Vom Fliegen lernen

Von Stefan Rommel
Dienstag, 19.03.2013 | 20:50 Uhr
Tim Wiese wechselte im Sommer ablösefrei von Werder Bremen zu 1899 Hoffenheim
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Keine Gruppe innerhalb einer Mannschaft ist so intim und vertraut wie die der Torhüter mit ihren Trainern. Ist das Verhältnis gestört, kann dies komplette Mannschaften ins Wanken bringen. Ein Klub sieht darin aber auch eine große Chance.

Seinen ersten großen Auftritt hatte Rolf Herings an einem Septembertag vor fast 50 Jahren. Anlauf, Stemmschritt, Beschleunigung, alles passte perfekt. Auf über 82 Meter flog der Speer, der neue deutsche Rekord hielt danach immerhin sechs Jahre.

Fokus auf Individualität

Mit Fußball hatte Herings da noch gar nicht viel am Hut. Über Umwege fand er später zum 1. FC Köln und bekleidete da so ziemlich jeden Posten, sogar den des Cheftrainers. In Erinnerung aber - und das ist nicht minder bemerkenswert - bleibt der Top-Leichtathlet bis heute als Entdecker und Förderer einiger der besten deutschen Torhüter aller Zeiten.

Herings hatte schnell erkannt, dass sich hinter der letzten Instanz einer Fußballmannschaft mehr verbirgt als der Dreiklang aus Hechten, Fangen, Schießen. Früher wurde der schöne Begriff des Torwächters geprägt und er hat sich in seiner ganz eigenen Evolution bis zum vermaledeiten Torspieler entwickelt. Eine Bezeichnung, die den Protagonisten der Szene ein schlechtes Gefühl vermittelt. Obwohl die Jobbeschreibung für den heutigen Profifußball im Kern so stimmt.

Es hat sich einiges verändert in der jüngeren Vergangenheit, nicht erst seit Einführung der Rückpassregel vor über 20 Jahren. Der Wandel des Torhüterspiels hat auch zu einer neuen Herangehensweise in der Trainingsmethodik geführt. Das Problem von Verbänden, Vereinen und Trainern: Bei den Torhütern kommt es mehr als beim Rest einer Mannschaft auf die Individualität an.

Eher flache Hierarchien

Insofern ist es nicht überraschend, dass stringente Richtlinien in der Aus- und Weiterbildung fehlen. Dafür variieren die einzelnen Charaktere zu sehr, auf die man sich einlassen und einstellen muss. Das Feld der Torhüter bleibt ein sehr spezielles. Auch deshalb, weil die emotionale und Verbindung zwischen Trainer und Spieler noch enger geknüpft ist.

"Es gibt im Prinzip zwei Ebenen: die handwerkliche und die persönliche. Der Austausch untereinander ist das A und O. Da kann es auch schon mal krachen, das ist nicht das Problem. Aber man muss sich schonungslos alles sagen können, ohne dass der andere gleich eingeschnappt ist", sagt etwa Werder Bremens Torwarttrainer Michael Kraft.

"Nur so kann die Zusammenarbeit auch fruchtbar sein. Das unterscheidet die Beziehung zwischen Torhütern und ihren Trainern in dieser kleinen Gruppe von der des Cheftrainers mit den Feldspielern." Hier gibt es noch häufiger die alte Hackordnung vom Chef und seinen Angestellten. Dagegen funktioniert die Torhütergruppe hierarchisch eher flach und eher in einem abgeschotteten intimen Raum.

17 von 18 Torwarttrainern waren Profis

Kraft ist seit sieben Jahren im Verein, er hat mit Andreas Reinke, Tim Wiese und jetzt Sebastian Mielitz drei ziemlich verschiedene Typen von Torhütern trainiert. Sehr hilfreich ist ihm dabei seine eigene Karriere als Profi. "Es steht für mich fest, dass ein ehemaliger Profi-Torhüter leichter Zugang zu seinen Spielern findet. Er kann sich besser in die verschiedenen Situationen hineinversetzen, hat im Prinzip alles selbst schon mal erlebt", sagt Kraft, der 13 Jahre lang Profi war.

Es geht um Erfahrungswerte und auch um eine gewisse Reputation. Schließlich geht es nicht nur um ein Elftel der Mannschaft, es geht um mehr. "Wenn ich zum Beispiel Tim Wiese oder Andreas Reinke in der Videoanalyse einmal ihre Fehler aufgezeigt habe und das zunächst nicht eingesehen wurde, habe ich es eben noch einmal vorgespielt. Durch meine eigene Erfahrungen, die Spielaktion selbst schon erlebt zu haben, werden meine Kenntnisse auch angenommen", erzählt Kraft.

