Dienstag, 30.03.2010

Galatasaray-Star Baris Özbek im SPOX-Interview

Özbek: "Ich mache alle Drecksspiele und dann..."

Das 0:1 gegen Fenerbahce im Istanbuler Derby hat bei Galatasaray für große Enttäuschung gesorgt. Der Titel ist in weite Ferne gerückt, die Vormachtstellung in Istanbul erneut angekratzt und auch in der Mannschaft brodelt es. Enttäuscht ist auch Baris Özbek, der völlig überraschend auf die Bank musste. Im SPOX-Interview spricht der 23-Jährige über das verlorene Derby, Angebote aus der Bundesliga und eine angebliche Zwangsheirat. Außerdem rechnet er mit dem Deutschen Fußball-Bund ab.

Baris Özbek ist im Mittelfeld vielseitig einsetzbar: Seine Paradeposition ist das Zentrum
© Imago
Baris Özbek ist im Mittelfeld vielseitig einsetzbar: Seine Paradeposition ist das Zentrum

SPOX: Wieder ein Derby gegen Fenerbahce verloren. Es scheint wie verhext zu sein. Warum kann Galatasaray gegen Fenerbahce einfach nicht mehr gewinnen?

Baris Özbek: Wir müssen hier mal was klarstellen: Die größte Mannschaft der Türkei ist Galatasaray! Galatasaray hat die meisten Pokale in der Türkei geholt, hat Europapokale geholt. Auf Feners Stadion liegt irgendein Fluch, dort schaffen wir es einfach nicht zu gewinnen.

SPOX: Und zu Hause?

Özbek: Die Spieler setzen sich schon stark unter Druck und dann wird es natürlich schwierig zu gewinnen.

Fatih Demireli, Spox.com, Istanbul

SPOX: Vor dem Spiel hieß es: Der Verlierer ist raus aus dem Titelrennen. Wie sieht die Situation jetzt aus?

Özbek: Es sind noch 21 Punkte zu vergeben, aber es wird jetzt natürlich sehr schwer für uns.

SPOX: Mit Frank Rijkaard kam vor der Saison ein Top-Trainer zu Galatasaray. Dazu einige Stars wie Elano, Kader Keita und Jo. Dennoch läuft es nicht rund. Woran liegt das?

Özbek: Über die Karriere von Frank Rijkaard braucht man nicht zu diskutieren. Er hat alles gewonnen und wir haben einen super Kader, in dem fast alle Nationalspieler sind. Der Trainer hat die Qual der Wahl, weil jeder im Kader spielen will. Der Trainer muss die richtige Mischung finden.

SPOX: Wo sehen Sie noch Probleme?

Özbek: Man muss sagen, dass der Trainer die türkische Liga noch nicht so kennt wie die anderen europäischen Top-Ligen. In der Türkei kennt man nur Galatasaray, Fenerbahce, Besiktas und als viertes Team noch Trabzonspor. Für ihn ist das eine Riesenumstellung gewesen. Er war in der spanischen Liga. Top-Plätze, tolles Wetter und dann fährt er hier auswärts zu einem Spiel mit minus 25 Grad und gefrorenem Rasen. Man muss Rijkaard etwas Zeit geben.

SPOX: Gibt man ihm die Zeit?

Özbek: Das ist in der Türkei sehr schwierig, weil hier der Titel Pflicht ist. Aber für uns ist es eine tolle Sache, mit Rijkaard zu arbeiten. Mann muss auch unseren Vorstand sehr loben, so einen Mann in die Türkei geholt zu haben. Gleichzeitig spricht das für die Liga und die gestiegene Qualität.

SPOX: Sie haben sich bei Rijkaard genauso durchgesetzt wie bei den Vorgängern Korkmaz, Skibbe und Feldkamp. In dieser Saison sind es wieder 32 Pflichtspiel-Einsätze.

Özbek: Ich muss da eigentlich ganz vorne anfangen. Kalli Feldkamp ist ein sehr wichtiger Name für mich. Er hat mir die große Bühne gegeben. Ein anderer Name ist Lorenz-Günther Köstner, der mir in der 2. Bundesliga bei Rot-Weiss Essen die Chance gegeben hat, mich zu präsentieren. Ich bin ihm sehr dankbar.

SPOX: Er macht jetzt beim VfL Wolfsburg einen guten Job.

Özbek: Er macht sogar einen hervorragenden Job! Das zeigt seine Qualität und beweist, was er kann, wenn er einen guten Kader hat. Er sollte beim VfL Wolfsburg weitermachen.

