Dienstag, 20.07.2010

SPOX-Themenwoche, Teil II: Ralf Rangnick im Interview

"Die Ronaldos und Robbens sterben aus"

Früher war Ralf Rangnick unzufrieden über die grotesken "Nummerndecker" und vertraute als Trainer-Pionier auf die moderne Sechs: Der Chefcoach von 1899 Hoffenheim über Synchronisation, Altruismus und die Zukunft des Fußballs.

Ralf Rangnick ist seit 2006 Trainer bei 1899 Hoffenheim und führte sie 2008 in die Bundesliga
© Getty
Ralf Rangnick ist seit 2006 Trainer bei 1899 Hoffenheim und führte sie 2008 in die Bundesliga

SPOX: Wer sind die ersten Sechser, an die Sie sich erinnern können?

Ralf Rangnick: Luis Fernandez, Frank Rijkaard, Carlos Dunga, Didier Deschamps und Josep Guardiola - wenn es um Sechser gehen soll, deren Teams konsequent in Raumdeckung und vorwiegend ballorientiert verteidigten.

SPOX: Ein Deutscher ist nicht darunter...

Rangnick: ... und das ist nicht weiter verwunderlich. Den Grund kenne ich aus eigener Erfahrung: Anfang der 80er Jahre wurde ich als Spieler häufig im defensiven Mittelfeld aufgestellt. Statt das Spiel mitzuorganisieren, sollte ich jedoch - wie es in Deutschland damals Gesetz war - lediglich den Hacki Wimmer mimen und den gegnerischen Spielmacher ausschalten. Hin und wieder bekam ich dafür ein dickes Lob vom Trainer und von der Presse - aber tief im Inneren habe ich damals schon gespürt, dass etwas falsch läuft. Wie konnte ich gut spielen, wenn ich vielleicht zehn Ballkontakte hatte und nicht aktiv am Spiel teilnahm?

SPOX: Sie klingen im Nachhinein etwas enttäuscht.

Rangnick: Als ich Spielertrainer in Backnang war, beobachtete ich eine Begegnung zwischen Schwäbisch Hall  und Rommelshausen mit dem ehemaligen Stuttgarter Zehner Buffy Ettmayer, der ebenfalls als Spielertrainer gearbeitet hat. Schwäbisch Hall hatte einen solchen Respekt vor Buffy, dass sie ihm selbst bei eigenem Ballbesitz einen Bewacher hinstellten. Irgendwann war Buffy derart genervt von seinem jungen Gegenspieler, dass er einfach weit in die Hälfte des Gegners gesprintet ist, obwohl Rommelshausen gar nicht den Ball hatte. Dabei rief er seinem Gegenspieler zu: "Komm mit!" - und dieser war so verdutzt, dass er tatsächlich hinterher gerannt ist. Damit wollte Buffy seinem Nummerndecker und dem Publikum zeigen, wie grotesk die Manndeckung ist.

SPOX: Nummerndecker?

Rangnick: Der Begriff Manndecker oder defensiver Mittelfeldspieler hat früher nicht den Tatsachen entsprochen. Statt sich die Gegenspieler zu übergeben, hieß es immer nur seitens vieler Trainer: "Du musst den Spieler mit der Rückennummer X 90 Minuten lang decken, unabhängig davon, wohin er läuft." Daher: Nummerndecker.

SPOX: Wann entstand aus dem diffusen Gefühl der Unzufriedenheit die konkrete Idee, dass der Sechser anders interpretiert werden soll?

Rangnick: Mein Aha-Erlebnis war ein Testspiel von Backnang gegen das von Walerij Lobanowskyj trainierte Dynamo Kiew. Beeindruckend, wie sie mit allen Spielern konsequent Raumdeckung gespielt und klug verschoben und gepresst haben, so dass ich dachte, Kiew würde mit 13 Mann auf dem Platz stehen. Es war aus mannschaftstaktischer Sicht eine Demonstration. Und bereits damals setzte Lobanowskyj im defensiven Mittelfeld auf den blutjungen Oleksij Mychajlytschenko, der schon zu dem Zeitpunkt der Prototyp des modernen Sechsers war.

SPOX: Und in Deutschland?

Rangnick: Als Spiegelbild diente die deutsche Nationalmannschaft. Frankreich, Italien Spanien, selbst die Schweiz waren uns in der Jugend und bei den Senioren weit voraus, aber bedingt durch den WM-Sieg 1990 wurde bis Mitte/Ende der 90er Jahre am Libero festgehalten, weil es ja keinen Grund gegeben hätte, etwas umzustellen. Mit der Folge, dass wir als letzte Nation in Europa gemerkt haben, wohin die Entwicklung geht und dass im Zuge dessen die Sechser-Position neu erfunden wurde. Als ich mit Ulm 1998 in die 2. Liga aufgestiegen bin, haben von vier  Zweitligisten und  zwei Bundesligisten abgesehen alle Teams mit Libero, zwei Manndeckern und gegnerorientierten Sechsern gespielt.

