Kommentar zum DFB-Beben: Löw zeigt klare Kante, aber keine Manieren

Joachim Löw plant fortan ohne Jerome Boateng, Mats Hummels und Thomas Müller.
© getty

Nach dem WM-Desaster in Russland kündigte Bundestrainer Joachim Löw einen personellen Umbruch im DFB-Team an. Acht Monate später setzt der Bundestrainer sein Versprechen in die Tat um und sortiert mit Jerome Boateng, Mats Hummels und Thomas Müller drei Weltmeister auf einen Schlag und ohne Aussicht auf eine Rückkehr aus. Die Entscheidung ist legitim, die Art und Weise ihrer Verkündung allerdings weder glücklich noch der Verdienste des Bayern-Trios würdig. Ein Kommentar von SPOX-Reporter Kerry Hau.

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Man kann sicherlich darüber streiten, ob Boateng, Hummels und Müller noch den sportlichen Anforderungen für die deutsche Nationalmannschaft gerecht werden. Boateng und Hummels sind beide 30, Müller 29. Viele Spieler kommen in dieser Altersregion erst in ihre Bestform, werden ihre Verfechter sagen.

Andererseits: Keiner dieser drei Spieler sandte vor, während und nach der WM sportliche Signale, die für eine Nominierung und einen sanften statt radikalen Generationenwechsel im DFB-Team sprachen. Boateng und Hummels offenbarten in den vergangenen Monaten Schnelligkeitsdefizite und produzierten bisweilen kostspielige Fehler. Der in Russland nahezu unsichtbare Müller verlor sogar seinen Stammplatz beim FC Bayern.

DFB-Team: Joachim Löw lebt nicht mehr in der Vergangenheit

All das sind Argumente, die Löws Entscheidung rechtfertigen. Zumal sich viele jüngere Spieler wie Antonio Rüdiger, Niklas Süle, Jonathan Tah, Julian Brandt oder Kai Havertz schon länger bei ihren Vereinen für höhere Aufgaben im Nationaltrikot aufdrängen.

Die Ausbootung des Bayern-Trios belegt, dass der Bundestrainer keine Rücksicht mehr auf Namen und vergangene Verdienste nimmt. Er zeigt endlich seit Monaten von vielen Fans gewünschte und geforderte klare Kante. Er will neue Anführer, er will neue Gesichter, die Verantwortung übernehmen.

Rüdiger zum Beispiel, ein in Deutschland völlig unter dem Radar fliegender Innenverteidiger, führt nicht erst seit dieser Saison als Leistungsträger und Lautsprecher die Viererkette des FC Chelsea. Und beim FC Bayern stellt sich in wichtigen Spielen gar nicht mehr die Frage, ob Süle spielt, sondern ob Boateng oder Hummels an seiner Seite spielen.

DFB verabschiedet Bayern-Trio: Unwürdige Kommunikation

Er und auch Joshua Kimmich bringen die Qualität und die Persönlichkeit mit, um in die Leaderrolle eines Boateng oder Hummels hineinzuwachsen. Gleiches gilt auf der Torwart-Position, die Marc-Andre ter Stegen nach durchweg starken Leistungen zwischen den Pfosten des FC Barcelona für sich beansprucht.

Es tut sich was im DFB-Team. Und das ist legitim. Trotzdem bleibt an diesem richtungsweisenden Dienstag ein fader Beigeschmack, denn wie so oft in den vergangenen Jahren hat der DFB die Entscheidung äußerst unglücklich und fernab von guten Manieren kommuniziert. Nicht etwa der Verband gab sie zuerst bekannt, sondern die Bild-Zeitung, die von Löws Treffen mit dem Bayern-Trio erfahren hatte.

Erst eine Dreiviertelstunde nach dem medialen Paukenschlag erschien eine Pressemitteilung des Verbandes mit ein paar plumpen Worten der Dankbarkeit von Löw sowie von Nationalmannschaftsdirektor Oliver Bierhoff und Präsident Reinhard Grindel. Keine Ankündigung einer Pressekonferenz, keine Ankündigung eines Abschiedsspiels. Zu wenig für drei verdiente Spieler, die einen gewichtigen Anteil am WM-Titel 2014 hatten.

SpielerLänderspieleToreDebüt
Jerome Boateng74110. Oktober 2009
Mats Hummels70513. Mai 2010
Thomas Müller100383. März 2010
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