Anti-Bolzer sucht Erlösung

Freitag, 05.02.2016 | 09:56 Uhr
Vier Monate gemeinsam beim FC Bayern: Pep geht danach zu City - und Tasci?
© getty
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Serdar Tasci kam als Last-Minute-Transfer zum FC Bayern München. Beim ersten Hinsehen wirkt die Verpflichtung überraschend, doch sie macht durchaus Sinn. Für den Neu-Bayer ist der Wechsel dagegen eine Befreiung.

Der Koffer war gepackt. Kleidung, Kosmetik, Unterlagen. Die nötigsten Sachen also für so eine Reise. Nur ein elementares Problem hatte Serdar Tasci in den frühen Stunden des Montags: Er wusste nicht, wohin.

Sein Berater Ahmet Bulut weilte in München, um mit den Verantwortlichen des FC Bayern über ein Leihgeschäft zu verhandeln. Parallel machten Klubs aus Italien und Spanien konkrete Angebote, sie wollten Tasci ebenfalls ausleihen.

Und entgegen anderslautender Meldungen führte die heißeste Spur sogar nach Spanien. Der FC Schalke 04 war am letzten Transfertag schon aus dem Rennen, obwohl der Innenverteidiger die Lösung "Königsblau" anfangs durchaus in Erwägung gezogen haben soll.

Politische Spannungen in Russland

Dass der FC Bayern eine bevorzugte Rolle genoss, obwohl auch die übriggebliebenen Interessenten namhafte Champions-League-Teilnehmer waren, darf dem Abwehrspieler sicherlich nicht krummgenommen werden. Ein 28 Jahre alter Deutscher, der Monate vor der Europameisterschaft die Möglichkeit hat, zum hiesigen Branchenprimus zu wechseln. Es gibt da wohl Schlimmeres.

Zum Beispiel Tascis Rahmenbedingungen in Moskau: Sportlich lief es in Ordnung, Tasci spielte, aber außerhalb war es für den Familienmenschen kein einfaches Unterfangen. Weit weg von den Eltern, die in Stuttgart leben. Weit weg von Freunden und Vertrauten, auch wenn Tasci nie alleine gelassen wurde.

In der letzten Zeit belasteten dann auch die politischen Spannungen zwischen Russland und der Türkei den Aufenthalt.

Russland sanktionierte die Türkei für den Abschuss eines Kampfjets im November 2015 - der Sport blieb dabei nicht verschont: Führende Politiker forderten den Ausschluss türkischer Sportler. Tasci war als deutscher Ex-Nationalspieler eigentlich nicht direkt betroffen, doch Pass und Geburtsland wurden schlicht ignoriert.

Die brennende Fahne

Bei Spartak stellte man sich hinter Tasci, letztlich blieben die Forderungen dann auch im Reich populistischer Parolen ohne Gehalt. Dennoch gab es für Tasci kein Halten mehr: "In einem Ligaspiel wurde eine türkische Fahne angezündet. Da entschied sich Serdar, den Verein und Russland zu verlassen", so Berater Bulut, der den Ruf nach der Erlösung erhörte und auf Klubsuche ging.

Doch die Zeit rannte - und es waren am letzten Transfertag nicht nur die Verhandlungen zwischen Spieler und Klub, die Zeit beanspruchten. Auch die Verantwortlichen von Spartak Moskau brillierten nicht gerade durch ausgiebige Entscheidungsfreude, ließen lange mit einer Antwort auf sich warten.

Zumal man von dem Interesse aus München durchaus überrascht wurde: Eine erste Kontaktaufnahme erfolgte nach SPOX-Information erst am Samstag. Am Sonntag gab es schließlich die Einladung zu den Verhandlungen, die bis in die frühen Morgenstunden und eben auch den Tag über andauerten.

Kurz vor Ende der Transferperiode verkündete der FC Bayern, dass Tasci auf Leihbasis nach München kommt. Im Gepäck hat der Deutsch-Türke eine Kaufoption, die knapp unter einem zweistelligen Millionenbetrag liegen soll. Tasci brachte seine Freude über die "große Herausforderung" zum Ausdruck, die Bayern freuten sich über einen Spieler, "der sofort weiterhelfen kann", wie Sportvorstand Matthias Sammer befand.

Plan: Sofortige Hilfe

Damit wird erst einmal nichts. Tasci verletzte sich im ersten Mannschaftstraining am Mittwoch, erlitt eine kleine Gehirnerschütterung. Dass er schon beim Gastspiel gegen Bayer Leverkusen am Samstag (18.30 Uhr im LIVETICKER) auf dem Platz steht, ist fraglich.

Und danach?

Beim ersten Hinsehen wirkt der Transfer sicherlich überraschend. Mit seinem Wechsel nach Russland verschwand der WM-Teilnehmer von 2010 völlig von der Bildfläche. Dass Tasci in der Premier Liga in anderthalb Jahren gerade mal neun Spiele - davon zwei aufgrund von zwei Gelbsperren - verpasste und zu den Dauerbrennern bei Spartak gehörte, fiel nur wenigen auf. Dass er zu den besten Verteidigern der Liga gehörte, ebenso.

Der FC Bayern bekommt einen Spieler, dessen Bilanz sich durchaus sehen lassen kann. Wie schnell Tasci die Überbrückung des unterschiedlichen Niveaus zwischen der Premier Liga und der Bundesliga - und im Besonderen das Niveau beim FC Bayern - bewerkstelligt, bleibt abzuwarten.

Pep und Tasci - da war doch was

Bayerns scheidender Trainer Pep Guardiola wurde in die Entscheidungsfindung, Tasci zu verpflichten, eingebunden. "Er sagte, dass er es gut finden würde, eine weitere Alternative zu haben", so Sportchef Sammer am Montag und so gab Pep auch grünes Licht für einen Tasci-Transfer.

Interessant: Schon 2012 landete der Name Tasci auf der Liste Guardiolas. Der Katalane war damals Trainer beim FC Barcelona und Tasci wurde klubintern in die Beobachtung aufgenommen. Peps damaliger Nachfolger Tito Vilanova konkretisierte das Interesse sogar - von einem Angebot war die Rede, doch der Wechsel nach Spanien kam nicht zu Stande.

Nun steht Guardiola ein Innenverteidiger zur Verfügung, der durchaus ins Beuteschema des Katalanen passt.

"Bin kein Bolzer"

Ein ballsicherer Verteidiger, der gut in der Eröffnung ist, wenig grätscht und durch starke Antizipation potenzielle Zweikämpfe schon im Keim ersticktt. "Ich war nie ein Bolzer. Technischer Fußball und das öffnende Spiel waren schon immer meine Stärken", so Tasci im SPOX-Interview 2014: "Ich wollte nie ein Abwehrspieler sein, der den Ball einfach nur blind rauskloppt. Meine Philosophie ist es, stets einen schönen Spielzug einzuleiten." Klingt wie eine Stellenbeschreibung Guardiolas für seine Verteidiger.

Aufgrund der aktuellen Verletztenlage wird Tasci - vorausgesetzt er bleibt selbst fit - zu seinen Einsätzen kommen. Überzeugt er, steigen die Chancen, dass der FC Bayern ihn auch über den Sommer hält.

Reicht es nicht für einen permanenten Vertrag, kommt er mit dem FC Bayern im Lebenslauf auf den Markt. Die Chancen auf eine lukrative Beschäftigung wäre immer noch groß.

Sicher ist: Nach Moskau will Tasci nicht mehr zurückkehren. Notfalls wartet er wieder bis zum letzten Tag auf gepackten Koffern.

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