Stuttgarts Trainer Thomas Schneider im Interview

"Tuchel und Streich sind Vorreiter"

Von Daniel Reimann
Dienstag, 15.10.2013 | 09:25 Uhr
Thomas Schneider trat beim VfB Stuttgart das Erbe von Bruno Labbadia an
© getty
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Thomas Schneider brachte den VfB Stuttgart wieder auf Kurs. In der Bundesliga sind die Schwaben unter dem neuen Coach noch unbesiegt. Schneider im Interview über die Vorzüge seiner Trainergeneration, seinen großen Traum mit dem VfB und Supertalent Timo Werner.

SPOX: Herr Schneider, Sie sind nun seit rund eineinhalb Monaten VfB-Coach. Mit welchen Gedanken erinnern Sie sich zurück an Ihr Debüt gegen HNK Rijeka?

Thomas Schneider: So ein Spiel wünscht man sich im Nachhinein natürlich nicht als Auftakt. Dass wir mit einem Gegentor in der Nachspielzeit aus der Europa League ausgeschieden sind, ist natürlich extrem bitter. Aber das kommt vor im Fußball. Ich habe mental damit abgeschlossen.

SPOX: Auch aus dem DFB-Pokal hat sich Stuttgart bereits verabschiedet, dadurch geht dem VfB eine Menge Geld durch die Lappen. Wie ist das als Trainer, wenn in einem Spiel nicht nur sportliche, sondern vor allem finanzielle Belange im Vordergrund stehen?

Schneider: Es ist einem schon bewusst, dass der Verein finanzielle Einbußen hinnehmen muss, wenn man ausscheidet. Daran kann ich aber nichts ändern. Aber es geht in erster Linie nicht nur um Geld. Ich will mich auch sportlich messen, sportliche Ziele erreichen. Am Ende steht immer ein Fußballspiel, das man gewinnen will. Auch aus dieser Perspektive war das Pokal-Aus sehr schmerzhaft.

SPOX: Die Erwartungshaltung in Stuttgart wirkt bisweilen überzogen. Wird sie denn dem Potenzial von Verein und Mannschaft überhaupt gerecht?

Schneider: Die Erwartungshaltung ist schon allein aus der Historie des Klubs berechtigt. Es gab nur zwei Mannschaften, die in den letzten 15 Jahren häufiger international vertreten waren als wir. Bayern und Leverkusen. Von daher sind die Ansprüche durchaus gerechtfertigt. Mit Blick auf all die Möglichkeiten, die uns in Stuttgart zu Verfügung stehen - Sponsoren, Zuschauer, Infrastruktur - muss der Anspruch einfach hoch sein. Ich erkenne das an, muss mich aber auf die aktuelle Situation konzentrieren. Oft muss man solche Dinge einfach versuchen auszublenden.

SPOX: Stört Sie die "Himmel-oder-Hölle"-Mentalität aus dem Umfeld manchmal?

Schneider: Fußball ist ein Spiel der Emotionen. Die Fans zahlen viel Geld, um ins Stadion zu kommen. Dass sie dann enttäuscht sind, wenn man verliert, ist völlig normal. Solche Emotionen muss man den Zuschauern zugestehen. Außerdem läuft das in den Medien genauso: Jeder einzelne Spieltag wird überzeichnet, da gibt es kaum Kontinuität.

SPOX: Wie steht es um Ihre Erwartungshaltung an sich selbst?

Schneider: Ich will der beste Trainer sein, der ich sein kann. Dafür muss ich am Limit arbeiten und das Beste für die Mannschaft rauszuholen. Das erfordert Denken in kleinen Schritten. Man muss konzeptorientiert arbeiten, der Fokus liegt auf der aktuellen Aufgabenbewältigung. Aber daneben gibt es auch eine langfristige Vision. Ich will mit Stuttgart eine positive Entwicklung nehmen. Wir wollen wieder international spielen, am liebsten Champions League. Das ist mein Traum, das motiviert mich.

SPOX: Hatten Sie denn das Ziel Profitrainer, als Sie 2011 B-Jugendtrainer beim VfB wurden?

Schneider: Ich hatte kein auf den VfB zugeschnittenes Ziel. Ich wollte den Einstieg in den Jugendbereich schaffen, um mich als Trainer auf einem Level weiterzuentwickeln, auf dem man auch Fehler machen und daraus lernen kann. Deshalb habe ich meinen Fußballlehrer gemacht. Infolgedessen gab es viele gute Angebote. Aber zu Stuttgart hatte ich immer eine besondere Verbindung. In dem Verein habe ich schon mein halbes Leben verbracht, zudem leistet der VfB eine exzellente Jugendarbeit. Es war für mich ein Privileg, auf solch einem Level einsteigen zu können.

SPOX: Bei Ihrer vorherigen Station lief der Einstieg deutlich kurioser. Erzählen Sie doch mal, wie Sie Trainer beim FC Dingolfing wurden.

Schneider: Ich lebte damals in Straubing, als meine Nachbarin fragte, ob ich nicht die A-Jugend des FC Dingolfing trainieren wolle, wo auch ihr Sohn spielte. Das war Junioren-Bayernliga, das hat vom Niveau damals genau gepasst. Es war genau das Richtige. Ich hatte viel Spaß und wir haben auch erfolgreich gearbeitet. Dass ich allerdings ausgerechnet dort gelandet bin, war schon kurios. Aber es war genau das, was ich machen wollte, nachdem ich meine Karriere beenden musste.

SPOX: Sie waren an Borreliose erkrankt und hatten eine lange Leidenszeit. Wie haben Sie diese Entwicklung damals wahrgenommen?

Schneider: Alles begann mit einem Zeckenbiss, der nicht erkannt wurde. Ich musste eine Antibiotika-Therapie machen und es wurde langsam besser. Aber es reichte einfach nicht mehr, um noch weiterhin Leistungssport zu betreiben und auf hohem Level Fußball zu spielen. Es war schon sehr traurig, die eigene Karriere wegen einer Verletzung beenden zu müssen. Doch man muss lernen, solche Dinge zu akzeptieren und dann entsprechende Konsequenzen ziehen.

SPOX: Wie sahen diese Konsequenzen aus?

Schneider: Ich wollte schnell einen neuen Weg gehen und habe den Einstieg ins Trainergeschäft angepeilt. Dafür habe ich nach meiner Karriere ein Sportmanagement-Studium absolviert. 2010 kam dann die Fußballlehrerlizenz dazu.

Seite 2: Schneider über "Vollblutstürmer" Werner und Verdienste von Tuchel & Co.

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