Die besten deutschen Sechser
Bastian Schweinsteiger (FC Bayern München)
© Getty
1/14
Bastian Schweinsteiger (FC Bayern München)
/de/sport/diashows/1007/Fussball/besten-sechser-national/torsten-frings-sami-khedira-bastian-schweinsteiger-michael-ballack-christian-traesch-simon-rolfes-thomas-hitzlsperger.html
Michael Ballack (Bayer Leverkusen)
© Getty
2/14
Michael Ballack (Bayer Leverkusen)
/de/sport/diashows/1007/Fussball/besten-sechser-national/torsten-frings-sami-khedira-bastian-schweinsteiger-michael-ballack-christian-traesch-simon-rolfes-thomas-hitzlsperger,seite=2.html
Sami Khedira (Real Madrid)
© Getty
3/14
Sami Khedira (Real Madrid)
/de/sport/diashows/1007/Fussball/besten-sechser-national/torsten-frings-sami-khedira-bastian-schweinsteiger-michael-ballack-christian-traesch-simon-rolfes-thomas-hitzlsperger,seite=3.html
Christian Träsch (VfB Stuttgart)
© Getty
4/14
Christian Träsch (VfB Stuttgart)
/de/sport/diashows/1007/Fussball/besten-sechser-national/torsten-frings-sami-khedira-bastian-schweinsteiger-michael-ballack-christian-traesch-simon-rolfes-thomas-hitzlsperger,seite=4.html
Simon Rolfes (Bayer Leverkusen)
© Getty
5/14
Simon Rolfes (Bayer Leverkusen)
/de/sport/diashows/1007/Fussball/besten-sechser-national/torsten-frings-sami-khedira-bastian-schweinsteiger-michael-ballack-christian-traesch-simon-rolfes-thomas-hitzlsperger,seite=5.html
Thomas Hitzlsperger (West Ham United)
© Getty
6/14
Thomas Hitzlsperger (West Ham United)
/de/sport/diashows/1007/Fussball/besten-sechser-national/torsten-frings-sami-khedira-bastian-schweinsteiger-michael-ballack-christian-traesch-simon-rolfes-thomas-hitzlsperger,seite=6.html
Torsten Frings (Werder Bremen)
© Getty
7/14
Torsten Frings (Werder Bremen)
/de/sport/diashows/1007/Fussball/besten-sechser-national/torsten-frings-sami-khedira-bastian-schweinsteiger-michael-ballack-christian-traesch-simon-rolfes-thomas-hitzlsperger,seite=7.html
Hanno Balitsch (Bayer Leverkusen, r.)
© Getty
8/14
Hanno Balitsch (Bayer Leverkusen, r.)
/de/sport/diashows/1007/Fussball/besten-sechser-national/torsten-frings-sami-khedira-bastian-schweinsteiger-michael-ballack-christian-traesch-simon-rolfes-thomas-hitzlsperger,seite=8.html
Sebastian Kehl (Borussia Dortmund, vorne)
© Getty
9/14
Sebastian Kehl (Borussia Dortmund, vorne)
/de/sport/diashows/1007/Fussball/besten-sechser-national/torsten-frings-sami-khedira-bastian-schweinsteiger-michael-ballack-christian-traesch-simon-rolfes-thomas-hitzlsperger,seite=9.html
Dietmar Hamann (unter anderem FC Liverpool und FC Bayern)
© Getty
10/14
Dietmar Hamann (unter anderem FC Liverpool und FC Bayern)
/de/sport/diashows/1007/Fussball/besten-sechser-national/torsten-frings-sami-khedira-bastian-schweinsteiger-michael-ballack-christian-traesch-simon-rolfes-thomas-hitzlsperger,seite=10.html
Carsten Ramelow (Bayer Leverkusen)
© Getty
11/14
Carsten Ramelow (Bayer Leverkusen)
/de/sport/diashows/1007/Fussball/besten-sechser-national/torsten-frings-sami-khedira-bastian-schweinsteiger-michael-ballack-christian-traesch-simon-rolfes-thomas-hitzlsperger,seite=11.html
Frank Baumann (Werder Bremen)
© Getty
12/14
Frank Baumann (Werder Bremen)
/de/sport/diashows/1007/Fussball/besten-sechser-national/torsten-frings-sami-khedira-bastian-schweinsteiger-michael-ballack-christian-traesch-simon-rolfes-thomas-hitzlsperger,seite=12.html
Guido Buchwald (Karlsruher SC)
© Getty
13/14
Guido Buchwald (Karlsruher SC)
/de/sport/diashows/1007/Fussball/besten-sechser-national/torsten-frings-sami-khedira-bastian-schweinsteiger-michael-ballack-christian-traesch-simon-rolfes-thomas-hitzlsperger,seite=13.html
Jens Jeremies (FC Bayern und 1860 München)
© Getty
14/14
Jens Jeremies (FC Bayern und 1860 München)
/de/sport/diashows/1007/Fussball/besten-sechser-national/torsten-frings-sami-khedira-bastian-schweinsteiger-michael-ballack-christian-traesch-simon-rolfes-thomas-hitzlsperger,seite=14.html
 

SPOX: Und jetzt?

