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RWO-Präsident Hajo Sommers im Interview: "Ich trinke viel Bier und rauche zu viel"

Hajo Sommers wird im Sommer 2019 das Amt als Präsident von Rot-Weiß Oberhausen niederlegen.
© imago

Im kommenden Sommer wird Hajo Sommers nach 13 Jahren sein Amt als Präsident von Rot-Weiß Oberhausen niederlegen. Seit sechs Jahren befindet sich Sommers mit RWO in der Regionalliga und kämpft ums Überleben des Klubs. Im Interview äußert er sich ausführlich zu den Problemen, die ein Viertligist zu bewältigen hat.

Sommers spricht über die elenden Bundesligen, Hungerlöhne für Trainer, die Sinnlosigkeit der Regionalliga, langweilige Deutschland-Spiele, Helene Fischer und warum er seine private Meinung zum DFB nicht kundtun kann.

SPOX: Herr Sommers, Sie sind seit 2006 ehrenamtlicher Präsident von Rot-Weiß Oberhausen und stellen nebenher im Ebertbad seit 20 Jahren ein Kulturprogramm auf die Beine, bei dem Sie immer wieder auch selbst auf der Bühne stehen. Die aktuelle wird Ihre letzte Saison bei RWO. Mussten Sie als Präsident auch häufiger schauspielern?

Hajo Sommers: Das kam vor, aber eher selten. Man muss ja den Laden zusammenhalten. Ich kann nicht durch die Gegend laufen und jedem, den ich für ein Arschloch halte sagen, dass er eins ist. Das kann man schöner ausdrücken. Wäre die Summe groß genug, würde ich aber anfangen, Menschen zu lieben, die ich eigentlich hasse. Das kam nur nicht vor, weil nie jemand ankam, der so viel Kohle hatte.

SPOX: Einige Beobachter trauen dem Braten noch nicht und meinen, Sie könnten ja ohnehin nicht loslassen.

Sommers: Wenn ich Verantwortung übernommen habe, ist loslassen sicherlich nicht meine große Stärke. Ich kann unglaublich gut gehen, wenn alles in Ordnung ist oder es gar keinen Sinn mehr ergibt. Und ich kann mich sehr gut von Dingen trennen. Sie werden bei mir im Keller, in der Wohnung oder im Büro nichts finden, was ich gesammelt hätte. Ich besitze nicht einmal Urlaubsbilder aus den letzten 60 Jahren, weil ich finde, dass das belastet. Erinnerungen finden im Kopf statt, alles andere halte ich für überflüssig.

SPOX: Wie sieht es denn in Sachen Nachfolger aus?

Sommers: Wir kümmern uns gerade darum, fähige Menschen für den Job zu finden. Uns ist aber durchaus bewusst, dass der Laden dann wohl anders laufen wird als jetzt, denn wir haben hier unser ganz persönliches Leben und unsere Seele drin. Wir haben es immer so gemacht, wie wir dachten, dass es gut zum Verein passen würde. Wenn bald ein Neuer kommt, hat der wohl eine ganz andere Vorstellung davon - und das finde ich persönlich überhaupt nicht schlimm.

SPOX: Würden Sie denn eingreifen, wenn Sie als Privatmann merken, dass sich etwas in die falsche Richtung entwickelt?

Sommers: Nein, Einfluss übe ich dann nicht mehr aus. Ich werde natürlich auf der Tribüne sitzen und schreien: Was ist das denn für ein Kack-Vorstand, die können ja gar nichts, alle raus! Ich werde aber nicht mehr sagen, ich mache es nochmal. Vorstand raus zu schreien ist relativ einfach und ich glaube, ich werde eine gewisse Freude daran haben - um einfach mal etwas zurückgeben zu dürfen. (lacht)

SPOX: Sie meinten bereits, dass Ihr Abschied 2019 nur von einem Investor gestoppt werden könnte, der RWO von den Altlasten des Zweitligaabstiegs 2011 befreit. Welche Lösung wäre Ihnen denn die liebste?

Sommers: Dass die Stadt hinter sich selbst und ihrem Verein steht und dann alle zusammenschmeißen, um das Loch zu stopfen.

