"Auch Bayern kann sich nicht abkapseln"

Von Interview: Haruka Gruber
Kabarettist Frank Goosen ist stellvertretender Aufsichtsrats-Boss des VfL Bochum
© Imago

Kabarettist Frank Goosen ist der ungewöhnlichste Funktionär im Profi-Fußball. Früher verfolgte er als Fan kritisch die Entwicklung seines Vereins VfL Bochum und verarbeitete seine Erlebnisse in seinem Kabarett-Programm.

Anzeige
Cookie-Einstellungen

Im Oktober 2010 entschloss sich Kabarettist Frank Goosen (45), aktiv zu werden, und wurde bei der chaotisch verlaufenen Jahreshauptversammlung des VfL Bochum in den Aufsichtsrat gewählt. Seit Januar 2011 ist er der stellvertretende Vorsitzende des wichtigsten Vereinsgremiums.

Goosen hat vor allem eine Mission: Die Fan-Demokratisierung des VfL - auch in der Bundesliga, sollte in der Relegation gegen Mönchengladbach (20.15 Uhr im LIVE-TICKER) der Aufstieg gelingen. Ein Interview über Wut, Establishment und Edu.

SPOX: Als Kabarettist geben Sie auf der Bühne unter anderem auch eine viel zitierte Nummer über Edu und Ihre schmerzhaften Erfahrungen mit ihm in Bochum zum Besten. Was dachten Sie, als er für Schalke zwei Tore bei Inter Mailand erzielte?

Frank Goosen: Dass der FC Schalke noch immer dankbar dafür sein kann, dass wir ihn zum Stürmer umfunktioniert haben. Er war ja ursprünglich Verteidiger bei uns und ist fast an der Szene zerbrochen, als er im UEFA-Cup gegen Standard Lüttich den entscheidenden Gegentreffer zum Ausscheiden durch seinen Schnitzer ermöglicht hat. Daraufhin haben wir ihn aus der Not geboren im Sturm eingesetzt, davon profitiert jetzt Schalke.

SPOX: Sie sagten auf Edu bezogen: 'Nur der VfL schafft es, den einzigen Brasilianer zu verpflichten, der keinen Fußball spielen kann.' Der Satz müsste nun lauten: 'Nur der VfL schafft es, einen Brasilianer zu verpflichten, der keinen Fußball spielen kann, dann in Korea verschwindet und plötzlich Schalke ins Champions-League-Halbfinale schießt.'

Goosen: Das war eine kabarettistische Zuspitzung und wir sollten nicht zu sehr auf dem armen Sportskameraden rumreiten. Wenn ich über Edu oder andere Bochum-Katastrophen spreche, hat es die Funktion eines Ventils für den ganzen Frust, den man als Fan erlebt. Ohne so ein Ventil ist es doch gar nicht zu packen, dass man wegen so einem Ei in der 93. Minute gegen Lüttich ungeschlagen aus dem UEFA-Cup fliegt. Ohne dieses Gegentor hätte sich der VfL wahrscheinlich in eine ganz andere Richtung entwickelt. Einige Fans sagen mir, dass sie noch immer nicht über die Edu-Episode lachen können, egal wie witzig ich sie erzähle. Aber immerhin hilft sie, um traumatische Erinnerungen zu verarbeiten.

SPOX: Fällt es Ihnen schwer, sich als stellvertretender Aufsichtsratsboss zurückhalten zu müssen? Sind Sie erwachsener geworden?

Goosen: Das würde ja bedeuten, dass ich vorher nicht erwachsen war. Nein, es ist mehr ein Entwicklungsprozess. Wie funktioniert ein Profiklub? Wie kommen Entscheidungen zustande? Dass ich mich als gewählter Vereinsvertreter dafür aber auch anders zu verhalten habe als ein prominenter Fan, war mir bewusst. Klar verändert sich etwas - in meinem Verhalten, in mir selbst -, aber ich sehe es nicht negativ.

SPOX: Zum Lernprozess gehörte wohl dazu, dass Sie sich nach Ihrer Wahl bei der turbulenten Jahreshauptversammlung im Oktober 2010, als unter anderem Werner Altegoer abdankte, nicht der Öffentlichkeit stellten und dafür scharf kritisiert wurden.

Goosen: Wir waren alle wie vor den Kopf gestoßen. Erst bei der Jahreshauptversammlung wurde klar, in welchem Ausmaß sich viele Mitglieder vom Verein entfremdet hatten, so dass eine unglaubliche Dynamik entstanden ist. Man muss sich das vorstellen: Vier von fünf gewählten Aufsichtsräten traten zurück und der Verein stand kurz davor zu zerbröseln. Angesichts solch einer Ausnahmesituation fühlten sich viele vorrübergehend überfordert, auch ich war zunächst sprachlos. Normalerweise sollte ich als zehntes Mitglied in einen funktionierenden Aufsichtsrat einziehen, und dann das. Entsprechend schwer fiel mir eine Einordnung und ich hielt mich daher zurück. Aber ich hätte den Fans zumindest genau das sagen sollen, sie hätten es verstanden. Zwei Tage später holte ich es nach.

SPOX: Zum zukünftigen Weg des VfL soll es gehören, sich mehr den Fans zu öffnen und Entscheidungen demokratischer zu treffen. Aber ist das Risiko nicht zu hoch, der Masse mehr Macht zu geben?

