Mario Gomez im Interview

"Ich habe mich selbst runtergezogen"

Von Interview: Thomas Gaber / Florian Bogner
Montag, 10.05.2010 | 16:41 Uhr
Mario Gomez kam in dieser Saison in 44 Pflichtspielen zum Einsatz
© Getty
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Mario Gomez erlebt eine durchwachsene erste Saison beim FC Bayern München. Im Interview mit SPOX spricht er über Triple-Chancen, Selbstzweifel, die Kritik von Mehmet Scholl an seiner Körpersprache und Samuel Eto'o als Linksverteidiger.

SPOX: Mario Gomez, Sie sind nun schon zum zweiten Mal deutscher Meister geworden. Was war diesmal anders als 2007 in Stuttgart?

Mario Gomez: Vieles war anders, aber manches auch gleich. Die Stimmung in der Kabine ist nach einem Titel immer gleich schön. Allerdings ist beim FC Bayern mehr Routine dabei, wenn man Meister wird. Titel sind hier Pflicht und fast schon normal. In Stuttgart war es damals die pure Überraschung. Wer mal erlebt hat, wie schön es ist, Titel zu gewinnen, will mehr davon. Und die Möglichkeit ist hier sehr groß.

SPOX: Der erste Titel wurde ja schon ordentlich gefeiert.

Gomez: Gott sei Dank spielen wir jetzt wieder im Wochenrhythmus. Da kann man es sich leisten, ein bisschen zu feiern. Das gehört zu einem Titelgewinn dazu. Wir haben eine Woche Zeit, um uns aufs DFB-Pokalfinale vorzubereiten. Wir sind sehr konzentriert. Die Chance aufs Triple hat vielleicht alle fünf Jahre mal eine Mannschaft in Europa.

SPOX: Haben Sie das Champions-League-Finale in Madrid schon im Hinterkopf?

Gomez: Klar. Nach dem Halbfinale in Lyon waren natürlich die Gedanken da: Wow, jetzt fahren wir nach Madrid! Wer hätte das vor einem halben Jahr gedacht? Es wird alles in allem aber nur großartig, wenn wir gewinnen. Denn es gibt nichts Bittereres, als kurz vor dem großen Traum zu scheitern. Ich will danach nicht sagen müssen, wir haben unsere Chance verpasst. Das könnten wir uns nicht verzeihen.

SPOX: Sie kommen derzeit kaum zum Einsatz. Wie erklärt Ihnen Louis van Gaal, dass sie momentan nur zweite Wahl sind?

Gomez: Er muss mir das nicht erklären. Ich sehe es ja Woche für Woche. Ivica Olic hat in der Zeit, in der ich verletzt war, sehr wichtige Tore gemacht. Ich bin nicht blind oder blöd und fordere jetzt, dass ich spielen muss. Ivica hat es verdient zu spielen. Ich versuche trotzdem, den Platz zurück zu erkämpfen.

SPOX: Woran richten Sie sich auf?

Gomez: Ich war in der Hinrunde schon mal weg, habe mich dann aber zurück gekämpft und die Wende mit eingeleitet. Durch die Verletzung bin ich wieder aus der Mannschaft geflogen. Klar habe ich gehofft, dass ich wieder ins Team rutsche, wenn ich gesund bin. Aber wenn der Stürmer, der für mich spielt, in der Zwischenzeit wichtige Tore macht, dann muss ich das respektvoll anerkennen. Diese Phase ist nicht einfach für mich. Trotzdem werde ich mich jetzt nicht hängen lassen.

SPOX: Sie sagten kürzlich: "Einen geduldigen Ersatzspieler gibt es nicht."

Gomez: Es ist schwierig für mich, die Situation richtig einzuordnen. Ich dachte, ich spiele nach meiner Verletzung wieder. Aber die Umstände waren anders. Ich muss den Kopf hoch nehmen, Gas geben, mich anbieten. Und dann hoffe ich, dass der Trainer bald wieder auf mich setzt.

SPOX: Zuletzt wurde Miroslav Klose sogar wieder vor Ihnen eingewechselt.

