Wie gut ist der deutsche Fußball?

Von Daniel Börlein
Donnerstag, 05.05.2011 | 23:00 Uhr
Der FC Schalke war in den Duellen gegen Manchester United ohne Chance
© Getty
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In der Fünfjahreswertung hat Deutschland Italien überholt und sich dadurch zur Nummer drei in Europa gemacht. Doch der Schein trügt. Auf einen Titel wartet man seit zehn Jahren vergeblich. Und das liegt nicht nur am Geld.

Wer es am Abend nicht mitbekommen hatte, der rieb sich am Morgen danach verwundert die Augen. Denn was da zu lesen war, schien eigentlich unglaublich: Der FC Schalke 04 hatte Inter Mailand mit 5:2 besiegt. Den amtierenden Champions-League-Sieger. In dessen Stadion. Und zwar auch in der Höhe völlig verdient.

Vom Wunder von Mailand war sogleich die Rede und davon, dass der deutsche Fußball auf europäischer Bühne mal wieder ein dickes Ausrufezeichen gesetzt hatte. Es war das letzte in dieser Europapokal-Saison. Am Mittwochabend schied Schalke im Halbfinale der Königsklasse gegen Manchester United aus - als letzter deutscher Vertreter im europäischen Wettbewerb.

So schlecht wie seit 1966 nicht mehr

Damit steht fest: Deutschland ist seit zehn Jahren ohne internationalen Titel und dadurch so lange wie seit 1966 nicht mehr. Der FC Bayern München war 2001 der letzte deutsche Klub, der durch den Triumph in der Champions League eine europäische Trophäe mit nach Hause brachte. Eine ernüchternde Bilanz.

Dabei schien der deutsche Fußball zuletzt doch auf dem Vormarsch. In der vergangenen Saison verbuchten die deutschen Vertreter in der UEFA-Fünfjahreswertung mehr Punkte als alle anderen Länder, in dieser Spielzeit zog man in der Rangliste locker an Italien vorbei und holte sich dadurch einen weiteren Champions-League-Startplatz.

Kritik von Sammer und Löw

Doch schon nach Schalkes Weiterkommen gegen Inter warnte DFB-Sportdirektor Matthias Sammer: "Ich mache mir große Sorgen: Nur Schalke 04 befindet sich als einziger deutscher Verein im Viertelfinale der Champions League, wir haben keinen Vertreter mehr in der Europa League. Wenn das unser Anspruch ist, sich zu freuen, dass wir den vierten Champions-League-Stammplatz wiederbekommen - dann macht mir das Bauchschmerzen."

Auch Bundestrainer Joachim Löw monierte: "Dieses Jahr hat mit Schalke nur eine deutsche Mannschaft das Viertelfinale in einem europäischen Wettbewerb erreicht. Das spricht jetzt nicht für die Bundesliga."

Magath: "Sind international spitze"

Aus der Liga will man derartige Misstöne nicht hören. Die Klubs sehen sich längst auf Augenhöhe mit den internationalen Topvereinen. "Die Qualität des deutschen Fußballs ist international spitze", sagt Felix Magath.

Auch Leverkusens Sportdirektor Rudi Völler teilt Sammers und Löws Bedenken nicht: "Es wird viel besserer Fußball gespielt als noch vor Jahren. Wir haben Italien überholt. Und der spanische und deutsche Fußball ist viel attraktiver und besser anzuschauen als der englische." Aber eben nicht mal annähernd so erfolgreich.

Liegt's am Geld?

Während England in den letzten zehn Jahren mit drei Titeln, neun Final- und 19 Halbfinal-Teilnahmen und Italien (3/5/12) starke Bilanzen vorzuweisen haben, bringt es Deutschland im gleichen Zeitraum auf gerade mal vier Final- und zehn Halbfinaleinzüge. Und eben keinen Titel. Spanien (7/9/19) scheint ohnehin in einer anderen Liga.

"Diese titellose Zeit ist ein Beleg dafür, dass sich durch die Geldverteilung und das Mäzenaten­tum in Ländern wie Spanien, Italien und England ein Ungleichgewicht entwickelt hat", sieht Günter Netzer im "Kicker" in den fehlenden finanziellen Möglichkeiten den Hauptgrund für die deutsche Misere.

Nationalmannschaft seit 1996 ohne Titel

Allerdings: In Sachen internationale Erfolge sind selbst finanzschwächere Länder an Deutschland vorbeigezogen. So kamen die Europapokal-Sieger der letzten zehn Jahre neben Spanien, Italien und England auch aus Portugal (2 Titel), Russland (2), Niederlande und der Ukraine.

Selbst in der "zweiten Liga", der Europa League, zeigt der Trend nach unten. Erstmals seit der Saison 2004/2005 erreichte in diesem Jahr kein deutscher Klub das Viertelfinale.

Der Mythos vom "am Ende gewinnen immer die Deutschen" ist also längst Geschichte. Und das nicht nur im Vereinsfußball. Die deutsche Nationalmannschaft wartet gar schon seit 1996 auf einen Titelgewinn.

Zwar war der DFB - immerhin der größte Sportverband der Welt - 2009 der erste Verband, der aktueller EM-Titelträger bei U 17, U 19 und U 21 war, doch für die darauffolgenden Europameisterschaften scheiterten alle drei Jahrgänge bereits in der Qualifikation.

Gute Perspektive

Dennoch ist vor allem bei der A-Nationalmannschaft seit 2006 ein positiver Trend erkennbar. Mit der Final-Teilnahme bei der EM 2008 und dem dritten Platz in Südafrika 2010 hat sich die Löw-Elf in der Weltspitze etabliert und durch viele junge Leistungsträger (u.a. Lahm, Schweinsteiger, Özil) sowie zahlreiche talentierte Nachrücker (u.a. Hummels, Götze) eine glänzende Perspektive.

Die sieht auch für die Bundesliga-Klubs gut aus. Mit aktuell über 42.000 Zuschauern hat die Bundesliga den besten Schnitt aller Top-Ligen und wird damit auch für die sogenannten Stars immer interessanter. Hinzu kommt, dass vom von der UEFA beschlossenem Financial Fair Play ab kommender Saison solide wirtschaftende Klubs deutlich profitieren werden.

Auch deshalb ist sich Günter Netzer sicher: "Wir holen spätestens 2014 einen Titel mit der Nationalmannschaft, und wir haben innerhalb dieser Zeit auch wieder einen Europacupsieger." Es wird höchste Zeit.

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