Fussball

Bielefeld-Trainer Jeff Saibene im Interview: "Scheiße, bei Arminia sehen alle gleich aus"

Von Julian Alexander Fischer
Jeff Saibene ist seit März 2017 Trainer von Arminia Bielefeld in der 2. Liga.
© getty

Jeff Saibene war in Deutschland ein unbeschriebenes Blatt, als er im März 2017 den Trainerposten bei Arminia Bielefeld in der 2. Liga übernahm. Im Interview mit SPOX und Goal spricht der 50-jährige Luxemburger über seinen Start in den Trainerberuf, den plötzlichen Anruf aus Bielefeld und eine anschließende Panikreaktion.

Saibene äußert sich zudem zur Verwechslungsgefahr bei Arminia, zum Traum von der Bundesliga und seinen Tischtenniskünsten.

SPOX/Goal: Herr Saibene, Sie galten in den 1980er Jahren als größtes Talent des luxemburgischen Fußballs. Als Teenager gingen Sie zu Standard Lüttich, konnten sich auf dem ganz hohen Niveau aber nicht durchsetzen. Was fehlte Ihnen damals?

Jeff Saibene: Ich hatte viel Talent, war aber physisch nicht robust genug und mental auch ein bisschen zu sensibel in dem Alter. Mir hat letztlich die gewisse Härte gefehlt.

SPOX/Goal: In der Folge verbrachten Sie Ihre gesamte Spielerlaufbahn in der Schweiz. 1999 wechselten Sie zurück in Ihre Heimat nach Hesperingen und wurden anschließend Trainer. War das so geplant?

Saibene: Ja, großes Interesse am Trainerberuf hatte ich schon immer. Eines Tages hat der Verband angefragt, ob ich nicht als Coach im Jugendbereich arbeiten möchte. Es war aber nicht erlaubt, Spieler und Trainer gleichzeitig zu sein. So wurde ich dann fest als Trainer beim Fußballverband angestellt. Ich habe von der U17 bis zur U21 verschiedene Auswahlmannschaften trainiert und war auch Assistent von Allan Simonsen bei der A-Nationalelf. So ging es los.

Jeff Saibene über seine erste Entlassung: "War im Stolz verletzt"

SPOX/Goal: Nach fünf Jahren gingen Sie 2006 als Co-Trainer zum FC Thun, ab 2008 waren Sie für den FC Aarau verantwortlich. Bei beiden Vereinen wurden Sie schließlich zum Cheftrainer befördert. Wie plötzlich geschah das für Sie?

Saibene: In Thun war es komplett überraschend. Es war überhaupt nicht mein Ziel, Cheftrainer zu werden. Ich war auch noch sehr jung. Doch als der Chefcoach entlassen wurde hieß es dienstags, dass ich an diesem Tag das Training machen sollte und bis Samstag ein neuer Trainer kommen werde. Das kam Gott sei Dank nicht zu Stande, so dass mein Sportchef meinte: 'Du machst das Spiel am Samstag!' Wir gewannen dann erstmals seit Monaten - und das gegen den Tabellenführer. Daraufhin sagte der Präsident: 'Wieso ein neuer Trainer? Jeff darf weitermachen.' Wir waren damals Letzter, am Ende wurden wir Siebter.

SPOX/Goal: In Aarau lief es etwas unterschiedlicher.

Saibene: Ich durfte dort zunächst nicht Cheftrainer sein, weil ich die UEFA-Pro-Lizenz noch nicht abgeschlossen hatte. In Thun bekam ich eine Spezialbewilligung, doch die ging nur bis Sommer. Daher unterschrieb ich in Aarau einen Vertrag als Assistenztrainer. Nach zwei Jahren, als ich meine Diplome in der Tasche hatte, wurde ich dort Cheftrainer.

SPOX/Goal: 2009 wurden Sie beim FCA erstmals entlassen. Wie blicken Sie auf diese Erfahrung zurück?

