"Dortmund ist nicht unser Vorbild"

Donnerstag, 31.07.2014 | 10:48 Uhr
Alexander Zorniger geht in seine dritte Saison bei RB Leipzig. Bislang gelangen ihm zwei Aufstiege
© getty
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Seit Juli 2012 ist Alexander Zorniger Cheftrainer bei RB Leipzig. Erst unter ihm gelang dem von Red Bull gesponsorten Klub der Aufstieg in die 3. Liga - und von dort ging es direkt eine Spielklasse weiter nach oben. Vor dem Saisonstart am Samstag gegen den VfR Aalen (13 Uhr im LIVE-TICKER) spricht der 46-Jähriger im Interview über sein Problem mit Social Media, Borussia Dortmund unter Jürgen Klopp und das Feindbild RB in der Kommerz-gegen-Tradition-Diskussion.

SPOX: Herr Zorniger, RB Leipzig ist in aller Munde, nur den Trainer kennen noch nicht so viele. Beschreiben Sie sich doch bitte einmal kurz und bündig.

Alexander Zorniger: Ich bin zielorientiert und versuche in emotionaler, sportwissenschaftlicher und psychologischer Hinsicht das Gesamtpaket des Trainerdaseins abzubilden. Dazu habe ich mir gesagt: Ich werde mich nie verbiegen lassen. Sollte mir der Job mit all seinen Abgründen einmal gehörig auf die Nerven gehen, dann war's das.

SPOX: Was sind für Sie die Abgründe Ihres Berufs?

Zorniger: Dieses extreme In-der-Öffentlichkeit-stehen hat eben auch seine Nachteile. Frank Schaefer in Köln und Sascha Lewandowski in Leverkusen haben daraus ihre Schlüsse gezogen. Das hat auch nichts mit dem Trainerjob an sich zu tun. Als richtig guter Bezirksligatrainer macht man seinen Job im Kernbereich genauso gut wie als Bundesligatrainer. Es kommen nur andere Facetten hinzu. Ich bin überzeugt, dass jeder Trainer bis zu einem gewissen Grad auch eitel ist. Sonst könnte man das gar nicht machen.

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SPOX: Wird das Bild, das die Öffentlichkeit vom Trainerjob hat, auch nur ansatzweise abgedeckt - oder steckt dahinter eine viel größere Intensität, als man denkt?

Zorniger: Die Allgemeinheit denkt, dass ein Trainer viel mehr Entscheidungen aufgrund von irgendwelchen äußeren Umständen fällt, als es tatsächlich der Fall ist. Was die meisten Menschen unter dem Trainerjob verstehen, deckt vielleicht fünf Prozent der Wirklichkeit ab. Ich glaube aber, dass das bei vielen Jobs der Fall ist. Bei einem Journalisten bewertet man auch nur das Endprodukt und sieht gar nicht, wie viel Vor- und Nacharbeit bis dahin erledigt werden muss. Der Nachteil beim Trainerjob, das hat auch schon Thomas Schaaf gesagt, ist: Er wird jede Woche bewertet - und zwar nach gewissen Schwarz-Weiß-Schattierungen. Mir geht manchmal der Respekt gegenüber der Arbeit eines Trainers ab.

SPOX: Denken Sie, dass sich diese Verkrustungen im öffentlichen Denken eines Tages lösen werden?

Zorniger: Nein. Wir haben natürlich auch einen exponierten Beruf und verdienen gutes Geld. Deshalb wird sich daran nichts ändern, das muss es auch nicht. Man muss als Trainer diese Begleitumstände einfach ertragen können. Sie sind eine der angesprochenen Facetten. Das heißt aber nicht, dass man sie schweigend akzeptieren muss. Nicht falsch verstehen: Ich genieße meinen Beruf total. Ich gehe jetzt in mein sechstes Jahr als Profitrainer. Nur hin und wieder denke ich mir: Irgendwie alles komisch (lacht).

SPOX: Welcher Abgrund ist der schlimmste?

Zorniger: Ein Aspekt sind sicherlich die sozialen Medien. Aus der Anonymität heraus wird etwas gepostet und 50.000 andere springen darauf an, ohne es auch nur ansatzweise zu hinterfragen. Informationen werden vollkommen ungefiltert aufgenommen. Social Media macht den Menschen an sich schlechter, das ist meine ernsthafte Überzeugung.

SPOX: Haben Sie ein Beispiel im Kopf?

Zorniger: Ich kann Ihnen schon heute sagen, dass ich im ersten Saisonspiel gegen den VfR Aalen genau die richtige Formation für uns auswählen werde. Das heißt aber nicht, dass wir damit auch gewinnen. Genau dann wird aber irgendjemand schreiben: Wie kann er denn in der ersten Partie Spieler X draußen lassen? Und darunter stehen dann 1000 Likes.