SPOX: Viel Qualität hat auch Galatasaray im Kader und dennoch sind Sie Stammspieler. Der Junge, der in Castrop-Rauxel geboren wurde, macht große Karriere in Istanbul.

Özbek: Ich habe meine Chance genutzt. Ich bin seit meinem 20. Lebensjahr Stammspieler bei einem Top-Klub, habe Titel geholt. Das hat für mich einen hohen Wert. Da muss ich noch einmal Kalli Feldkamp danken, der mir die Chance gegeben hat.

SPOX: Haben Sie noch Kontakt zu ihm?

Özbek: Natürlich! Er ist wie ein Vater für mich. Naja, sagen wir Opa (lacht).

SPOX: Wie geht es bei Ihnen weiter? Für immer Galatasaray?

Özbek: Es war wichtig für mich, dass ich mich hier durchsetze. Dadurch sind viele auf mich aufmerksam geworden. Es gab europaweit Klubs, die Interesse an mir hatten und mich kaufen wollten.

SPOX: Auch aus der Bundesliga?

Özbek: Ja! Aber auch aus England und Italien.

SPOX: Welche Klubs waren das?

Özbek: Namen kann ich nicht nennen, aber es müssen für mich schon Klubs auf dem Level von Galatasaray sein, sonst macht es keinen Sinn. Ich bin es jetzt gewöhnt, um Titel zu spielen. Es ist natürlich schwer, so einen Klub zu finden.

SPOX: War unter den Interessenten so ein Klub dabei?

Özbek: Ja, es waren Top-Klubs aus der Bundesliga dabei. Gute Klubs aus England und Italien. Ich will jetzt aber nicht zu viel verraten, weil ich ja noch einen Vertrag habe.

SPOX: Der nächste Schritt ist aber schon der Wechsel in eine europäische Top-Liga.

Özbek: Mein Wunsch war es immer, das Trikot von Galatasaray zu tragen. Ich bin mit den Postern von Hakan Sükür und Hasan Sas groß geworden und irgendwann habe ich mit diesen Leuten einen Pokal hochgehalten. Das ist natürlich ein Traum, aber ich will irgendwann auch in einer guten europäischen Mannschaft eine feste Größe werden.

Galatasaray-Star Baris Özbek
Immer mittendrin: Baris Özbek kämpft bei Galatasaray immer ins Getümmel
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Immer mittendrin: Baris Özbek kämpft bei Galatasaray immer ins Getümmel
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Bei Galatasaray kam Özbek (l.) in der laufenden Saison in 32 Pflichtspielen zum Einsatz
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Die Meinung ist gefragt: Baris Özbek ist gern gesehener Ansprechpartner der Medien
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Eine wichtige Figur war Baris Özbek auch bei Ex-Trainer Michael Skibbe
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Eine wichtige Figur war Baris Özbek auch bei Ex-Trainer Michael Skibbe
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Immer wieder tritt Baris Özbek auch als Überraschungstorschütze in Erscheinung
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Immer wieder tritt Baris Özbek auch als Überraschungstorschütze in Erscheinung
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2007 wechselten Baris Özbek (r.) und Serkan Calik gemeinsam zu Galatasaray...
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Zuvor spielten das Duo für Rot-Weiss Essen in der 2. Bundesliga
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Zuvor spielten das Duo für Rot-Weiss Essen in der 2. Bundesliga
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Für die deutsche U-21-Nationalmannschaft spielte Baris Özbek 16 Mal
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Für die deutsche U-21-Nationalmannschaft spielte Baris Özbek 16 Mal
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SPOX: Es gab in der vergangenen Saison Gerüchte um Werder Bremen. Wäre das ein Ziel?

Özbek: Die Bundesliga wäre natürlich sehr schön, weil ich eigentlich Halb-Deutscher bin. Aber es muss in der Bundesliga eine Mannschaft sein, die die gleichen Ziele wie Galatasaray hat. Bremen ist so ein Klub, da gab es auch Interesse und Kontakt zwischen den Klubs, aber Galatasaray wollte eine zu hohe Ablösesumme. Bremen ist aber einer der größten Klubs der Bundesliga, für den ich gerne spielen würde.

SPOX: Ein leidiges Thema ist die Nationalmannschaft. Deutschland oder Türkei - die Frage hat sich jahrelang hingezogen. Wie ist der Stand der Dinge?

Özbek: Es gab viele Freuden und Enttäuschungen für mich in dieser Geschichte. Es lief eigentlich immer gut für mich in Deutschland, aber ich wusste, dass es ein Problem geben würde, weil ich in der Türkei spiele und die Liga nicht so im Fokus steht.

