Auf Hitzfelds Spuren

Von Johannes Mittermeier
Dienstag, 23.09.2014 | 12:01 Uhr
Willy Sagnol trainierte ein Jahr die französische U-21-Nationalmannschaft - dann lockte Bordeaux
© getty
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Kam er an den Ball, rief das Publikum begeistert seinen Namen. Kam er zu Wort, war das ein Singsang mit kernigem Inhalt. In diesem Sommer kam der Trainer Willy Sagnol zu Girondins Bordeaux - als Lückenfüller. Mit deutscher Disziplin und jugendlichem Elan soll die Legende des FC Bayern an vergilbte Erfolge anknüpfen. Bisher läuft es prima. Aber Sagnol kennt die Schnelllebigkeit des Geschäfts aus leidvoller Erfahrung.

Graue Vorzeit damals. Es war ein nasskalter Abend im November 2009, als sich der FC Bayern München und Girondins Bordeaux letztmals auf sportlicher Ebene kreuzten. Champions League, Vorrunde. Die Bayern wankten bedenklich nach der 0:2-Heimniederlage, der zweiten Pleite im zweiten Vergleich mit dem französischen Meister.

Es war jene Saison, die München mit Louis van Gaal schmückte, und die mit der magischen Nacht von Turin ihre Kehrtwende finden sollte. Bei Bordeaux stand Laurent Blanc in der Verantwortung, Yoann Gourcuff führte glänzend Regie und Marouane Chamakh schoss sich ins Schaufenster. Der Stratege und der Stürmer trafen beim Sieg in München - und die Hausherren ins Mark. Tristes Ambiente, trister Fußball, triste Stimmung. Die Allianz-Arena, ohnehin nicht als Tempel der Temperamente verschrien, schwieg sich mal wieder aus.

Willyyyyyyyyyy

Als der Trainer Norbert Meier einmal berichten sollte, warum sein Spieler Tobias Willi ständig mit Sprechchören gefeiert wurde, sagte Meier, "Willi" wäre eben kompatibler als "Egon". Vielleicht dachten die Münchner Fans ähnlich - und falls nicht, machte es keinen Unterschied, denn einen Egon hatten die Bayern nicht im Team.

So erwachte das vermeintliche Opern-Publikum stets aus seiner Trägheit, wenn sich das Geschehen auf die rechte Spielfeldseite verlagerte. Ambiente, Fußball und Stimmung waren dann irrelevant. Kaum berührte der Außenverteidiger mit dem Hang zur Nonchalance den Ball, legte sich ein akustisches Tiefdruckgebiet über das Stadion. Eine Choreografie als Zelebration der Gemeinschaft: Willyyyyyyyyyy.

Fünf Jahre nach dem einschneidenden Sieg in München, der eine Reise einläutete, die erst im Viertelfinale endete, vereinigt Willy Sagnol die Schnittmenge zwischen Bayern und Bordeaux - als Coach bei Girondins. "Ich weiß nicht, ob wir unsere Stellung jetzt so massiv verändert haben", sinnierte er nach dem starken Saisonstart. "Aber wir haben realistische Ansprüche auf den Titel." Willy, der Ex-Bayer.

Zidane wollte nicht

Mit 13 Zählern aus sechs Partien rangiert der Vorjahressiebte auf Platz zwei der Ligue 1, punktgleich mit Tabellenführer Marseille. Vor der Saison war Sagnol mit einem Dreijahresvertrag ausgestattet worden, inklusive der Quasi-Gewissheit, bloß Lückenfüller zu sein. Girondins hatte mit Zinedine Zidane verhandelt, aber die Klubikone bevorzugte seinen Co-Trainer-Posten bei Real Madrid.

Also zögerte Präsident Jean-Louis Triaud nicht, dem Ersatzkandidaten eine Portion "Frische und Schwung" zu attestieren. Und: Ein Auge für die Jugend.

Als wolle er seinen Boss bestätigen, holt Sagnol auf der Vereinshomepage zu einem Monolog aus. Gefragt, ob es wichtig wäre, die Denkweise junger Spieler zu verstehen, antwortet er: "Es ist nicht wichtig - es ist eine Verpflichtung. Als ich damals nach München kam, wunderte ich mich, warum die Dinge hier so sind, wie sie sind. Ich dachte: Zuhause ist es anders, und das ist besser. Eines Tages wurde mir gesagt, dass sich 80 Millionen Deutsche nicht wegen eines Franzosen wandeln werden. Genauso gebe ich es meinen Spielern weiter. Es liegt nicht an ihnen, sich anzupassen. Es liegt an uns, ihre Wünsche, Bedürfnisse, ihre ganze Kultur zu verstehen. Ansonsten kann es zu einem Generationszusammenprall kommen."

