Legenden-Serie: Anfernee Hardaway im Porträt

Drama ohne Happy End

Von Martin Mägdefessel
Donnerstag, 30.12.2010 | 18:21 Uhr
Penny Hardaway (l.) galt als Nachfolger von Michael Jordan, aber konnte dies nicht bestätigen
© getty
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"Wie können wir diesen Typen stoppen?", fragten einst seine Gegner verzweifelt. Anfernee "Penny" Hardaway wurde als der Nachfolger von Michael Jordan gefeiert - bis ihn zahllose Verletzungen selbst zur Verzweiflung trieben. Seine Karriere fand ein unrühmliches Ende.

Über mangelndes Selbstbewusstsein konnte sich Penny Hardaway nie beschweren. Zumindest will er diesen Eindruck der Öffentlichkeit vermitteln. Dabei gäbe es genug Gründe für ein angeknackstes Ego: Viele Verletzungen hinderten ihn daran, sein unfassbares Potenzial auszuschöpfen und ehrenvoll seine Karriere zu beenden.

Stattdessen wurde er bisweilen sogar zur Witzfigur abgestempelt, mit Gerüchten über ein angeblich existierendes Sex-Tape mit Jaleel White (besser bekannt als Steve Urkel aus der US-Sitcom "Alle unter einem Dach"). Da hatten viele längst vergessen, dass der Mann in jungen Jahren Vergleiche mit Michael Jordan gerechtfertigt und die Liga wie ihm Sturm genommen hatte.

Am 18. Juli 1971 erblickte Anfernee Deon Hardaway in Memphis das Licht der Welt und hatte schon früh nichts anderes im Kopf als Sport. Seine Großmutter, die ihn großzog, verweigerte ihrem Enkel aber seinen eigentlichen Wunsch: Football zu spielen.

Aus "Pretty" mach "Penny"

Dieser Sport sei zu gefährlich und sie hatte Angst, er könne sich verletzen. Also sattelte er um vom Ei zum Ball. Vom Morgengrauen bis zur Abenddämmerung warf er unermüdlich auf den Korb und wenn es dunkel wurde, verfeinerte er sein Ballhandling eben im Haus.

Seiner Großmutter verdankt er nicht nur die Basketballkarriere, sondern auch seinen Spitznamen. Weil er so ein hübsches Kind war, nannte sie ihn "Pretty", aber wegen ihres verwaschenen Südstaatenslangs klang das wie "Penny" - ein neuer Rufname war geboren.

Schon auf der Highschool war er der unangefochtene Go-to-Guy. Trotz seiner 2,01 Meter war er so schnell, dass sein Coach ihn dort aufstellte, wo er ihn brauchte. Mal als Center, mal als Point Guard. Er nahm die entscheidenden Würfe und verteidigte den besten Spieler und wurde vom "Parade"-Magazin zum High School Player of the Year (1989 und 1990) gekürt. Er konnte sich das College aussuchen und entschied sich für das Stipendium in Memphis. In der Nähe seiner geliebten Großmutter.

Akademisch untauglich

Seine College-Verpflichtungen nahm Penny leider nicht so ernst wie den Sport. Seine Leistungen waren so schlecht, dass er ein Jahr pausieren musste. Also kniete er sich rein und konnte sich schließlich für Pädagogik einschreiben. Aber er erlitt den nächsten Rückschlag, diesmal unverschuldet: Penny wurde überfallen und ein Streufeuer traf ihn am Fuß - seine Karriere stand auf dem Spiel.

Der junge Mann aus den Südstaaten kämpfte sich zurück. Er wurde nach seinen herausragenden Leistungen in das USA Basketball Development Team berufen. Dieses durfte 1992 täglich gegen das Dream Team antreten, das sich so auf die Olympischen Spiele in Barcelona vorbereitete. Zusammen mit Chris Webber, Allan Houston und Grant Hill blieben sie das einzige Team, dass das Original-Dream-Team jemals besiegen konnte.

Penny entschied sich schließlich, sein Studium zu beenden und sich komplett auf den Sport zu konzentrieren. Mit zwei Triple-Doubles in seinem Junior-Year, einer absoluten Rarität im College-Basketball, brach er die Uni-Karriere ab, um 1993 am Draft teilzunehmen. Die Golden State Warriors drafteten Penny an Nummer drei und tauschten ihn postwendend gegen First Pick Webber mit Orlando.

Durchbruch bei den Magic

Bei den Magic lernte er von Scott Skiles die Point-Guard-Position und beerbte ihn als Starter. Bereits in seiner zweiten Saison in Orlando legte er über 20 Punkte pro Spiel bei mehr als 50%iger Wurfquote auf, ein Kunststück, welches ihm auch im Folgejahr gelang.

Er fand sich in der Saison 1994/95 in der Starting Five des All-Star-Games wieder und marschierte mit Shaquille O'Neal in die Finals gegen die Houston Rockets. Dort legte er zwar starke 24,5 Punkte und 8 Assists pro Spiel aufs Parkett, trotzdem unterlagen die Magic den Rockets glatt in vier Spielen.

