Donnerstag, 15.12.2011

Bayerns U-17-Coach Stephan Beckenbauer im Interview

"Wir hatten schon Bessere als Schweinsteiger"

Seit über einem Jahrzehnt trainiert Stephan Beckenbauer die U 17 des FC Bayern München. Bei SPOX spricht der 43-Jährige über die Ausbildung von Talenten, Bastian Schweinsteiger, Thomas Müller und David Alaba und verrät, warum Mats Hummels' Traum vom Fußball-Profi fast geplatzt wäre.

Stefan Beckenbauer trainiert die U 17 des FC Bayern München
© Imago
Stefan Beckenbauer trainiert die U 17 des FC Bayern München

SPOX: Herr Beckenbauer, Sie sind seit 2001 Trainer der U 17 des FC Bayern. Lassen Sie uns ein bisschen zurückblicken auf zehn Jahre als Nachwuchscoach.

Stefan Beckenbauer: Wenn man zurückschaut auf all die Jahre, ist schon auffallend, dass man immer mal wieder Jahrgänge hatte mit sehr vielen guten Spielern und nur einen Jahrgang später waren dann plötzlich nur ganz wenige dabei. Dieser Wechsel betrifft nicht nur den FC Bayern, sondern ist ein bundesweites Phänomen, das nicht wirklich zu erklären ist.

SPOX: Wann ist ein junger Spieler denn ein guter Spieler?

Beckenbauer: Wir hatten und haben viele gute Talente. Das Problem ist, dass viele glauben, dass allein gut Fußball spielen reicht. Da gehören aber auch andere Komponenten wie Fleiß, Wille, Leidenschaft und harte Arbeit dazu. Und das jeden Tag. Das vergisst der eine oder andere und bleibt dann auf der Strecke.

SPOX: Wie schult man Dinge wie Fleiß, Wille und Leidenschaft?

Beckenbauer: Das ist sehr schwierig. In erster Linie weist man immer wieder darauf hin, dass die Jungs diese Dinge nicht vernachlässigen dürfen, sondern verinnerlichen müssen. Man kann auch Beispiele aufzeigen.

SPOX: Bitte...

Beckenbauer: Bastian Schweinsteiger ist mein Lieblingsbeispiel. Er war im Alter von 15, 16, 17 Jahren ein guter Fußballer, aber wir hatten in den vergangenen Jahren schon wesentlich bessere. Die brachten aber eben nicht alle diese Komponenten zusammen und sind letztlich daran gescheitert. Die spielen heute irgendwo in der dritten, vierten oder fünften Liga oder haben sogar ganz aufgehört. Basti dagegen hatte immer die Freude am Fußballspielen, aber gleichzeitig den Willen, die Leidenschaft und die Liebe zum Spiel.

Bastian Schweinsteiger - Die Karriere in Bildern
Bastian Schweinsteiger: Der Mittelfeldmotor des FC Bayern München und der Nationalmannschaft. Seine Karriere in Bildern
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Bastian Schweinsteiger: Der Mittelfeldmotor des FC Bayern München und der Nationalmannschaft. Seine Karriere in Bildern
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Der junge Schweini schnürt seit 1998 seine Schuhe für den FC Bayern. Mit der A-Jugend gewinnt er 2002 die deutsche Meisterschaft
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Sein Debüt im Kader der Profis feiert er in der Champions League: Am 13. November 2002 kam er in der 76. Minute für Mehmet Scholl in die Partie
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Schnell wird aus Schweinsteiger das Teenie-Idol und der süße Schweini, der Schwarm aller jungen Mädels
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Herankämpfen an die Stammelf: Schweini gibt im Training alles
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Immer mehr rückt Bastian Schweinsteiger ins Rampenlicht und wird schnell zur Bayern-Identifikations-Figur
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Auch die ein odere andere Modesünde nahm Schweini mit. Hier lackierte er sich den Mittelfinger mit schwarzem Nagellack
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Das Markenzeichen des jungen Bastian Schweinsteiger: Ausgefallene Frisuren mit unterschiedlichen Farbaspekten!
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Kurz vor der EM 2004 in Portugal: Bastian Schweinsteiger debütiert an der Seite von Lukas Podolski in der DFB-Elf
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Das Sommermärchen! Bastian Schweinsteiger und Lukas Podolski werden von den Fans nach der WM 2006 begeistert am Brandenburger Tor empfangen
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August 2006: Aus den Händen von Bundespräsident Horst Köhler erhält Schweini das Silberne Lorbeerblatt
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Bei den Bayern gibt Schweini den Ton an. Nach der WM 2006 entwickelt er sich zu absoluten Stammkraft im Bayern Mittelfeld
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Glück auch in der Liebe: Bastian Schweinsteiger und seine Langzeit-Freundin Sarah Brandner auf der Wiesn 2009
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Gegen seinen Lieblingsgegner Portugal im Viertelfinale der EM 2008 dann die Explosion: Ein Tor und zwei Assists beim 3:2-Sieg
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Ausgelassene Feierstunde nach dem Finaleinzug bei der EM 2008. Schweini im Schwarz-Rot-Gold-Look
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Tief enttäuscht nach der Niederlage im Finale der Europameisterschaft: Die Spanier sind eine Nummer zu groß für die DFB-Elf. Jogi Löw muss Aufbauarbeit leisten
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Auf den Spuren von Dirk Nowitzki: Im DFB-Trainingslager werden andere Sportarten getestet
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In der Saison 2008/2009 bleibt Schweinsteiger mit Jürgen Klinsmann und dem FC Bayern ohne Titel
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Der Schritt in die Region Weltklasse: Louis van Gaal setzt Schweinsteiger ab der Saison 2009/2010 endgültig auf die 6er-Position
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Die obligatorische Weißbierdusche: Schweinsteiger feiert in der Saison 2009/2010 seine fünfte deutsche Meisterschaft
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Internationale Titel (noch) Fehlanzeige: Schweinsteiger verliert das Champions-League-Finale 2010 gegen Inter Mailand mit 0:2
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Eine Sternstunde: Deutschland zerlegt die Gauchos im Viertelfinale der WM 2010. Überragender Mann und Torvorbereiter: Schweinsteiger
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SPOX: War es für Sie damals in der U 17 schon klar, dass er es als Profi packt?