Gomez: Der Trainer handhabt das so, dass ich für Olic eingewechselt werde und Miro für Thomas Müller. In letzter Zeit hat er eben Thomas öfter ausgewechselt. Das ist positionsabhängig. Miro spielt wie Thomas ein bisschen zurückgezogen.

SPOX: Als Sie im Halbfinal-Hinspiel gegen Lyon eine Chance vergaben, hatte man das Gefühl, dass Sie danach sehr mit sich selbst gehadert haben. Sind Sie manchmal ein Zweifler?

Gomez: Gegen Lyon hatte ich kurz nach meiner Einwechslung eine gute Chance. Ich habe in Rückenlage aufs Tor geköpft und konnte den Ball nicht richtig drücken, es wäre ja das 1:0 für uns gewesen. Ich habe mich geärgert und damit selbst runtergezogen. Das darf nicht sein.

SPOX: Sie wirken mitunter verkrampft.

Gomez: Als Stürmer, der es gewohnt ist, viele Tore zu machen, bin ich zu ungeduldig. Normalerweise weiß ich: Wenn ich zwei Chancen nicht mache, kommt auch noch die dritte. Aber als Ersatzspieler ist das anders, weil die Zeit nicht da ist. Ich will zu viel.

SPOX: Erklären Sie das.

Gomez: Nehmen wir das Beispiel Lyon: Ich bin mit dem Gedanken ins Spiel gegangen, dass ich unbedingt ein Tor machen muss. Ich will alles auf einmal - und dann klappt nicht mehr viel. Ich muss lernen, dass ich als Einwechselspieler nicht jedes Mal ein Tor schießen kann. Aber vielleicht kann ich trotzdem gut spielen, dann noch mal, und dann im dritten Spiel ein Tor machen. Momentan ist es so, dass ich Bäume ausreißen will, wenn ich rein komme. Ich will sieben Tore machen und sechs vorbereiten, aber das gelingt mir nicht, das geht auch nicht in 15 Minuten.

SPOX: Ihre Joker-Bilanz im ersten Jahr bei Bayern liest sich so: 17-mal eingewechselt, null Tore.

Gomez: Das zeigt, dass es mich schon belastet, wenn ich nur eingewechselt werde. Auf der anderen Seite habe ich aber in den Spielen, in denen ich von Beginn an gespielt habe, insgesamt 14 Tore gemacht. Das ist die Quote, die ich eigentlich auch von mir kenne.

SPOX: Im "Kicker"-Interview sagten Sie neulich: 'Ich bin nicht zu den Bayern gekommen, um Ergänzungsspieler zu sein, sondern um wichtige Tore zu schießen und gut zu spielen. (...) Einiges war okay, aber ich weiß, es geht besser.' Was geht besser?

Gomez: Wir können noch besser zusammenspielen. Wir haben zwei großartige Individualisten auf den Außenpositionen, aber die Abstimmung mit dem Mittelstürmer ist immer noch nicht perfekt. Unser Mittelstürmer ist immer noch nicht richtig ins Spiel eingebunden.

SPOX: Bei Stuttgart war das so: Hitzlsperger bekommt den Ball und spielt ihn sofort Gomez in den Lauf. Bei Bayern steht Gomez immer mit dem Rücken zum Tor. Wie sehr haben Sie sich umstellen müssen?

Gomez: Sie haben das gut erklärt. Es ist schwer, sich umzustellen. Wenn Sie drei Jahre über Fußball schreiben und dann über was anderes, ist das auch eine Umstellung. Das Spiel ist hier komplett anders. Wir haben immer 70 oder 80 Prozent Ballbesitz, es gibt keine langen Wege, unsere Innenverteidiger stehen immer schon an der Mittellinie. 21 Mann machen den Raum vor dem Tor eng. Da ist kein Platz für Bälle in die Tiefe. Ich muss dennoch versuchen, öfter in Position zu kommen, mit dem Gesicht zum Tor stehen. Denn nur so macht man Tore.

SPOX: Mehmet Scholl hat vor kurzem der "Bild am Sonntag" ein Interview gegeben. Haben Sie das gelesen?

Gomez: Ja.