Die Niederlage gab ihm einen psychischen Knacks, wie er rückblickend gestand: "Wenn du die Meisterschaft gewinnst, formt dich das zu einem besonderen Spieler. Die Niederlage und die Verletzungen danach haben wahnsinnigen Druck auf meine Karriere ausgeübt. Die Teams haben mich nicht mehr respektiert."

"Wie können wir diesen Typen stoppen?"

Aber vorerst lief es noch rund für ihn: In der folgenden Saison war Shaq lange verletzt und Penny führte die Magic als alleiniger Leader an, was ihm Platz drei bei der MVP-Wahl bescherte. Im Sommer 1996 reiste er zu den Olympischen Spielen nach Atlanta und holte mit dem US-Team Gold, auch wenn er da nur eine Nebenrolle spielte.

Nach Atlanta folgte Shaq den Lockrufen aus Hollywood, während Penny häufig verletzt war. Doch pünktlich zu den Playoffs war er wieder fit - und wie! Miamis Trainer-Legende Pat Riley lobte Penny über den grünen Klee: "Er ist nicht zu verteidigen, wenn du ihn nicht doppelst!"

Auch Rileys Spieler P.J. Brown konnte kaum glauben, über welche Fähigkeiten Hardaway verfügt: "Einen Wurf traf Penny im nach hinten fallen, aus der Drehung von der Dreierlinie. Das siehst du sonst nur in Filmen! Wir waren wie gelähmt und haben uns gefragt: 'Wie können wir diesen Typen stoppen?'"

Am Ende fanden Riley, Brown und die Heat jedoch einen Weg. In der ersten Runde war für die Magic Schluss.

Immer wieder das Knie

Im Jahr darauf musste sich Hardaway seiner ersten Knieoperation unterziehen und er verpasste den Großteil der Saison. Wegen seines verfrühten Comebacks, er wollte unbedingt am All-Star-Game teilnehmen, musste er Kritik einstecken, womit er nicht gut zurechtkam.

Brian Shaw, sein bester Freund zu Magic-Zeiten, sagte damals schon: "Er ist zu sensibel. Er beschäftigt sich zu sehr mit Außenstehenden, die irgendwelche Geschichten aus seinem Privatleben aufdecken wollen."

1999 ging er zu Phoenix, wo er als Shooting Guard mit Jason Kidd den Backcourt bildete. Erst im Conference-Halbfinale gegen seinen Ex-Kollegen Shaq und die Lakers war Endstation. Doch auch bei den Suns holte ihn sein Verletzungspech ein. Er erlitt eine Fraktur im Knie und pausierte lange.

Chronik eines Aussortierten

Als er wieder fit war, bekleidete Stephon Marbury die Point-Guard-Position und nahm selbst die Würfe, statt Penny mit Assists zu füttern. Er wurde schließlich hinter Joe Johnson auf die Bank degradiert. Aber Penny überzeugte als sechster Mann und beklagte sich nie. "Meine Einstellung? Ich komme und arbeite jedes verdammte Training hart, um die Jungs, mich und das Team zu verbessern. Wenn die Zeit kommt und ich eingewechselt werde, bin ich bereit."

Seine vorbildliche Einstellung half aber nicht. Nach einer Handverletzung tradete Phoenix Penny zu den Knicks, wo er auch meist ausfiel. Trainer Lenny Wilkens gab schnell auf und resignierte: "Er ist andauernd verletzt."

Arthritis in den Knien zwang ihn zum Zusehen: Er landete auf der Inactive-List, aber selbst darüber beklagte er sich nicht: "Ich muss dem Coach vertrauen, dass er die richtigen Entscheidungen trifft und es ist hoffentlich nicht für eine lange Zeit. Ich bin bereit, wann auch immer ich gebraucht werde."

Er wurde aber nicht gebraucht: Über die Magic landete er 2007 bei der Heat, wo er die Reunion mit Shaq feiern konnte, aber unterirdische Stats ablieferte und entlassen wurde. Unehrenhaft vor die Tür gescheucht. Das war's! Vom hoch gelobten Talent blieb nicht viel übrig. Er reihte sich ein in eine lange Liste von möglichen Jordan-Nachfolgern, die scheiterten.

Kein Happy End

Danach versuchte er noch mehrfach, wieder Anschluss zu finden. Unter anderem brachte er sich 2010 bei den Heat ins Gespräch, um mit LeBron James, Dwyane Wade und Chris Bosh die Chance auf einen Meisterschaftsring zu bekommen. Die Chance sollte ihm nicht vergönnt sein.

"Ich bekam nicht die Chance, meine Karriere so zu beenden, wie ich es wollte", sagte Penny traurig über sein abruptes Karriereende. Es wäre so viel mehr möglich gewesen.

Der NBA-Spielplan im Überblick

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