"In mir steckt eine Menge Ottmar Hitzfeld"

Der "WAZ" hat Sagnol vor einiger Zeit verraten, als Jungprofi zum Laissez-faire tendiert zu haben. "Locker, lässig und bequem" nennt er diese Haltung, die sich in Deutschland grundlegend geändert hätte. Neun Jahre war der ehemalige Rechtsverteidiger beim FC Bayern, vor allem eine Lektion hat er verinnerlicht: "Ich weiß nun genau, was Disziplin bedeutet. Ohne Disziplin hat man keine Erfolge. Aber ich muss natürlich Rücksicht auf die französische Kultur nehmen, die eine andere als die deutsche ist", erklärt er.

Wenn Sagnol seine Vorstellungen veranschaulichen will, schlägt er auch immer einen Bogen zur Vergangenheit. Bayern hat ihn begleitet, sein Lieblingscoach geprägt. "In mir steckt eine Menge Ottmar Hitzfeld. Für mich war er der beste Trainer, mit dem ich zusammengearbeitet habe!" Fünfeinhalb Jahre nämlich.

Achillessehne als Achillesferse

184 Mal tauchte Sagnol in der Bundesliga auf, erzielte sieben Tore und servierte den Kollegen deren 39. Flanken aus dem rechten Halbfeld, das war Sagnols Spezialität. Der Franzose verbuchte fünf Meisterschaften, vier Pokalsiege, Champions League und Weltpokal 2001. Für die Nationalmannschaft kam er zu 58 Einsätzen, er debütierte 2000 und wurde 2006 Vize-Weltmeister - in Deutschland.

Begonnen hatte die Laufbahn in Saint-Etienne, seinem Geburtsort. 1997 wechselte er nach Monaco, 2000 lockten die Bayern, weil Markus Babbel Wahl-Engländer geworden war. Die Münchner suchten jemanden, der das Vakuum füllt, sie stießen auf Willy Sagnol, einen 23-jährigen Jungspund, bezahlten 15 Millionen Mark und sollten es nicht bereuen.

"Willy war einer der besten Transfers, die wir je getätigt haben. Ein großes Vorbild, ein perfekter Profi, ein Aushängeschild in der Welt", würdigte Uli Hoeneß den Franzosen, als dieser 2009 zum Karriereende gezwungen wurde. Die Achillessehne als Achillesferse, mit 31 Jahren. "Der Schritt ist in seiner Endgültigkeit ein Drama", bedauerte Hoeneß und verdrückte sich eine Träne.

Ein heimlicher Lautsprecher

Willy Sagnol hatte es zum Favorit des Volkes gebracht, obwohl sein Auftreten dann und wann ein wenig schläfrig wirkte. Er war entspannter als der aufbrausende Derwisch Lucio, matter als das kecke Energiebündel Hasan Salihamidzic, legerer als der eitle Mittelfeldstar Michael Ballack. Kurzum: Sagnol wurde unterschätzt. Nicht unbedingt auf dem Platz, aber daneben, also dort, wo sich die Leistungsfähigkeit im Mundwerk bemisst. Ränkelspiel nennt sich das wohl, oder Streben nach Einfluss. Oder nach Geld.

Sagnol redete nie besonders laut und eindringlich, nein, er wählte seine Worte mit Bedacht. Das soll nicht bedeuten, dass er nichts zu sagen gehabt hätte, oder dass seine Äußerungen inhaltsleer gewesen wären. Sagnol übte sich im dezenten Ton, aber in dezidierter Form. Wahrscheinlich war er sogar einer der heimlichen Lautsprecher bei den Bayern. Nur merkte das niemand, was an diesem französischen Singsang gelegen haben könnte, der ja immer so putzig klingt, wenn er sich in die Auswüchse der deutschen Sprache verirrt.

Des Kaisers Kolumnen

Jedenfalls prangerte Sagnol durchaus an, was ihm nicht passte. Als etwa Hitzfeld 2004 aus dem Vertrag geschieden wurde, entrüstete er sich über diesen "Bullshit". Auch er selbst, drohte Sagnol, werde zum Vorstand gehen, um seinen Vertrag aufzulösen. Letztlich wurde ihm der Gang abgenommen und dafür das Portemonnaie entlastet.

Als Franz Beckenbauer in seiner Funktion als Boulevardflüsterer zu Hochform auflief und bei günstiger Gelegenheit einige weniger günstige Anmerkungen über Sagnol verlor, war der Franzose eingeschnappt. "Ich habe gelesen, dass jemand gesagt hat, es gibt zwei Beckenbauer, den Kolumnisten und den Präsidenten. Das ist wahr", zischte er. Dieser "jemand" war ein 22-jähriger Mitspieler, der sich nicht scheute, dem Kaiser Paroli zu bieten. Er hieß Philipp Lahm.

Seite 1: Willy Sagnol, die Bayern-Legende

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