Fussball

Pirlo ist der Schlüssel

Von Für SPOX in Bremen: Stefan Rommel
Schreckgespenst aller Abwehrreihen: Filippo Inzaghi ist Milans treffsicherster Torjäger
© Imago

Werder Bremen ist in der Runde der letzten 32 im UEFA-Cup gegen den AC Milan klarer Außenseiter. Und trotzdem spricht einiges dafür, dass die Mannschaft von Thomas Schaaf dem scheinbar übermächtigen Gegner, der ohne seine Stars Kaka, Pato und wohl auch David Beckham antritt, auf Augenhöhe begegnet.

Carlo Ancelotti sieht eigentlich aus wie der Vorzeige-Opa aus dem Bilderbuch, mit voll ergrautem Haar und seinem knuffig-rundlichen Gesicht. Die Lesebrille baumelte wie bei Hans Meyer immer vor der Brust.

Aber sobald Ancelotti mit seinen Ausführungen anfängt, begreift man, warum niemand in seiner Mannschaft, die vollgepackt ist mit Stars und Superstars, auch nur eine Sekunde an dem zweifelt, was der 49-Jährige ihnen erzählt.

Verbannung aus dem Paradies

Ancelotti versprüht eine natürliche Autorität, wie sie nur ganz wenige ihr Eigen nennen können. Es ist die wichtigste Gabe für einen Job wie diesen. Der AC Milan ist mit 18 Titeln auf europäischer Bühne der erfolgreichste Klub der Welt, noch vor Real Madrid, Manchester United oder Juventus Turin.

Milan ist eine große Mannschaft, die wie geschaffen scheint für große Spiele. Insofern dürfte den Lombarden die Aufgabe gegen Werder Bremen heute Abend (20.30 Uhr im LIVE-TICKER) wie ein schlechter Scherz vorkommen. Die Champions League ist die Heimstatt Milans, der UEFA-Cup die Verbannung aus dem Paradies.

Die Runde der letzten 32 sollte für die Rossonerri an sich kein Problem sein, egal wie der Gegner heißt. Doch dieses Mal gibt es genügend Ansatzpunkte, die gegen den AC Milan und für Werder Bremen sprechen.

Im Motivationsloch?

Letzten Sonntag im Derby gegen Inter verspielte Milan seine letzte Chance auf den Scudetto, das oberste Ziel in dieser Saison. Nachdem feststand, dass die Mannschaft ein Jahr lang im UEFA-Cup quasi über die Dörfer tingeln muss, formulierten Ancelotti und Präsident Adriano Galliani den Meistertitel als vorrangige Aufgabe.

Durch das 1:2 ist der Zug bei nun schon elf Punkten Rückstand abgefahren. Im Gegenzug macht die Konkurrenz aus Florenz, Genua und Rom Druck auf Milan und Platz drei, der zur direkten Qualifikation für die Königsklasse berechtigt.

Vor dem Abflug aus Mailand machte Ancelotti unmissverständlich klar, dass es jetzt nur noch darum ginge, den dritten Platz zu sichern. Noch eine Saison ohne Champions-League-Hymne wäre ein Debakel - und für Ancelotti das sichere Aus. Der aktuelle UEFA-Cup-Wettbewerb ist da nur Ballast.

Die Mannschaft hat in dieser Saison schon ein paar Mal gezeigt, dass sie nach großen Spielen gegen die direkte Konkurrenz in den Partien danach enorme Motivationsprobleme hat, besonders bei den kleinen Gegnern ließ der AC unnötig viele Punkte liegen. Nach der Niederlage im Derby könnte Milan erstmal in ein kleines Loch fallen.

Dagegen zeigt Werders Leistungskurve eindeutig nach oben. Die Rückkehr von Diego wirkt als zusätzlicher Schub.

Viele Verletzungssorgen

Sehr untypisch für Milan sind die großen Verletzungssorgen. Alessandro Nesta wurde am Dienstag am Rücken operiert, Gennaro Gattuso (Kreuzbandriss) und vor allem Kaka (Prellung) fallen auch noch aus. Neben den drei Stammspielern fehlen Ancelotti auch die Stürmer Marco Borriello und Andrej Schewtschenko.

Selbst im sagenumwobenen MilanLab, dem Gesundheits- und Rehabilitationszentrum draußen in Milanello, konnten die angeschlagenen Stars nicht rechtzeitig fit werden.

Da auch der in dieser Saison überragende Alexandre Pato und David Beckham angeschlagen sind, bleiben Ancelotti in der Offensive kaum Alternativen: "Vielleicht fällt Pato auch noch aus. Deshalb wird Pippo Inzaghi als einzige Spitze beginnen." In Zahlen ausgedrückt: Milan vertraut seinem Tannenbaumsystem 4-3-2-1.