SPOX: Sie waren vor zwei Jahren im "Aktuellen Sportstudio"...

Özbek: Richtig! Damals habe ich gesagt, dass ich für Deutschland spielen will. Es gab auch Gespräche, dass ich für die A-Mannschaft infrage komme. Aber es ist nichts passiert und ich bin sehr enttäuscht darüber. Vor allem darüber, was vor der U-21-EM 2008 los war.

SPOX: Sie haben damals alle Quali-Spiele absolviert, durften aber nicht mit nach Schweden fahren.

Özbek: Ja. Ich mache alle Drecksspiele in der Qualifikation, haue mich voll rein und dann wird der Trainer gewechselt und ich bin nicht mehr dabei. Horst Hrubesch ist damals Europameister geworden und hatte dann natürlich Recht. So ist das Leben. Jetzt kann man ihm nichts vorwerfen. Aber ich war damals auch dumm.

SPOX: Inwiefern?

Özbek: Ich hätte für die A-Mannschaft der Türkei zur EURO 2008 fahren können. Ich habe da abgesagt, um bei der U-21-EM für Deutschland zu spielen. Bitte verstehen Sie den Unterschied, ich habe ein großes Opfer gebracht, aber wurde nicht belohnt. Ich bin sehr enttäuscht und habe damals auch aus Deutschland viele Anrufe bekommen, von Leuten, die es auch nicht verstehen konnten.

SPOX: Wie sieht es für die Zukunft aus? Sie dürfen ja nach wie vor für beide Länder spielen.

Özbek: Irgendwann wird man sich wieder sehen. Nicht bei der WM im Sommer, aber wenn ich gesund bleibe und alles gut läuft, dann spätestens bei der EM.

SPOX: In der Qualifikation spielt Deutschland gegen die Türkei. Sind Sie auf einer der beiden Seiten dabei?

Özbek: Ich wäre sehr gerne dabei, aber die Frage ist nicht, auf welcher Seite: Die ist klar! Die Seite, die ich will, die wollte mich nicht.  Ich habe mit vielen vom DFB immer noch guten Kontakt. Aber man muss sich hinterfragen, ob das alles so gerecht war.

SPOX: Haben Sie mit Joachim Löw in der Zeit Kontakt gehabt?

Özbek: Ja, letztes Jahr beim UEFA-Pokal-Finale in Istanbul, als Werder Bremen und Schachtjor Donezk gegeneinander gespielt haben. Er meinte, dass mir ein Ligawechsel weiterhelfen würde, aber das ist auch so eine Sache: Ich spiele hier bei Galatasaray - das ist ein Top-Klub - und bekomme keine Chance. Ich mache alle Liga-Spiele, spiele im Europapokal. Warum hat man mich nicht einmal ins Trainingslager eingeladen?

SPOX: Guus Hiddink ist neuer türkischer Nationaltrainer. Rechnen Sie sich Chancen aus?

Özbek: Vielleicht ist es ein Vorteil, dass Hiddink meine Vereinstrainer Frank Rijkaard und Johan Neskeens gut kennt. Hiddink wird sich schon seine Informationen holen.

SPOX: Zum Abschluss ein unschönes Thema: Es gab wilde Gerüchte, wonach Sie Ihre 16 Jahre alte Cousine heiraten müssen. Was ist an den Geschichten wirklich dran?

Özbek: Komplett gelogen war das! Da wird meine Familie, meine Herkunft und meine Religion schlecht dargestellt. Jeder, der mich kennt, weiß, wie ich lebe. Ich wurde als kleines Kind dargestellt, das keine eigene Meinung und keinen Charakter hat. Ich habe ein sehr freundschaftliches Verhältnis zu meinem Vater. Meine Familie war schockiert. Das ist einfach Wahnsinn!

SPOX: Man bekommt das Gefühl, dass die Spieler in der Türkei manchmal mehr mit den Medien als um einen Stammplatz im Verein kämpfen müssen.

Özbek: Richtig. Ich spiele beim FC Bayern der Türkei und man ist hier immer im Fokus. Wir wissen inzwischen, dass so etwas immer geschrieben werden kann und haben uns daran gewöhnt, aber trotzdem muss man sehr vorsichtig sein. Eigentlich lache ich über diese Meldungen, aber dann vergeht einem das Lachen, wenn man beispielsweise auf deutschen Internetseiten die Kommentare liest. So eine falsche Nachricht kann viel Schaden anrichten.

Krummes Tor entscheidet Istanbuler Derby

Für SPOX in Istanbul: Fatih Demireli

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