SPOX: Das Spiel gegen Aalen wird Ihr erstes in der 2. Liga sein. Vor Leipzig waren Sie beim 1. FC Normannia Gmünd und bei der SG Sonnenhof Großaspach angestellt. Hätten Sie es zu dieser Zeit für möglich gehalten, einmal ein Zweitligateam zu trainieren?

Zorniger: Das war nie mein Ziel. Mein Ziel war und ist es, an mein Maximum als Trainer zu kommen. Ich habe als Spieler nur bis zur Oberliga gespielt, mein Verständnis vom Fußball war aber damals schon etwas ausgeprägter. Zu Anfang meiner Trainerkarriere konnte ich in der Verbandsliga verschiedenste Dinge ausprobieren. Das war eine ideale Spielwiese. Viele große, ehemalige Spieler denken heutzutage, sie müssten als Trainer direkt bei einem ambitionierten Klub einsteigen. Das geht dann vielleicht ein halbes Jahr lang gut, aber man kann fast hundertprozentig davon ausgehen, dass sie auf die Schnauze fallen werden - weil ihnen irgendwann in bestimmten Situationen das Handwerkszeug fehlen wird.

SPOX: Leipzig gehörte in den beiden letzten Spielzeiten zu den Teams mit der höchsten individuellen Klasse in der jeweiligen Liga. Das dürfte sich in der 2. Liga ändern. Wird dies die Ausrichtung des RB-Spiels beeinflussen?

Zorniger: Überhaupt nicht. Wir werden innerhalb unserer Philosophie schauen, wo wir Nuancen verändern müssen. Die Grundprinzipien bleiben aber dieselben: Möglichst hohe Balleroberung und vertikales Spiel. Wir werden weiterhin versuchen, mit Spielern zwischen 17 und 23 Jahren einen Fußball abzuliefern, der viel mit Jugendlichkeit, Dynamik und Provokation zu tun hat. Unsere Spielanlage ist ganz klar auf das Spiel gegen den Ball ausgelegt. Wir verstehen unter Dominanz nicht Ballbesitz und Ballkontrolle, sondern das Spiel ohne Ball. Wir orientieren uns da an Erkenntnissen der Wissenschaft.

SPOX: Welche sind das?

Zorniger: Die Chance, den Ball zurück zu erobern, ist innerhalb von fünf Sekunden nach dem Ballverlust am höchsten. Mit dem Verstreichen einer Zeitdauer von acht Sekunden sinkt die Wahrscheinlichkeit mit jeder weiteren Sekunde, dass man nach Ballgewinn ein Tor erzielt. Man muss aber natürlich auch aufpassen, dass man nicht zu dogmatisch wird. Wenn andere Mannschaften Dominanz als Ballbesitzspiel definieren, ist das selbstverständlich in Ordnung. Es entspricht nur nicht unserer Philosophie.

SPOX: Teilweise hört sich das so an, als ob Sie über Elemente der Philosophie von Borussia Dortmund sprechen.

Zorniger: Dortmund ist aber nicht unser Vorbild. Wir hatten diesen Grundgedanken schon lange. Was ich aber sagen muss: Für mich wurde diese Herangehensweise noch klarer, als ich die ersten Spiele von Borussia Dortmund unter Jürgen Klopp gesehen habe. Bei aller Qualität, die der BVB-Kader mittlerweile besitzt, muss ich zugeben, dass mir diese Reinform von Chaos der ersten Klopp-Jahre besser gefallen hat.

SPOX: Was halten Sie denn vom Trainer Klopp?

Zorniger: Das ist natürlich eine ganz andere Liga. Aber wenn ich ihn beobachte oder im Fernsehen sehe, dann denke ich mir oft: So würdest du auch denken, so würdest du auch mit einem Journalisten sprechen. Ich glaube, überspitzt gesagt ist sein Grundprinzip, so nah an seine Jungs heranzukommen, aber trotzdem eine solche Distanz zu halten, dass sie für ihn durchs Feuer gehen. Und das möchte ich auch. Meine Spieler sollen nach ihrem Karriereende rückblickend sagen, dass der Zorniger der beste Trainer war, den sie jemals hatten.

SPOX: Glauben Sie, dass Ihr Team mit diesem Fußball auch die 2. Liga aufmischen kann?

Zorniger: Ich bin meilenweit davon entfernt, ein Zweitligaexperte zu sein. Ich weiß gar nicht genau, was auf uns zukommen wird - Gott sei Dank vielleicht. Wir wollen ganz bewusst unsere Art und Weise, Fußball zu spielen, auch weiterhin umsetzen. Die Leute sollen bei uns mit einem Lächeln ins Stadion kommen und mit einem Lachen wieder gehen. Wir werden vielleicht mal gegen Kaiserslautern ein 0:4 einstecken müssen, aber wir wollen nicht, dass die Leute am Ende des Spiels sagen: Das Beste waren die Wurst und das Bier.

Seite 1: Zorniger über sein Problem mit Social Media und den Trainer Jürgen Klopp

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