Die Gründe für die "verrückte" Bundesliga

Die fantastischen 4x4

Von Haruka Gruber / Stefan Moser
Dienstag, 21.09.2010 | 15:03 Uhr
Zwei Erfolgstrainer der jungen Saison: Thomas Tuchel (l.) und Jürgen Klopp
© Imago
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Was genau macht Mainz, Hoffenheim, Dortmund und Freiburg so erfolgreich? Es geht um organisches Wachstum, Felix Magaths Spezialgebiet und ein Modewort. Vor Hoffenheims Topspiel gegen den FC Bayern und der Mainzer Partie gegen Köln (19.45 Uhr im LIVE-TICKER) gibt's die Analyse der vier Erfolgsteams - und ihre vier Gemeinsamkeiten.

Fehlenden Weitblick lässt sich Louis van Gaal nicht vorwerfen. Sein Gespür für Talente ist herausragend, aber auch in der Trainingssteuerung macht ihn kaum jemand etwas vor.

Als er dementsprechend Anfang August verkündete, dass die WM-Fahrer des FC Bayern weitere sechs Wochen brauchen würden, um körperlich wieder in Form zu kommen, musste genau das erwartet werden: Dass die Spieler frühestens Mitte September voll einsatzfähig sind.

Der wohl wichtigste Erklärungsansatz für den durchwachsenen Saisonstart des FC Bayern und von einigen anderen Topmannschaften, deren Stars sich nach wie vor im WM-Loch befinden.

Stattdessen thronen mit Mainz, Hoffenheim und Freiburg drei Teams an der Tabellenspitze, die keiner so weit oben erwartet hatte. Auf Rang drei liegt Dortmund, das zwar eine gute Platzierung zugetraut, vor der Saison jedoch als nicht stärker eingestuft wurde als etwa Revierrivale Schalke.

Doch was genau ist der Schlüssel für den starken Start der vier Vereine? Es gibt vier Gemeinsamkeiten.

Gemeinsamkeit 1: Der Faktor "Kontinuität"

Van Gaal deutete bereits früh an, wie nachteilig sich die kurze und zerstückelte Vorbereitung auf seine Mannschaft auswirkt. Ähnliche Probleme sah beispielsweise auch Bremen auf sich zukommen, das insgesamt drei Vorbereitungslager ansetzte, um auf diese ungewöhnliche Weise die Neuzugänge und die WM-Rückkehrer schrittweise einzugliedern.

Wegen der späten Transfers neuer Leistungsträger hatten auch Stuttgart (Camoranesi), Wolfsburg (Diego) und vor allem Schalke (Huntelaar, Jurado, Plestan) wenig Zeit, um sich einzuspielen und neue taktische Varianten einzustudieren.

Das Gegenteil bei Mainz, Hoffenheim, Dortmund und Freiburg: Die Stammformationen blieben weitgehend bestehen und die Verpflichtungen wurden in den meisten Fällen bereits früh getätigt, damit ein optimaler Integrationsprozess gewährleistet ist.

Das Paradebeispiel ist Hoffenheim: Die erste Elf setzt sich aus neun Spielern aus der Vorsaison und lediglich zwei Zugängen (Starke, Mlapa) zusammen. Rudy und Sigurdsson, die für zusammen zehn Millionen Euro gekauft wurden, aber erst kurz vor dem Ende der Transferfrist zur Mannschaft stießen, werden hingegen bewusst langsam herangeführt.

"Unser Vorteil ist, dass wir eine eingespielte, organisch gewachsene Mannschaft haben", erklärt Trainer Ralf Rangnick. Ähnlich gehen Freiburg und Dortmund vor.

Mainz hingegen verpflichtete auch wegen des überraschenden Bance-Weggangs einen Großteil seiner Neuzugänge ähnlich spät wie Schalke, da diese jedoch fast ausschließlich Offensivspieler waren, konnte Trainer Tuchel zumindest mit den Abwehrspielern und den für sein System so wichtigen defensiven Mittelfeldspielern über fast die komplette Vorbereitung hinweg neue taktische Varianten einüben (wie etwa das aktuelle 4-3-1-2), was sich nun auszahlt.

Gemeinsamkeit 2: Der Faktor "Kondition"

Zwei Schlagzeilen aus der Sommerpause: "Klopp lässt so hart trainieren wie noch nie", hieß es in der "Sport-Bild". Und Rangnick ließ verlauten: "Wir wollen zur fittesten Mannschaft der Bundesliga werden." Zwar betonten beide Trainer daraufhin, dass ihr Training nicht ausschließlich aus Konditionbolzen bestehen würde - aber doch ist offensichtlich, welche Bedeutung Dortmund und Hoffenheim auf den Fitness-Aspekt gelegt haben: Beide Mannschaften lassen den wohl laufintensivsten Fußball der Bundesliga spielen.

Und es ist wohl kein Zufall, dass Mainz acht der zehn Saisontreffer in der zweiten Halbzeit erzielte und Freiburg genau wie dem FSV bereits zwei Comeback-Siege gelungen sind.

