Samstag, 22.12.2012

Duisburger Finanzkrise

Überall nur Machtspielchen

Der MSV Duisburg befand sich in einem existenzbedrohenden Chaos, nun ist er gerettet. Vorerst. Doch was nun? Nach jahrelanger Alleinherrschaft Walter Hellmichs erschüttern interne Fehden den Traditionsverein. Der Baumogul mischt dabei kräftig mit.

Walter Hellmich mischt trotz Rückzug Ende 2010 im Hintergrund des MSV Duisburg kräftig mit
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Walter Hellmich mischt trotz Rückzug Ende 2010 im Hintergrund des MSV Duisburg kräftig mit

"Berlin, Berlin, wir fahren nach Berlin" - im März 2011 rief Duisburg den Ausnahmezustand aus. Ihr MSV hatte soeben Energie Cottbus mit 2:1 niedergerungen und das Final-Ticket für den DFB-Pokal gelöst. Erstmals seit über einem Jahrzehnt.

Die leidgeprüfte Industriestadt feierte. Sie sehnte wochenlang dem Ruhrpott-Derby mit Schalke 04 entgegen. Zu Tausenden scharrten die Anhänger in das Olympiastadion; sie genossen die Atmosphäre. Selbst ein 0:5 konnte die Party nicht trüben.

Es blieb der bislang letzte fußballerische Feiertag. Schon damals waren die Zebras in finanzielle Turbulenzen geraten. Hinter den Kulissen schwellten Konflikte. Ein Führungsvakuum, das eineinhalb Jahre später die Existenz gefährdete und beinahe in der Insolvenz mündete.

Jene, die zuvor in die Bundeshauptstadt reisten, sahen sich plötzlich damit konfrontiert, helfen zu müssen. Mit ungewöhnlichen Mitteln: Sie gründeten die Initiative "Retter aus Leidenschaft", gingen auf die Straßen und sammelten sogar Pfandflaschen. Alles für den Verein.

"Alle Reserven aufgebraucht"

"Wir freuen uns über jeden, der etwas tun will", erklärte Pressesprecher Martin Haltermann. Das veranschaulichte erschreckend die Not. Im Budget für die neue Saison klaffte eine Fünf-Millionen-Euro-Lücke. Diese ist nicht zuletzt dem sportlichen Sturzflug geschuldet.

Der Abstiegskampf lässt sich eben nur schwer vermarkten, kostete den Zweitligisten Millionen an Fernsehgeldern. Hinzu gesellten sich utopische Folgekosten aus dem Stadion-Neubau 2003 und rückläufige Sponsoring-Einnahmen. Ein Teufelskreis.

Geschäftsführer Roland Kentsch gab schonungslos ehrlich zu bedenken: "Stand jetzt sind alle Reserven, die wir hatten, aufgebraucht. Es ist nicht auszuschließen, dass der professionelle Fußball hier keine Zukunft hat."

Am 16. Dezember atmete die Fangemeinde auf: Über 15 Geldgeber konnten die Pleite abwenden. Unter ihnen einer, der missliebig beäugt wird. Walter Hellmich. Acht Jahre regierte er den Verein - mehr oder weniger - autokratisch, durfte als Vorstands- sowie Aufsichtsrat-Vorsitzender schalten und walten.

Hellmich Erbe wiegt schwer

Nach seiner Demission Ende 2010 verteilte man die Verantwortung auf mehreren Schultern. Doch niemand war so recht gewillt, die Entscheidungshoheit zu teilen. Grabenkämpfe entbrannten. "Es ging einzig um Eitelkeit und Zerstörung", beschrieb Stephan Bock, früherer Vize-Präsident, gegenüber der "WAZ".

Wie der Vorstandsvorsitzende Dieter Steffen räumte er im Januar das Feld. Gezwungenermaßen. "Wir kamen in die Aufsichtsratssitzung und wurden vor vollendete Tatsachen gestellt. Daraufhin kamen wir überein, sofort zurückzutreten, um den Weg frei zu machen."

Andreas Rüttgers, Touristikchef beim Arena-Namensrechteinhaber Schauinsland Reisen, übernahm. Er kündigte an, die peinlichen Scharmützel auszuräumen und gemeinsame Sache zu machen. Auch er kapitulierte am Erbe Hellmichs.

Mitte November warf der "Diplomat", unter diesem Pseudonym schrieb Rüttgers wiederholt in Fanforen über Interna, hin. "Ich trat mit dem Ziel an, den Verein für die Menschen dieser Stadt sowie den Wirtschaftsstandort Duisburg finanziell zu sanieren und damit die Basis für sportlichen Erfolg zu schaffen."