Innenverteidigung komplett neu

In der Abwehr stellt Ancelotti das Zentrum komplett um. Für die im Derby schwachen Kakha Kaladze und Paolo Maldini beginnen wohl Phillipe Senderos und der bereits 37-jährige Giuseppe Favalli.

Im Tor darf "Pokal-Keeper" Dida wieder ran. Eine Konstellation, die es so noch nie gab. Noch nicht mal Senderos und Favalli haben bisher jemals zusammen verteidigt, und schon gar nicht mit dem wechselhaften Dida hinter sich im Tor.

Da Ancelotti großen Respekt vor Mesut Özil hat, stellt er die Außen auch um und bringt Gianluca Zambrotta auf links und den reinen Defensivspezialisten Daniele Bonera auf rechts. Bonera soll sich ausschließlich um Özil kümmern.

Druck auf Pirlo

Die Hochgeschwindigkeits-Fußballer Kaka und Pato fehlen, also wird das Mailänder Spiel mehr denn je von Andrea Pirlo getragen. Pirlo bestimmt Takt und Schlagzahl, hat aber selbst längst nicht mehr die Spritzigkeit wie früher.

Wenn Pirlo Platz und Zeit bekommt, wird er zur Waffe. Unter Druck macht aber auch er Fehler. Ihm fehlen in manchen Situationen die Explosivität und die Robustheit im Zweikampf.

Werder sollte den Routinier relativ früh und aggressiv attackieren und von Beginn an Druck aufbauen. Beim Umschalten von Offensive auf Defensive bleibt Milan nur Dauerläufer Flamini als Abfangjäger aus dem Mittelfeld.

Kommt der Angriff doch ins Rollen, ist die Ausgangslage fast immer die selbe: Pirlo spielt den ersten Ball des Angriffs, meist raus auf die Außen, die gegen Werder sehr wahrscheinlich Ronaldinho und Seedorf heißen.

Viererkette vor großen Aufgaben

Besonders der Brasilianer zeigte zuletzt eine deutliche Leistungssteigerung auf der linken Seite. Clemens Fritz ist hier gefordert, um Ronnie schon weit weg vom eigenen Tor zu stellen. Zudem ist Zambrotta in blendender Verfassung und extrem angriffslustig.

Zambrotta bildet mit Ronaldinho ein tolles Tandem, das es immer zu doppeln gilt. Alexandros Tziolis muss also viel mehr Defensivarbeit verrichten als ihm lieb sein wird, um Fritz nicht zu oft alleine zu lassen.

Allerdings musste Ronaldinho das Abschlusstraining am Dienstag verletzungsbedingt abbrechen. Sollte der Brasilianer auch noch ausfallen, würde an dessen Stelle Marek Jankulovski ins Mittelfeld rücken und aus dem 4-3-2-1 ein 4-4-1-1 machen und Seedorf ins Zentrum rücken.

Im Sturmzentrum steht mit Filippo Inzaghi Europas gefährlichster Angreifer aller Zeiten. Kein anderer hat in europäischen Wettbewerben so viele Tore erzielt wie Super-Pippo (65) - kein Raul, kein Gerd Müller, kein Schewtschenko. Naldo und Mertesacker werden sich abwechselnd um den latenten Grenzgänger zwischen Erlaubtem und Unerlaubtem kümmern.

Diego gegen Ambrosini

In der Zentrale bekommt es Diego mit Massimo Ambrosini zu tun. Ambrosini zeigte gegen Inter eine überragende Vorstellung, war ungemein aggressiv und bissig im Zweikampf und wird Diego in vielen Duellen mit Härte und dem einen oder anderen Foul begegnen.

Durch die Hereinnahme von Senderos erhofft sich Ancelotti mehr Wucht in Kopfballduellen. Der kantige Schweizer hat aber auch Schwächen am Boden und ist wie Favalli nicht der Schnellste. Claudio Pizarro und Hugo Almeida dürften hier klare Vorteile haben.

Schwächen bei Standards

Bleibt noch der Faktor Standards: Milan hat enorme Probleme mit dem ruhenden Ball. Zuletzt gegen Inter waren jeder Freistoß und jeder Eckball ein Mysterium für Milan.

Werder Bremen hat den Missstand offenbar längst erkannt. In der letzten Trainingseinheit am Dienstag wurde das schnelle Umschalten nach Ballgewinn geprobt. Und Ecken und Freistöße in allen erdenklichen Variationen.

UEFA-Cup: Die Runde der letzten 32 im Überblick

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