Sonntag, 20.11.2016

ATP-Finals in London: Andy Murray gewinnt Endspiel gegen Novak Djokovic 6:3, 6:4

Machtdemonstration: Murray zerlegt den Djoker

Premierentitel bei den ATP-Finals und den Nummer-Eins-Status verteidigt: Für Andy Murray ist der 6:3,6:4-Endspielsieg gegen Novak Djokovic das Bilderbuchende einer perfekten zweiten Saisonhälfte. Der Sieg gegen den Serben war eine Demonstration der eigenen Stärke. Vor allem in den vielen Grundlinienduellen passierte Überraschendes.

Andy Murray (GBR/1) - Novak Djokovic (SER/2) 6:3, 6:4

Andy Murray hat erstaunlich souverän die ATP-Finals gewonnen. Murray kam zwar etwas schlechter in die Begegnung, kassierte aber kein Break und stabilisierte sich schnell.

Als er besser in die Ballwechsel fand, attackierte der Brite in schöner Regelmäßigkeit die am Sonntag zu fehleranfällige Rückhand von Djokovic. Nach einem Break und Satzgewinn Nummer eins nutzte der Schotte das Momentum und zog im zweiten Durchgang schnell uneinholbar davon.

Für Murray ist der Zweisatzerfolg vor heimischer Kulisse der erste Titel beim Saisonabschluss der besten acht Spieler überhaupt. Seit dem verlorenen French-Open-Finale im Juni gegen Djokovic hat der Schotte lediglich mickrige zwei Einzel, eines davon im Davis Cup, verloren.

Zudem baut der 29-Jährige seine beeindruckende Serie von 23 gewonnenen Matches in Folge um einen Sieg aus. Nach den Titeln in Peking, Shanghai, Wien und beim Masters in Paris ist es der fünfte Turniersieg in Folge - beeindruckend.

Murray verkürzt im direkten Vergleich auf 11 zu 24 gegen den Djoker. Im Übrigen ist Murray der erste Finals-Sieger seit Roger Federer im Jahr 2010, der Matchbälle im Turnierverlauf abwehren musste.

Mit dem Endspielerfolg gegen Djokovic hat er den Wechsel an der Weltrangliste eindrucksvoll bestätigt und dem letzten Kritiker vorerst verdeutlicht, wer der Branchenprimus ist. Und das obwohl er in London über die Woche verteilt vor dem Endspiel deutlich länger (9:56 Stunden) als Djokovic (6:33 Stunden) auf dem Platz stand und in zwei seiner Matches mehr als drei Stunden benötigte, um den Sieg zu erringen. Murray ist der 17. männliche Profi seit 1973, der das Jahr als Nummer eins der Welt beenden kann.

Die Stimmen:

Novak Djokovic:

"Es war trotz der Niederlage ein fantastisches Jahr, viele Dinge auf die ich gerne zurückblicken werde. Heute waren wir beide Teil der Tennisgeschichte. Andy ist die verdiente Nummer eins der Welt. Er hatte heute in den wichtigen Momenten mehr zuzusetzen und hat mich nicht mehr zurück in das Match gelassen. Herzlichen Glückwunsch an Andy!"

Andy Murray:

"Es ist ein ganz besonderer Tag ein solch wichtiges Match gegen Novak zu spielen und vor allem zu gewinnen. Denn ich habe viele große Matches gegen ihn verloren. Dass ich einmal das Jahr als Nummer eins der Welt beende, hätte ich niemals erwartet. Ein großes Danke an mein Team. Es ist ein toller Moment, vor so einem Publikum mit vielen Tennisgrößen zu spielen. Gratulation aber auch an Novak, der so vieles erreicht hat."

Der Spielfilm:

Satz 1:

Murray eröffnet das Match bei eigenem Aufschlag gleich mal mit einem Doppelfehler und lässt nach einem guten Ballwechsel und einem Ass bei 30:15 gleich noch einen zweiten folgen. Doch zwei einfache Fehler von Novak Djokovic - einer wohl provoziert durch Blitzlicht am Smartphone eines Fans - bringen Murray den ersten Spielgewinn. Djokovic beeindruckt anschließend mit einem Servicegewinn zu Null.

