Formel 1

Schumi paradox: So schlecht und so gut wie nie

Von Alexander Mey
Für Michael Schumacher gibt es in dieser Saison zwei Realitäten
© Getty

Michael Schumacher war ungeachtet des Sieges von Mark Webber in Monaco der Mann des Wochenendes. Trotz seines erneuten Pechs im Rennen verdiente er sich die Hochachtung seiner Gegner.

Die Saison von Michael Schumacher ist paradox. "Punktemäßig und resultatsmäßig oder ergebnistechnisch ist es der schlechteste Saisonstart, den ich bisher erlebt habe", rechnete der Rekordchampion im "Sky"-Interview vor. "Und dennoch für mich der beste, den ich bis jetzt gehabt habe, seit ich mit Mercedes zusammen bin, weil ich einfach das Gefühl habe, mit dem Auto mehr eins zu sein."

Das war vor dem Rennen in Monaco. Er hatte am Tag zuvor die erste Qualifying-Bestzeit seit dem Comeback geholt und fest vor, im Rennen vom sechsten Startplatz trotz seiner Strafversetzung noch aufs Podium zu fahren.

Es hat nicht geklappt, denn Schumacher ist zum vierten Mal im sechsten Rennen ausgefallen. Kein Benzindruck mehr. Es bleibt also bei zwei von 150 möglichen WM-Punkten. Das sind genauso viele wie bei Daniel Ricciardo und halb so viele wie bei Jean-Eric Vergne. Mercedes-Kollege Nico Rosberg hat 59, erstes Gerede von Stallorder kommt auf.

Schumachers Rückstand leicht zu erklären

Erbärmlich für einen Rekordchampion, oder? "Ich denke sogar, dass er bisher ein sehr gutes Jahr hatte", entgegnete Teamchef Ross Brawn Schumachers Kritikern. "Wir haben natürlich nicht die Resultate erreicht, die wir wollten, aber wenn man unter die Oberfläche blickt, war er ziemlich stark."

Auf den zweiten Blick gibt sogar die Statistik Brawn Recht. Schumacher kann zum ersten Mal seit seinem Comeback das Qualifying-Duell gegen Rosberg ausgeglichen gestalten. Nach sechs Rennen steht es 3:3. Und seine 57 Punkte Rückstand in der WM sind leicht zu erklären.

In Australien warf ihn ein Getriebeschaden aus dem Rennen. In Malaysia drehte ihn Romain Grosjean gleich nach dem Start um und warf ihn aussichtslos zurück. In China schraubte die Boxencrew ein Rad nicht richtig fest. In Bahrain sorgte ein DRS-Defekt im Qualifying dafür, dass er von ganz hinten starten musste. Nun der Crash mit Grosjean am Start in Monaco und später die Benzindruck-Probleme.

Brawn: "Haben ihn im Stich gelassen"

Für nichts dergleichen trug Schumacher die Schuld. Nur der Unfall mit Bruno Senna in Barcelona ging auf seine Kappe.

"Es wurde viel gesprochen und geschrieben nach seinem Unfall in Spanien. Wir sollten nicht vergessen, dass wir - das Team - ihn in drei der fünf Rennen im Stich gelassen haben und nicht den bestmöglichen Job ablieferten. Wir müssen das besser machen", nahm Brawn vor dem Monaco-Wochenende seinen alten Weggefährten in Schutz.

Schumi hat Quali-Triumph dringend gebraucht

Trotzdem wurde es Zeit, dass Schumacher mit der Bestzeit im Qualifying ein Befreiungsschlag gelang - höchste Zeit. Das merkte man nicht nur daran, dass Brawn sogar die eine oder andere Träne im Auge hatte. Man merkte es auch an Schumachers Reaktion in der folgenden Pressekonferenz.

"Ich bin mehr als aufgeregt. Die Pole-Position ausgerechnet hier in Monaco zu holen, und das nach all dem, was ich die letzten zweieinhalb Jahre durchgemacht habe, ist fantastisch", sagte Schumacher. "Das bestätigt, was ich schon seit langer Zeit fühle. Ich bin Mercedes sehr dankbar dafür, dass sie die ganze Zeit an mich geglaubt haben."

