Merk: "Der 'Pfiff des Tages' ist mir zu wenig"

Von Für SPOX in Istanbul: Fatih Demireli
Freitag, 13.05.2011 | 12:53 Uhr
Markus Merks neue Heimat: Der Ex-Schiedsrichter reist regelmäßig nach Istanbul
© ligtv
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Alex? Quaresma? Baros? Denkste. Der Star des türkischen Fußball heißt in dieser Saison Markus Merk. Der ehemalige Schiedsrichter ist TV-Experte und brilliert Woche für Woche mit beeindruckenden Analysen. Doch Merks Aufgabe geht weit darüber hinaus. SPOX hat Merk in Istanbul besucht.

SPOX: Herr Merk, mal ehrlich: Wieviele türkische Fußall-Klubs kannten Sie, bevor Sie in die Türkei gekommen sind?

Markus Merk: Galatasaray und Fenerbahce kannte ich natürlich. Bei Besiktas musste ich schon aufpassen, dass ich den Namen richtig ausspreche. Bursaspor kannte ich, weil sie Meister geworden sind. Aber sonst? Schwierig. Wer kann in Deutschland Genclerbirligi aussprechen? Das hört sich vielleicht lustig an, aber gekannt hat man sie nicht.

SPOX: Sie müssen die Vereine nicht nur richtig aussprechen. Ob es die taktische Umstellung in der Abwehr von Karabükspor ist oder die Formschwäche Antalyaspors: Sie werden zu jedem Thema befragt...

Merk: Richtig. Ein großer Bestandteil der Sendung sind Zuschauerfragen. Da werde ich schon gefragt, weshalb dieser oder jener Spieler auf einer anderen Position gespielt hat.

SPOX: Ursprünglich sollten Sie ja nur die Schiedsrichter unter die Lupe nehmen.

Merk: Das hat sich enorm gewandelt. Anfangs war die Idee, die Schiedsrichter zu bewerten, weil sie vielmehr in der Diskussion stehen als anderswo. Hier wird jede Gelbe Karte diskutiert. Aber die Sendung geht ja ganz anders los: Es werden die Spielszenen mit Mustafa Denizli analysiert. Was hätte man taktisch anders machen können? Wer hat wie gespielt? Ich bin da schon voll involviert.

SPOX: Sie haben viele Projekte, sind ständig unterwegs. Wie kriegen Sie das alles unter einem Hut, zumal die Sendung von Freitag bis Montag ausgestrahlt wird?

Merk: Geplant war, dass ich nur montags komme, aber die Zuspruch war enorm, dass ich auch in der Sonntagssendung im Einsatz bin. Ich fliege meistens sonntags um 9 Uhr her nach Istanbul und gehe direkt ins Studio. Ich schaue mir die Spiele an. Dienstagmorgen fliege ich im Regelfall wieder zurück. Bei einem Derby bin ich auch am Freitag da, obwohl das ein Riesenakt ist. Das ist aber eine Ehrensache.

SPOX: Stimmt es, dass Sie LigTV ganz in Istanbul halten wollte?

Merk: Ja (lacht). Ich habe gesagt, dass ich einen elfjährigen Sohn habe und das das nicht geht. Sie haben gesagt, "Wir haben hier eine tolle deutsche Schule, wir machen das schon". Ich konnte aber nicht alles von heute auf morgen umwerfen.

SPOX: Sie werden viel gelobt, weil Sie sich gut auskennen. Kennen Sie die Liga schon so gut?

Merk: In den meisten Fällen erkenne ich die Intention der Frage. Im Fußball läuft letztlich doch alles auf das Gleiche heraus. Dennoch gehe ich in die Sendung mit dem wenigsten Wissen. Sansal Büyüka und Mustafa Denizli reden miteinander und ich hocke da und weiß gar nichts, bis ich gefragt werde.

SPOX: Entspricht das Ihrer Vorstellung, nicht nur über die Schiedsrichter zu reden?

Merk: Ja! Es war mir sogar sehr wichtig. Ich wollte mich nach meiner Laufbahn nicht nur auf den Schiedsrichter Markus Merk reduzieren lassen, dafür war ich zu viel Fußballer mit Leib und Seele. Ich habe immer betont: Schiedsrichterei ist meine Spezialdisziplin, aber erfolgreich war ich, weil ich Fußballer war. Zum "ZDF" zu gehen und den "Pfiff des Tages" machen, ist mir zu reduziert.