Goosen: Nein. Man darf Anhänger durchaus für fähig halten, Vorgänge innerhalb eines Vereins bewerten zu können. Fußball ist keine Geheimwissenschaft und es geht nicht um nukleare Abrüstungsverhandlungen. Solange man Entscheidungen gut erklärt, bin ich überzeugt, dass die Mitglieder nicht irgendeinen Paradiesvogel in den Aufsichtsrat wählen, der Freibier verspricht. So etwas könnte nur passieren, wenn die Mehrheit zu blöd ist und darauf hereinfällt. Diese Gefahr sehe ich beim VfL nicht.

SPOX: Ist das nicht naiv? Beim Hamburger SV traten Aufsichtsratskandidaten wie Politiker auf, gaben Versprechungen ab und führten einen populistischen Wahlkampf, was für Chaos im Verein sorgte.

Goosen: Die Situation beim HSV möchte ich nicht kommentieren und sie ändert nichts am springenden Punkt: Ein Verein muss sich den Demokratisierungswünschen der Mitgliedschaft stellen. Wenn sich herausstellt, dass nicht nur eine Minderheit Rabatz macht, sondern eine eine Vielzahl von Fans die Vereinsarbeit qualifiziert mitgestalten will, kann man sich dem nicht verweigern. Um den Bogen weiterzuspannen: Ich glaube generell, dass wir uns als Gesellschaft verändert haben und dass man den Leuten etwas zutrauen kann. Es verändert sich etwas, Stuttgart 21 ist nur eines von vielen Beispielen. Der Fußball sollte sich dieser Entwicklung nicht verschließen. Wir sind gut beraten, uns damit auseinanderzusetzen.

SPOX: Beim FC Bayern zeigt sich die Entfremdung zwischen den Fans und der Vereinsspitze in den teils heftigen Unmutsbekundungen gegen Uli Hoeneß und Manuel Neuer. Haben die Münchner die Zeichen der Zeit nicht erkannt?

Goosen: Beim FC Bayern wurde die Lizenzspielerabteilung vom e.V. ausgegliedert, aber das kann nicht verhindern, dass die Fans ihre Meinung äußern. Ein Klub, auch der FC Bayern, kann sich nicht abkapseln. Er mag geführt werden wie ein Unternehmen - aber er wird nie ein Unternehmen sein. Wir handeln nicht mit Tütensuppen sondern mit Emotionen. Für viele ist der Fußball Lebensinhalt, deshalb sollte man immer bedenken, dass man sich in einem Umfeld mit einer unheimlichen Emotionalität bewegt.

SPOX: Bochum hingegen hat ein Leitbild formuliert, an das sich Fans, aber auch die sportliche Führung halten sollen. Es geht um Begriffe wie Leidenschaft, Ehrlichkeit und Gemeinschaft - und klingt entsprechend kitschig.

Goosen: Wir sind anfangs belächelt worden, aber es sind keine Worthülsen. Wir wollen soziale Verantwortung übernehmen und die regionale Identität stärken. Die Mitglieder sind überrascht, wie sich das Leitbild schon auf das tägliche Arbeiten des Klubs auswirkt. Das sieht man daran, wie viele Jungs aus dem eigenen Nachwuchs in der ersten Mannschaft spielen und Spieler wie Chong Tese, die nicht von hier stammen, aber unsere Werte teilen, uns bereichern. Aus der Fanszene von Schalke gibt es mittlerweile den Wunsch, ein ähnliches Leitbild zu erarbeiten.

SPOX: Analog zum Deutschland-Check bei Einbürgerungen sollen VfL-Neuzugänge in einem Bochum-Check zu Besonderheiten des VfL und der Stadt abgefragt werden. Sind Sie darauf eingestellt, dafür verballhornt zu werden?

Goosen: Das kann man ohnehin nicht verhindern. Wenn man etwas ironisieren will, schafft man das, ich verdiene damit sogar meinen Lebensunterhalt. Aber im Ernst: Was soll am Bochum-Check schlecht sein? Daran, neue Spieler an die Hand zu nehmen? Man muss ja nicht zwingend jeden Tag Currywurst essen, aber man muss wissen, wo es die beste gibt. Oder welches Bier hier getrunken wird. Und warum sollen wir dies nicht auf die humorvolle Weise machen? Im Fußball ist Selbstironie doch eine willkommene Abwechslung.

SPOX: Bei allem Humor: Erleben Sie nicht auch die Schattenseiten des Jobs? Wenn Sie nach einer Niederlage angepöbelt werden?

Goosen: Angepöbelt wurde ich noch überhaupt nicht. Und wenn es etwas zu kritisieren gibt, geht es eher darum, warum nicht so viele Bierbuden in der Halbzeit offen sind oder warum wir nicht den oder den in die Wüste schicken. Das verläuft aber immer in einem sehr netten Ton.

SPOX: 'Warum wir nicht den oder den in die Wüste schicken': Gemeint könnte beispielsweise Sportvorstand Thomas Ernst sein, über dessen Ablösung spekuliert wird.

Goosen: Bei dieser Personalie ist genau wie beim anderen Vorstandsmitglied Ansgar Schwenken noch keine Entscheidung gefallen. Warten wir erst einmal ab, wie die Saison zu Ende geht.

SPOX: Sie klingen schon wie ein normaler Funktionär.

Goosen: Wie gesagt: Ich habe in kurzer Zeit sehr viel dazu gelernt. (lacht)

Der Kultklub aus dem Pott: Der VfL Bochum im Steckbrief

Artikel und Videos zum Thema