Mittwoch, 27.01.2010

Henning Fritz im Interview

"Du musst den Naturinstinkt abstellen"

Henning Fritz wurde 2007 bei der Heim-WM zum Torwart-Held, wer wird es bei der EM in Österreich? Klar ist, dass ein herausragender Keeper im Handball fast alles entscheiden kann. Im SPOX-Interview spricht Fritz über Rauschgefühle, Einsamkeit und Psycho-Krieg.

Henning Fritz kann sich momentan ganz auf die Rhein-Neckar Löwen konzentrieren
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Henning Fritz kann sich momentan ganz auf die Rhein-Neckar Löwen konzentrieren

SPOX: Herr Fritz, auch bei der EM in Österreich zeigt sich wieder, wie ungemein wichtig die Torwart-Position im Handball ist. Wie viel Prozent kann ein guter Keeper ausmachen?

Henning Fritz: Es ist schwierig, in Prozenten auszudrücken, aber der Torwart spielt eine ganz entscheidende Rolle. Das kann ja bei der EM jeder sehen. Natürlich ist auch ein mannschaftlich geschlossenes Spiel wichtig - wenn der Angriff keine Tore schießt, kann der Torwart auch nichts machen. Aber wenn sich zwei Mannschaften auf ähnlichem Niveau begegnen, entscheidet immer der Keeper. Er hat schon einen sehr großen Wert.

SPOX: Dass es das deutsche Team nicht ins Halbfinale geschafft hat, lag sicherlich nicht an den Torhütern. Johannes Bitter und Silvio Heinevetter haben sehr stark gehalten. Sind Sie zufrieden mit Ihren Nachfolgern im DHB-Kasten?

Fritz: Sie haben ihre Sache sehr gut gemacht. Silvio ist jemand, der sich wie gegen Schweden gesehen richtig in ein Spiel reinbeißen kann. Er kann eine Abwehr unglaublich pushen und er bringt Emotionen ins Spiel. Das ist wichtig, weil eine Mannschaft diese Emotionen vom Torwart braucht. Allein aufgrund der körperlichen Unterschiede ist Jogi ein ganz anderer Typ. Während Silvio immer in einer tiefen Position steht und versucht, in die richtige Ecke zu springen, versucht Jogi, seine körperlichen Vorteile auszunutzen. Wenn die beiden weiter an ihre Leistungsgrenze gehen und darüber hinaus, sind wir im Tor gut aufgestellt.

SPOX: Heißt das, dass Sie das Kapitel Nationalmannschaft endgültig abgehakt haben?

EM: Die besten Bilder vom deutschen Team
Deutschland - Tschechien 26:26: Filip Jicha, hier im Duell mit Michael Müller (r.), war mit sechs Toren bester tschechischer Werfer
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Tomas Sklenak wird von Michael Haaß nicht am Wurf gehindert
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Tschechien Pavel Mickal (r.) setzt sich gegen Christian Schöne durch
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Der schlechte Turnierverlauf hat auch im Gesicht von Bundestrainer Heiner Brand seine Spuren hinterlassen
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Das war's dann wohl: Die deutschen Spieler fuhren in sechs Partien nur einen Sieg ein
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Deutschland - Spanien 20:25: Es ist zum Verzweifeln, Roggisch und Co. verloren auch die zweite Hauptrundenpartie
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Michael Haaß war in einer schwachen deutschen Mannschaft noch einer der Besten
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Viel zu selten fand das DHB-Team in der Offensive einen Weg, die spanische Abwehr zu knacken
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Johannes Bitter machte in Halbzeit zwei Platz für Silvio Heinevetter
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Deutschland - Frankreich 22:24: Das deutsche Team um Oliver Roggisch (l.) war in der ersten Hälfte mit dem amtierenden Weltmeister gleichauf...
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...Michael Kraus musste jedoch schon früh passen: Der Leader bekam einen Schlag auf die Nase und konnte seine Mannschaft zwischenzeitlich nur von der Bank unterstützen
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Weltstar Nikola Karabatic (l.) war vor allem in der zweiten Hälfte von der deutschen Defensive kaum zu bändigen. Er kam insgesamt auf fünf Treffer bei zehn Versuchen
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Auch in der Verteidigung bewährte sich der französische Welthandballer immer wieder. Hier setzte er Michael Haaß (r.) unter Druck
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Selten kamen nach der Halbzeit Torsten Jansen (l.) und seine Mitspieler gut in die Zwei- kämpfe. In den ersten Minuten nach der Pause zog Frankreich schnell vier Punkte davon
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Auch Holger Glandorf (M.) konnte die Niederlage beim Hauptrundenauftakt der deutschen Mannschaft nicht verhindern. Er traf vier Mal bei zwölf Versuchen
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Fritz: Nein, abgehakt habe ich das nie. Es ist nur so, dass es nicht nur von mir alleine abhängt. Ich stehe weiter zur Verfügung, aber die Bereitschaft muss von allen da sein. Wenn der Bundestrainer sagt, dass er auf die jungen Leute setzt und die ihre Leistung bringen, kann ich diese Entscheidung auch nachvollziehen. Aber ich habe die Nationalmannschaft noch nicht abgeschrieben. Ich konzentriere mich auf meinen Verein, alles andere ergibt sich dann. Wenn der Bundestrainer meint, dass er mich braucht, bin ich da.

SPOX: Sie haben jetzt schon eine ziemlich lange Karriere hinter sich. Wenn Sie sich das Torwartspiel von heute anschauen und mit dem von früher vergleichen, was hat sich verändert?