In der Bundesliga sind 17 der 18 Torwarttrainer ehemalige Profis. Lediglich Bayer Leverkusen geht seit dieser Saison einen anderen Weg. Dort war Rüdiger Vollborn anderthalb Jahrzehnte im Amt. Mit dem erst 28-jährigen David Thiel, der davor "nur" die A-Junioren trainiert hatte, setzt die Werkself auf einen No Name.

Wichtiger Punkt: Persönlichkeitsentwicklung

Ein echter Wettbewerbsnachteil muss das allerdings nicht zwingend sein. Fast alle Torhüter sind handwerklich top ausgebildet, im Profibereich dreht sich sehr viel um die Schlagworte Persönlichkeitsentwicklung und Stressresistenz. "Meine Torhüter sollen ihre Fehler selbst analysieren, erkennen und daran arbeiten. Das macht einen guten Lernprozess aus", sagt Freiburgs Andreas Kronenberg.

Deshalb wird vieles ausprobiert, unter anderem hat das Bewegungstraining Life Kinetik Einzug gehalten in viele Trainingspläne. Stuttgarts Sven Ulreich schwört auf zusätzliche Übungseinheiten beim benachbarten Turnverein, Rene Adler setzt sich autogenem Training auseinander. In den 80er und 90er und zu Beginn der Nullerjahre wurde noch sehr viel Wert auf Muskelmasse gelegt.

Überliefert ist eine Episode von Jean-Marie Pfaff vor einigen Jahren. Der habe seinen Bayern einen Besuch an der Säbenerstraße abgestattet und dabei verwundert festgestellt, dass besonders die Nachfahren von Oliver Kahn mehr Zeit im Kraftraum als aus dem Trainingsplatz verbringen würden. "Was stemmst du 30 Kilo? Nachher kannst du dich vor lauter Kraft nicht mehr geschmeidig bewegen", soll er einen der damaligen Ersatztorhüter angeraunzt haben.

Stuttgart erkennt Trademark

"Die Position des Torhüters ist diejenige, die sich im Fußball am meisten verändert hat", behauptet Andreas Köpke. Der Bundestorwarttrainer verfolgt den Wandel auf seiner Position jetzt seit über 30 Jahren. Und so wie in der kleinsten Zelle verändert und angepasst wird, sind einige Klubs dabei, unter Umständen neue Geschäftsfelder aufzubauen.

Der VfB Stuttgart hat vor zwei Jahren etwas überraschend den Wechsel von Eberhard Trautner hin zu Andreas Menger als Torwarttrainer für den Profibereich vollzogen. Trautner ist in Stuttgart Bad Cannstatt geboren, seit fast 30 Jahren im Verein. Er lebt und atmet den VfB wie kaum ein anderer. Und trotzdem wurde er auf den ersten Blick degradiert.

De facto gelang dem VfB aber mit dem Umbau der Torhütersparte eine seiner wenigen gelungenen Rochaden in der letzten Zeit. Trautner ist seitdem Torhüterkoordinator im Jugendbereich. Was sich recht unspektakulär anhört, ist ein enorm wichtiger Mosaikstein im Hinblick auf die nachhaltige Produktion von Spitzen-Torhütern für den Profibereich.

"Schlaue Idee"

In Stuttgart kümmert sich bis runter zur U 15 je ein Trainer nur um die Torhüter eines Jahrgangs. "Das kostet eben auch eine Menge Geld. Aber Stuttgart hat den schwierigen Übergangsbereich von der Jugend zu den Profis mit Ebbo Trautner als Leiter besetzt. Er weiß nach über 20 Jahren bei den Profis ganz genau, was oben benötigt wird und gibt das so in die Jugendteams weiter. Die Idee, ihn neben Andreas Menger in den Nachwuchs-Torhüterbereich zu installieren, war sehr schlau. Wir bei Werder haben auch reagiert und ein Konzept für den Torhüterbereich aufgestellt", befindet Kraft aus der Ferne.

Nicht umsonst ist der VfB mit den Eigengewächsen Sven Ulreich (Profis), Andre Weis (U 23) und U-19-Nationaltorhüter Odisseas Vlachodimos stark aufgestellt. Dazu kommt ab der kommenden Saison in Thorsten Kirschbaum von Energie Cottbus einer der talentiertesten Keeper der 2. Liga. Und im Verborgenen schleift Menger seit ein paar Wochen den Serben Rastko Suljagic, mittlerweile 18 Jahre jung und einer der begehrtesten Nachwuchstorhüter Europas. Der VfB soll Anlaufpunkt Nummer eins für den talentierten Nachwuchs werden.