SPOX: Wissen Sie, dass sich die Experten der Konkurrenz-Sendungen Ihre Schiedsrichter-Analysen aufs Ohr legen lassen und dann entsprechend kommentieren?

Merk: Ich habe die anderen Sendungen noch nie gesehen, deswegen kann ich nicht viel darüber sagen. Aber die anderen Sendungen haben keine Bilder von den Spielen und reden dennoch über die strittigen Szenen.

SPOX: Viel Lob erntet Ihr Simultan-Übersetzer Firat Isbir, der Sie in der fast dreistündigen Sendung begleitet...

Merk: Drei Stunden? Das ist die Untergrenze! Man kann die Sendungen an einer Hand abzählen, die nur drei Stunden gingen. Oft denkt man: Das Spiel war ja jetzt nicht so der Knaller, aber dann machen wir doch weiter. Aber es stimmt, dass Firat seinen Job hervorragend macht. Und uns verbindet ja nicht nur das Berufliche.

SPOX: Inwiefern?

Merk: Das ist eine interessante Geschichte. Ich war noch ein relativ junger Schiedsrichter, ich pfiff gerade mein zehntes Bundesliga-Spiel: Frankfurt spielte gegen Bayern und das war eine sehr heiße Kiste. Firat war in diesem Spiel Balljunge. Jetzt haben wir uns in Istanbul wieder getroffen.

SPOX: Die türkischen Klubs haben ein notorisches Dolmetscher-Problem. Haben Sie Angst, dass Firat Ihnen bald weggenommen wird?

Merk: Nein, im Gegenteil. Ich freue mich für den Jungen, weil ich glaube, dass es für ihn eine unheimlich große Chance ist. Vor allem ist es eine verdiente Chance, weil er viel arbeitet. Der gehört in dieses Geschäft - auch wenn er kein Dolmetscher wäre. Er kann über jeden Spieler auf diesem Planeten etwas sagen.

SPOX: Sie sind längst ein Star in der Türkei. Hätten Sie diese Entwicklung erwartet?

Merk: Ich wusste, was auf mich zukommen könnte, aber ich hatte nie erwartet, dass sich das so positiv entwickelt. Ich hätte nie gedacht, dass sich das so ausweitet. Selbst alle bei uns im Sender, die gehofft haben, es wird ein neues Sternchen am Himmel, haben nicht alle geglaubt, dass das so positiv ankommt. Das ist ein Märchen aus 2000 und einer Nacht.

SPOX: Sansal Büyüka, Erfinder und Moderator der Sendung, sieht "Maraton" weit mehr als eine Fußball-Sendung. Er will einiges verändern. Wie sehr gelingt Ihnen das?

Merk: Ich werde ja oft gefragt: Wieso macht man das hier? Wieso macht man dieses Projekt? Meine türkischen Freunde sagen: 'Das ist eine Mission'. Und so ist es wirklich. Wenn ich etwas mache, muss es mich bewegen und ich muss etwas bewegen können. Das ist für mich sehr wichtig im Leben. Ob es meine Arbeit in der Dritten Welt ist, ob es beruflich ist oder im Fußball ist. Hier bewegen wir etwas. Für mich ist es eine Ehre. Ich hoffe, dass ich helfen kann, dass der türkische Fußball den Stellenwert erreicht, den man europaweit erwartet. Es gilt, die Passion positiv zu entwickeln. Hier gibt es gerade einen Big Change!

SPOX: Gibt es Beispiele?

Merk: Da fallen mir Plätze ein. Zu Beginn der Saison waren die meisten Plätze in den Stadien in einem extrem schlechten Zustand. Da haben wir ständig darauf hingewiesen, in jeder Sendung darüber gesprochen. Wir haben Druck gemacht und plötzlich gab es bessere Plätze.

SPOX: Sie kennen sich im internationalen Fußball aus. Wo steht der türkische Fußball?

Merk: Es wird sehr viel gemacht, damit es voran geht. Ob richtig fokussiert wird, ist eine andere Geschichte. Die Süper Lig ist eine große Liga, weil der Fußball gelebt wird und die Emotionen groß sind.

Die Tabelle der Süper Lig

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