Der 90-Minuten-Exhibitionist

Von Benjamin Wahlen
Montag, 06.01.2014 | 12:18 Uhr
Raffael wechselte im Sommer für etwa fünf Millionen Euro von Kiew zu Borussia Mönchengladbach
© getty
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Borussia Mönchengladbachs Raffael ist mit neun Toren und vier Vorlagen einer der besten Scorer der Bundesliga. Die Bedeutung des Brasilianers mit den zwei Gesichtern geht allerdings weit über diese Statistik hinaus.

Wer sich als Fußball-Laie unter der Woche rund um das Trainingszentrum von Borussia Mönchengladbach verirrt, und dort auf den ankommenden Raffael Caetano de Araújo trifft, wird diesen nicht als Fußballspieler erkennen. Zu unscheinbar wirkt der Brasilianer: Die Kleidungswahl konventionell, Schultern und Blick leicht gesenkt.

Einzig seine Sporttasche, beflockt mit der Nummer 11, verrät, dass er nicht etwa im Vertrieb oder in der Kantine arbeitet.

Bringt man dann noch ein "Guten Morgen" oder "Hallo" über die Lippen, sagt er leise aber dennoch freundlich "Morgen", ehe er leisen Schrittes weiterzieht.

Er ist nicht unkommunikativ, nicht unfreundlich und auch nicht humorlos, einfach eine Nummer zurückhaltender als viele seiner Mannschaftskollegen oder Landsleute.

Licht aus, Spot an

Landet selbiger Fußball-Laie nun bei der Übertragung oder Zusammenfassung eines Spiels von Borussia Mönchengladbach, wird er sich verwundert die Augen reiben, die andere Seite seiner flüchtigen Parkplatz-Bekanntschaft kennen zu lernen.

Denn mit Anpfiff des Unparteiischen ist Raffael nicht wiederzuerkennen: Kinn und Schultern richten sich auf, der Gesichtsausdruck wird ernst und die Stimme lauter. Auf dem Fußballplatz ist er ein Führungsspieler, auch in Mönchengladbach. Ständig sucht der 28-Jährige das Gespräch mit seinen Mitspielern, gibt Kommandos und führt Regie.

Eingewöhnungszeit benötigte Raffael nicht, um das Herzstück der Borussen-Zentrale zu werden. Er stand in jedem Spiel von Beginn an auf dem Platz, ist mit neun Toren und vier Vorlagen sogar der zweitgefährlichste Scorer der Fohlen.

Das fehlende Puzzleteil

Raffael ist aber deutlich mehr als eine Scoring-Maschine. Er ist das Bindeglied im Spiel der Borussia, das im vergangenen Jahr fehlte und es nun einigen Spielern ermöglicht, sich viel intensiver auf ihren eigentlichen Wirkungsbereich konzentrieren zu können.

Granit Xhaka ist das wohl beste Beispiel. In der letzten Saison noch mit mäßig bis durchwachsenen Leistungen, blüht der Schweizer in dieser Spielzeit förmlich auf. In der Hinrunde spielte kein Bundesliga-Spieler mehr Pässe als der 21-Jährige.

Zu oft musste Xhaka 2012/2013 während der Partie in die Rolle des Achters oder Zehners schlüpfen, um den letzten Pass zu spielen oder selber den Torabschluss zu suchen. Seine ursprüngliche Rolle als Sechser blieb dabei zu oft auf der Strecke und machte Gladbach anfällig für schnelle Konter durch die Mitte. Ein Szenario, dass es in Lucien Favres System unter allen Umständen zu verhindern gilt.

Granit Xhakas Saison 2012/2013 und 2013/2014 im Opta-Vergleich

Raffael macht die Dinge einfach

2013/2014 erledigt Raffael diesen Job. Er holt sich die Bälle bei den Sechsern oder den Außenspielern ab, verteilt sie an die vorderste Reihe oder sucht selber den Weg zum Tor - Xhaka kann sich voll auf den Spielaufbau und seine Defensivaufgaben konzentrieren.

"Mit Raffael als ständig rotierende hängende Spitze, ist es für mich einfacher, eine Anspielstation zu finden", sagte Xhaka Mitte der Hinrunde. So hat er zum jetzigen Zeitpunkt bei einer vergleichbaren Minutenzahl schon fast 400 Pässe mehr gespielt, öfter getackelt und über 50 Prozent mehr Bälle des Gegners abgefangen.

Gleiches gilt für Christoph Kramer, der einen traumhaften Einstand in der Bundesliga feiert, Havard Nordtveit den Rang abgelaufen hat und dessen Defensiv-Werte denen Xhakas in nichts nachstehen.

Die defensive Kettenreaktion

Wenn sich die Sechser auf ihre Defensivaufgaben konzentrieren und den Großteil des Spielaufbaus übernehmen, profitiert natürlich auch die Abwehr. Stranzl, Dominguez, Jantschke und Co. müssen viel seltener in den Zweikampf gehen, als noch in der Vorsaison.

Auch ihre Pass-Quoten haben sich deutlich erhöht, weil mit Kramer oder Xhaka immer eine einfache Anspielstation zur Verfügung steht - einen Risiko-Pass durch das Mittelfeld müssen die Innerverteidiger fast nie spielen

Es ist nur logisch, dass auch ter Stegen Nutznießer der neuen Freiheit seiner Vorderleute ist. Musste er 2012/2013 noch zu 60 Prozent auf den langen Ball zurückgreifen, findet er in dieser Saison mit mehr als jedem zweiten Ball den einfach anspielbaren Mann vor seinem Sechzehner.

Treue Weggefährten

Raffael ist ein sehr gläubiger Mensch, richtet sein Leben seit fast vier Jahren nach der Lehre Jehovas aus - gemeinsam mit seiner Frau und seinen beiden Kindern. Eine Verbindung, die ihm nach eigener Aussage viel Stärke und Kraft verleiht.

Dass ihm dies aber nicht nur privat wichtig ist, beweist seine Enge Beziehung zu Coach Favre, dem Raffael nun schon zur insgesamt dritten Station folgte. Favre holte den talentierten Brasilianer einst zum FC Zürich und brachte ihn zu seinem Engagement bei Hertha BSC gleich mit.

Auch als Favre Gladbach übernommen hatte, geisterte der Name des 28-Jährigen immer wieder durch die Transfergerüchte rund um den Borussia Park - bis die Fohlen in diesem Sommer Vollzug meldeten. Beide wissen, was sie am anderen haben und hegen ein sehr inniges, respektvolles Verhältnis zueinander.

Arango: "Ein Riesen-Typ"

Es ist kaum verwunderlich, dass sich Raffael bei Mönchengladbach am besten mit Juan Arango versteht. Genau wie Gladbachs Nummer 11, gehört auch der Venezolaner zur eher stilleren und schüchternen Fraktion.

"Ein exzellenter Spieler, mit einer außergewöhnlichen Qualität, charismatisch und lustig", lobte Raffael seinen Mannschaftskollegen, mit dem er sich auch privat sehr gut versteht, gegenüber "Bild".

Beide ähneln sich auch in ihrem Verhalten nach dem Schlusspfiff. Selbstverständlich bedanken sie sich bei den Fans für die Unterstützung, das ausgiebige Feiern überlassen sie aber ihren Mitspielern und begeben sich zügig in die Kabine. Und wer genau beobachtet, sieht später dann wieder den anderen Raffael, der sich auf den Weg zu seinem Wagen macht.

Raffael im Steckbrief

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