Neben Brawn hat vor allem Mercedes-Sportchef Norbert Haug nie etwas auf seinen Altstar kommen lassen, auch gegen harte Kritik nicht. "Wir wussten, dass er es noch drauf hat", jubelte Haug nach dem Qualifying.

Große Anerkennung von der Konkurrenz

Dass die Mercedes-Chefetage über Schumachers Erfolg jubelte, ist keine Überraschung. Aber dass sich sogar seine Gegner ehrlich für ihn freuten, zeigt, dass er keineswegs der alte Knacker im Feld ist, als der er vor allem von englischer und italienischer Presse gerne abgetan wird, sondern überall im Fahrerfeld höchsten Respekt genießt.

"Nicht schlecht für einen Oldtimer", scherzte Lewis Hamilton, fügte aber ernsthaft hinzu: "Es ist großartig zu sehen, dass er solche Leistungen vollbringt. Ich gratuliere ihm von Herzen."

Ähnlich äußerte sich Mark Webber, der Schumachers Pole und letztlich auch den Sieg geerbt hatte: "Das war Michaels Tag. Er hat eine sehr gute Runde hingelegt, das muss man fair anerkennen." Auch Sebastian Vettel und Fernando Alonso freuten sich für Schumacher, aber dass die beiden großen Respekt vor dem Rekordchampion haben, ist schon seit langem bekannt.

Rosberg wünscht sich, dass Schumi weitermacht

Respekt hat auch Teamkollege Rosberg. So großen sogar, dass er offen Werbung für eine Vertragsverlängerung von Schumacher macht. "Es funktioniert super zwischen uns und super für das Team. Daher wäre es mir sehr recht, wenn er weitermacht", sagte Rosberg.

Das ist die große Frage, die bei Schumacher über allem steht: Siegt die Lust am Fahren oder der Frust über die Ergebnisse? Ob er seinen am Ende des Jahres auslaufenden Vertrag verlängern wird, liegt offenbar ausschließlich an ihm. Die Teamchefs betonen bei jeder Gelegenheit, dass sie sich wünschen, dass er weitermacht.

Schumacher lässt Entscheidung noch offen

Und was sagt Schumacher selbst? "Der Punkt ist der, dass ich mich jetzt voll und ganz auf das konzentriere, was wir im Moment machen, auf das, was für uns alle, fürs Team, das Beste ist, wo auch die Zukunft hingeht", spielte Schumacher im "Sky"-Interview auf Zeit.

Weiter sagte er: "Ob ich daran teilhabe oder nicht, das ist dann ein ganz anderes Thema, mit dem wir uns dann gemeinsam auseinandersetzen werden. Das Team hat mich dafür geholt, einen Aufbau zu betreiben, und dafür bin ich da und dafür gebe ich 100 Prozent. Wir machen alles, was dafür nötig ist, aber ob wir die Zukunft zusammen beschreiten, steht auf einem anderen Blatt Papier."

Die Früchte der Arbeit einfahren

Nicht vor den Sommermonaten will sich Schumacher entscheiden, und zumindest die Gefahr, sich von kurzfristigen Misserfolgen beeinflussen zu lassen, scheint nicht zu bestehen. Er wird bei seiner Entscheidung auf das große Ganze blicken.

Denn: "Es war von vornherein klar, dass wir dieses Jahr nicht um die Meisterschaft kämpfen werden können. Insofern geht es darum, so gut wie möglich abzuschneiden, das ein oder andere Highlight einzufahren und das Auto und das Team so weit zu entwickeln, dass wir wirklich in der Lage sind, um die Meisterschaft zu fahren."

Sollte sich 2012 tatsächlich noch abzeichnen, dass das klappen kann - und bei Rosbergs Punktzahl sieht es ja nicht schlecht aus -, wird sich dann Schumacher die Chance entgehen lassen, die Früchte seiner Arbeit einzufahren? Schwer vorstellbar.

Stand in der Fahrer- und Konstrukteurs-WM

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