Beckenbauer: Ich war mir relativ sicher. Nur dass er es so schnell packt, war nicht vorhersehbar. Dass er es aber weit bringen kann mit seinem Potenzial und den angesprochenen Eigenschaften, war uns schon bewusst.

SPOX: Auch Mats Hummels und Thomas Müller haben unter Ihnen trainiert. War es bei denen auch so absehbar wie bei Schweinsteiger?

Beckenbauer: Bei Thomas hat man es auch schon relativ früh gemerkt. Es hängt natürlich auch immer davon ab, ob man von Verletzungen verschont bleibt. Auch dass man nicht abhebt und in den richtigen Bahnen bleibt, ist ganz wichtig. Doch da brauchte man bei Thomas und Basti keine Bedenken zu haben. Sie waren sehr bodenständig und wussten genau, wo sie hin wollten. Sie haben die Ratschläge der Trainer und Verantwortlichen angenommen. Und das alles zahlt sich dann aus. Bei Mats war es ein bisschen anders.

"Andere Trainer hätten Mats Hummels vielleicht sogar weggeschickt"

Stefan Beckenbauer

SPOX: Inwiefern?

Beckenbauer: Charakterlich war Mats einwandfrei und auch er war total bodenständig. Aber er war ein absoluter Spätstarter. Er war damals sehr introvertiert und ruhig - keiner, der sich in den Vordergrund gespielt hat. Und solche Spieler werden oft übersehen. Andere Trainer hätten ihn vielleicht sogar weggeschickt, weil er eben nicht so aus sich herausgekommen ist und gezeigt hat, was er kann.

SPOX: Warum haben Sie ihn behalten?

Beckenbauer: Ich habe gesagt: 'Das ist ein Sohn von einem Mitarbeiter und Kollegen. Den nehme ich natürlich mit. Er stört mich ja nicht.' Wir wollten einfach mal schauen, was passiert. Und in diesem einen Jahr ist Mats dann wirklich explodiert. Das lag jetzt sicher nicht nur am Trainer, vor allem hat er selbst enorm an sich gearbeitet. Und heute muss man froh sein, dass wir ihn damals nicht weggeschickt haben.

SPOX: Der letzte Ihrer ehemaligen Schützlinge, der den Sprung nach oben gepackt hat, ist David Alaba. Wird er sich dauerhaft beim FC Bayern durchsetzen?

Beckenbauer: Er hat jetzt schon gezeigt, dass er das Potenzial dazu hat. Die Frage ist natürlich immer, inwieweit er das Vertrauen des jeweiligen Trainers bekommt. Jupp Heynckes mag ihn. Das ist gut für David. Aber es kann natürlich sein, dass irgendwann ein anderer Trainer kommt, wo sich dann wieder die Frage stellt: Wie findet er Davids Spielweise? Grundsätzlich aber gilt: David bringt das Zeug mit, um es bei Bayern zu schaffen.

SPOX: Schweinsteiger, Müller, Hummels, Alaba - bei allen waren Sie zuversichtlich, dass sie den Sprung in den Profi-Fußball schaffen. Gibt es auch Spieler, die jetzt Profi sind, von denen Sie das nicht erwartet hätten?

Beckenbauer: (überlegt lange) Eigentlich nicht, mir fällt zumindest gerade keiner ein. Aber wir hatten in all den Jahren auch zwei, drei Negativ-Beispiele. Das waren echte Wahnsinnskicker, die in der Jugend alles in Grund und Boden gespielt und die Spiele entschieden haben. Trotzdem hat man bei denen damals schon gewusst, dass sie es nicht packen, weil ihnen einfach der Wille gefehlt hat, sich zu quälen und die Einsicht, dass sie sich noch weiterentwickeln müssen. Die dachten, sie sind die Besten und müssen deshalb nicht mehr arbeiten. Und durch ihre Überlegenheit haben sie nur auf sich geschaut, keine Teammentalität entwickelt und zu oft egoistisch gehandelt.

SPOX: Für Egoismus ist also eher kein Platz. Dennoch wird gerade in der Ausbildung von Talenten wieder zunehmend auf die Individualität der Spieler geachtet.

Beckenbauer: Das ist wichtig. Spieler müssen auch Individualisten sein. Ein Spieler, der nur mannschaftsdienlich denkt, wird immer ein Mitläufer sein. Du brauchst eine gewisse Teammentalität, weil du nur in der Mannschaft erfolgreich sein kannst. Aber du brauchst auch Individualität, um auf dem Platz etwas Außergewöhnliches zu leisten.

Das ist Stephan Beckenbauer

Interview: Daniel Börlein

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