Letztlich fehlte ihm die Kraft, stetig gegen Windmühlen zu kämpfen. Zu konträr seien die Interessen im "Unternehmen" MSV gewesen. Eine Sitzung aller Gremien bewegte Rüttgers zu diesem Entschluss.

"Kentsch hat mir das Leben zur Hölle gemacht"

Vonseiten der Stadion Gmbh wurde dem Vorstand ein Angebot unterbreitet, ihm bei der Arena-Miete entgegen zu kommen. Für den 45 Millionen teuren Bau sind noch Altlasten von 18 Millionen zu tilgen. Die Jahreskosten belaufen sich auf 4,2 Millionen. Etwa vier Millionen wären durch diesen Vorschlag in die leeren Kassen gespült worden.

Stattdessen forderten die Gesellschafter mehr Einfluss im operativen Geschäft. Für Rüttgers eine Art Misstrauensvotum, der solche Zugeständnisse nicht machen wollte: "Am Abend galten die Absprachen vom Mittag nicht mehr." In der "WAZ" klagte er über die Zusammenarbeit mit Kentsch: "Er hat mir das Leben zur Hölle gemacht."

Die Top-Torjäger der Zweitliga-Saison 2012/13
Rang 1: Domi Kumbela von Eintracht Braunschweig (19 Tore)
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Rang 1: Domi Kumbela von Eintracht Braunschweig (19 Tore)
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Rang 2: Ronny von Hertha BSC (18 Tore)
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Rang 2: Ronny von Hertha BSC (18 Tore)
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Rang 2: Daniel Ginczek vom FC St. Pauli (18 Tore)
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Rang 2: Daniel Ginczek vom FC St. Pauli (18 Tore)
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Rang 4: Mohamadou Idrissou vom 1. FC Kaiserslautern (17 Tore)
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Rang 4: Mohamadou Idrissou vom 1. FC Kaiserslautern (17 Tore)
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Rang 5: Boubacar Sanogo (r.) von Energie Cottbus (15 Tore)
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Rang 6: Albert Bunjaku vom 1. FC Kaiserslautern (13 Tore)
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Rang 6: Albert Bunjaku vom 1. FC Kaiserslautern (13 Tore)
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Rang 7: Anthony Ujah vom 1. FC Köln (12 Tore)
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Rang 7: Anthony Ujah vom 1. FC Köln (12 Tore)
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Allgegenwärtig ist dabei der Name Hellmich. Unter seiner Ägide stand der MSV auf gesunden Beinen. Zudem verhalf er Sohnemann Marc, Geschäftsführer einer Marketing-Agentur, zu einem lukrativen Deal. Bis 2017 würde dieser 20 Prozent Provision und zehn Prozent Fernsehgelder einstreichen. Viel, zu viel für den Verein.

Trotz ordentlicher Erlöse löste man unlängst den Vertrag, kümmert sich seither alleine um das Sponsoring. Die Abfindung wird in Raten abgestottert. Und auch den Senior hätten einige Leute am liebsten vom Hof gejagt.

Kein radikaler Umbruch

Der Baumogul bekleidet kein offizielles Amt mehr. Er verfügt allerdings noch über eine exponierte Stellung. Nach der abermaligen Finanzspritze wird sich daran nichts ändern. "Die Mannschaft, die sportliche Leitung, das Trainer-Team und auch zahlreiche Fans haben mich gebeten, den Verein nicht sterben zu lassen", begründet Hauptgesellschafter Hellmich.

Laut "RevierSport" machte der Mäzen rund 600.000 Euro locker, obwohl sich im inneren Zirkel eine Front gegen ihn formierte: "Es ist so, dass zehn bis 20 Leute, immer dieselben, da Stimmung gegen mich machen." Einen radikalen Umbruch möchte er dem MSV, der auf Platz 14 überwintert und dessen sportliche Situation sich dank drei Siegen en suite entspannte, nicht verordnen.

"Als Bedingung hab ich lediglich genannt, dass wir keine Leistungsträger verkaufen", verkündete er öffentlichkeitswirksam. Prompt musste Boss Kentsch einschreiten, um die anderen Geldgeber nicht zu vergraulen. Es gäbe nicht den einen Retter, sondern viele.

Rüttgers zufolge pochte Hellmich in der Niederschrift der Verträge auf eine Ehrenerklärung mit dem Tenor, dass Duisburg unter ihm die erfolgreichste Zeit erlebte. Und da waren sie wieder die Machtspielchen. Trotz beinahe Kollaps.

Der MSV Duisburg im Steckbrief

Christoph Köckeis

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