"Ich kam als Arbeitsloser nach München"

Von Interview: Daniel Riedmüller
Donnerstag, 21.10.2010 | 16:29 Uhr
Der 33-jährige Eric Schneider wechselte 2004 aus Kanada zum damaligen Zweitligisten Crimmitschau
© Imago
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Eric Schneider wurde im Sommer Opfer der Insolvenz der Frankfurter Lions. Mit dem EHC München fand der Kanadier einen neuen Verein und steht nach einer guten Anfangsphase überraschend im oberen Tabellendrittel der DEL. Im SPOX-Interview spricht Schneider über die derzeitige Situation in München, seine Leistung, das deutsche Eishockey und seinen Hund.

SPOX: Herr Schneider, Sie sind mit dem EHC als Aufsteiger sehr gut in die Saison gestartet, waren zwischenzeitlich sogar Tabellenführer. Wie überrascht sind Sie darüber?

Eric Schneider: Wir sind alle sehr glücklich. Es sind zwar erst einige Spiele gespielt, aber die Chemie im Team stimmt. Es ist noch ein langer Weg, das müssen wir uns immer vor Augen halten. Aber wir sind wirklich sehr glücklich.

SPOX: Sie haben mit Daniel Hilpert, Jordan Webb, Neville Rautert, Mike Kompon, Uli Maurer, Joey Vollmer und jetzt auch noch Brandon Dietrich extrem viele Verletzungen im Team. Wie schaffen Sie es, diese zu kompensieren?

Schneider: Wir rücken dadurch noch näher zusammen. Gerade die Jungen spielen hervorragend und füllen diese Lücke. Natürlich ist diese Situation nicht ideal, aber man sieht ja: Wir sind trotzdem erfolgreich.

SPOX: Am vergangenen Wochenende haben Sie aber beide Spiele verloren. Brauchen Sie nicht doch noch neue Spieler? Auf Dauer könnte die Verletztenmisere zu einem großen Problem werden.

Schneider: Ich glaube nicht, dass das notwendig ist. Es wurde ja schon mit Kyle Helms aus Ravensburg reagiert. Wir können das auch so schaffen, aber wir hoffen, dass nicht noch mehr Verletzte hinzukommen. Sonst wird es knapp.

SPOX: Vor der Saison hat man als Ziel die Etablierung in der DEL festgelegt. Muss dieses Ziel jetzt schon nach oben korrigiert werden? Was ist möglich in dieser Saison?

Schneider: Wir dürfen uns auch jetzt noch nicht von dem Tabellenstand verrückt machen lassen. Klar ist es schön, oben dabei zu sein, aber wir müssen immer von Wochenende zu Wochenende schauen. Wir sind so ein junges Team, da wäre es falsch, zu weit zu blicken und gesetzte Ziele zu korrigieren.

SPOX: Und über die Saison hinaus? 2000 wurde zuletzt eine Münchener Mannschaft Meister. Wie lange dauert es, bis wieder um den Titel gespielt wird?

Schneider: Ich denke, das dauert noch ein bisschen. Das Team muss jetzt erstmal gehalten werden und sich immer weiter einspielen. Klar, wir wollen jedes Spiel gewinnen und können an einem guten Tag auch jeden schlagen, aber um ernsthaft in den Meisterschaftskampf einzusteigen, brauchen wir noch zwei bis drei Jahre. Da muss man realistisch bleiben.

SPOX: Vor der Saison galten Sie verständlicherweise als krasser Außenseiter. Wie groß ist der Anteil von Trainer Pat Cortina?

Schneider: Er hat einen riesigen Anteil an unserem Erfolg. Er kennt viele Spieler aus den vergangenen Jahren und hat die Mannschaft nach seinem Geschmack zusammengestellt. Er ist verantwortlich, dass die Stimmung im Team so hervorragend ist und dass jeder einzelne Spieler immer gewinnen will. Er weiß genau, wie jeder Einzelne von uns funktioniert und arbeitet. Auch die Betreuer und Funktionäre kennt er gut. Der Gewinn der Meisterschaft letztes Jahr in der zweiten Liga hat das ja schon bewiesen: Er baut auf Kontinuität! Nur so kann etwas Großes heranwachsen.

SPOX: Alle Experten machten vor der Saison die Torwart-Position als Schwachpunkt beim EHC aus. Joey Vollmer und Sebastian Elwing halten entgegen den Prognosen überragend. Hatten Sie auch Bedenken?

Schneider: Naja, vielleicht ein bisschen. (lacht) Beide haben ja vorher kaum Erfahrung in der DEL sammeln können und ich persönlich kannte beide auch nicht so gut. Ich habe vor sechs oder sieben Jahren mal gegen sie gespielt. Am Anfang war ich sogar etwas überrascht wie toll sie sind. Sie machen ihre Sache wirklich sehr gut.

SPOX: Wie sind Sie mit Ihrer persönlichen Leistung zufrieden?

Schneider: Ich weiß nicht so recht. Viele schauen immer auf diese ganzen Statistiken, aber das interessiert mich nicht so. Ich versuche, jeden Abend so gut es geht zu spielen. Natürlich freu ich mich, wenn ich treffe, aber viel wichtiger ist doch, dass ich alles gebe und mit den Jungs harmoniere. Das ist Eishockey!