Fritz: Die größte Veränderung ist sicher, dass das Spiel viel schneller geworden ist und man als Torwart viel mehr Bälle aufs Tor bekommt. Auf der einen Seite kann man sich dadurch noch mehr auszeichnen, auf der anderen Seite sind aber auch die Anforderungen noch höher geworden. Die Grundvoraussetzungen wie Schnelligkeit sind geblieben, aber jetzt ist auch eine athletische Komponente dazugekommen. Du musst 60 Minuten lang mit einer hohen Konzentration spielen können, das ist ganz wichtig.

SPOX: Welche Charaktereigenschaften muss ein Torwart Ihrer Meinung nach haben?

Fritz: Verrückt muss er, denke ich, nicht sein. Er muss in erster Linie einen sehr großen Willen haben. Wenn man es sich mal überlegt, muss der Torwart ja eine sehr untypische Bewegung machen. Normal wäre es, dass man versucht auszuweichen, wenn etwas auf einen zukommt. Aber als Torwart musst du den Willen haben, deinen Körper in Richtung Ball zu bewegen. Du musst deinen Naturinstinkt abstellen und den Willen haben, immer wieder auf den Ball zuzugehen. Darauf kommt es an.

SPOX: In welchem Zustand befindet sich ein Torwart während des Spiels?

"Wenn du richtig im Spiel drin bist und das Adrenalin durch deinen Körper schießt, spürst du keine Schmerzen."

Henning Fritz über den Torwart-Job

Fritz: Wenn es gut läuft und einem jeder Ball haltbar erscheint, würde ich durchaus von einem Rauschzustand sprechen. Wenn ich die EM wie diesmal aus einer anderen Perspektive beobachte, ist es faszinierend zu sehen, was manche Torhüter leisten können. Es ist eine hohe Frage der Konzentration und es ist eine Frage des richtigen Timings. Alleine das Wurfbild des Schützen zu kennen, reicht nicht aus. Wenn ich als Torwart zu früh reagiere, schießt der Spieler in die andere Ecke, so dumm ist er ja auch nicht.

SPOX: Es bleibt nicht aus, dass man als Torwart auch Bälle richtig abbekommt und abgeschossen wird. Wie viel Schmerzen muss ein Torwart ertragen können?

Fritz: Das hört sich vielleicht für manche seltsam an, aber wenn du richtig im Spiel drin bist und das Adrenalin durch deinen Körper schießt, spürst du keine Schmerzen. Im Gegenteil, es ist ein angenehmer Schmerz, wenn du einen Ball abbekommst, ein echtes Glücksgefühl. Vielleicht kann man es mit einem Ausdauersportler vergleichen, bei dem bei einer gewissen Kilometer-Zahl Glückshormone ausgeschüttet werden.

SPOX: Im Gegensatz zu anderen Goalies in anderen Sportarten kassiert ein Handball-Torwart viel mehr Tore. Eine Schwierigkeit des Jobs?

Fritz: Man hat eine Menge Negativerlebnisse, das stimmt. In den seltensten Fällen werden sich kassierte Tore und gehaltene Bälle die Waage halten. Wenn du als Torwart eine Quote zwischen 40 und 50 Prozent hast, ist das schon sehr gut. Dann merkst du auch, dass du viele Bälle abwehrst und dann ist es nicht mehr so entscheidend, wie viele es insgesamt sind.

SPOX: Und wenn man keinen Ball zu fassen bekommt?

Fritz: Das kann ein einsames Gefühl sein. Wenn die Prozentzahl in den Keller geht und man merkt, dass man immer die falsche Ecke wählt oder zu spät ist, kommt natürlich Unzufriedenheit auf. Aber zum Glück gibt es dann auch wieder Tage, an denen du nichts verkehrt machen kannst.

SPOX: Inwieweit versuchen Sie als Torwart den Schützen per Psycho-Krieg zu verunsichern?

Fritz: Wenn ich im Spiel die nötige Aggressivität aufgebaut habe, versuche ich natürlich, den Schützen zu beeinflussen. Zum Beispiel dadurch, dass ich Augenkontakt halte, wenn ich einen Ball von ihm gehalten habe. Es spielt sich da sehr viel im Kopf ab. Ich bin aber auch zu einem großen Teil von meiner Abwehr abhängig. Wenn die Deckung gute Vorarbeit leistet und dem Schützen nur eine Ecke bleibt, kann ich klarerweise besser aussehen, als wenn dem Schützen alles offen steht.

SPOX: Wer ist für Sie momentan weltweit die Nummer eins?

Fritz: In den letzten Jahren hat Thierry Omeyer auf einem konstant hohen Niveau gespielt. Er ist unglaublich schnell und explosiv. Er liest den Schützen gut, steht teilweise recht defensiv im Tor, reagiert aber dann blitzschnell. Neben Omeyer würde ich noch Arpad Sterbik sehen. Er ist trotz seiner Größe beweglich und bekommt die Beine schnell hoch. Außerdem hat er ein gutes Stellungsspiel und ein gutes Gefühl für die Situation. Und alleine mit seiner Statur kann er so manchen Schützen beeinflussen. Omeyer und Sterbik sind die beiden, die den Handball auf der Torwart-Position in den letzten Jahren geprägt haben. Es kommen aber auch immer wieder gute Talente nach, wie der Däne Niklas Landin Jacobsen, der mir schon ein paar Mal aufgefallen ist. Oder Johan Sjöstrand aus Flensburg. Es gibt eine Menge guter Handball-Keeper.

Die besten Keeper der EM in der Statistik

Interview: Florian Regelmann

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