Der Widerstand in Istanbul

Ausweg Drogba

Von Fatih Demireli
Donnerstag, 13.06.2013 | 10:55 Uhr
Galatasarays Didier Drogba bringt selbst verfeindete Fanlager zusammen
© getty
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Didier Drogba ist erst seit ein paar Monaten bei Galatasaray und längst nicht mehr nur sportlich eine große Bereicherung für die türkische Süper Lig. Inzwischen ist der Ivorer sogar das Symbol des politischen Widerstands in der Türkei, der selbst die verhassten Fangruppen in Istanbul vereint.

In Istanbul ist derzeit nichts so, wie es einmal war. Der Taksim-Platz ist nicht der zentrale Hort, der den Weg in die schönsten und historischsten Gegenden der Stadt weist. Die "Istiklal" ist nicht die Straße der Bummler, der Verliebten und Romantiker, die hier zusammentreffen und die Anmut der Stadt in ihrer ganzen Pracht auf drei Kilometern über sich ergehen lassen. Beyoglu ist nicht der Bezirk der Cafes und Restaurants, wo sich der Istanbuler nach einem harten Arbeitstag niederlässt und die verschiedensten Töne aus allen Ecken hört. Die "Cicek Pasaji" ist nicht die Passage der unendlich vielen Kneipen, Bars und Tavernen, wo es an 365 Tagen, 24 Stunden immer und immer pocht. Hier treffen sich normalerweise Bauchtanz und Popmusik. Cay, der türkische Tee, und Raki.

In diesen Tagen bleiben die Tische leer. In Beyoglu und in der "Cicek"-Passage ist es gar gespenstisch geworden. Was pocht, sind Tränengas-Kanonen. Der Taksim-Platz ist zum Rückzugsareal der Polizei verkommen, die "Istiklal" zum Stützpunkt für Demonstranten. Alles begann mit einem friedlichen Protest gegen das Vorhaben der türkischen Regierung, den Gezi-Park, eine der wenigen Grünflächen, die in der Innenstadt Istanbuls überlebt haben, zweckzuentfremden, um dort ein Einkaufszentrum zu errichten.

Eines von unzähligen, die die Stadt nach Meinung vieler Bürger nicht nötig hat. Die Zahl der überdimensionalen Einkaufsmalls steigt in der Weltmetropole regelmäßig. Und nun auch auf dem Gezi-Park? Nicht mit den Istanbulern. Als die Polizei am 31. Mai brutale Gewalt einsetzte, verkam die Demonstration zu einer der größten Massenbewegungen der jungen Geschichte der Türkei. Sie dauern bis heute an und haben längst nicht mehr nur die Intention, eine Naturschönheit zu schützen.

Mit Fener-Trikot raus, mit Gala-Schal heim

Der Widerstand gewann eine derart unerwartet mächtige Tragweite, das sich selbst Anhänger der Istanbuler Spitzenvereine Besiktas, Fenerbahce und Galatasaray im Schulterschluss üben. Sie nennen sich Istanbul United und tragen ein Wappen, das sich aus den Logos ihrer Klubs zusammensetzt. Sie protestieren Seite an Seite. "Ich bin morgens mit einem Fenerbahce-Trikot aus dem Haus gegangen, abends mit einem Galatasaray-Schal war ich daheim", twitterte ein Fenerbahce-Fan.

Die berühmt-berüchtigte "Carsi"-Gruppe, die Ultras von Besiktas, kaperten jüngst eine "Toma", ein Panzer der Istanbuler Polizei. Es gibt Internet-Legenden, wonach Carsi-Mitglieder über Funk Polizisten aufforderten, einen Schlachtruf des Vereins mitzusingen. Das imponiert sogar bei den Rivalen. Galatasaray-Trikots mit Carsi-Logo sind ein echter Renner unter den Widerständlern.

"Ihr habt versagt, die Fans haben es geschafft", titelte kürzlich die Sportzeitung "AMK" und wandte sich an die Präsidenten des Istanbuler Klubs und Verbandspräsident Yildirim Demirören, die sich das Thema Gewalt im Fußball bisher nur halbherzig annahmen und nicht wirklich erfolgsversprechende Maßnahmen ergriffen, um ein normales Zusammenleben in den Stadien zu gewährleisten. "Sie sind ein Herz und kämpfen jetzt gemeinsam um ihre Rechte", hieß es bei "AMK" weiter. Darunter wurden drei rivalisierende Fans abgebildet, die einen Protestmarsch auf der Bosporus-Brücke anführen.

