Bayerns Überraschungsmann im Porträt

Eine Ode an Olic

Von Florian Bogner
Samstag, 15.05.2010 | 10:14 Uhr
Ivica Olic traf in der Bundesliga in dieser Saison 11 Mal, in der Champions League 7 Mal für die Bayern
© Imago
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Ivica Olic ist neben den jungen Wilden der Shootingstar des FC Bayern in dieser Saison und vor dem DFB-Pokalfinale gegen Werder Bremen die unumstrittene Nummer eins im Bayern-Sturm. Warum? Weil man diesen Kerl einfach spielen lassen muss.

Arjen Robbens Traumtor in Manchester war gerade mal eine halbe Stunde alt. In einer Ecke des Old Traffords flippten die Spieler des FC Bayern wie Flummis vor der Fankurve umher. Der Fanblock der Münchner brodelte. Und stakkatoartig brüllten mehrere Tausend Kehlen immer wieder einen Name aufs Feld: "Ivica! Ivica! Ivica!"

Die Bayern-Fans wollten an diesem Abend nicht Robben als Vorsänger der obligatorischen Humba haben, sondern ihren neuen Publikumsliebling: Ivica Olic. Für die Anhänger des deutschen Rekordmeisters hat der kleine Kroate schon nach zehn Monaten den Status einer Kultfigur inne. Und dass, obwohl der 30-Jährige ohne Lobby, ohne fette Ablösesumme nach München kam.

"Mit seiner Präsenz reißt er alle mit"

Doch vielleicht ist Olic gerade deshalb so beliebt. Vom 25-Millionen-Mann Robben erwartet man Tore am Fließband. Ebenso von Mario Gomez.

Aber Olic? Man muss sich auch heute noch verwundert die Augen reiben, wie schnell der Junge aus dem kroatischen Davor beim großen FC Bayern Fuß gefasst hat.

Elf Tore in der Liga. Sieben in der Champions League. Nur im DFB-Pokal hat er noch nicht getroffen, stand aber auch nur im zähen Halbfinale auf Schalke auf dem Feld. Werder Bremen sollte sich besser nicht in Sicherheit wiegen. "So einen Spieler braucht jede Mannschaft. Wir sind froh, dass er bei uns ist, denn mit seiner Präsenz reißt er alle mit", adelte Mark van Bommel seinen Kollegen bereits im Dezember.

"Er ist sehr wertvoll, weil er ein extremer Arbeiter ist und ein ganz anderer Stürmertyp, als unsere restlichen Angreifer. Er trifft, er rackert - deswegen ist er für uns enorm wichtig", preist Philipp Lahm gegenüber SPOX die Vorzüge des Kroaten an und vergleicht ihn mit Hasan Salihamidzic: "Brazzo war ein ähnlicher Spielertyp. Einer, der über sehr viel Leidenschaft ins Spiel kommt."

Auf dem Feld geblitzt

Seine Kollegen nennen ihn ehrfürchtig "das Tier" (Holger Badstuber) oder einfach nur "einen Verrückten" (Gomez). "Manchmal steht er neben mir und ich denke, er stirbt gleich. Dann zieht er wieder 40 Meter zum Sprint an", beschreibt Gomez den aberwitzigen Aufopferungswillen des Kroaten.

Seine leicht tölpelhaften Übersteiger und sein schleppender Laufstil mit den Fäusten auf Brusthöhe, der an einen übergewichtigen Viertklässler erinnert, sind legendär. Dabei liegen seine Vorzüge eigentlich auf der Hand. Kroatiens Fußballer des Jahres 2009 ist einer der schnellsten Stürmer der Welt, wurde bei der EM 2008 mit 31,76 km/h "geblitzt" - auf dem Spielfeld.

"Meine Schnelligkeit war stets mein großes Plus. Ihr und meiner Ausdauer habe ich meine Karriere zu verdanken", sagte er einst in einem "Bild"-Interview. Dennoch sieht es oft urkomisch aus, wenn sich Olic halb im Fallen, halb rudernd und den Gegner umklammernd den Ball zu weit vor legt. Nur um ihn im nächsten Moment dann doch noch zu verwerten.

Olic ist ein Mann für die unmöglichen Tore. So gesehen beim 2:3 im Old Trafford, als er den Ball fast von der Torauslinie aus an Edwin van der Sar vorbei mogelte.

Blutig? Egal, Hauptsache drin

Steht man ihm gegenüber, gerät man unvermittelt ins Schmunzeln. Olic steht Schlitzohr auf die Stirn geschrieben. Man möchte ihn am liebsten den ganzen Tag unterm Ellenbogen einklemmen und mit den Fingerknöcheln durchs Haar wuscheln. Ein Typ zum Pferdestehlen.

