Manny Pacquiao im Porträt

Besser als Muhammad Ali

Von Philipp Dornhegge
Freitag, 12.03.2010 | 10:55 Uhr
Am 14. November 2009 besiegte Manny Pacquiao (l.) Miguel Cotto durch technischen K.o.
© Getty
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Am Samstag kämpft Manny Pacquiao im Stadion der Dallas Cowboys gegen Joshua Cottey um den Weltergewichts-Gürtel der WBO. SPOX stellt den Mann vor, der schon so mancher Boxerkarriere ein jähes Ende bereitet hat. In seiner Heimat schon lange ein Volksheld, ist er mittlerweile einer der gefürchtetsten Boxer der Welt.

Wenn Manny Pacquiao gewollt hätte, könnte er wohl schon längst die Philippinen regieren. Denn in seinem Heimatland ist er ein Volksheld. Nicht umsonst nennen ihn seine Fans "Pambansang Kamao" (die nationale Faust).

Er ist überall: Im Fernsehen, im Radio, in Videospielen - sogar ein Film über sein Leben wurde schon gedreht. Wirbt der Pacman für ein Produkt, kaufen es die Filipinos.

Wo immer Pacquiao auftritt, brechen seine Landsleute in Jubelstürme aus. Und der 31-Jährige macht keinen Hehl daraus, dass er politische Ambitionen hegt. Er hat bereits angekündigt, dass er nach seiner aktiven Karriere Bürgermeister seinen Wohnortes General Santos City werden und sich von dort aus weiter nach oben arbeiten will.

Und all das, obwohl er als Kind die Grundschule nur mit Ach und Krach schaffte, die weiterführende sogar erst vor kurzem nachholte. Inzwischen ist er an der Notre Dame of Dadiangas University eingeschrieben. Aber bevor Pacquiao ernsthaft städtische Ämter anstrebt, hat er noch etwas zu erledigen.

Nächster Gegner nur Ersatz

Pacquiao ist zu allererst Boxer, und zwar mit Leib und Seele. Als solcher steigt er am kommenden Samstag in den Ring, um seinen Weltergewichtsgürtel nach WBO-Version gegen Joshua Clottey zu verteidigen. Der Ghanaer gilt als bissiger Defensivkünstler, der selbst schon einmal Weltergewichtschampion der IBF war.

Trotzdem: Gegen den Pacman setzt trotz seiner Größenvorteile kaum jemand einen Pfifferling auf Clottey. Pacquiaos Kombination aus Stärke und Schnelligkeit, dazu die für viele Gegner noch immer problematische Rechtsauslage - wer klug ist, setzt sein Geld auf den Filipino.

Ohnehin ist Clottey nur ein Ersatzmann, wenn auch ein verdammt guter. Denn eigentlich sollte Pacquiao gegen Floyd Mayweather jr. kämpfen. Aber weil sich die beiden Parteien nicht einig wurden, rückte Clottey für den Fight am 13. März im Football-Stadion in Dallas nach.

George W. Bush unter den 45.000 Zuschauern

Den Kampf, mit dem er seinen Status als einer der besten Boxer aller Zeiten untermauern will. Das sieht auch Dallas-Cowboys-Besitzer Jerry Jones so: "Nur für einen Mann vom Kaliber Pacquiaos war ich bereit, meine Arena zur Verfügung zu stellen. Er ist der beste Boxer der letzten Jahre, und ich bin sicher, dass wir einen großartigen Kampf sehen werden."

45.000 Zuschauer werden vor Ort sein, darunter zahlreiche NFL-Profis und Ex-US-Präsident George W. Bush. Nicht wenige glauben, dass es Pacquiaos vorletzter Kampf sein könnte: Denn nach Clottey bleibt eigentlich nur noch Mayweather.

Oder aber dessen nächster Gegner: Shane Mosley, der Mann, der die Weltergewichts-Szene komplett dominierte. Bis Pacquiao im November 2009 erstmals um einen Gürtel in dieser Gewichtsklasse boxte - und Gegner Miguel Cotto vernichtend schlug.

