Golf-Gastkolumne von CNN-Moderator Don Riddell

Vom Reisfeld aufs Fairway

SID
Dienstag, 21.12.2010 | 13:17 Uhr
Liang Wen-Chong, hier bei den Singapur-Open, gilt als bester Golfer Chinas
© Getty
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CNN-Moderator Don Riddell schreibt in seiner Gastkolumne für SPOX über die beeindruckende Karriere des Liang Wen-Chong und ein aufstrebendes Talent aus China: Lucy Shi Yuting, die vor kurzem so gut war wie Phil Mickelson - und das mit zwölf Jahren.

Was die Motivation für eine Profikarriere angeht, scheinen die meisten Top-Golfer ähnlich veranlagt zu sein: Den Startschuss geben für gewöhnlich die Begeisterung für das Spiel eines der ganz Großen sowie der Wunsch, es diesem gleich zu tun und ihn letztlich zu besiegen. Tiger Woods beispielsweise ließ sich von Jack Nicklaus inspirieren und diente seinerseits später Rory McIlroy als Idol.

Ganz besonders interessant sind in diesem Kontext jedoch die ersten Schritte eines der besten Spieler unserer Zeit. 1993, als Bernhard Langer seinen zweiten Masters-Titel gewann und Greg Norman erneut den Claret Jug erringen konnte, kannte Liang Wen-Chong das Golfspiel nur aus Trickfilmen.

Aufgewachsen in bescheidenen Verhältnissen als Sohn eines Kleinbauern in der chinesischen Provinz Guangdong verfügte er bestenfalls über rudimentäre Kenntnisse über den Sport, der sein Leben verändern sollte: "Ich war ein einfacher Junge vom Land und hatte keine Ahnung von den Regeln. Ich wusste ja nicht einmal, dass man Golf als Profisport ausüben kann", beschreibt Liang seine Anfänge.

Training ab fünf Uhr am Morgen

Das Schicksal meinte es jedoch gut mit ihm. Und so kam es, dass der erste Golfplatz im modernen China ganz in seiner Nähe angelegt wurde. Dem örtlichen Verband blieb der Elan des 15-jährigen Liang nicht verborgen. Er fertigte seine eigenen Schläger aus Holz an und stand jeden Morgen um fünf Uhr auf, um vor der Schule üben zu können.

Ob Regen, Kälte oder Hitze - seiner Mutter zufolge hielten ihn selbst die unwirtlichsten Wetterbedingungen nicht vom Training ab.

Golf sollte jedoch nicht nur zur Leidenschaft des Liang Wen-Chong werden, sondern ihm auch völlig neue Möglichkeiten eröffnen. Ohne den Sport - eine Hochschulausbildung hätten seine Eltern nicht finanzieren können - wäre er wahrscheinlich in die Fußstapfen seines Vaters auf dem Feld getreten oder hätte sich als Fabrikarbeiter verdingt.

Golf-Boom in China

Schon wenige Jahre nach seinen ersten Schlägen wurde er Profi und konnte seinen Eltern, mit denen er in einer winzigen Hütte lebte, dank der ersten Preisgelder zu einem stolzen vierstöckigen Haus verhelfen. Sich seiner eigenen Wurzeln besinnend spendete er jedoch auch Teile seiner Einnahmen an eine Golfstiftung, damit auch andere Talente seinen Weg einschlagen könnten.

Der Sport traf in ganz China auf immer mehr Begeisterung, ein wahrer Boom entwickelte sich - und Liangs Timing hätte nicht besser sein können. So gehörte er 1993 noch zur ersten Generation chinesischer Profigolfer. Nun, knapp 20 Jahre später, hat bereits die vierte und fünfte Generation die Eisen in der Hand. In nicht einmal zwei Jahrzehnten ist nicht nur die Anzahl der Spieler aus dem Reich der Mitte erheblich gestiegen, auch ihr Hintergrund hat sich stark verändert.

Die Profi-Generation kommt

Die ersten waren Arbeiter auf den Plätzen, ihre Nachfolger kamen von den Reisfeldern. Viele Mitglieder der dritten Generation stammten aus gut situierten Verhältnissen und verbrachten schon in früher Kindheit Zeit auf Golfplätzen, die in nicht seltenen Fällen ihren Eltern gehörten. Die vierte und fünfte besteht nun zu einem großen Teil aus den Sprösslingen bereits erfolgreicher Golfer.

Sie erlernen den Sport mit professionellem Training und sind Teil einer entsprechend organisierten Struktur auf nationaler Ebene. Dank wohlhabender Eltern erhalten sie die Chance, sich auf internationalem Niveau zu messen.

Und dann Schlug sie Phil Mickelson...

Wie zum Beispiel Lucy Shi Yuting. Sie kommt aus Shanghai und ist zwölf Jahre alt. Drei Jahre jünger als Liang, als er zum Golfsport kam - und schon jetzt steht ihr offenbar eine große Zukunft bevor. Lucy ist ein zierliches und unschuldig wirkendes Mädchen, verfügt aber über einen eisernen Handschlag und enormes Geschick mit dem Eisen.

