Tarzans konstantester Schüler

Von Jannik Schneider
Donnerstag, 05.01.2017 | 18:00 Uhr
Julian Pollersbeck
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Venlo

Julian Pollersbeck ist der beste Torhüter im deutschen Profifußball - zumindest, wenn es nach den Statistiken der Vorrunde geht. Seit der junge Keeper nach einem Platzverweis der eigentlichen Nummer eins, Andre Weis, am 4. Spieltag ins kalte Wasser geworfen wurde, ist das Talent im Tor des 1. FC Kaiserslauterns gesetzt und dabei einer der wenigen Lichtblicke in der sonst ernüchternden Hinrunde des Traditionsvereins. Der Weg Pollersbecks scheint ganz nach guter, alter, pfälzischer Tradition vorgezeichnet - Tarzan sei dank.

Eigentlich hatte Julian Pollersbeck, ein großer Fan des kleinen Pfeils, in der Winterpause eine Reise zur Darts-WM nach London geplant. Doch nach der für ihn so unerwartet intensiven, kräftezehrenden Vorrunde im Tor des traditionsreichen Zweitligisten 1. FC Kaiserslautern, entschied er sich anders: Kräftetanken im heimischen Emmerting, einem bayrischen Ort in der Nähe Burghausens, statt Rammelbammel im berüchtigten Ally Pally.

Ganz auf Darts musste der 22-Jährige im Elternhaus nicht verzichten. Er habe seinem Bruder vergangenes Jahr eine Scheibe gekauft, verriet er kurz vor Weihnachten der Rheinpfalz und schickte über das Medium eine Kampfansage mit Augenzwinkern: "Ich hoffe, er hat gut trainiert."

Ganz klar: Der Bayer im Diensten des FCK hat gute Laune. Und die ist nach der für ihn fast perfekten Hinrunde auch gerechtfertigt. Achtmal bei 13 Einsätzen hat der in der Jugend von Wacker Burghausen groß gewordene Torwart kein Gegentor hinnehmen müssen. Auf die gleiche Anzahl kommt im Oberhaus lediglich Welttorhüter Manuel Neuer. Dies allerdings bei mehr Einsätzen (17). In der 2. Liga übertrumpft lediglich Kevin Müller vom Überraschungsteam Heidenheim den Keeper der Pfälzer mit neun "weißen Westen" bei allerdings ebenfalls mehr Einsätzen.

Stöver bricht mit besonderer Tradition

Überhaupt haben die meisten Stammtorhüter der 2. Liga in der Vorrunde mehr Spielpraxis vorzuweisen. Ganz einfach, weil der 22-Jährige gar nicht als Stammpersonal vom mittlerweile Ex-Trainer der Roten Teufel, Tayfun Korkut, eingeplant war. Denn nach dem Abgang Marius Müllers im Sommer für knapp zwei Millionen zu RB Leipzig,wo dieser zumeist nicht mal auf der Bank Platz nehmen darf, hatte der FCK mit einer ganz besonderen Tradition gebrochen.

Der neue Sportdirektor Uwe Stöver vertraute erstmals seit einer gefühlten Ewigkeit nicht der mittlerweile weit über die Pfälzer Grenzen bekannten "Flugschule" des langjährigen Lauterer Torwarttrainers und Publikumlieblings Gerry Ehrmann. Er verpflichtete einen externen Schlussmann: Zeitgleich mit dem Abgang Müllers präsentierte Stöver mit Andre Weis vom FSV Frankfurt eine neue Nummer eins.

Ob sich Pollersbeck übergangen fühlte? Seit seinem Wechsel von Burghausen zum FCK im Jahr 2014 lief das Talent 45 Mal in der zweiten Mannschaft auf und gehörte auch dem Profikader an. In dieser Zeit genoss er im Training die berüchtigten Einheiten Gerry Ehrmanns und sah dabei die Abgänge der Stammtorhüter Tobias Sippel und Marius Müller.

Ausgerechnet Ehrmann, "Tarzan", wie der Deutsche Meister von 1991 zu aktiven Zeiten aufgrund seiner bodybuilderähnlichen Statur liebevoll von den FCK-Anhängern genannt wurde, soll ihn - noch - für zu leicht befunden haben?

Keiner wehrt mehr Bälle ab

Pollersbeck jedenfalls wurde nicht umgehend Nachfolger der Wieses, Weidenfellers, Fromlowitz', Trapps, Sippels, Müllers. Er musste sich hinten anstellen und startete als Ersatzmann in die Saison. Weis spielte nicht richtig schlecht, das Team kassierte allerdings auffällig viele Gegentore in den ersten Spielen der Saison. Vier gegen Hannover, drei beim peinlichen Pokal-Aus in Halle und wieder drei in Sandhausen.

