Mittwoch, 20.03.2013

Tommy Haas im Interview

Haas: "Ich habe einfach vor mich hin gelabert"

Am 3. April wird Tommy Haas 35 Jahre alt. Aber er steht aktuell wieder in den Top 20 der Welt. Wie er nach seinen zahlreichen Verletzungen immer wieder zurückgekommen ist. Wie er dank eines berühmten Selbstgesprächs zur YouTube-Sensation wurde. Wie man einen Schläger gekonnt zerstört. Oder wie ihn ein NBA-Star einmal nass machte. Tommy Haas erzählt im SPOX-Interview aus seiner Karriere.

Tommy Haas hat in seiner Karriere 13 ATP-Turniere gewonnen
© getty
Tommy Haas hat in seiner Karriere 13 ATP-Turniere gewonnen

SPOX: Wenn wir über Ihre Karriere sprechen, darf ein Moment nicht fehlen. Das größte YouTube-Highlight von Ihnen ist Ihr Selbstgespräch beim Match gegen Nikolai Davydenko bei den Australian Open Open 2007. Gefällt Ihnen das Video?

Haas: Mir gefällt es gut, es ist ein geiles, witziges Video. Ich weiß noch, wie es damals war. Meine jetzige Verlobte war damals zum ersten Mal dabei. Und wie es so ist, wenn man ein neues Mädel dabei hat, das man mag, will man besonders geiles Tennis spielen. Ich lag dann 1:2-Sätze hinten und dachte mir, es kann doch nicht sein, was ich hier für einen Scheiß spiele. Ich habe dann einfach vor mich hin gelabert. Das passiert mir ab und zu. (lacht) Ich hatte noch nie ein Problem damit, Emotionen zu zeigen. Ich bin ein Fan von Federer und Nadal, die immer cool bleiben und ihr Pokerface auflegen, aber mehr identifizieren kann ich mich mit Murray. Weil er mehr zeigt, wie er sich fühlt. Weil er auch mal seine Box anschreit. Tennis ist ein brutaler Sport, der einen verrückt machen kann. Das muss raus! Ich habe schon immer ein bisschen mehr erzählt als ich vielleicht sollte, aber so bin ich halt. So war ich auch schon als Kind. Ich schreie auch beim Tischtennis herum, dann fühle ich mich besser. Das Gute an dem Video ist, dass ich am Ende wieder positiv bin und das Match noch gewinne.

SPOX: Selbstgespräche sind eine Variante, gepflegtes Schlägerzerhacken eine andere. Wie ist eigentlich Ihre Beziehung zum Schlägerwerfen?

Haas: Hier und da habe ich auch immer wieder einen zerstört. Ich habe natürlich auch Schläger in der Tasche, die ich lieber mag als andere. Da musst du dann vorsichtig sein. Dass du, wenn du ihn schmeißt, so schmeißt, dass er nicht kaputt geht. Aber dann wirfst du ihn trotzdem so dumm gegen den Pfosten, dass er kaputt geht und du denkst dir: 'Mein Gott, lass es halt sein.' Das kennen wir alle. (lacht) Wenn du den Schläger schmeißt, dann musst du es auf jeden Fall mit Autorität machen. So wie Safin es gemacht hat. Oder schreien, das ist auch gut. Ich fand es cool, wenn Boris früher ins Handtuch rein gebrüllt hat, weil ich wusste, dass er sich damit motiviert. Ich will Emotionen sehen. Ein Beispiel: Del Potro ist ein überragender Spieler, wenn er es trifft, ist es unfassbar. Aber trotzdem würde ich mir nicht unbedingt ein Match von ihm anschauen wollen, weil es immer das gleiche ist. Handtuch holen, Handtuch zurückgeben, da sind keine Emotionen drin, da wird nicht geflucht, da ist mir ein Murray wie gesagt lieber.

SPOX: Apropos Murray. Wie sehen Sie die Kräfteverhältnisse der Top 4, jetzt da Nadal wieder so unglaublich zurückgekommen ist?

Haas: Djokovic ist in den letzten zwei Jahren der dominante Spieler, das muss man klar sagen. Ich denke aber, dass Murray in diesem Jahr noch Großes erreichen wird und die nächste Nummer eins nach Djokovic werden kann. Dann hast du Nadal, der schon wieder einen extrem guten Eindruck macht. Und Federer darfst du nie abschreiben. Roger kann immer noch jeden schlagen und er ist vor allem immer noch so hungrig, mehr zu gewinnen. Es wird spannend zu beobachten sein, wie das Jahr bei den Top 4 verläuft. Grundsätzlich ist es schon phänomenal, was diese Jungs leisten. Die geben es sich fünf, sechs Stunden lang, links, rechts, und im fünften Satz sind sie immer noch genauso gut wie im ersten. Das ist Wahnsinn und eine Sache, die ich nicht begreifen kann. Ich würde das in der Art einfach nicht mehr packen.

