Islands Eidur Gudjohnsen im Porträt

Das Beste kommt zum Schluss

Dienstag, 14.06.2016 | 15:46 Uhr
Eidur Gudjohnsen wurde für die EM 2016 nominiert
© getty
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Mit zarten 15 Jahren stand Eidur Gudjohnsen das erste Mal bei einem Erstligaspiel auf dem Platz - das war 1993. Zu seiner Hochzeit stand der Rekordschütze von Islandbeim FC Barcelona und FC Chelsea unter Vertrag, seitdem wurde der Wandervogel bei keinem Verein mehr sesshaft. Aber auch knapp 23 Jahre nach seinem Debüt hat der Altstar noch nicht genug und blickt mit nunmehr 37 Jahren auf das größte Highlight seiner ereignisreichen Karriere.

Am 24. April vor 20 Jahren schreibt Eidur Gudjohnsen Geschichte. Beim Testspiel zwischen Estland und Island kommt der erst 17-jährige Youngster in der 66. Minute zu seinem Debüt im isländischen Jersey. Die Sensation an der Einwechslung: für ihn verlässt Arnor Gudjohnsen den Rasen. Der damals 34-Jährige ist Eidurs Vater. Es ist das erste und bislang einzige Mal, dass ein Sohn für seinen Vater in einem Fußballländerspiel eingewechselt wird.

"Jedes Kind möchte ja irgendwie wie sein Vater sein. Ich hatte einfach diese genetische Veranlagung. Von dem Moment an, als ich einen Fußball gesehen habe, brauchte ich keine anderen Spielzeuge mehr. Ich habe auch nicht an andere Sportarten gedacht", freute sich der Junior über die wohl schönste Vater-Sohn-Story, die der Fußball zu bieten hat.

Wandervogel bis nach China

Bereits zu Beginn seiner Karriere zeichnete sich ab, dass Eidur seinen alten Herren, der es als Stürmer immerhin auf 73 Länderspiele brachte, überflügeln würde. Mit zarten 15 Lenzen debütierte der Teenager in der 1. isländischen Liga für seinen Jugendverein Valur Reykjavik, nur ein Jahr später avancierte er zum Stammspieler. Es war nur noch eine Frage der Zeit, bis der gelernte Mittelstürmer seine Koffer packen und den ersten großen Vertrag unterschreiben würde.

Doch dass der Wandervogel damit eine halbe Weltreise antreten würde, hatte wohl kaum jemand erwartet. Der Isländer tingelte jahrelang durch Europa, ehe er nach einem Abstecher nach China seine Zelte in Molde aufschlug. Gudjohnsen hält es nicht lange an einem Ort.

Den Höhepunkt seines schöpferischen Daseins erlebte der technisch versierte Rechtsfuß nach der Jahrtausendwende, als er erst mit Chelsea und danach mit Barcelona auf Titeljagd ging. Zwei englische Meisterschaften waren die prominenteste Ausbeute, bis er 2009 mit den Katalanen das Triple holte und den begehrten Pott mit den großen Ohren in den Himmel strecken durfte. In der Heimat wurde Gudjohnsen sechs Mal in den 2000ern als Islands Fußballer des Jahres ausgezeichnet.

"Stolz auf das erreichte Level"

"Ich bin sehr stolz darauf, dass ich dieses Level erreicht habe. Das ist nicht so einfach, wenn man aus Island kommt", so Gudjohnsen. "Ich hatte einige spektakuläre Momente und Höhepunkte in meiner Karriere. Meine Leidenschaft hat dafür gesorgt, dass diese über 20 Jahre andauerte."

Allerdings war nicht jedes Jahr von Ruhm und Titeln gekrönt. Nach dem CL-Triumph verabschiedete sich Gudjohnsen aus Spanien, konnte aber in den nächsten Jahren bei keinem Verein nachhaltig Fuß fassen.

Neun unterschiedliche europäische Arbeitgeber (u.a. AS Monaco, Tottenham Hotspur, FC Fulham, AEK Athen, Cercle und Club Brügge) in überwiegend zweitklassigen Ligen inklusive etlicher Leihen füllten seinen Lebenslauf zwischen 2009 und 2015, ehe er sich dem Strom vieler internationaler Stars anschloss und sich ins Reich der Mitte verabschiedete. Aber auch der Aufenthalt bei Shijiazhuang Ever Bright war nur von kurzer Dauer und so unterschrieb Gudjohnsen nach nur 14 Einsätzen in China einen Zweijahresvertrag bei Molde FK.