Bei jenem Gastspiel sah Weis in der Schlussphase die Ampelkarte, der Anfang vom Ende der Karriere des Ex-Frankfurters bei den Roten Teufeln. Pollersbeck wurde ins kalte Wasser geschmissen und hilft seitdem, die Abwehr zu stabilisieren. Bemerkenswert ist dabei die Ruhe, die der Youngster der Abwehrreihe um den von Sporting Lissabon ausgeliehenen Ewerthon und Eigengewächs Robin Koch (Sohn des Kult-Lauterers Harry) fortan ausstrahlte.

Seit dem 0:3 von Heidenheim hat Pollersbeck in zehn Begegnungen nur viermal hinter sich greifen müssen. Mit mehr als 81 Prozent abgewehrter Bälle wird er in dieser Kategorie nur von 1860-Keeper Stefan Ortega übertroffen (83 Prozent bei nur drei Einsätzen).

Debüt in der U-21-Nationalmannschaft

"Julian macht das sehr, sehr gut. Er hat in den letzten Wochen super gehalten", verteilte Tayfun Korkut Anfang Dezember in der Mainzer AZ ein Extralob. "Diese Ruhe kann man nicht lernen. Er zeigt keine Schwankungen. Alles was haltbar ist, holt er."

Einmal hat der 22-Jährige dann aber doch noch gepatzt. Ausgerechnet im letzten Spiel vor der Winterpause in der letzten Minute beim Gastspiel in Nürnberg. Da fälschte er einen haltbaren Ball ins lange Eck ab. Die Serie von sieben ungeschlagenen Spielen des FCK war gerissen.

Zu diesem Zeitpunkt hatte das Talent schon längst in der von Ex-FCK-Boss Stefan Kuntz trainierten U21-Nationalmannschaft debütiert. Gegen die Türkei. Zu null, versteht sich. Auf der DFB-Homepage wurde er anschließend zum Spieler des Spiels gekürt.

Über eine mögliche Teilnahme an der U21-Europameisterschaft im Juni 2017 in Polen hat sich Pollersbeck nach eigenen Angaben noch keine großen Gedanken gemacht. "Ich kann mich nur anbieten, aber meine volle Konzentration gilt dem FCK. Hier zählt zurzeit jeder Punkt", lautete die professionelle Antwort in einem SWR-Interview.

Abgang im Sommer?

Nicht nur beim DFB wird sein für dieses Alter längst nicht selbstverständliches Stellungsspiel geschätzt. Bei langen Bällen des Gegners positionierte sich Pollersbeck in der Vorrunde im Strafraum so, dass er längst da war, ehe irgendetwas anbrennen konnte. Das nennt der Bayer dann "Bälle wegholen, um meine Leute zu unterstützen". Dabei kommen ihm seine fußballerischen Qualitäten zugute.

"Ich habe eine Vergangenheit als Feldspieler", erzählte der Keeper in der AZ: "Ich habe bis zur U16 draußen gekickt." Bis er sich endgültig für den Platz zwischen den Pfosten entschied und von Tarzan entdeckt wurde. Ehrmann, der sich öffentlich selten äußert, hat seinem neuesten Profitorhüter ebenfalls Respekt gezollt und sich auch ein wenig selbst korrigiert: "Julian macht es gut. Er hat sich erstklassig entwickelt", lobte er in der Rheinpfalz, in jener Zeitung, in der sein Schützling so über den Dartssport schwärmte.

Die WM habe er nun "als großer Fan von Garry Anderson" im Fernsehen verfolgt. "Ich bin ja nur 13, 14 Tage im Jahr daheim, es sind 500 Kilometer von Lautern nach Hause", erklärte er fast wehmütig. Dort wolle er sich in Ruhe auf die Rückrunde in der Pfalz vorbereiten. Und in der Pfalz scheint der Stammplatz auch unter dem neuen Trainer Norbert Meier manifestiert.

Anderson und die Stimmung im Ally Pally kann Pollersbeck schließlich auch im nächsten Winter noch live erleben. Dann als etablierter Stammtorhüter. Wobei, der Weg der Flugschüler Tarzans war in den vergangenen Jahren stets vorgezeichnet. Aus Sicht der Lauterer Anhänger leider nie lang im heimischen Trikot. Ein Trostpflaster: Die nächsten Ehrmannschüler stehen mit Jan-Ole Sievers und Lennart Grill bereits in den Startlöchern.

Die Flugschule Tarzans ist eine der wenigen Konstanten in diesen so turbulenten Pfälzer Jahren.

Julian Pollersbeck im Steckbrief

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