Die Opfer des Erwachsenenballs

Zahlreiche Kinder sind aufgrund der FIFA-Regularien zum Zuschauen verdammt
© getty

Die FIFA sperrt zahlreiche Kinder aufgrund eines fragwürdigen Artikels, die Eltern beginnen damit, sich zu formieren. Mittendrin steht der FC Barcelona, der als Verein mit dem Ruf guter Jugendarbeit an allen Fronten kämpft.

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Wer eine aufgestellte Regel bricht, der muss dafür gerade stehen. Das ist so simpel wie einleuchtend und hat sich als gesunder Menschenverstand etabliert. Der FC Barcelona hat eine Regel gebrochen und ist dafür - nach einigen Widerworten - gerade gestanden. Namentlich geht es um den Artikel 19 des Reglements bezüglich Status und Transfer von Spielern der FIFA.

Die vom Weltverband ausgesprochene Transfersperre ging um die Welt, die erhobene Geldstrafe schon ein bisschen weniger. Was kaum Beachtung fand, war die Tatsache, dass die FIFA nicht nur den Verein bestrafte, sondern auch die Kinder, deren wegen die Katalanen überhaupt erst in den Fokus der Ermittler geraten waren.

Der besagte Artikel 19 der FIFA dreht sich um den internationalen Transfer von minderjährigen Spielern. "Ein Spieler darf nur international transferiert werden, wenn er mindestens 18 Jahre alt ist", heißt es dort. In Zeiten eines Sports, der von Erwachsenen wie ein Geschäft betrieben wird, das keinen Halt vor Kindern macht, ist es ein großes Zeichen des Verbandes, sich um die Basis des Spiels, den Nachwuchs, zu sorgen.

Barca ignoriert Vorschriften

Und doch bleiben Schlupflöcher offen für die Vereine. Ein Spieler unter 18 Jahren darf international transferiert werden, wenn er a) Eltern hat, die aus Gründen, "die nichts mit dem Fußballsport zu tun haben", ihren Wohnsitz in ein neues Land verlagern, b) innerhalb der EU wechselt, älter als 16 Jahre alt ist und der aufnehmende Verein bestimmte Mindestvoraussetzungen erfüllt oder c) maximal 50 Kilometer von der Grenze zum entsprechenden Land und insgesamt maximal 100 Kilometer bis zum aufnehmenden Verein entfernt wohnt.

Der FC Barcelona hat sich in den angeprangerten Fällen nicht einmal dieser Schlupflöcher bedient, sondern sich mit dem "Recht" der Gewohnheit über die Vorschriften einfach hinweggesetzt. Damit wurde eine Regel gebrochen, der Verein hat bezahlt. Der große Fehler im System allerdings: Die Kinder haben keine Regel gebrochen, müssen aber doch eine Rechnung begleichen, die gar nicht auf sie geht.

Im ersten Schritt wurden neun Spieler der Jugendschule in Barcelona von der FIFA vom offiziellen Spielbetrieb ausgeschlossen. Barcelona reagierte, zog vor den internationalen Gerichtshof, reichte Beschwerde gegen den Artikel 19 und entsprechende Änderungswünsche ein, blieb allerdings erfolglos.

Komplette Sperre im Oktober

Nach und nach verließen die betroffenen Kinder Barcelona. Kais Ruiz (12/Frankreich) machte den Anfang und ging zu PSG, es folgte Takefusa Kubo (13/Japan), der in seine Heimat zurückkehrte. Einige Spieler wurden zurück in ihr Geburtsland verliehen, andere harrten aus.

Die Sperre wurde als gegeben hingenommen, immerhin konnten die Kinder mit ihrer Mannschaft trainieren und der Klub organisierte inoffizielle oder interne Spiele, um zumindest geringfügig Spielpraxis bereitzustellen. Deutlich später folgte im Oktober 2015 der nächste Schritt der FIFA.

In einer Mitteilung an den Klub wurden erst alle betroffenen und noch immer im Verein verbliebenen Kinder zusätzlich vom Trainingsbetrieb ausgeschlossen und vom Vereinsgelände verbannt, wenige Tage später wurden weitere elf Kinder gesperrt. Der Klub reagierte mit Unverständnis, eine offene Konfrontation traute man sich allerdings nicht zu.

"Sie bringen meinen Sohn um"

In Fällen wie Patrice Sousia (16/Kamerun) landeten Kinder in Folge des FIFA-Urteils auf der Straße. Der Stürmer war über die Samuel-Eto'o-Stiftung nach Barcelona gekommen und ohne Eltern oder Wohnung in La Masia eingezogen. Susana Collado, Mutter eines Teamkameraden, nahm den jungen Stürmer im Oktober bei sich zu Hause auf, der Klub trägt die anfallenden Kosten.

Anders dagegen Ben Lederman (15/USA). Der Amerikaner war mit seinen Eltern nach Katalonien gezogen, seine Familie war auf einige Probleme gestoßen und hatte den Verein nach dem Wechsel öffentlich attackiert. Schwierigkeiten beim Eröffnen eines Bankkontos und damit beim Finden eines Jobs machten den Wechsel zu einem Fall für Artikel 19.

