"Tuchel? Mich bedrückt das schon"

Montag, 08.12.2014 | 10:52 Uhr
Christian Heidel (l.) beförderte Thomas Tuchel im August 2009 zum Cheftrainer des 1. FSV Mainz 05
© imago
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Christian Heidel arbeitet seit 1991 beim 1. FSV Mainz 05. Unter dem Manager entwickelte sich der Verein enorm weiter und hat sich mittlerweile fest in der Bundesliga etabliert. Heidel spricht im ersten Teil des Interviews über einen entscheidenden Trip nach Dänemark, die Qualitäten von Cheftrainer Kasper Hjulmand und erzählt ausführlich von Thomas Tuchels plötzlichem Rücktritt am Ende der vergangenen Saison. Teil 2 des Interviews lesen Sie am kommenden Freitag.

SPOX: Herr Heidel, wer hätte denn sonst noch Chancen gehabt, neuer Trainer von Mainz 05 zu werden, wenn Sie 2012 nicht zufällig ein Spiel von Nordsjaelland gesehen hätten?

Christian Heidel: Da bin ich ehrlich: Kann ich nicht beantworten. Nachdem wirklich klar war, dass bei uns ein Trainerwechsel bevorsteht, hatten wir uns früh auf Kasper Hjulmand fokussiert. Ich war noch nie derjenige, der gleichzeitig mit sechs Trainern gesprochen hat um herauszufinden, wer der Beste davon ist. Die Gespräche mit Kasper waren von Anfang an so, dass ich überzeugt war, er sei der Richtige. Ich hatte keine anderen Termine vereinbart.

SPOX: Wie kam es überhaupt dazu, dass Sie damals das Spiel gesehen haben?

Heidel: Das war Zufall. Wir hatten entweder spielfrei oder haben schon Freitagabend gespielt, das weiß ich nicht mehr. 100 Kilometer rund um Kopenhagen ist es so, dass man sich an drei Tagen vier oder fünf Spiele anschauen kann. Solche Punkte picke ich mir gerne heraus. Ich war weder auf aktiver Trainer- noch Spielersuche. Es gab zwei, drei Spieler, die ich mir gerne einmal anschauen wollte. Ich hatte von Nordsjaelland zuvor kaum etwas gehört und wusste auch nicht, wer dort Trainer war. Es war das vierte und letzte Spiel meiner Reise und ich dachte, ich wäre auf einmal in einem anderen Land.

SPOX: Sie sagten, dieses Team habe völlig anders als die restlichen dänischen Mannschaften gespielt.

Heidel: Das war total augenscheinlich. Nordsjaelland ist später sogar Meister geworden, das ahnte ich zu dem Zeitpunkt ja alles überhaupt nicht.

SPOX: Haben Sie sich im Anschluss gleich detailliert über Trainer und Verein informiert?

Heidel: Ich habe nicht alle Spiele weiterverfolgt, aber Ergebnisse und Tabellenstand schon ein bisschen.

SPOX: Der Name Kasper Hjulmand kam also erst wieder auf, als Sie aktiv auf Trainersuche waren?

Heidel: Genau. Den deutschen Markt kenne ich natürlich, also habe ich überlegt, was es noch um Deutschland herum gibt. Ich bin die Länder innerlich durchgegangen und dann fiel mir mein Trip nach Dänemark ein. Damals saß ein Spielerberater neben mir auf der Tribüne und sagte mir, dass Nordsjaelland deshalb einen ganz anderen Fußball als alle anderen spielen würde, weil deren Trainer eine völlig andere Herangehensweise an Taktik und Spielweise wählt. Für ihn sei nicht nur das Zweikampfverhalten oder die Laufstrecke wichtig, sondern besonders Dinge wie die Anzahl, Art und Qualität der Pässe. Eine durchschnittlich besetzte Mannschaft dominierte plötzlich die dänische Liga. Das war mir alles noch im Kopf und ich fing an, mich richtig mit ihm zu befassen.

Christian Heidel spricht im zweiten Teil des Interviews über die Investoren-Problematik und Überlebenschancen in der Bundesliga - am Freitag auf SPOX.com

SPOX: Die Position des Trainers ist beim FSV seit jeher die wichtigste. Man darf in Ruhe arbeiten, es gibt keinen Sportdirektor. Wie präsent waren Sie denn als Manager in den ersten Tagen von Hjulmand, haben Sie ihm da verstärkt über die Schulter geschaut?