"We have Drogba. They don't!"

Eine der imposantesten Momente der Bewegung geriet zum Höhepunkt der vorher nie dagewesenen Verbrüderung der Gruppen, die vor wenigen Wochen noch nicht einmal in einem Atemzug genannt werden wollten. "We have Drogba. They don't", hieß es auf einem riesigen Poster, das auf der Außenfassade des Atatürk Kultur Zentrums am Taksim-Platz gehängt wurde. Wir haben Drogba, sie nicht! Die etwas komplizierte Anbringung übernahm ein Fußball-Fan im Fenerbahce-Trikot. Er wurde wie ein Held gefeiert.

"Es gibt keine Worte dafür. Es gibt kein Lexikon, kein Buch, das dies beschreiben kann. Das ist mehr als Fußball, das ist die Türkei", schrieb Didier Drogba bei "Instagram" und veröffentlichte das Foto, das das Poster, aber auch zwei rivalisierende Anhänger, die Seite an Seite im Pulk stehen, zeigt. Drogba ist erst seit Februar beim Istanbuler Klub Galatasaray tätig, aber spätestens seit der Taksim-Bewegung ein Hoffnungsträger für alle und für viele sogar das Symbol eines politischen Widerstands.

"Ausweg Drogba", steht auf vielen Plakaten geschrieben. Es ist inzwischen ein weitverbreiteter Schlachtruf. "Drogba for President"-Schriftzüge verzieren die Hauswänden und Straßen rund um den Gezi-Park. "Sie haben Toma, wir haben Drogba", kritzelte ein Fan noch am 31. Mai auf einen Fleck in Taksim. Vielen fehlt in diesen Tagen eine Figur, an der sich die Menschen hochziehen können, zumal die politische Opposition wenig Anlass gibt, als potenzieller Hoffnungsträger zu gelten. Und wie so oft soll den Türken in diesen Zeiten der Fußball helfen, um ein Ventil oder gar Hoffnung zu finden.

"Ich habe auf vielen Wänden die Namen von Drogba, aber auch von Alex und Hagi gesehen. Diese Art von Fußballer stehen für das, was derzeit im Gezi-Park passiert. Kampf, Widerstand, Willenskraft, die Überzeugung, nicht aufzugeben und sich Autoritäten nicht zu unterwerfen", sagt der bekannte türkische Sportjournalist Bagis Erten bei SPOX, "sie haben die Menschen vereint, sie sind der Gezi-Park!"

"Hol' Gekas, Du fällst!"

Selbst der ehemalige Bundesliga-Stürmer Theofanis Gekas ist zur Figur des Widerstands geworden. Der Grieche kam in der Winterpause zum Tabellenletzten Akhisarspor, der bis dahin mickrige 12 Tore schoss und 15 Punkte auf dem Konto hatte. Gekas traf in 15 Spielen zwölf Mal und hielt den Provinzverein beinahe im Alleingang in der Liga. "Tayyip, hol' Gekas, Du fällst", hieß es auf einem Banner in Taksim, adressiert an den Premier Minister Recep Tayyip Erdogan.

Erdogan, der selbst ein ausgeprägter Fußball-Fan ist und selbst mal eine gute Figur am runden Leder abgab, sind die Proteste ein Dorn im Auge. Zwar genießt er nach wie vor Unterstützung von großen Teilen des Landes, ob seiner sehr erfolgreichen Wirtschaftspolitik, aber für die Außendarstellung sind die Geschehnisse fatal. Besonders für ein Land, das sich ernsthafte Hoffnungen auf die Austragung der Olympischen Spiele 2020 macht und im Kampf mit Madrid und Tokio als leichter Favorit gilt.

Olympische Hoffnungen

Welch' Kuriosität, dass Drogba auch hier als Hoffnungsträger gilt. Als das IOC-Komitee im März die Bewerberstadt Istanbul inspizierte, war Drogba unter den Botschaftern der Türken und betrieb viel Werbungsarbeit für seine neue Wahlheimat, in der er auch nach dem Karriereende noch bleiben könnte. Galatasaray will Drogba nach dem Karriereende in einer leitenden Funktion halten, Drogba selbst ist nicht abgeneigt.

"Ich hoffe, es wendet sich zum Guten", schrieb Drogba in einem Instagram-Eintrag. Er bezog sich auf die Zusammenstöße in Istanbul, aber inzwischen könnte das auch für die olympischen Interessen der Türkei gelten.

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