Kevin Kuranyi im Interview: "Fußball ist in Russland nicht die wichtigste Sportart"

Mittwoch, 06.06.2018 | 12:00 Uhr
Kevin Kuranyi spielte von 2010 bis 2015 bei Dynamo Moskau.
© getty

Kevin Kuranyi spielte von 2010 bis 2015 für den russischen Erstligisten Dynamo Moskau. Im Rahmen der Themenwoche 'Fußball in Russland' erzählt er von den Eigenarten des russischen Fußballs, einem Leben im Schatten der Eishockeyspieler und Regionalliga-tauglichen Kabinen bei Tom Tomsk.

Er erinnert sich an seine Zusammenarbeit mit dem aktuellen Nationaltrainer Stanislaw Tschertschessow und sagt, auf welchen Russen man bei der WM ganz besonders achten sollte.

SPOX: Herr Kuranyi, was hat Sie während Ihrer Zeit in Russland positiv überrascht?

Kevin Kuranyi: Die Stadt Moskau und ihre Bewohner. Die Menschen haben sich ganz anders präsentiert, als ich es vorher gehört oder gelesen habe. Am Anfang sind sie zwar sehr zurückhaltend, aber jeder, den ich richtig kennenlernte, war letztlich offen, herzlich und hilfsbereit. Die Stadt ist nicht so gefährlich, wie immer getan wird. Ich habe mich in Moskau sehr sicher gefühlt.

SPOX: Und negativ?

Kuranyi: Die ewigen Staus und die langen Winter gefielen mir gar nicht.

SPOX: Wie sehr beeinträchtigt die Kälte den Fußball?

Kuranyi: Natürlich leidet die Qualität darunter. Aber nicht so sehr, wie man denkt, weil die Kälteunterschiede bei hohen Minusgraden nicht mehr wirklich spürbar sind. Der Sprung von 0 zu -5 Grad ist deutlich schlimmer als von -10 zu -15. Das ist eine andere, trockene Kälte. Die Spieler verbringen die kälteste Zeit des Jahres aber ohnehin nicht in Russland, sondern irgendwo im Trainingslager. Viel mehr beeinträchtigt die Kälte das Leben der Familien der Spieler, die in Russland bleiben.

SPOX: Bis 2010 wurde die russische Liga nach dem Kalenderjahr ausgetragen, seitdem wie in den europäischen Top-Ligen von Herbst bis in den Frühling. War das die richtige Entscheidung?

Kuranyi: Für die internationale Konkurrenzfähigkeit der russischen Vereine ist das sicherlich besser.

SPOX: Welche Rolle spielt der Fußball in Russland?

Kuranyi: Fußball ist nicht die wichtigste Sportart, das ist mit deutlichem Abstand Eishockey. Die Eishockey-Spieler sind in der öffentlichen Wahrnehmung die größten Stars. Während Fußballer in Deutschland stets unter Beobachtung stehen und nach Fotos oder Autogrammen gefragt werden, haben sie in Russland ihre Ruhe.

SPOX: Gibt es öffentliche Trainingseinheiten?

Kuranyi: Während meiner Zeit bei Dynamo gab es die nur sehr selten, vielleicht ein- oder zweimal im Monat. Aber dann sind auch kaum Fans gekommen. Einmal im Jahr hatten wir noch eine Veranstaltung mit Autogrammstunden. Mehr Austausch mit den Fans gab es nicht.

SPOX: Haben Sie die Nähe zu den Fans vermisst?

Kuranyi: Wenn ich mich daran erinnerte, was bei unseren Trainings mit Schalke vor einem Derby gegen Dortmund abging, wurde ich schon ein bisschen wehmütig. Da kamen 5000 Leute, die die Mannschaft pushten. Das war etwas Besonderes. In Russland können sich die Spieler dafür ganz auf den Sport konzentrieren.

SPOX: Wie war die Infrastruktur bei Dynamo?

Kuranyi: Wir hatten damals schon ein Mega-Trainingsgelände und sehr professionelle Abläufe. In den vergangenen Jahren zogen einige andere Vereine nach.

SPOX: Haben Sie während Ihrer Zeit in Russland auch das Gegenteil erlebt, also marode Einrichtungen?

Kuranyi: Bei vielen kleinen Vereinen hatte die Infrastruktur - um es freundlich zu sagen - Entwicklungspotenzial. Die Kabinen bei Tom Tomsk schauten beispielsweise wie bei einem deutschen Regionalligisten aus.

SPOX: Wie beeinträchtigend sind die langen Reisen zu den Auswärtsspielen?

Kuranyi: Weil die meisten Vereine in oder um Moskau angesiedelt sind, gibt es gar nicht so viele lange Auswärtsreisen. Die besten Klubs von der anderen Seite Russlands spielen alle in der zweiten oder dritten Liga. Meine längste Auswärtsreise war nach Tomsk. Das liegt in Westsibirien und ist etwa viereinhalb Flugstunden entfernt, also vergleichbar mit einer Reise zu einem Champions-League-Auswärtsspiel. Gewissermaßen spielen also alle russischen Vereine in Sachen Entfernung Champions League (lacht).

Kevin Kuranyis Leistungsdaten bei Dynamo Moskau in der Premier Liga

SaisonSpieleToreAssists
2010 (Kalenderjahr)1692
2011/1241138
2012/1327102
2013/14158-
2014/1524104

SPOX: Welches russische Stadion ist das stimmungsvollste?

Kuranyi: Voll sind die Stadien nur bei Derbys und dann ist auch die Stimmung am besten. Vor allem, wenn Spartak gegen ZSKA spielt.

SPOX: Mit diesen beiden Klubs, Ihrem Ex-Verein Dynamo, dem aktuellen Meister Lokomotive und dem mittlerweile drittklassigen Torpedo gibt es in Moskau fünf große Traditionsvereine. Wodurch unterscheiden sie sich?

Kuranyi: Jeder Klub hat seine Vergangenheit im Kommunismus und aus dieser Zeit eine Nähe zu einer bestimmten staatlichen Einrichtung oder einem Ministerium. Dynamo gilt zum Beispiel als der Verein des Geheimdiensts.

SPOX: Welche Rolle spielt die Politik im russischen Fußball?

Kuranyi: Die gehört dazu, aber das stört im Tagesbetrieb aus Spielersicht auch nicht wirklich.

Seite 1: Kuranyi über Kälte, fehlende Fan-Nähe und Regionalliga-taugliche Kabinen

Seite 2: Kuranyi über Hooligans, das russische Nationalteam und Trainer Tschertschessow

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