SPOX: Sie sind mit 13 Jahren in die Academy von Nick Bollettieri gegangen und dann 1996 auf die Tour gekommen. Sie haben zum Beispiel im Viertelfinale von Indianapolis gegen Pete Sampras gespielt, oder in der ersten Runde der US Open gegen Michael Stich. Was waren für Sie die besonderen Momente als Jungspund auf der großen Bühne?

Haas: Sie haben sie gerade genannt. Wobei es eigentlich noch früher losging. Ich weiß noch, wie ich als 15-Jähriger ein Satellite-Turnier auf Hawaii gespielt habe, das ist bis heute einer meiner schönsten Trips gewesen. Ich habe meine ersten drei ATP-Punkte gesammelt und mich zum ersten Mal auf der Weltrangliste gesehen. Da war ich wie über dem Mond! Gleichzeitig habe ich aber auch gemerkt, dass körperlich und spielerisch noch einiges fehlt, um bei den Herren mitzuspielen. Der erste wirkliche Durchbruch war Indianapolis, als ich zum ersten Mal drei Matches in Folge gewonnen habe. Gegen Dick Norman, Renzo Furlan und Mark Woodforde, der damals ein starker Spieler war. Dann gegen Pete, eines meiner Idole, das ich in der Akademie schon hatte trainieren sehen, auf dem Centre Court zu spielen, war natürlich ein Riesenschritt für mich. Auch wenn Pete für mich noch zu stark war. Das Match gegen Michael war dann noch einmal eine super Erfahrung für mich, da habe ich mich sehr ordentlich geschlagen und in vier Sätzen verloren, das war für mich ein guter Erfolg.

SPOX: 1999 ging so richtig die Post ab. Bei den Australian Open erreichten Sie das Halbfinale und in Memphis folgte der erste ATP-Titel. Endlich?

Haas: Ja, absolut. Ich stand schon vorher in ein paar Finals und hatte in Lyon gegen Alex Corretja sogar schon einen Matchball, ehe ich es noch verloren habe. In Memphis war es dann endlich soweit, und dann auch noch gegen Jim Courier. Auch ihn kannte ich aus der Academy, dieser Sieg hat mir sehr viel bedeutet. Ende des Jahres stand ich zum ersten Mal in den Top 10 und hatte ein weiteres Ziel erreicht. 14 Jahre ist das jetzt auch schon wieder her, echt unglaublich.

SPOX: Ein Jahr später kam eines der sicher größten Karriere-Highlights. Olympia in Sydney. Silbermedaille.

Haas: Das war ein unmenschliches Erlebnis. Ich hatte im Vorfeld mal wieder Verletzungsprobleme und wusste gar nicht, ob ich es schaffen würde. Aber es war Olympia, da musste ich einfach dabei sein. Im Halbfinale schlage ich dann Federer und habe die Medaille sicher. Wahnsinn. Dieses Halbfinale zu gewinnen ist so wichtig, weil niemand das Match um Bronze haben will. Und dann noch Roger. Heute bedeutet mir der Sieg noch viel mehr, nachdem wir wissen, was Roger alles erreicht hat. Ich habe dann auch ein gutes Match gegen Kafelnikov gespielt, aber knapp in fünf Sätzen den Kürzeren gezogen. Dennoch natürlich eines meiner absoluten Highlights.

SPOX: Wenn wir schon beim Thema Olympia sind. Im vergangenen Jahr gab es deshalb großen Wirbel. Es gab Spieler, die wollten nicht bei den Olympischen Spielen für Deutschland spielen, Sie hätten nichts lieber gemacht, durften aber nicht. Mit etwas Abstand: Wie sehr hat es Sie getroffen?

Haas: Die Sache war die: Ich war hungrig darauf zu spielen. Ich hatte gerade das Turnier in Halle gewonnen, auf Rasen, gegen Federer im Finale. Ich hatte mir sozusagen die Bestätigung geholt und dachte mir: 'Nominiert mich! Ich bin heiß, ich bin top drauf, ich kann vielleicht eine Medaille holen!' Ich habe immerhin 15 Jahre lang Deutschland auf der Tour repräsentiert und auch jahrelang Davis Cup gespielt. Von DTB-Seite wäre es auch kein Problem gewesen, aber der DOSB wollte keine Ausnahme machen. Ich war sehr schockiert. Es hat mich einige Tage wirklich genervt und ich habe überlegt, ob ich meine Anwälte einschalten soll. So hatte es Rainer Schüttler vier Jahre zuvor auch gemacht und ist noch nominiert worden. Ich habe es aber dann gelassen. Wenn diese Leute es nicht wollen, dann muss ich auch nicht dafür fighten. Es war eine Situation, die ich nullkommanull nachvollziehen konnte und sehr frustrierend war. Aber okay, es interessiert mich jetzt nicht mehr. Es gibt immer wieder Momente im Leben, in denen einem die Worte fehlen. Das war so einer.

Seite 2: Haas über eine verpasste Chance, Comebacks und das Duell mit dem NBA-Star

Interview: Florian Regelmann

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