Der große Aufwand soll sich in naher Zukunft schon wieder lohnen. Entweder in Form eines neuen Konkurrenten für Stammkeeper Ulreich bei den Profis. Oder aber monetärer Art, wie zuletzt beim Verkauf von Bernd Leno an Bayer Leverkusen.

Neuer setzte Tapalovic durch

Wie stark die Personalie des Torwarttrainers auf einen ganzen Klub abfärben kann, haben die Wechsel der beiden Spitzenkräfte Manuel Neuer und Tim Wiese gezeigt. Neuer kam vor anderthalb Jahren zum FC Bayern und brachte seinen eigenen Torwarttrainer mit.

Der damals erst 30-jährige Toni Tapalovic musste sich seine Absolution bei Cheftrainer Jupp Heynckes abholen, ehe er Walther Junghans verdrängen durfte. Neuer bestand auf den Transfer seines langjährigen Kumpels.

"Ich habe Rücksprache mit Manuel Neuer gehalten. Ich möchte natürlich, dass ein Torhüter seiner Klasse mit seiner Persönlichkeit eigene Argumente bezüglich des Torwarttrainers vorbringt. Wenn Manuel zu mir sagt, er muss sich in einigen Bereichen noch verbessern und das kann er nur mit Toni Tapalovic, dann finde ich das richtig klasse", sagte Heynckes damals im Gespräch mit SPOX.

Damit setzte sich die enorme Fluktuation beim Rekordmeister fort. In den letzten sechs Jahren beschäftigten die Bayern mit Sepp Maier, Bernd Dreher, Junghans und Frans Hoek im Trainerteam der Torhüter, bis Tapalovic kam. Ohne große Reputation, aber mit dem Fürsprecher Neuer im Rücken.

Der anfängliche Argwohn gegenüber Tapalovic hat sich schnell gelegt. Inwieweit Neuer in den fast zwei Jahren in München bis heute aber weiterentwickelt hat, ist gerade angesichts dieser bislang wenig repräsentativen Saison schwer zu beurteilen.

Wiese und Hoffenheim: Versäumnisse im Vorfeld?

Zwischen Tim Wiese und Zsolt Petry habe es in Hoffenheim quasi vom ersten Tag an nicht so richtig funktioniert. Wiese hat in Kaiserslautern unter Gerry Ehrmann und dann danach in Bremen unter Michael Kraft seinen ganz eigenen Stil entwickelt. Dass ihm nach elf Jahren im Geschäft und über 300 Profispielen eine neue Philosophie übergestülpt werden sollte, führte schnell zu Konflikten.

"Die Frage ist immer: Inwieweit verbiege ich einen Torhüter, der davor jahrelang andere Schwerpunkte gesetzt hat und ein bestimmter Typ Torhüter ist? Und will ich das überhaupt?", fragt Kraft. Hier sind Flexibilität und Einfühlungsvermögen gefragt, um einen vernünftigen Konsens zu finden.

"Als ich bei Werder mit Andreas Reinke trainiert habe, musste ich meine Vorstellungen von Torwarttraining auf ihn anpassen. Reinke war schon 36, kein Sprungkraft-Torhüter. Er mochte eher das Torschusstraining statt über Hürden oder Stangen zu fliegen. Wichtig war, dass er in den Meisterschaftsspielen sehr gut funktioniert hat", sagt Kraft.

Warum sich Hoffenheims Verantwortliche nicht mal in Bremen gemeldet und ein paar wichtige Dinge abgeklopft hätten, bleibt eine unbeantwortete Frage in der Causa Wiese. Sehr wahrscheinlich hätten sich viele Missverständnisse so schon im Vorfeld regeln lassen.

"Wenn ich als Verein einen Torwart verpflichte, dann habe ich mich vorher erkundigt, wie er trainiert, wie er mit Kritik umgeht, wie er ‚tickt'. Da sehe ich generell noch viel Handlungsspielraum unter den Torwart-Kollegen, sich gegenseitig mit wichtigen Informationen auszutauschen", so Kraft.

Ihm war übrigens das Glück beschieden, auch unter dem legendären Rolf Herings trainieren und spielen zu dürfen. Zusammen mit Größen wie Ehrmann, Toni Schumacher oder Bodo Illgner.

"Rolf Herings hat als erster die Elemente aus dem realen Fußballspiel vereint mit Techniken, die er aus der Leichtathletik kannte und diese dann ins Training übernommen", erinnert sich Kraft und widerspricht damit der allgemeinen Verlautbarung, Sepp Maier wäre der erste Torwarttrainer der Republik gewesen. "Das war damals neu und damit war er der Erste seiner Art. Er war ein Pionier."

Das ist Tim Wiese

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