Hier zeigt sich erneut der Vorteil des Spitzenquartetts, nur wenige Spieler für die WM abgestellt zu haben, so dass nahezu die komplette Mannschaft nicht nur fußballerisch, sondern auch konditionell an den Grundlagen arbeiten konnte. Mainz (Zabavnik) und Freiburg (Yano) hatten jeweils nur einen WM-Fahrer, Dortmund zwei (Barrios, Subotic), Hoffenheim drei (Vorsah, Tagoe, Obasi).

Gemeinsamkeit 3: Der Faktor "Individuelle Qualität"

Die Stars der Bundesliga heißen Raul, Ribery, Diego und Camoranesi - die überragenden Spieler des Saisonstarts hören jedoch auf die Namen Schürrle (Mainz), Vorsah (Hoffenheim), Kagawa (Dortmund) oder Cisse (Freiburg), der in der vergangenen Rückrunde bereits einer der Garanten für den SC-Klassenerhalt war und dieses Jahr mit vier Treffern die Torschützenliste anführt.

Kontinuität und Kondition waren unerlässlich für den überzeugenden Saisonstart der vier Teams, doch ohne die erwähnten Einzelspieler würde keine der Mannschaften so weit oben rangieren. Dabei ist etwa die Explosion eines Kagawa selbst für Klopp unerklärlich.

Der Japaner musste den Sommer als Spieler auf Abruf mit der Nationalmannschaft in Südafrika verbringen, obwohl er nicht nominiert war, und verpasste so einen Teil der Vorbereitung.

Anders als Schalkes Uchida jedoch scheint Kagawa mit der schwierigen Umstellung nach Deutschland keine Probleme zu haben und wirkt spritzig und energiegeladen. Auch ein Qualitätsmerkmal. "Dass Kagawa ein richtig guter Fußballer ist, wussten wir. Dass die Umstellung so schnell geht, wussten wir nicht", sagt Klopp.

Dass der in der Vorbereitung noch angeschlagene Schürrle (Schambeinverletzung) und Vorsah nach mehreren Verletzungen vor und während der WM derartig durchstarten, war ebenfalls nicht zu erwarten - und spricht für den Formaufbau der Trainer.

Blog von Taktiker: Mainzer Höhenflug - Kontern war gestern

Gemeinsamkeit 4: Der Faktor "Transferpolitik"

Philosophie ist das Fußball-Modewort der letzten zehn Jahre. Viele benutzen es, nur wenige halten sich aber auch strikt daran. Zu den Wenigen zählen Mainz, Hoffenheim, Dortmund und Freiburg, das seit über einem Jahrzehnt demonstriert, wie ein Verein ein geringes Transferbudget mit Geduld und Knowhow kompensieren kann.

Mainz hat vor einiger Zeit das Ziel vorgegeben, zur ersten Adresse für deutsche Nachwuchsfußballer zu werden und hält sich an das Dogma. Mittlerweile ist die Dichte an Talenten so groß, dass selbst ein U-21-Innenverteidiger wie Bell verliehen werden musste, um ihm Spielpraxis zu verschaffen.

Die Neuzugänge Holtby und Risse passen perfekt ins Profil, ergänzt werden sie mit Nachwuchsspielern aus der eigenen Jugend (Kirchhoff, Gopko) und dem Ausland (Szalai). Hinzu kommen die Neuzugänge zwischen 24 und 26 Jahre, die trotz ihres jungen Alters für eine gewisse Routine stehen (Fuchs, Fathi, Rasmussen, Allagui, Caligiuri). Die Transferpolitik ist stimmig und macht sich bezahlt.

Dass bei Dortmund mit Lewandowski ausgerechnet der mit Abstand teuerste Transfer bisher enttäuschte, ist nicht repräsentativ. Vom Polen abgesehen verpflichtete der BVB ob der knappen Kassen bewusst nur preisgünstige Spieler, die eine Wertsteigerung versprechen (Kagawa) oder eine sinnvolle Ergänzung für die Stammelf darstellen (Pisczczek, da Silva).

Zur Politik der Nachhaltigkeit kehrte auch Hoffenheim zurück, das sich nach einigen Millionen-Flops auf die Philosophie vergangener Jahre rückbesinnt: 1899 konzentriert sich auf Spieler, die jung sind, die deutsche Staatsbürgerschaft besitzen oder der deutschen Sprache mächtig sind.

Daher verwundert die problemlose Integration von Mlapa kaum, in den nächsten Wochen sind außerdem Rudy und der zumindest englisch sprechende Sigurdsson ebenfalls als Kandidaten für die Stammelf eingeplant. Am besten wird die umsichte Transferpolitik jedoch durch die Besetzung der Torhüter-Position dokumentiert: Statt des unbeliebten Hildebrand steht nun der grundsolide Starke im Kasten - und trägt mit seiner ausgeglichenen Art zur Beruhigung bei.

Hoffenheim vs. FC Bayern: Klassiker light

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