horror-Erlebnis: Bei einer Schlägerei zwischen zwei College-Football-Fans in Oklahoma riss ein Beteiligter dem anderen einen Hoden ab.

"Die Energie kann sich blitzschnell in Gewalt verwandeln", so Conine. Immer wieder stürmen extatische Football-Fans auf das Spielfeld, reißen Goalposts nieder, tragen sie zum Beispiel vor das Haus des Uni-Präsidenten oder werfen sie auf gegnerische Fans.

Massen-Unruhen und Gewalt-Impulse

Besonders prekär ist die Lage bei Groß-Events. "Immer wenn ein Team eine Meisterschaft gewinnt, kippt jemand ein Auto um und zündet irgendetwas an", erklärt Conine. Der Sport wird zum Ventil für private Probleme und soziale Spannungen.

"In der feiernden Masse verlieren die Menschen ihren Sinn für Moral und geben den gewalttätigen Impulsen nach, die in jedem von uns schlummern", erklärt Professor Dr. Dacher Keltner, der an der US-Universität in Berkeley Sozial-Psychologie unterrichtet.

Ein anderer Hooligan-Typus

Mit Hooligans im europäischen Sinn hat das jedoch kaum etwas zu tun, schreibt der britische Journalist Steve Wells, der unter anderem für den "Guardian" aus Philadelphia berichtet.

"Es gibt zwar überall Schlägereien, Bier- oder sogar Fäkalien-Duschen, Messerstechereien, ohrenbetäubende Beschimpfungen und ausgewachsene Unruhen. Aber da ist kein einziger Hooligan dabei", schreibt er in seinem Blog.

Der Meinung ist Conine: "Das sind wahrlose Akte dummer betrunkener Idioten. Nichts, was mit den organisierten europäischen Hooligans zu vergleichen wäre."

Und gerade das ist die Gefahr. Denn während man in Europa meist absehen kann, bei welchen Spielen es zu Ausschreitungen kommt, und die europäischen Hooligans trotz ihrer Gewalt und Brutalität für den durchschnittlichen Sport-Fan dank fester Regeln und  Strukturen meist ungefährlich sind, kann die Situation in den USA jederzeit und überall eskalieren und trifft zum Großteil unbeteiligte Fans. "Ich will unsere europäischen Hooligan-Probleme nicht verharmlosen", sagt Wells, "aber wir sollten hoffen, dass Amerikas beängstigende Sport-Chaos-Kultur nicht zu uns herüberschwappt".

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