Auch in der Folge wirkt der Djoker bei eigenem Service wesentlich souveräner, gibt in seinen ersten zwei Aufschlagspielen keinen Punkt ab. Aber auch, wenn der Serbe beim Return zunächst besser antizipiert, sorgt Murray mit Servicespielen jeweils zu 30 dafür, dass alles in der Reihe bleibt - 3:2 für den Weltranglistenersten.

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1993 in Frankfurt: Michael Stich (Deutschland)
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1996 und 1997 in Hannover: Pete Sampras (USA)
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1998 in Hannover: Alex Corretja (Spanien)
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1998 in Hannover: Alex Corretja (Spanien)
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1999 in Hannover: Pete Sampras (USA)
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2000 in Lissabon: Gustavo Kuerten (Brasilien)
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2001 und 2002 in Sydney und Shanghai: Lleyton Hewitt (Australien)
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2003 und 2004 in Houston: Roger Federer (Schweiz)
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2003 und 2004 in Houston: Roger Federer (Schweiz)
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2005 in Shanghai: David Nalbandian (Argentinien)
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2005 in Shanghai: David Nalbandian (Argentinien)
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2006 und 2007 in Shanghai: Roger Federer (Schweiz)
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2006 und 2007 in Shanghai: Roger Federer (Schweiz)
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2008 in Shanghai: Novak Djokovic (Serbien)
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2008 in Shanghai: Novak Djokovic (Serbien)
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2009 in London: Nikolay Davydenko (Russland)
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2009 in London: Nikolay Davydenko (Russland)
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2010 und 2011 in London: Roger Federer (Schweiz)
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2010 und 2011 in London: Roger Federer (Schweiz)
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2012 bis 2015 in London: Novak Djokovic (Serbien)
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2012 bis 2015 in London: Novak Djokovic (Serbien)
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Murray attackiert die Rückhand

Anschließend returniert Murray besser und sichert sich über längere Wechsel den ersten Breakball des Abends. Murray attackiert die Rückhand seines Kontrahenten, doch Djokovic macht keinen Fehler. Über Einstand ergibt sich für den Briten allerdings die nächste Chance - doch der Slice landet im Netz. Dieses Aufschlagspiel bietet viele Facetten. Djokovic wehrt insgesamt zwei Breakbälle ab, vergibt einen kinderleichten Überkopfball, gewinnt das Spiel nach der Fehlentscheidung eines Linienrichters dennoch. Murray ist genervt.

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Doch der kurzzeitige Frust ist nach einem schnellen Aufschlaggewinn verflogen. Murray ist jetzt besser drin in den Ballwechseln, attackiert mehrmals die Rückhand des Serben und nutzt über Einstand seinen dritten Breakball - 5:3 Murray!

Das lässt sich der amtierende Weltranglistenerste nicht nehmen und sichert sich zu 15 mit 6:3 den ersten Durchgang.

Satz 2:

Das Momentum ist jetzt klar auf Seiten des Lokalmatadoren. Murray hat keine Probleme mehr mit dem Service des Serben, Rückhandfehler Nummer neun bringt Murray die ersten zwei Breakchancen des jungen Satzes. Die vergibt er beide. Über Einstand fightet Djokovic zunächst in der Defensive. Doch einen eigentlich zu kurz geratenen Slice setzt Djokovic mit der Vorhand ins Aus. Einen Rückhandfehler später hat Murray das Break und hält sein Service zum 2:0.

Djokovic hält danach ebenfalls seinen Service zum 2:1. Jetzt geht es in die Crunch-Time und der Djoker ist dieser nicht gewachsen. Den Ballwechsel des Spiels verliert er durch eine Unkonzentriertheit (siehe Ballwechsel des Spiels). Murray strotzt jetzt nur so vor Selbstvertrauen und attackiert nach dem 3:1 den Service seines Gegners - mit Erfolg. Ist das Break zum 4:1 die Vorentscheidung?

Djoker bäumt sich auf

Der fünffache Finalssieger bäumt sich hier nochmals auf. Seinen allerersten (!) Breakball nutzt Djokovic, um um ein Break zu verkürzen und lässt dann ein einfaches Servicespiel folgen.

Doch auch Murray ist beim eigenen Service zunächst nicht zu bezwingen, auch wenn Djokovic besser und länger in den Ballwechseln bleibt. Beide halten ihren Service. Beim 5:4 hat Murray die Möglichkeit, zum Turniersieg auszuservieren.