Im Finale der HSBC National Junior Championship im Oktober verwies sie das gesamte Teilnehmerfeld in ihrer Altersklasse mit nicht weniger als zwölf Schlägen Vorsprung auf die Plätze. Danach nahm sie in aller Ruhe Revanche an einer Gegnerin einer höheren Altersklasse für die Niederlage im Vorjahr.

Dies brachte ihr auch einen Startplatz beim Shanghai Pro-Am ein. Dort konnte sie das gleiche Ergebnis wie Phil Mickelson erzielen und schlug Adam Scott an einem Par-3-Loch.

Dritte geworden - mit 12!

Ihr schottischer Coach Mike Dickie sieht ihre Zukunft eindeutig auf der LPGA Tour: "Sie hat eine hervorragende Technik, aber ihre gefährlichste Waffe ist ihre mentale Stärke. Beim LPGA Turnier in China ist sie vor kurzem Dritte geworden - mit 12! Da kann man sich ja nur auf ihre Leistungen mit 22 freuen."

Trainingseinheiten von drei bis fünf Stunden täglich unterstreichen Lucys hoch gesteckte Ziele, es gibt aber auch Einschränkungen: "Ich will unbedingt auf der LPGA Tour spielen, aber in China ist das erst mit 20 Jahren möglich. Ich hoffe, dass es klappt, nachdem ich bei den Olympischen Spielen für mein Land angetreten bin."

Und bei der Wiederaufnahme des Golfsports im Rahmen der Spiele in Rio 2016 ist mit starker chinesischer Beteiligung zu rechnen, ist doch auch die Regierung nicht ganz uneigennützig an einer Förderung interessiert.

Erster Major-Sieg für Liang Wen-Chong?

Auch Dickie hält es für durchaus wahrscheinlich, dass Schüler an seiner Akademie in Shanghai und aus anderen Zentren im Land schon bald mit Green Jackets und Claret Jugs aus Schottland und Amerika zurückkehren werden.

Bislang ist es lediglich der 32-jährige Liang Wen-Chong, der unter den Top 100 die chinesische Flagge hoch hält, doch nicht zuletzt auch dank seiner eigenen Nachwuchsförderung spürt er schon den Atem der jungen Konkurrenz im Nacken.

Zum Rücktritt bereit fühlt er sich jedoch keineswegs und sieht seine besten Tage sogar noch vor sich. Im Gegensatz zu vielen Kollegen hatte er in seiner Jugendzeit zwar kein reales Vorbild, kann dieser Tage aber beispielsweise Padraig Harrington, Y. E. Yang und Mark O'Meara einiges an Bewunderung abgewinnen. Allesamt Golfer, die bei ihrem ersten Major-Sieg älter als Liang waren.

Träumen darf Liang also ganz offensichtlich angesichts seiner jüngsten Leistungen. Im vergangenen August konnte er in der dritten Runde der PGA Championship mit 64 Schlägen und acht unter Par auf den tückischen Whistling Straits einen neuen Platzrekord aufstellen.

Interviews - warum?

Seiner bodenständigen und bescheidenen Natur entsprechend dauerte es, gelinde gesagt, eine ganze Weile, bevor er selbst diesen Erfolg kommen sah. Erst kurz vor dem krönenden Putt wurde ihm und seinem Team langsam der bevorstehende Erfolg bewusst.

"Wenn er den einlocht, brauchen wir ihn im Interview-Zelt", wurde Liangs Agent von einem Journalisten informiert. "Warum?", war zu diesem Zeitpunkt noch dessen aufrichtig erstaunte Antwort.

Schon kurz darauf suchten die Organisatoren auf Hochtouren nach einem qualifizierten Dolmetscher. Die letzte Runde beendete er mit einer 73, landete aber letztendlich noch auf einem ordentlichen 8. Platz vor den Herren Mickelson, Woods und Furyk.

Aktuell spielt Liang mit dem Gedanken, sich in den USA niederzulassen - wird es dabei aber womöglich schwieriger haben als die chinesischen Profis der nun nachfolgenden Generationen. Nicht ganz einfach würde dieser Ortswechsel sicher werden für seine junge Familie, meint er, und steht damit nicht allein unter den Top-Golfern der Welt.

Der Weg ist noch weit

Doch er plant voraus: "Gerne möchte ich mit einem Mental-Coach zusammenarbeiten", erzählt er mir beim Mittagessen in seinem Clubhaus und meint augenzwinkernd: "Kennen Sie zufällig jemanden mit entsprechender Qualifikation, der auch Chinesisch spricht?"

Ein eindeutiger Beweis dafür, wie schnell sich der Golfsport in China entwickelt hat. Aber auch dafür, wie weit der Weg noch ist. Sollten also die führenden Sportpsychologen, Caddys und Fitness-Coaches dieser Welt an neuer Klientel interessiert sein, könnten sich entsprechende Sprachkurse wohl schon bald bezahlt machen.

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