Heidel: Da geht es weniger um Vertrauen oder Misstrauen. Es hat mich einfach interessiert. Man möchte die Arbeitsweise des neuen Trainers kennenlernen. Ich habe mich dabei aber wie immer im Hintergrund aufgehalten. Ich bin zwar präsent, ergreife aber in der Regel weder in Sitzungen das Wort, noch diskutiere ich mit dem Trainer über die Aufstellung. All das würde einen Trainer kleiner machen. Er muss für die Spieler die Nummer eins im sportlichen Bereich sein - und nicht der Manager. Ich sehe meine Rolle eher im Hintergrund. Präsenz muss auch nicht immer körperliche Präsenz bedeuten. Es reicht, wenn jeder weiß: Da ist noch jemand, der die Spielregeln, die einzuhalten sind, vorgibt.

SPOX: War für Sie zu Beginn der Trainersuche gleich klar, dass auch ein anderer Menschenschlag als der, dem Thomas Tuchel angehört, in Frage kommt?

Heidel: Absolut. Ich habe keine Thomas-Tuchel-Kopie gesucht. Wichtig ist für uns, dass die Trainer kommunikativ sind und ein fundiertes taktisches Wissen mitbringen. Wir wollen keinen General, der draußen alleine im Wind steht und und dem es nur um das Ergebnis geht. Es muss eine gute Atmosphäre zwischen Trainer und Mannschaft herrschen, eigentlich im ganzen Verein. So total unterschiedlich sind Tuchel und Hjulmand auch nicht, denn für diese Werte stehen sie beide.

SPOX: Im aktuellen Kader stehen Spieler aus 14 unterschiedlichen Nationen. Das gab es in Mainz noch nie. Wie sehr kommt es generell auf Werte wie Empathie und Menschenkenntnis an?

Heidel: Mir sind soziale Kompetenzen eminent wichtig. Der Mensch und der Umgang der Menschen müssen bei Mainz 05 immer eine besondere Wertigkeit haben - und nicht nur das bloße Ergebnis. Unser Trainer muss über seine Spieler alles wissen, um sie auch greifen, bewerten und einschätzen zu können. Grundvoraussetzung dafür ist natürlich Intelligenz. Zudem geht es ja auch nicht nur darum, 20 gute Fußballer zu finden. Die Kunst ist es, aus diesen 20 eine gute Mannschaft zu bauen. Auch bei den Spielern spielen hierfür soziale Faktoren, Charakter, Mentalität eine große Rolle. Menschenkenntnis ist eine Führungsqualität und reduziert falsche Entscheidungen.

SPOX: Hundertprozentig sicher sein kann man sich bei Spielern im Voraus aber nicht, oder?

Heidel: Nein, aber wenn ich mich mit einem Spieler vor der möglichen Verpflichtung drei Stunden unterhalte, bekomme ich ein Gefühl dafür, welch ein Typ das ist und ob er in das Gesamtgefüge passt. Daher unterhalten sich auch erst der Trainer und dann ich mit dem Spieler - Vertrag und Geld spielen da keine Rolle. Wir haben schon oft sehr gute Typen und Fußballer nach Hause geschickt, obwohl sie Top-Fußballer, aber eben zum Zeitpunkt nicht die Richtigen für unsere Zusammensetzung waren.

SPOX: Jürgen Klopp und Tuchel waren beide Charaktere mit Ecken und Kanten. Hjulmand kommt noch etwas zurückhaltend daher. Welche Ecken und Kanten sind Ihnen an ihm bislang aufgefallen?

Heidel: Kasper musste natürlich auch etwas warm werden. Neues Land, neue Liga, neuer Verein. Er hinterfragt alles und will alles wissen, was im Verein passiert. Er will eine Mannschaft entwickeln, die zur Entwicklung des Vereins passt. Er ist emotionaler als viele glauben. Fakt ist aber: Gute Trainer sind immer auch kompliziert.

Seite 1: Heidel über Trainer Hjulmand und den entscheidenden Trip nach Dänemark

Seite 2: Heidel über Thomas Tuchel, dessen Rücktritt und ein klärendes Gespräch

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