Inzwischen sind die Ledermans auf der Seite des FC Barcelona und sorgen mit deutlichen Worten in lokalen wie weltweiten Medien für Aufsehen. Vater Danny Lederman wütete in der New York Times gegen die FIFA: "Sie bringen meinen Sohn um."

Bens älterer Bruder spielt Basketball in Barcelona, ganz ohne Barrieren. Für Lederman unglaublich: "Der Basketballer, der geht jeden Tag zum Training, lernt von seinen Trainern, spielt alle Spiele. Und der Fußballer? Der sitzt zu Hause und weint." Inzwischen darf er wieder spielen: Ben Lederman zog alleine zurück nach Florida, um seine Chance auf die Teilnahme an der U17-WM 2017 aufrechtzuerhalten.

#LetNannoPlay

"Ich kann verstehen, dass die Regel aufgestellt wurde, um Kinder davor zu schützen, aus ihren Familien gerissen zu werden. Aber wir haben als Familie die Entscheidung getroffen, nach Spanien zu gehen", fasste der Familienvater die Situation zusammen.

Seine Anfragen an die FIFA wurden bisher ignoriert, nun formieren sich die Eltern und wollen eine gemeinsame Klage vorantreiben, die den Artikel 19 der FIFA außer Kraft setzt oder neu formuliert. Mit der Initiative FairPlay4Kids sorgte er bisher allerdings nicht für die gleiche Aufmerksamkeit, wie sie ein 8-Jähriger erhielt.

Marianno Lugo (8/Costa Rica) wurde Opfer der zweiten Sperr-Welle der FIFA und macht sich die Sozialen Medien zu Nutze. Die Familie Lugo begann unter dem Hashtag #LetNannoPlay eine Kampagne, um auf den Missstand aufmerksam zu machen. Mit Erfolg: Schauspieler und Sportler sendeten ihre Unterstützung, unter anderem Carlos Arroyo, ehemaliger Spieler der Miami Heat und des FC Barcelona.

4000 Kinder betroffen

"Wir werden nicht ohne Kampf aufgeben. Die FIFA muss realisieren, dass sie mit ihren Regeln Kinder verletzen. Sie beschützen nur ein paar wenige, aber verletzen doch Tausende", so Mutter Ale Aguzzi. Sie spinnt das Rad weiter, denn nicht nur die Kinder des FC Barcelona sind betroffen. Mindestens 4000 Kinder hängen derzeit aufgrund einer FIFA-Sperre in der Luft, so die Marca.

Die FIFA selbst hält sich mit Statements zurück. Über eine Sprecherin ließ der Verband mitteilen, die Härte und Konsequenz der Ausführung sei erforderlich, um den "Missbrauch der Vergangenheit" zu stoppen. Es gäbe "keine andere realistische Möglichkeit als eine Sperre mit strikter Durchführung", um den "angestrebten Schutz" zu erreichen.

Damit ist der Plan des Weltverbands eigentlich offen gelegt. Die gesperrten Kinder sind ein Warnzeichen und für die FIFA ein zur Kenntnis genommenes Opfer, um die Regelungen durchzudrücken. Bisher ignorierten die Vereine einfach die Regeln, auch weil sie nicht dafür belangt wurden. Um diese Gewohnheit aufzubrechen, versucht der Verband an beide Seiten heranzutreten.

Einerseits an die Vereine, bei denen mit dem FC Barcelona ein entsprechend großes Bauernopfer gefunden wurde, wie Präsident Josep Maria Bartomeu mit Blick auf die Machenschaften anderer Klubs feststellte. Andererseits aber auch an die Eltern, um diese zu sensibilisieren und davor zu bewahren, sich selbst oder ihre Kinder zum Spielball eines millionenschweren Geschäfts werden zu lassen.

Die Alternative fehlt

Die Alternative fehlt der Gegenbewegung derzeit noch. Die Regel der FIFA ist hart und ohne Ausnahme, durchdachte und hoch professionelle Jugendzentren wie das des FC Barcelona sind nicht überall zu finden, nicht jeder Klub stellt neben die fußballerische auch die allgemeine Bildung der Kinder auf höchste Ebene. Die FIFA selbst stellt das Modell Barcas als Ideal vor und lädt Verantwortliche des Klubs zu Vorträgen ein, weiß aber doch, dass nicht überall auf diesem Niveau gearbeitet wird.

Verschiedenste Beispiele zeigen, wie schnell Karrieren und vor allem Leben von Kindern zerstört werden können durch zu großen Ehrgeiz oder schlichte Gier. Die Kinder werden auf Zahlen und Nummern reduziert. Natürlich wollen die Kinder "einfach nur spielen", wie der Vater von Marianno Lugo betont, doch dahinter steckt immer mehr. "Einfach nur spielen", könnte Marianno auch in Costa Rica.

Eine individuelle Beurteilung ist aber nahezu unmöglich, somit muss ein Mittelweg gegangen werden. Die Frage ist nur, wie und wann der Dialog gesucht wird. Als Ex-Barcelona-Präsident Sandro Rosell seinen Vorschlag zur FIFA einschickte, erhielt er nie eine Antwort.

Der FC Barcelona im Überblick