"Die dachten, ich will nur Verbrecher jagen"

Von Interview: Haruka Gruber
Dienstag, 21.08.2012 | 14:33 Uhr
Mergim Mavraj (r.) ist seit diesem Sommer Kapitän der SpVgg Greuther Fürth
© Imago
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Sein Leben bereitete ihn auf die Bundesliga vor. Und auf die neue Rolle als Kapitän. Vor dem Bundesliga-Auftakt gegen den FC Bayern (Sa., 15.15 Uhr im LIVE-TICKER) spricht Greuther Fürths Spielführer Mergim Mavraj über seine Vergangenheit als Polizist, das Pokal-Aus und die wahre Stärke des Aufsteigers.

SPOX: In einer geheimen Spielerwahl wurden Sie vor dem Saisonstart zum neuen Kapitän ernannt. Eine heikle Angelegenheit, zeigte sich doch Ihr Vorgänger Thomas Kleine, mit dem Sie die Fürther Innenverteidigung bilden, enttäuscht über den Verlust des Amtes. Überwog bei Ihnen die Freude - oder angesichts der Umstände die Unsicherheit?

Mergim Mavraj: Es kam total überraschend für mich. Die Wahl wurde relativ spontan angesetzt zwischen zwei Trainingseinheiten und ich dachte nicht im Entferntesten daran, dass ich der Kapitän werden könnte. Ich bin nicht so lange im Fürth, als ob ich einen Anspruch darauf hätte. Umso schöner ist es zu wissen, dass die Mannschaft derart hinter einem steht. Aber die Grundsituation war natürlich unangenehm für uns beide. Ich schätze Thomas sportlich und menschlich sehr. Er ist jemand, zu dem ich hochblicke. Dass er enttäuscht und traurig ist, verstehe ich vollkommen. Trotzdem hat er sich riesig verhalten und steht loyal zu mir. Wir setzten uns sofort unter vier Augen zusammen und sprachen über die seltsame Lage, an der wir beide ja nichts können. Es bleibt definitiv nichts hängen und wir werden weiter so unbeschwert und verständnisvoll miteinander umgehen wie letztes Jahr. Für den Aufstieg war unsere Harmonie in der Innenverteidigung sehr wichtig.

SPOX: Wissen Sie, warum Sie so viele Stimmen bekamen?

Mavraj: Vielleicht liegt es daran, dass ich mit meinen 26 Jahren genau in der Mitte zwischen zwei Welten stehe: Hier die jüngere Generation, von denen ich nicht so weit weg bin. Und dort die ältere Generation, in die ich mich nach den Erfahrungen der letzten Jahre zunehmend besser hineinversetzen kann.

SPOX: Eine wichtige Rolle wird Ihr Charakter gespielt haben. Sie sagen von sich, dass Sie bei aller Lockerheit einen "ausgeprägten Drang nach Regeln" verspüren.

Mavraj: Das kann sein. Mir war es wichtig, dass ich vom ersten Tag an für keine Eskapaden verantwortlich bin und nicht nur auf dem Platz Leistung bringe, sondern auch außerhalb des Platzes nach den Regeln lebe, die ich von jedem anderen erwarte. Ohne je an die Kapitänsbinde gedacht zu haben, wollte ich den anderen das Gefühl geben, dass auf mich Verlass ist, wenn es hart auf hart kommt. Ich lebe schon mein Leben lang nach Regeln, das steckt in mir.

SPOX: Ein Vorurteil in Deutschland lautet, dass viele in Deutschland aufgewachsene Fußballer mit Migrationshintergrund undiszipliniert wären. Fühlten Sie sich in der Jugend anders?

Mavraj: Irgendwie ja. Natürlich gab es wie bei jedem Jugendlichen Phasen, in der es einem nicht besonders gut ging, allerdings spürte ich immer, dass die Basis in mir stimmt. Und wenn ich über mich nachdenke, warum das wohl so ist, komme ich jedes Mal zurück zur Erziehung. Mein Vater hatte in Albanien Maschinenbau studiert, aber weil er es sich nicht mehr leisten konnte, wanderte er nach Deutschland aus und war normaler Fabrikarbeiter. Er nahm einen Schritt nach dem nächsten, um uns ein besseres Leben zu ermöglichen. Dafür bin ich ihm unendlich dankbar - und um meinen Eltern den Respekt entgegenzubringen, stelle ich mir bei jeder Entscheidung die Frage: "Was würden mein Vater und meine Mutter von mir erwarten?" Natürlich machte ich Fehler, doch diese Denke bewahrte mich davor, die völlig blöden Fehler zu begehen.

