Geschmacklos und am Ziel vorbei

Von Florian Bogner
Sonntag, 03.04.2011 | 23:00 Uhr
Präsident Uli Hoeneß wurde von den Bayern-Fans als Teufel mit "60 München" auf der Brust karikiert
© Imago
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Die Protestaktion der Bayern-Fans trifft Uli Hoeneß und seinen Verein ins Mark. Dass ihn die eigenen Anhänger als Lügner beschimpfen, hat der Bayern-Präsident nicht verdient - er wird sich aber damit auseinandersetzen müssen. Ein Kommentar von Florian Bogner.

KOMMENTAR Protestaktionen von Fans gehören mittlerweile zum Alltag der Bundesliga. Plakate und Spruchbänder sind gern gewählte Mittel, wenn man seiner Meinung Ausdruck verleihen will. Meistens wird bei diesen Aktionen die gegnerische Mannschaft verhöhnt. Oder der Erzrivale.

Die Bayern-Fans, die den Protest beim Bundesliga-Spiel gegen Mönchengladbach organisiert hatten, hielten sich auch zum Großteil daran und verliehen ihrer Missachtung gegenüber dem TSV 1860 München mit einem veränderten Logo des Erzrivalen ("1859") samt Fadenkreuz Ausdruck.

Fans überschreiten Grenzen

Ein eben solches Fadenkreuz hatten Dortmunder Fans einst auf das Konterfei von Dietmar Hopp gesetzt, was eine Debatte auslöste: Wird hier ein Mensch "nur" verunglimpft oder ist ein Fadenkreuz sogar ein offener Aufruf zur Gewalt? Im Prinzip ist beides zu verurteilen.

BLOG The Big Boss fails

Die Bayern-Fans haben mit dem Fadenkreuz und dem geschmacklosen Spruch "Blaue Schweine schlachtet man" am Samstag aber nicht nur diese eine Grenze überschritten.

In der konzertierten Aktion wendete sich darüber hinaus ein Teil der Südkurve von Mannschaft und Vorstand ab und nahm vor allem den eigenen Präsidenten ins Visier - indem sie Uli Hoeneß als Teufel karikierten, in ein 1860-Gewand steckten sowie als Lügner beleidigten.

Uli Hoeneß hat das nicht verdient

Auch das ging entschieden zu weit. Ein Mann, der seit 40 Jahren vor allem dafür steht, dass er niemandem Honig ums Maul schmiert, sondern sagt, was er denkt, nennt man nicht einfach einen Lügner. Obendrein nicht, wenn man sich selbst Fan des FC Bayern München nennt - denn Hoeneß ist der FC Bayern bzw. das, was die Protestler als FC Bayern kennen.

Seit Hoeneß den Managerposten bei den Münchnern übernahm, ist der Umsatz von zwölf Millionen Mark (1978) um das 52-fache auf 312 Millionen Euro (2010) gestiegen. Mit Hoeneß als Spieler, Manager und Präsident ist der FCB 20-mal deutscher Meister sowie 11-mal DFB-Pokalsieger geworden und heimste sieben internationale Titel ein.

Kurzum: Uli Hoeneß hat es aufgrund seiner Verdienste für sein Lebenswerk FCB nicht verdient, im eigenen Haus (Allianz Arena) von einer nörgelnden Meute derart bepöbelt zu werden. Was wäre der FC Bayern ohne seinen wichtigsten Mann, der selbst als Präsident noch alle Fäden in den Händen hält?

Was wollen die Protestler bewirken?

Zwangsläufig muss man die Initiatoren fragen, was sie mit dieser Aktion eigentlich bezwecken wollen. Wenn die Fans damit nur oberflächlich dagegen protestieren wollten, dass Hoeneß den Arena-Mieter 1860 München finanziell Hilfestellung gibt, ist das engstirnig und moralisch verwerflich.

Schließlich geht es beim Rivalen um berufliche Existenzen über das Fußballteam hinaus.

Und so charmant es wirkt: Der FC Bayern schenkt 1860 München mit Sicherheit nichts freiwillig, sondern hat auch den eigenen finanziellen Verlust vor Augen, den ein Zwangsabstieg der Löwen und der damit verbundene Arena-Ausstieg nach sich ziehen würde.

Schockerlebnis muss Reaktion folgen lassen

Oder wollen sie Uli Hoeneß vielleicht sogar zum Rücktritt bewegen, weil sie sein Führungsstil mittlerweile stört? Wenn nein, schaden sie so nur dem Verein, der in der Außendarstellung nicht gut wegkommt.

Das "Schockerlebnis", wie es Sportdirektor Christian Nerlinger nannte, muss nun aber auch die Vereinsgremien beschäftigen und Taten nach sich ziehen. Meuterei oder gar Zerrüttung innerhalb der eigenen Fanszene kann sich der Rekordmeister schlichtweg nicht leisten.

Angesichts der Vorfälle beim Spiel gegen Gladbach liest sich eine Pressemitteilung des FC Bayern vom 14. März nämlich wie Hohn.

Man habe mit Vertretern der Fans "ausführlich diskutiert und die verschiedenen Sichtweisen dargelegt", hieß es in dem Schreiben.

Höchste Zeit für Dialog

"Als Ergebnis des Gesprächs wird festgehalten, dass beide Seiten vertrauensvoll und partnerschaftlich zum Wohle des FC Bayern München zusammenarbeiten und der Dialog zwischen den Fans und dem Klub fortgesetzt wird", stand dort weiter.

Unterzeichnet war das Dokument mit "der Vorstand". Wer genau von Bayern-Seite an diesem Treffen teilnahm, wurde jedoch nicht genannt, ebenso wenig, wer zu den "Vertretern der Fans" gehörte.

Die Protestaktion am Samstag verdeutlicht jedoch, dass es zwischen Verein und jenen Fans, die wirklich ein großes Problem mit Hoeneß und dem Vorstand haben, offensichtlich noch nicht zu Gesprächen kam. Es wäre höchste Zeit.

Der 28. Spieltag der Bundesliga im Überblick

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