Individualist im Wandel

Von Andreas Lehner
Donnerstag, 05.09.2013 | 14:06 Uhr
Rund 50 Millionen Euro ließ sich der FC Arsenal die Dienste von Mesut Özil kosten
© getty
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Mesut Özil bestreitet gegen Österreich (Fr., 20.30 Uhr im LIVE-TICKER) sein erstes Spiel nach seinem Transfer von Real Madrid zum FC Arsenal. Der Wechsel soll ihm in seiner persönlichen Entwicklung helfen. Auch in der Nationalmannschaft muss er sich auf Sicht starker Konkurrenz erwehren.

Der DFB hat sich dagegen entschieden, Mesut Özil vor dem WM-Qualifikationsspiel gegen Österreich zu einer der drei Pressekonferenzen zu schicken. Die Vorbereitung auf die enorm wichtige Partie soll nicht gestört werden durch eine zu intensive Fragerei nach seinem Wechsel von Real Madrid zum FC Arsenal.

Also mussten sein bester Kumpel aus Madrider Zeiten Sami Khedira, Teammanager Oliver Bierhoff und Bundestrainer Joachim Löw die Fragen zum teuersten Transfer eines deutschen Spielers in der Fußballgeschichte beantworten.

Khedira versuchte seine Enttäuschung und Verwunderung über den Verkauf Özils so diplomatisch wie möglich zu verpacken. Es gelang ihm nur zum Teil. Bierhoff deutete die Personalie als positiv für Özils sportliche und menschliche Entwicklung. Und auch Löw bewertete den Wechsel als "für uns sehr gut".

Kritik an Real Madrid

Löw sagte auch, dass er Reals Entscheidung, Özil abzugeben "auch ein Stück weit unverständlich" finde. Er reihte sich damit ein in die Liste prominenter Kritiker, die diesem Transfer die Sinnhaftigkeit abstreiten.

Dass der in Madrid nicht mehr sehr beliebte Jose Mourinho den Transfer nicht nachvollziehen kann und Özil als "besten Zehner der Welt" bezeichnet, dürften sie bei Real verschmerzen können. Dass aber auch einflussreiche Spieler aus dem eigenen Haus wie Sergio Ramos und Cristiano Ronaldo unverhohlen ihren Ärger zum Ausdruck brachten, dürfte den Verantwortlichen nicht gefallen haben.

Auch Özil war vor gut einer Woche noch davon überzeugt, in Madrid zu bleiben. Schließlich lief sein Kontrakt noch bis ins Jahr 2016. "Hier fühle ich mich wohl", sagte er bei einem Sponsorentermin am Estadio Santiago Bernabeu. "Es ehrt mich, wenn viele Interessenten an mir da sind, aber ich habe einen Vertrag bei Madrid und ich bleibe bei Madrid. Ich komme mit meinen Jungs hier gut klar. Wir haben große Ziele, die wir erreichen wollen. Wenn du für so einen großen Verein spielst, willst du Titel holen - und nicht Zweiter werden."

Vertrauen von Wenger

Ins Bernabeu wird er als Spieler so schnell erstmal nicht zurückkehren. Sein nächster Stopp ist London. Im Nordosten der englischen Metropole wird sein Trainer Arsene Wenger heißen. Der Franzose liebt Spielertypen wie Özil und gab sich auch schon als Bewunderer des deutschen Nationalspielers.

Beide sollten sich wunderbar verstehen, zumal Wenger seine Starspieler hegt und pflegt. "Mesut ist ein sensibler Spieler, der viel Vertrauen von einem Trainer braucht", sagt Löw. "Was ich gehört habe: Das Vertrauen war in Madrid nicht mehr zu hundert Prozent da."

Carlo Ancelotti hatte Özil am Sonntag beim 3:1 über Athletic Bilbao 90 Minuten auf der Bank sitzen lassen, er vertraut dem spanischen Supertalent Isco auf dieser Position. Außerdem brauchte Real nach dem Mammuttransfer von Gareth Bale frisches Geld, die knapp 50 Millionen Euro für Özil kamen da gerade recht.