Lehrstunde für den Golden Boy

Vor gerade einmal neun Jahren allerdings sah es beileibe noch nicht so aus, als würde aus Pacquiao ein Superstar. Es war die Zeit, bevor er sich zwischen 2005 und 2008 fünf legendäre Schlachten mit den mexikanischen Ausnahmeboxern Erik Morales und Juan Manuel Marquez lieferte. Bevor er 2008 Oscar de la Hoya gegenüberstand und die Karriere des Golden Boy mit einer Lehrstunde beendete. Ein Kampf, mit dem er dank der Beteiligung an den Pay-Per-View-Einnahmen geschätzte 30 Millionen Dollar verdiente.

Es war auch die Zeit, bevor er Anfang 2009 den als ähnlich stark eingeschätzten Halbweltergewichtler Ricky Hatton innerhalb der ersten zwei Runden dreimal zu Boden schickte und ihm eine Niederlage zufügte, von der sich der Hitman bis heute nicht erholt hat.

Lokale Berühmtheit

Damals, 2001, hatte Pacquiao bereits 34 Profikämpfe auf dem Buckel und den WBC-Gürtel im Fliegengewicht errungen. Aber in der Welt nahm kaum jemand Notiz von ihm.

Seinem Ruf schadeten vor allem zwei Dinge: Zum einen zwei peinliche K.o.-Niederlagen gegen Rustico Torrecampo und Medgoen Singsurat, zwei durchschnittlich begabte Leute, gegen die er nicht hätte verlieren dürfen.

Zum anderen hatte er noch nie außerhalb Asiens geboxt. Pacquiao war eine lokale Berühmtheit, aber dass er noch einen weiten Weg vor sich hatte, wurde ihm bewusst, als er auf der Suche nach einem neuen Trainer in die USA flog.

Dort hatte bis dato noch niemand von einem Manny Pacquiao gehört. Ein Wink des Schicksals führte ihn nach Hollywood, in den Wildcard Boxing Club. Den Klub, der Freddie Roach gehört, dem vielleicht besten Trainer der Boxszene.

"Wow, der kann kämpfen"

Bis heute hat der 50-Jährige etliche Weltmeister trainiert, 39 seiner 53 Kämpfe als Coach gewonnen und unter anderem als Betreuer von Shaquille O'Neal bei dessen Reality-Show "Shaq vs." gearbeitet.

Als Pacquiao Roach' Halle betrat, stellte er sich vor und bat um eine Trainingsstunde. Eigentlich nichts Besonderes, denn Roach bekommt ständig Anfragen. Aber als er diesen 1,69-Meter-Zwerg im Ring beobachtete, wusste er gleich, was für ein Talent er vor sich hatte.

"Wow, der Junge kann richtig kämpfen", sagte er zu den Anwesenden. Pacquiao war sich im Gespräch mit seinem damaligen Manager ebenfalls sofort sicher: "Wir haben einen neuen Trainer." Innerhalb von zehn Minuten war eine der erfolgreichsten Partnerschaften der Boxgeschichte geboren.

Durchbruch gegen Ledwaba

Es dauerte nur Wochen, bis Pacquiao erstmals auf amerikanischem Boden um eine WM boxen durfte. Lehlohonolo Ledwaba suchte einen neuen Gegner, nachdem Enrique Sanchez einen Rückzieher machte. Dank Roach' Beziehungen bekam Pacquiao seine Chance.

"Es war einfach Glück - und perfektes Timing", erklärt Roach. Der Südafrikaner Ledwaba war zu diesem Zeitpunkt IBF-Champion im Superbantamgewicht und wurde damals als kommender Star gehypt.

"Niemand wollte gegen ihn antreten", erinnert sich Roach. "Er war ein absoluter Killer und dermaßen favorisiert, dass die Büros keine Wetten angenommen haben."

Nachdem ihm Pacquiao in der ersten Runde die Nase gebrochen und den Kampf in der sechsten Runde nach einem K.o. beendet hatte, verlor Ledwaba vier seiner nächsten sieben Kämpfe und beendete daraufhin seine Karriere.

