Tennis

Im falschen Sport gelandet

Von Micha Schneider
Der neue Bad Boy des Tennis? Nick Kyrgios
© getty

Nick Kyrgios sorgte in Montreal im Spiel gegen Stanislas Wawrinka für einen Eklat. Nicht die erste Entgleisung des australischen Heißsporns, der wie kein Zweiter polarisiert und mittlerweile die komplette Tour gegen sich aufgebracht hat. Kann ein Altmeister helfen?

"Sind Sie sich dessen bewusst, dass zu Hause in Australien Ihr Image und Ihr Benehmen ein großes Thema sind?" - "Ja." - "Beunruhigt Sie das?" - "Nein."

Dieser kurze Dialog auf der Wimbledon-Pressekonferenz nach seiner Viertelfinal-Niederlage gegen den Kanadier Milos Raonic beschreibt die Person Nick Kyrgios ziemlich genau. Kyrgios ist gerade einmal 20 Jahre alt und hat schon die ganze Tennis-Welt gegen sich aufgebracht. Das schafft nicht jeder. Es gibt derzeit niemanden, über den in der Szene mehr geredet und diskutiert wird, als über den talentierten, polarisierenden jungen Australier mit den extravaganten Frisuren.

Keine Frage: Kyrgios, aktuell auf Platz 37 der ATP-Weltrangliste, ist eines der größten Talente auf der ATP-Tour. Doch es sind seine Provokationen, seine emotionalen Ausraster und Unsportlichkeiten, die die Blogs und Zeitungen füllen und nun sogar die ATP zum Handeln gezwungen haben - denn in Montreal hat er den Bogen endgültig überspannt.

"Kokkinakis hat deine Freundin..."

Im Zweitrunden-Match gegen Stanislas Wawrinka sorgte er für einen handfesten Skandal, als ihm im zweiten Satz beim Seitenwechsel die Sicherungen durchbrannten: "Kokkinakis banged your girlfriend - sorry to tell you that mate!" - "Kokkinakis hat deine Freundin gevögelt, es tut mir leid, dir das zu sagen, Kumpel!", murmelte Kyrgios gut hörbar für die Außenmikrofone in Richtung des Schweizers.

Ein Seitenhieb unter der Gürtellinie, denn dem 30 Jahre alten Wawrinka wird nach der Trennung von seiner Frau im April ein Techtelmechtel mit der Kroatin Donna Vekic nachgesagt. Die ist ebenfalls Tennisspielerin, aber gerade einmal 19. Thanasi Kokkinakis gehört seinerseits zur australischen Klicke von Kyrgios.

Dieser Aussetzer brachte den Bad Boy auf die Titelseiten der Zeitungen, zumal sich Wawrinka anschließend heftig per Twitter beschwerte - und ihm sogar einen Besuch in der Umkleidekabine abgestattet haben soll. "Ich hoffe, dass die ATP ganz harte Maßnahmen gegen ihn ergreift", giftete der universal beliebte French-Open-Sieger.

Kritik von FedEx und Murray

Wo man Kyrgios' jugendliche Launen sonst verteidigte, war diesmal Stille. Kein Andy Murray und auch kein Roger Federer, die in der Vergangenheit immer wieder ihre schützende Hand über ihn hielten und seine Entgleisungen auf seine Jugendlichkeit zurückgeführt hatten.

"Er hat die Grenzen bei Weitem überschritten", sagte Federer, und Murray ergänzte: "Es gibt im Tennis Dinge, die sich nicht gehören. Und das war eines davon." Auch Novak Djokovic und Rafael Nadal lasen dem Australier öffentlich die Leviten, von Kokkinakis und Vekic ganz zu schweigen. Unterstützung gab es lediglich von der Mutter - und Bruder Christos, der in einem Radio-Interview noch einmal in Richtung Vekic nachlegte.

"Ich bin nicht in Gefahr. Ich bin die Gefahr"

Nick Kyrgios hat jetzt die ganze ATP-Tour, nein, die ganze Tennis-Welt gegen sich: In seinem nächsten Match in Montreal regnete es Buhrufe.

Es scheint, als gefalle sich der "Tennis-Rüpel", wie er von den Medien gerne bezeichnet wird, in dieser Rolle, als pflege er dieses "Me-Against-The-World"-Image ganz bewusst. Passend dazu auch sein jüngster Tweet nur einige Tage nach dem Wawrinka-Skandal, der ein Bild von sich mit der Überschrift "Ich bin nicht in Gefahr. Ich bin die Gefahr" zeigte.

Ein Leisetreter war Kyrgios noch nie, auch wenn er sich dieses Mal zumindest öffentlich zu einer Entschuldigung durchringen konnte. "Was passiert ist, tut mir leid. Ich habe mich bei Wawrinka entschuldigt. Die Aussagen sind in der Hitze des Moments entstanden und ich übernehme die volle Verantwortung." Dumm nur, dass Wawrinka prompt dementierte. Kyrgios habe sich bei ihm nicht entschuldigt.

Cool und lässig-genervt

Wie ernst kann man dieses "mea culpa" also nehmen? Hat der 1,93-Meter-Mann dazugelernt, oder ist ihm sein Image in Wahrheit herzlich egal? Schließlich hatte sich nur einige Wochen zuvor schon ein riesiger Shitstorm über ihn entladen, als er in der Viertrundenpartie von Wimbledon gegen den französischen Veteranen Richard Gasquet im zweiten Satz einfach die Returns verweigerte. Und in den Matches zuvor hatte er unter anderem den Schiedsrichter beschimpft und sich nach Linienrichter-Entscheidungen geweigert, das Spiel fortzusetzen.

Die anschließende Pressekonferenz hielt er im Kyrgios-Style ab. Mit überlebensgroßen Kopfhörern um den Hals, cool und lässig-genervt antwortend.

"Willst du versuchen, einen Aufschlag von Gasquet zu retournieren? Ich gebe dir gern mein Racket und dann sehen wir, wie oft du es schaffst" entgegnete der Youngster einem Reporter, der kritische Fragen gestellt hatte. Worte der Einsicht? Fehlanzeige. Stattdessen nahm er wieder die Rolle des Einzelkämpfers ein, der sich gegen die Presse und das ganze Land verteidigen muss.

Seite 1: Kyrgios und seine Ausraster

Seite 2: Swagger-Lifestyle und Rassismus-Debatte

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