SPOX: Um zu illustrieren, wie Sie ticken: Als Sie 16 waren, bemühten Sie sich selbst um ein Praktikum bei der Polizei.

Mavraj: Ich habe einen Hang zu Autoritäten sowie Recht und Ordnung. Das gefiel mir. Deswegen verfolgte ich als Kind nie den Traum, Fußball-Profi zu werden, stattdessen dachte ich an eine Karriere bei der Polizei. Ein Polizist übernimmt Verantwortung und trifft in schwierigen Zeiten Entscheidungen, obwohl es manchmal eine undankbare Rolle ist. Ich finde, dass das ein erfüllender Job ist. Daher überlegte ich mir in der 10. Klasse, wie mein beruflicher Weg aussehen könnte und wollte direkt sehen, wie es mir gefällt.

SPOX: Und dann ging eines der größten hessischen Fußball-Talente zur Wache und fragt?

Mavraj: Genau. Ich ging auf die Wache in Seligenstadt, wo ich aufwuchs, und fragte einfach. Sie sagten, dass sie leider keine Praktika vergeben würden, ich mich dafür in Mühlheim bewerben könnte. Also bin ich weiter nach Mühlheim, wo die Polizisten etwas skeptisch waren. Die dachten, dass ich es nicht ernst meine und ich nur mit der Pistole Verbrecher jagen will. Ich konnte sie überzeugen und durfte vier Wochen bleiben. Anfangs saß ich im Büro und schaute über die Schulter, wenn Beschwerden eingereicht oder die Personalien von Betrunkenen und Kaufhausdieben aufgenommen wurden. Am Ende durfte ich sogar bei der Streife mitfahren.

SPOX: Warum sind Sie jetzt Bundesliga-Profi und kein Polizist?

Mavraj: Ich hatte wirklich überlegt, mit dem Fach-Abitur von der Schule zu gehen und mich für eine Polizei-Ausbildung zu bewerben. Wobei mir schnell klar wurde, dass ich ganz mit dem Fußball aufhören müsste, weil die Arbeits- und Trainingszeiten nicht vereinbar sind. Deswegen setzte ich auf die Karte Fußball und machte parallel das richtige Abitur. Wenn es nicht mit dem Fußball geklappt hätte, wäre die Polizei nicht irgendeine, sondern DIE Alternative gewesen. Mich hätte es gereizt, am Anfang die Drecksarbeit und den Papierkram zu erledigen und mich langsam hochzuarbeiten.

SPOX: Sie lebten mit Ihrer Familie lange in einem Problemviertel. Die Gefahr, dass Sie im kriminellen Milieu landen, bestand nicht?

Mavraj: Die Gefahr gibt es immer. Meine Eltern waren sehr dahinter, dass ich eine gute Ausbildung genieße und ich von den Cliquen weggehalten werde. Damit ich mit ihnen nicht weiter in Berührung komme, sind wir irgendwann woanders hingezogen. Wobei das nichts bringt. Wenn jemand für solche Dinge empfänglich ist, sucht man den Umgang, egal wie entfernt man wohnt. Ich hingegen hatte nie Interesse an diesen Leuten. Man teilte das gemeinsame Interesse für Fußball, weil alle Jungs aus diesen Vierteln darauf hoffen, als Profi groß rauszukommen. Darüberhinaus gab es keine Gemeinsamkeiten.

SPOX: Wurden Sie seltsam angeschaut, dass Sie freiwillig zur Polizei wollten?

Mavraj: Das sorgte für Gelächter. Von wegen: Ein Albaner bei der Polizei? Normal wird man vom Typen in der Uniform abgeführt, jetzt hängt man mit dem Typen in der Uniform ab. Gleichzeitig spürte ich, dass ich dafür respektiert wurde, meinen Weg zu gehen.

Interview-Teil II: Mergim Mavraj über das Pokal-Aus und den Schlüssel gegen die Bayern

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