Rot-Weiß Oberhausen: Ligenzugehörigkeit von RWO seit 1998

ZugehörigkeitLiga
2012-2018Regionalliga West
2011-20123. Liga
2008-20112. Bundesliga
2007-2008Regionalliga Nord
2006-2007Oberliga Nordrhein
2005-2006Regionalliga Nord
1998-20052. Bundesliga

SPOX: Sie sind mit RWO auf- und abgestiegen und pendelten zwischen Liga 2 und 5. Seit sechs Jahren hängt der Verein aber in der Regionalliga fest und kämpft permanent ums Überleben. Was genau macht Ihnen daran so großen Spaß?

Sommers: Sadismus ist es nicht, sondern genau das Gegenteil. Bei all dem Scheiß, der hier jeden Tag passiert, macht der Verein einfach Spaß. Es ist der verzweifelte Versuch, den Spielbetrieb am Leben zu erhalten, eine Mannschaft aus der 4. in die 3. Liga zu führen und gleichzeitig noch unglaublich viele verschiedene Menschen unter einen Hut zu bringen - auch wenn du jedes Jahr im Dezember nicht weißt, wie du das noch bis Mai schaffen sollst. Keine Ahnung, warum das genau Spaß macht. Nach 13 Jahren nimmt der Spaß aber allmählich ab, wenn du dir ständig überlegen musst, wie du die Kohle für den laufenden Monat zusammen bekommen sollst. Wäre das alles vernünftig gedeckelt, sähe es gleich anders aus.

Sommers im Interview über die ungerechte Verteilung der Fernsehgelder

SPOX: Dass der Verein Schulden mit sich herumschleppt, ist immer noch den drei Jahren in der 2. Liga zwischen 2008 und 2011 zu verdanken?

Sommers: Klar. Wir hatten damals 4,5 Millionen Euro zur Verfügung. Die haben wir auch ausgegeben, um weiter in der 2. Liga spielen zu können. Im nächsten Jahr dasselbe Spiel und im dritten Jahr hat es uns erwischt. Wir sind dann auf 750.000 Euro gefallen und hatten in der 3. Liga auf einmal ein großes Loch. Wir konnten erst eineinhalb Jahre später einen damals geschlossenen Handy-Vertrag über 40 Euro monatlich kündigen, weil du sonst nicht herauskommst. Das ist das genaue Gegenteil im Vergleich zu der elenden 1. und 2. Bundesliga.

SPOX: Inwiefern?

Sommers: Wenn du aus der 1. Liga absteigst, bekommst du in der 2. Liga die Kohle nachgeschoben bis zum Gehtnichtmehr. Aus einem einzigen Grund: Um ganz schnell wieder nach oben gespült zu werden. Denn wer will denn, dass der HSV in der 3. Liga spielt? Das will doch keiner bei DFB oder DFL. Wenn du ein kleiner Klub bist, der sich bis in die 2. Liga gekämpft hat, trittst du schon unter komplett verschobenen Bedingungen an. Und zwar nicht, weil du deine Sponsoren nicht zusammenkriegst, sondern weil das Fernsehgeld so aufgeteilt ist, wie es ist.

SPOX: Was sagt es denn über den deutschen Fußball aus, wenn ein Viertligaverein einen Präsidenten hat, der seine Arbeit ehrenamtlich verrichtet und sich Saison für Saison verrenken muss, um den Spielbetrieb aufrecht zu erhalten?

Sommers: Das sagt aus, dass bereits in der 4. Liga die Strukturen bei allen Vereinen komplett unterschiedlich sind. Manche Klubs haben auch bezahlte Vorstände. Das ist auch okay so. Wir haben hier ein Nachwuchsleistungszentrum und mindestens semi-professionelle Strukturen. Das wollten wir immer aufrecht erhalten. Auch wenn so mancher Fan fragt, was die Scheiße denn soll und wieso das Geld nicht lieber in einen anständigen Stürmer gesteckt wird, um endlich wieder aufzusteigen.

SPOX: Hat der Fan damit recht?

Sommers: Natürlich. Statt ein NLZ kannst du dir eine Mannschaft hinstellen, die sofort aufsteigt. Das Problem ist: Das macht keinen Spaß und entspricht nicht der jetzigen Vorstandsmentalität. Für mich ist das hier immer noch ein Verein und ein Verein hat ab der U9 Mannschaften zu haben und zu versuchen, denen etwas beizubringen.

Seite 1: Sommers über sein RWO-Ende, den Überlebenskampf und die elenden Bundesligen

Seite 2: Sommers über Hungerlöhne für Trainer und Gründe für die Sinnlosigkeit der 4. Liga

Seite 3: Sommers über langweilige Deutschland-Spiele, Helene Fischer und zu viel Kippen

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