Saibene: Das war bis heute das erste und letzte Mal. Es gab dort ziemlich komische Strukturen im Verein. Vom Sportchef bis zum Präsidenten war es relativ schlimm. Nach mir wurden noch weitere Trainer entlassen und dennoch stieg man ab. Am Anfang tat das extrem weh, ich war im Stolz verletzt. Jetzt glaube ich, dass jeder Trainer mal entlassen werden muss. Ottmar Hitzfeld hat ja mal gesagt: 'Ein Trainer, der nicht entlassen wird, ist kein guter Trainer.' (lacht)

Jeff Saibene als Trainer von St. Gallen in der Europa League

SPOX/Goal: Nachdem Sie daraufhin für ein Jahr Trainer der luxemburgischen U21-Nationalelf wurden, gingen Sie erneut in die Schweiz und heuerten beim FC St. Gallen an. Sie konnten den Klub nicht vor dem Abstieg bewahren, stiegen aber im Folgejahr wieder auf und qualifizierten sich für die Gruppenphase der Europa League - mit Spielen gegen Valencia und Swansea. Das bisherige Highlight Ihrer Karriere?

Saibene: Ja, das waren die schönsten Momente. Es war ja sensationell: Abstieg, direkter Wiederaufstieg, plötzlich Platz drei und dann das Playoff-Spiel gegen Spartak Moskau. Niemand rechnete damit, dass wir auch nur die geringsten Chancen hätten. Dann haben wir nach einem 1:1 im Heimspiel dort 4:2 gewonnen. Das war eine riesige Sensation. Als uns die Auslosung noch Swansea und vor allem Valencia bescherte, war das mehr als ein Traum.

SPOX/Goal: In den Playoffs der Erfolg über Spartak Moskau, in der Gruppenphase ein Sieg gegen Krasnodar - und auf einmal lagen Ihnen Angebote aus Russland vor. Wieso haben Sie sich dagegen entschieden?

Saibene: Es war mir zu weit weg. Am Telefon sagte man mir, ich müsste zunächst nach Moskau fliegen, dann umsteigen und nochmal drei Stunden fliegen. Das wollte ich mir nicht antun, meine Kinder waren auch noch klein. Das Thema war also schnell vom Tisch.

Jeff Saibene: Seine bisherigen Stationen als Trainer

VereinAmtszeit
Arminia Bielefeldseit März 2017
FC Thun2015-2017
FC St. Gallen2011-2015
Luxemburg U212010-2011
FC Aarau2008-2009
FC Thun (Co-Trainer)2006-2008
Trainerstab Luxemburg2001-2006

SPOX/Goal: Von 2015 bis 2017 trainierten Sie noch einmal den FC Thun, schmissen dort von sich aus hin und wurden im März 2017 bei Arminia Bielefeld vorgestellt. Ihr Name war in Deutschland gänzlich unbekannt. Wie kam der Kontakt zur Arminia zu Stande?

Saibene: An einem Dienstagmorgen. Ich saß im Auto in der Nähe meines Hauses. Plötzlich rief mich eine deutsche Nummer an. Jemand von Arminia war dran und sagte, dass sie großes Interesse an mir hätten und ich am liebsten schon am nächsten Montag anfangen soll. Das war für mich eine riesige Überraschung. Es ging dann alles sehr schnell. Nach drei, vier Tagen war alles geregelt und Montag stand ich dort tatsächlich auf der Matte.

SPOX/Goal: Zu diesem Zeitpunkt hatten die Bielefelder bereits zwei Trainer verschlissen und standen auf einem Abstiegsplatz. Sie bekamen nur einen Vertrag bis Saisonende.

Saibene: Das wollte ich aber auch genauso. Man bot mir einen Vertrag mit einem Anschlussjahr an für den Fall, dass wir uns retten. Das wollte ich aber nicht, weil ich dachte: Ich will zuerst gute Arbeit leisten. Steigen wir trotzdem ab und der Verein will dennoch mit mir weitermachen, können wir uns schon einigen.

Werbung
Werbung
Werbung
Werbung