Rangnick: Dank der Bemühungen der Bundesliga-Nachwuchsleistungszentren und von DFB-Sportdirektor Matthias Sammer haben wir den 15-jährigen Rückstand ganz gut aufgeholt. Auf der Sechs beispielsweise gibt es mit den beiden Benders oder Sebastian Rudy viele Talente mit Perspektive, die irgendwann die Klasse von Schweinsteiger oder Khedira erreichen können, sofern sie Spielpraxis bekommen.

SPOX: Bei der WM überzeugten Schweinsteiger und Khedira als deutsche Doppelsechs - im Halbfinale gegen Spanien wurden ihnen jedoch die Grenzen aufgezeigt.

Rangnick: Das finde ich nicht. Vielmehr wurden der ganzen Mannschaft die Grenzen aufgezeigt, was das Spiel gegen den Ball anbelangt. Im Grunde waren Schweinsteiger und Khedira gegen Spanien die ärmsten Schweine auf dem Platz. Vorne drin hat Miroslav Klose zwar gut gearbeitet, aber bei der offensiven Dreier-Reihe dahinter mit Lukas Podolski, Mesut Özil und Piotr Trochowski war ballorientiertes Pressing nur phasenweise zu erkennen. Das hat Spanien perfekt ausgenutzt. Ein Schweinsteiger und ein Khedira reichen im Mitteldrittel des Platzes eben nicht aus, um eine solch überragende Ballstafetten-Maschinerie zu stoppen. Selbst foulen konnten die Deutschen nicht, weil sie anders als die Niederländer zu weit weg standen.

"Das spanische Mittelfeld ist der Inbegriff von Perfektion."

Ralf Rangnick

SPOX: Was auffiel: Während Podolski, Özil und Trochowski fast ausschließlich offensiv dachten und sogar Khedira häufig in die Tiefe ging, fühlten sich die spanischen Mittelfeldspieler für alle Aufgaben verantwortlich.

Rangnick: Deswegen ist das spanische Mittelfeld für mich der Inbegriff von Perfektion. Die Grenzen zwischen defensivem und offensivem Mittelfeld, beziehungsweise zwischen Sechser und Zehner, waren fließend. Selbst Andres Iniesta, der nominell als Rechtsaußen aufgestellt wurde, übernahm genauso wie Xavi, Sergio Busquets und Xabi Alonso Sechser-Aufgaben. Jeder war bereit, bei Ballverlust umzuschalten.

Hier geht's zum zweiten Teil: Rangnick über Altruismus, Iniesta und Ronaldo

Interview: Daniel Börlein/Haruka Gruber

Diskutieren Drucken Startseite
SPOX Themenwochen

Über Verträge, Ausstiegs- klauseln, Medizincheck. Und: Transfergott Meier & Wechselkönig Anelka. 

Manuel Neuer ist mit 25 Jahren möglicherweise der beste Keeper der Welt

Wie wird im Fußball gearbeitet? Über Kondition, Motivation, Technik und mehr. 

Die Entwicklung vom Vorstopper zur Königsposition im modernen Fußball. 

Und so sieht das Rungrado, wie es auch genannt wird, bei Vollauslastung aus. Bei einer Wrestling-Veranstaltung 1995 waren unfassbare 190.000 Menschen anwesend

Polarmeer bis Südsee: Kurioses, Hintergründiges und Skandalöses aus aller Welt. 

Szene aus dem Kinofilm zur WM 1954 von Sönke Wortmann: "Das Wunder von Bern" (2003)

Die Entwicklung des modernen Fußballs seit seinen Anfängen im 19. Jahrhundert. 

Südasien-Meisterschaften in Bangladesch: Sana Mahmud führt Pakistans Nationalteam aufs Feld

Interviews mit Hamm, Bajramaj und Neid. Über die Freestylerin Yaren und Fußball in Pakistan. 

Rainer Adrion hat beim VfB Stuttgart schon zahlreiche Talente zu Nationalspielern gemacht

Wer sind die Stars von morgen? Über Chancen und Risiken in der Nachwuchsförderung. 


www.performgroup.com

Copyright © 2016 SPOX. Alle Rechte vorbehalten.