So serviert eine Nummer eins der Welt! 30:0, tolle Aufschläge des Briten und endlich mal eine Reaktion des Serben, der jetzt hier mit sich hadert. Vielleicht hat er das gebraucht. Denn nun hält er sich in den Ballwechseln und gleicht zum 30:30 aus!

Doch Murray streut einen Netzangriff ein, mit dem er Erfolg hat. Wahnsinn - jetzt wird der britische Held durch Handyblitze gestört und muss über den zweiten Service gehen. Djokovic kann das nutzen und gleicht zum Einstand aus. Wenig später wehrt Novak Djokovic auch den zweiten Matchball ab.

Doch mit einem wahnsinnig langen Ballwechsel erspielt sich Murray die dritte Chance - und die nutzt er. Murray gewinnt zum ersten Mal die Finals!

Schlag des Spiels:

Die beidhändige Rückhand von Novak Djokovic! Zu Hochzeiten des Serben funktioniert dieser Schlag wie ein Schweizer Uhrwerk. Doch im November 2016 befindet sich der ehemalige Weltranglistenerste nicht in Hochform - zumindest, wenn man den allerhöchsten Maßstab ansetzt.

Nach anfänglichen Schwierigkeiten spielte Murray den Serben konsequent auf der Rückhand an. Mal aggressiv, mal kürzer, mal mit dem Slice. Und die unterschiedlichen Rhytmen zeigten Wirkung. Djokovics Fehlerquote war - für ein Duell der beiden Weltranglistenersten - einfach zu hoch. Auch die Breaks kassierte er durch eigene Rückhandfehler.

Ballwechsel des Spiels:

Der Ballwechsel des Spiels im zweiten Satz aus Sicht Murrays beim Stand von 2:1 und 30:15 und Aufschlag Murray ist so etwas wie eine Vorentscheidung im gesamten Match. Der Djoker kommt prächtig in den Ballwechsel, kann die Rückhandduelle mitgehen, spielt einen tollen Slice und rückt mustergültig ans Netz auf. Doch den relativ einfachen Volley setzt er ins Netz. Wenig später gewinnt Murray das Aufschlagspiel und breakt den Serben zum vorentscheidenen 4:1.

Das fiel auf:

  • Murray hatte zu Beginn von Satz eins mächtig Probleme mit seinem eigenen Service. Die Quote des ersten Aufschlags hielt sich nur knapp über 50 Prozent. Deswegen sah der aggressiv returnierende Djoker zunächst besser aus. War Murray aber erstmal im Ballwechsel, attackierte er konsequent die Rückhand des Serben und streute für Rhythmuswechsel auch den Slice ein. Die insgesamt acht mehr oder weniger unerzwungenen Rückhandfehler des Serben nutzte Murray, um sich genügend Breakbälle in Satz eins zu erspielen.
  • Kurz vor dem Ende des gesamten Matches hatte Murray doppelt so viele Grundlinienduelle für sich entschieden als sein Kontrahent (34-17). Wohl auch, weil die Rückhand die Schwachstelle des Djokers am Sonntag blieb. Alleine mit diesem Schlag machte er 14 unerzwungene Fehler. Insgesamt standen 30 Unforced Errors in der Spielstatistik (Murray 15). Murray starrte während der Spielpausen fast unentwegt auf seine Tasche, wo wohl wieder ein kleiner Spickzettel versteckt war. Doch so kreativ war die Taktik nicht. Doch die Konsequenz des Schotten, mit der er die Schwachstelle attackierte, war der Schlüssel zum Erfolg.
  • Die Körpersprache: Beide Akteure wirkten ruhiger als sonst. Murray hatte die ganze Woche über eigentlich in schöner Regelmäßigkeit Zwiegespräche mit seiner Box geführt. Im Finale wirkte er in sich gekehrt und ausgeglichen. Novak Djokovic zeigte auch in Momenten des Rückstands keinerlei Reaktion. Während den Spielpausen saß er oft mit geschlossenen Augen auf seiner Bank.
  • Der Schiedsrichter und seine Linienrichter: Puh, dass wir im Jahr 2016 darüber überhaupt noch diskutieren müssen. Trotz des Hawkeyes gab es einige Fehlentscheidungen am Sonntagabend. Das lag zum einen daran, dass die Linienrichter falsche Calls setzten. Zum anderen zeigten Murray und Djokovic ihrerseits zu wenig Mut und nutzten das Hawkeye zu wenig.

Jannik Schneider

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