SPOX: Scholl sagte unter anderem: "Der FC Bayern ist eine andere Welt. Hier kommt es auf die Haltung an: Ellenbogen raus, durchsetzen - das fehlt mir bei Mario Gomez zurzeit. Er muss sich ändern." Willkommene Kritik?

Gomez: Teils, teils. Wenn er meine Körpersprache zum Beispiel gegen Lyon meint, hat er vollkommen Recht. Auf der anderen Seite ist es jetzt natürlich leicht, solche Aussagen zu treffen, wenn ich nicht spiele.  Sicher, meine Situation ist unbefriedigend. Und klar kann dann jeder sagen, ich müsse jetzt beißen und kratzen und kämpfen. Aber noch mal: Ich war schon mal aus der Mannschaft draußen und habe es wieder rein geschafft. Und bestimmt nicht, weil ich Löcher in die Luft gestarrt habe.

SOPX: Sie klingen angefressen.

Gomez: Nein, das nicht. Ich muss mich jetzt im Training reinhauen. Und wenn ich rein komme - da muss ich Mehmet Recht geben - darf ich nicht die Enttäuschung vorleben oder mich von einer schlechten Situation beeinflussen lassen, sondern muss Vollgas geben.

SPOX: Werder Bremen ist so was wie Ihr Lieblingsgegner - Sie haben schon sieben Tore gegen Bremen geschossen. Wie wär's mit einem Joker-Tor im DFB-Pokalfinale?

Gomez: Ich hoffe natürlich, dass ich spiele - egal, wie lange. Das bedeutet für mich: Fighten, Gas geben, nicht zu viel nachdenken und nicht zu sehr enttäuscht sein, wenn ich nicht von Anfang an spiele. Ich denke, ich kann auch wertvoll sein, wenn ich eingewechselt werde.

SPOX: Werder steht für Offensivfußball, Inter für das Gegenteil. Waren Sie eigentlich von Inters Abwehrschlacht gegen Barcelona beeindruckt?

Gomez: Beeindruckt weniger. Ich dachte mir, dass das eben auch eine Interpretation von Fußball sein kann. Jose Mourinho wusste, dass das die einzige Möglichkeit ist, seine Mannschaft ins Finale zu bringen. Ich musste schmunzeln, als dann auch noch Ivan Cordoba für Diego Milito ins Spiel kam. Da hatte Inter dann gefühlte sechs Innenverteidiger auf dem Platz.

SPOX: Und Samuel Eto'o hat einen zweiten Linksverteidiger gegeben.

Gomez: Das macht er wirklich gut. Ich erinnere mich, dass Eto'o das schon mal mit Barca gegen Mailand überragend gemacht hat, als Cafu eingewechselt wurde. Wahrscheinlich hatte Mourinho das auch gesehen und Eto'o deswegen wieder so spielen lassen. Man muss vor Inter den Hut ziehen. Wer sich in zwei Spielen gegen Barcelona durchsetzt, steht verdient im Finale.

SPOX: Und wie wird's im Finale?

Gomez: (lacht) Ich denke nicht, dass sie wieder mit sechs Innenverteidigern spielen werden. Aber ich denke schon, dass sie wieder defensiv spielen und auf Konter lauern werden.

SPOX: Wird man da als Stürmer nicht verrückt?

Gomez: Nein. Das ist dann eben so. Für die Abwehrspieler von Inter war das Spiel im Camp Nou bestimmt das geilste ihres Lebens. Sie haben das sensationell gut gelöst. Lassen wir uns überraschen, wie es im Finale laufen wird. Fakt ist: Sie haben eine fantastische Verteidigung, aber auch sehr gute Stürmer.

SPOX: Wie groß ist die Überzeugung bei Ihnen, Inter zu bezwingen?

Gomez: Wir sind alle überzeugt, dass wir es schaffen können. Wir haben vielleicht lange nicht dran glauben wollen, dass wir in allen drei Wettbewerben bis zum Ende dabei sind. Aber jetzt sind wir Meister und stehen in zwei Finals, haben ManUtd und Lyon ausgeschaltet. Wir konzentrieren uns jetzt auf Bremen, dann auf Inter. Und dann ist irgendwann auch noch WM. Ein schönes Programm.

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