Pacman sammelt Gürtel um Gürtel

Pacquiao dagegen drängte mit aller Macht Richtung Weltelite. In den folgenden 20 Kämpfen fuhr er 14 K.o.- und vier Punktsiege ein, seine einzige Niederlage gegen Morales bügelte er innerhalb von zehn Monaten mit einem Knockout im Rematch wieder aus.

Weil es in den meisten Gewichtsklassen schnell keine Konkurrenz mehr gab und weil er in den niedrigen Klassen Probleme hatte, das erforderliche Gewicht nicht zu überschreiten, stieg Pacquiao in regelmäßigen Abständen auf.

Aber überall war das Ergebnis dasselbe: Der Pacman schnappte sich den Gürtel. Seinen ersten beiden WM-Siegen ließ er 2008 zwei weitere folgen: Erst nahm er Marquez den WBC-Superfedergewichts-Titel ab, lehnte einen Rückkampf aber ab, weil er schon den WBC-Leichtgewichts-Champion David Diaz im Auge hatte. Den Amerikaner räumte er nur drei Monate später aus dem Weg.

Löst de la Hoya als Rekordhalter ab

Im November 2009 folgte dann der angesprochene Kampf gegen Cotto - und ein weiterer K.o.-Sieg, der insgesamt 38. im 55. Kampf. Und damit auch der Gewinn des Weltergewichts-Gürtels. WM-Gürtel der vier wichtigen Boxverbände in fünf verschiedenen Gewichtsklassen bedeuten: Nur Rekordhalter de la Hoya (sechs) übertrifft ihn.

Ohne Roach hätte er das wohl nicht geschafft. "Vom ersten Moment an hatte ich das Gefühl, dass ich ihn schon mein ganzes Leben kenne", sagt der Coach über die besondere Beziehung.

Mickey Rourke: "Wie füreinander geschaffen"

"Die beiden sind wie füreinander geschaffen", glaubt auch Schauspieler Mickey Rourke, der selbst einst als halbwegs talentierter Boxer durch die Roach-Schule ging.

"Manny hat einen Riesenrespekt vor seinem Coach, und er hat die beste Arbeitseinstellung und die größte Disziplin, die ich je bei einem Boxer gesehen habe. Für Freddie sind genau dies die Dinge, die entscheidend sind."

Roach bestätigt: "Wenn du keine Lust hast zu arbeiten und faul bist, dann bleib lieber weg. Für so etwas habe ich keine Zeit. Manny ist der perfekte Mann für mich."

Pacquiao gibt das Lob zurück, nennt seinen Coach liebevoll seinen "Meister", dem er es zu verdanken hat, dass er sich zu dem dominanten Boxer entwickelt hat, der er heute ist.

"Manny ist der Beste"

Für seinen Promoter Bob Arum gibt es überhaupt keine Diskussion: "Manny ist der beste Boxer, den ich je gesehen habe. Und ich habe sie alle gesehen: Muhammad Ali, Marvelous Marvin Hagler, Sugar Ray Leonard. Manny ist der beste."

Wer schon mal Pacquiao kämpfen sah, wird sich schwer tun, dagegen zu argumentieren. Speed, Punch, Technik, Koordination, Kondition, Taktik, inzwischen sogar Nehmerqualitäten: Pacquiao vereint alle Eigenschaften, die einen guten Boxer ausmachen.

Clottey sollte sich deshalb schon mal warm anziehen. "Er ist ein guter Boxer, aber Manny wird ihm keine Chance geben, auch nur an einen möglichen Sieg zu denken", warnt Roach.

Dabei kann er sich einen Seitenhieb auf Mayweather nicht verkneifen: "Er ist der nächste. Soweit ich weiß, braucht er dringend Geld, um seine Wetten zu finanzieren. Manny garantiert dieses Geld. Die Leute wollen den Kampf sehen. Und wenn er Floyd den Arsch versohlt hat, kann er sich in Ruhe auf die Politik konzentrieren."

Pacquiao träumt weiter von Mayweather-Kampf

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