Als Olic nach seinem Hattrick gegen Olympique Lyon durch die Mixed-Zone stapfte, zeigte er jedem Journalisten, der es sehen wollte, seine Wunde über dem rechten Ohr, die er sich kurz vor dem 3:0 zugezogen hatte. Das Tor erzielte er anschließend selbstverständlich mit der blutverkrusteten Schädelseite.

Ob er sich das vor der Saison erträumt hatte, als Stürmer Nummer eins im Champions-League-Halbfinale drei Tore zu schießen, wollte SPOX in Lyon von ihm wissen. Olic riss die Augen auf, lachte, wackelte mit dem Kopf. "Nein, nein, niemals", meinte er. Und dann immer wieder: "Es ist ein Traum, ein Traum..."

Die internationale Presse begegnete Olic anschließend mit schrägem Respekt. "Nun ist dieses hässliche Entlein der schönste Schwan Bayerns", schrieb die spanische "Sport" am Tag danach und der englische "Independent" erkannte süffisant: "Ihr plumper Stürmer Olic erzielte einen Hattrick - nicht schlecht für einen ablösefreien Spieler aus Hamburg."

Immer wieder ein Schnäppchen

Olic ist zu sehr Profi, als das er nicht von Anfang an den Anspruch gehabt hätte, sich beim FC Bayern durchzusetzen. "Das ist der letzte große Vertrag meiner Karriere, das i-Tüpfelchen", verkündete der Kroate im Januar 2009, als sein Wechsel vom Hamburger SV an die Isar feststand.

Der Stürmer hat in seiner Karriere sechs Mal den Verein gewechselt, ein normaler Wert in seinem Alter. Die Gesamtablösesumme ist jedoch geringer als zehn Millionen Euro. Zum Vergleich: Nicolas Anelka hat seine Vereine in 15 Jahren Profidasein 128 Millionen Euro gekostet. Olic ist pures Gold wert - vor allem für den FC Bayern.

"Er ist sehr beweglich. Er geht mehr in die Tiefe, als dem Ball entgegen. Dadurch werden die Räume für uns größer und das brauchen wir", erkannte Trainer Louis van Gaal schon zu Beginn der Saison - und stellte ihn in fünf der ersten acht Bundesliga-Partien von Beginn an auf.

Von van Gaal gereizt

Erst ein Muskelfaserriss in der Wade schmiss Olic im November wieder aus der Mannschaft. Pünktlich zum "Big Bang" (Christian Nerlinger) in Turin war der Stürmer aber einsatzfähig und holte bei Juve erst den Elfmeter zum 1:1 heraus und erzielte später das 2:1 - der Bayern-Wendepunkt war zum Großteil sein Verdienst.

Nur noch einmal wurde er in der Folge von van Gaal abgestraft. Beim Heimspiel gegen den VfB Stuttgart (1:2) erzielte Olic die Führung, musste in der Pause aber trotzdem in der Kabine bleiben. "Unglaublich. Ich konnte es nicht fassen", kommentierte er hinterher seine Auswechslung. "Ich werde mit dem Trainer sprechen und ihn fragen, warum das so ist. So kann ich nicht zufrieden sein."

Offensichtlich hatte Olic darauf hin ein gutes Gespräch mit dem Bayern-Coach. Drei Tage später durfte er im Heimspiel gegen Manchester United durchspielen - und erzielte in der Nachspielzeit das 2:1-Siegtor. "Wenn ich rein komme, dann mache ich Alarm und zwar richtig", ist ein Versprechen, das Olic stets einzuhalten versucht.

Bekannt wie Davor Suker

In seiner Heimat Kroatien hat der Stürmer seitdem er England 2007 als Torschütze mit um die EM brachte sowieso schon den Status eines Volkshelden. "Ich bin in Kroatien mittlerweile so bekannt wie Davor Suker", sagte er SPOX ganz ohne Arroganz und nicht ohne eilig hinzuzufügen: "Aber Davor ist der Größte."

"Um seinen Status zu erreichen, muss ich mit der Nationalmannschaft etwas erreichen. So wie Davor bei der WM 1998. Er hat Kroatien ins Halbfinale geschossen und wurde Torschützenkönig", so Olic über seinen längst nicht mehr aktiven Landsmann.

Wo Olic spielt, sind Titel quasi Programm. Meister mit NK Zagreb, Meister mit Dinamo Zagreb, dreimal Meister mit ZSKA Moskau, UEFA-Cup-Sieger mit den Russen, nun Meister mit dem FCB. Inklusive Supercups und Pokalwettbewerben hat Olic schon zwölf Titel eingeheimst.

Die "Balkan-Ausgabe von Carlos Tevez" ("The Times") ist aber immer noch hungrig. "Ich will beide Titel gewinnen", sagte er am Freitag der "Bild", hat aber eine eindeutige Präferenz: "Müsste ich wählen, würde ich die Champions League nehmen."

Und wenn Olic in Madrid wieder ein Tor aus unmöglichem Winkel schießt, wird es wieder "Ivica! Ivica! Ivica!" von den Rängen schallen.

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