SPOX: Sie stehen mit 16 Punkten auf Rang fünf der Scorer-Wertung, das ist doch schon ein riesiger Erfolg! Geht das bei Ihnen so weiter?

Schneider: (lacht) Wie schon gesagt, dass ist mir völlig egal. Ich will einfach nur Spiele gewinnen. Wer die Tore schießt, interessiert mich überhaupt nicht.

SPOX: Nach dem Pleitegang der Frankfurter trainieren Sie seit dem Sommer in München mit, erst später folgte die Vertragsunterzeichnung. Warum München?

Schneider: Ich kam erstmal völlig ohne Erwartungen hierher. Ich war am Anfang einfach nur froh, denn ich konnte hier umsonst trainieren und Testspiele spielen, um mich für die kommende Saison fit zu machen. Das mit dem Vertrag kam dann erst viel später. Aber ich bin wirklich sehr, sehr glücklich hier in München.

SPOX: Was ist der Unterschied für Sie? Haben Sie sich in Hannover und Frankfurt auch so wohl gefühlt?

Scheider: Ach, da gibt es nicht so große Unterschiede. Ein Hockey-Team ist ein Hockey-Team. Aber ich bin ganz ehrlich: Ich kam hier nach München als Arbeitsloser. Ich hatte keinen Job. Ich bin wirklich unglaublich froh und dankbar, dass ich hier sein kann und dass ich hier auch eine Aufgabe als Führungsspieler übernehmen darf.

SPOX: Bei Ihren letzten beiden Stationen in Hannover und Frankfurt sind sie jeweils Opfer des knappen Geldes geworden. Hannover musste den Etat kürzen und Frankfurt ging pleite. Haben Sie Angst, dass Ihnen das gleiche Schicksal in München wieder blüht?

Schneider: Ich glaube nicht und ich hoffe natürlich auch nicht. Die Dinge laufen hier bislang denke ich ganz gut. Ich habe nicht wirklich Angst.

SPOX: Was macht Sie da so sicher? München hat mit den Maddogs und den Barons auch schon Bruchlandungen hingelegt.

Schneider: Ja, ich weiß. Das deutsche Eishockey hat da manchmal Probleme. Aber es ist doch eigentlich ganz einfach: Wenn man nur so viel Geld ausgibt wie man einnimmt, dann dürfte es doch keine Probleme geben, oder?

SPOX: Stimmt, aber immer wieder beweisen Klubs in Deutschland, dass Sie nicht haushalten können. Frankfurt und Kassel sind die jüngsten Beispiele. Auch Köln wackelt...

Schneider: Ich glaube, hier in München sitzen die richtigen Leute in den richtigen Positionen. Klar, man kann nie wissen, was alles passiert. Ich denke der EHC ist auf einem sehr guten Weg.

SPOX: Sie kennen nun das deutsche Eishockey bereits seit einigen Jahren. Warum sind uns die anderen Länder so weit voraus?

Schneider: Ich denke, dass Deutschland schon auch größere und bessere Jugendprogramme braucht, aber das ist nicht das Hauptproblem. Es gibt ja eigentlich genügend Talente, aber Sie haben kaum eine Chance zu spielen, und der Sprung in den Herrenbereich klappt oft nicht.

SPOX: Auch in der DEL spielen sehr viele Fremdspieler...

Schneider: Die DEL nehme ich da ein bisschen raus: Das ist die Vorzeigeliga in Deutschland. Aber in den unteren Ligen, da müssten die Talente reifen und spielen, spielen, spielen. Das ist das Wichtigste. Aber wenn man sich dort umschaut, dann sitzen alle jungen Spieler auf der Bank. So kann man sich nicht entwickeln und bleibt immer das ewige Talent. Es muss noch viel geschehen, damit Deutschland den Anschluss an andere Länder findet, aber man ist auf einem guten Weg.

SPOX: Sie gelten als klassischer Familienmensch. Sie wohnen außerhalb in einem Vorort von München mit Ihrer sechsköpfigen Familie. Untypisch für einen Eishockey-Crack?

Schneider: (lacht) Und einen Hund hab ich auch noch! Nein, ich denke nicht, dass das so untypisch ist. Das ist mein Leben! Für meine Familie ist es außerdem doch viel schöner, ein bisschen draußen zu wohnen, da haben wir viel mehr Platz.

SPOX: Man merkt, wie unglaublich wichtig Ihnen Ihre Familie ist.

Schneider: Ja, selbstverständlich. Das ist mein Ein und Alles. Ich möchte am liebsten die ganze Zeit bei Ihnen sein.

SPOX: Was machen Sie denn nach Ihrer Karriere? Kehren Sie wieder zurück nach Kanada?

Schneider: Erstmal möchte ich noch ein paar Jahre in der DEL spielen. Danach möchte ich aber wieder nach Kanada. Mir gefällt es sehr gut hier, aber ich bin Kanadier durch und durch und möchte nach meiner aktiven Laufbahn wieder zurück in meine Heimat.

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