Mehr Verantwortung für Özil?

Bei Arsenal trifft Özil auf eine Mannschaft, die seinen Eigenschaften entgegenkommt. Er wird viele Bälle bekommen, hat schnelle Spieler, die er mit seinen Pässen einsetzen kann und technisch begabte Kollegen, mit denen er auch auf engstem Raum kombinieren und dann selbst zum Abschluss kommen kann.

Es wird aber auch eine andere Erwartungshaltung an ihn geben. War er bei Real ein Star unter vielen, noch steht dort jeder im Schatten Ronaldos, wird er in London der Superstar sein, der 50-Millionen-Mann. "Er wird sich in London sportlich und menschlich weiterentwickeln", sagt Bierhoff. "Er kann dort Verantwortung übernehmen. Es war sportlich der richtige Schritt."

Die Frage ist aber, ob Özil überhaupt mehr Verantwortung übernehmen will und ob das seinem Charakter entspricht. Nimmt man die nach Persönlichkeit ausgerichtete Einteilung des ehemaligen DFB-Sportdirektors Matthias Sammer ist Özil ein Individualist.

Ein Spieler, der mit seiner Kreativität und seinem Freigeist Spiele alleine entscheiden kann, aber auch ein Typ, den man mit zu vielen Aufgaben in Mannschafts- und Führungsfragen überfordern kann.

Die WM 2014 im Kopf

Einig sind sich alle, dass der Wechsel im Hinblick auf die Weltmeisterschaft 2014 in Brasilien im kommenden Jahr die richtige Entscheidung war. Wie Löw sagte, ist Özil ein Spieler, der nur mit dem Vertrauen des Trainers Top-Leistungen abliefern kann.

Auch wenn er sagt, dass er sich mit seinem Potenzial "bei jedem Verein der Welt durchgesetzt hätte", braucht er ein Wohlfühlklima und die ständige Unterstützung der Verantwortlichen. "Ich bin ein Spieler, der immer 90 Minuten spielen will", sagt Özil.

In der Nationalmannschaft ist Özil in der Rolle des zentralen offensiven Mittelfeldspielers gesetzt. Löw hat ihn in fast all seinen 47 Länderspielen von Beginn an gebracht, nur drei Mal wurde er eingewechselt. Ausgewechselt wurde er zuletzt beim Test gegen Argentinien (1:3) am 15. August 2012. Selbst die Spiele gegen die kleinen Quali-Gegner Kasachstan oder Färöer machte er über die volle Distanz.

Konkurrenz im DFB-Team

Özil ist die klare Nummer eins auf dieser Position, das dürfte sich auch bis zur WM nicht ändern, falls er fit bleibt. Zu sicher sein sollte er sich aber auf Dauer nicht. Da ist zum einen die chronische Defensivschwäche der Deutschen, die ihren Anfang schon im inkonsequenten Pressing der Offensivspieler nimmt. Özil muss dort wieder zulegen.

Und da ist zum anderen die große Konkurrenz, die langfristig an seinem Thron sägt. Schon jetzt hat er mit Toni Kroos einen Konkurrenten im Nacken, der immerhin beim FC Bayern bis zu seiner Verletzung vergangene Saison auf dieser Position national wie international starke Leistungen ablieferte und bei der EM deutlich machte, dass er sich nicht immer geräuschlos auf die Bank setzen wird.

Dazu kommen mit Mario Götze, den Löw noch bevorzugt auf der Außenbahn oder im Sturm einsetzt, und Julian Draxler zwei Spieler, die ebenfalls für die zentrale Rolle prädestiniert sind. Auch Ilkay Gündogan hat beim BVB schon gezeigt, dass er auf der Zehn herausragende Spieler abliefern kann, falls auf der Sechs oder Acht kein Platz für ihn sein sollte.

Den Konkurrenzkampf bei Real hat Özil mit seinem Wechsel umgangen, in der Nationalmannschaft wird er sich den Angriffen erwehren müssen.

Mesut Özil im Steckbrief

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