Während er immer wieder auf der Suche nach einem passenden Klub war, blieb der Stürmer in der Nationalmannschaft stets eine tragende Säule. Der jahrelange Kapitän kletterte in der Liste der Rekordnationalspieler auf das Treppchen und muss mit 86 Einsätzen nur noch Hermann Hreidarsson (89) und Runar Kristinsson (104) den Vortritt lassen. Mit 26 Toren ist er aber in dieser Kategorie das Maß aller Dinge.

Das Beste kommt zum Schluss

Und nun ist der Rekordschütze bei der EM 2016 dabei, dem absoluten Highlight der isländischen Fußballgeschichte. "Es macht mich stolz, es ist eine unglaubliche Ehre und emotional das Größte. Ein Lebenstraum wird wahr", schwärmte Gudjohnsen und betonte, dass ihm die EM-Teilnahme mehr bedeutet als jeder hart erarbeitete Titel.

Island im Porträt: Als Kollektiv zum Debütantenball

Kein Wunder, ist es doch Islands erste Endrunde bei einer Welt- oder Europameisterschaft überhaupt - und diese Premiere hat sich die Mannschaft redlich verdient. Auf dem Weg nach Frankreich räumte die Auswahl des Trainergespanns Lars Lagerbäck und Heimir Hallgrimsson unter anderem die Türkei und die Niederlande aus dem Weg und sorgte damit für einen Superlativ. Island ist das kleinste Land, das sich jemals für eine EM qualifizieren konnte.

In Frankreich setzt der Inselstaat, auf dem sich deutlich mehr Schafe (ca. 500.000) als Einwohner (ca. 330.000) tummeln, ausschließlich auf Legionäre. Angesichts der Konkurrenz in der Gruppe F um Portugal (Di., 21 Uhr im LIVETICKER), Österreich und Ungarn hat die Auswahl durchaus realistische Chancen, sich zumindest den dritten Rang zu sichern, der zum Achtelfinaleinzug berechtigen könnte.

Beinahe wäre Gudjohnsen gar nicht mehr Teil dieses Märchens gewesen. Als Island 2013 in den WM-Playoffs gegen Kroatien den Kürzeren zog, verkündete der 37-Jährige eigentlich das Ende seiner Nationalmannschaftskarriere. Doch eine Legende lässt man nicht so einfach ziehen. Deshalb haben ihm die Trainer ins Gewissen geredet und von einem Rücktritt vom Rücktritt überzeugt.

Der nächste Gudjohnsen

Der erfolgreichste Fußballer in Islands Geschichte hegt keinerlei Starallüren und will sich in Frankreich voll in den Dienst der Mannschaft stellen. So hat Gudjohnsen kein Problem damit, dass ihm hinter Kolbeinn Sigthorsson wohl nur die zweite Geige in Islands Sturm winkt: "Warum sollte es? Ich kann mich in vielen Punkten einbringen. Ich werde helfen, wo ich kann. Ich bin kein Superstar, sondern ein ganz normaler Fußballer."

Auch wenn Gudjohnsen, der in der Quali nur drei Einsätzee zu verbuchen hatte, auf dem Platz nicht mehr für so viel Furore sorgt wie zu seiner Glanzzeit im Blues- oder Barca-Dress, stellt er mit seinem Erfahrungsschatz eine Bereicherung dar. Mit bald 38 Jahren ist jedoch klar, dass die EM die letzte große Bühne für Gudjohnsen sein wird.

Das bedeutet aber noch lange nicht, dass das Kapitel Gudjohnsen dauerhaft geschlossen wird. Eidur hat drei Söhne und eine Tochter. Der älteste Nachkömmling Sveinn Aron ist 18 Jahre jung, in der nationalen 2. Liga aktiv und sammelt fleißig U-Nationalmannschaftseinsätze.

"Die Jungs sind fußballverrückt. Mein Ältester spielt in Islands U19-Nationalmannschaft, der Mittlere bei Espanyol, der Jüngste ist gerade in die Jugendabteilung des FC Barcelona gewechselt", sagt der sichtlich stolze Vater, der die nächste Gudjohnsen-Generation nicht unter Druck setzen will. Auch wenn man nicht davon ausgehen sollte, dass Eidur demnächst für seinen ältesten Sohn ausgewechselt wird, könnte die Geschichte womöglich weiter geschrieben werden. Auszuschließen ist es bei diesem Familienstammbaum nicht.

Eidur Gudjohnsen im Steckbrief

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