Das Schicksal des Diego Buonanotte

Einmal Tod und zurück

Von Fatih Demireli
Mittwoch, 20.03.2013 | 14:40 Uhr
Diego Buonanotte wird nach seinem Unfall mit dem Flugzeug abtransportiert
© getty
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Diego Buonanotte war einst Argentinens größtes Talent nach Lionel Messi. Ein Unfall ließ nicht nur seine Karriere stocken, sondern kostete ihn fast das Leben. Der junge Mann, der seine besten Freunde verlor, greift nun wieder an.

Es war wie immer, wenn Diego nach Hause nach Teodelina kam. Er hätte ohne Widerrede weiter Fußball gespielt, war er doch der Star der argentinischen Fußball-Liga. Die Welt lag ihm zu Füßen. Der neue Messi, sagten sie. Natürlich.

Aber selbst ein begnadeter Kicker, wie es Diego war, braucht mal eine Pause. Ein bisschen Durchschnaufen im harten Liga-Alltag, ein paar Tage nicht den Messias spielen, sondern einfach abschalten. Das Weihnachtsfest kam sehr gelegen. Zuhause bei Mama und Papa gab es reichlich zu essen. Richtig verwöhnen lassen, mal die Füße hochlegen und dann auch mal auf die Piste gehen.

Am Abend des 26. Dezember 2009 rief er seine Jungs zusammen. Diego, Alexis, Emanuel und Gerardo - sie waren die besten Freunde, ach was, sie waren wie Brüder. Unzertrennlich seit Kindestagen. Diego fragte seinen Papa, ob er denn seinen Peugeot borgen könnte. Sie wollten ins benachbarte Dörfchen in die Disco.

Die Route 65 ist unbeliebt

Die Rückfahrt war wie der Abend selbst: Fröhlich und heiter. Die Party versüßte sich Diego nicht mit Alkohol. Dafür war er trotz des jungen Alters zu sehr Profi. Und aufgrund dieses Pflichtbewusstseins war Diego wohl auch angeschnallt - als einziger, denn Alexis, Emanuel und Gerardo waren es nicht. Und wenige Minuten nach der Abfahrt waren sie tot.

Die Route 65 ist örtlich nicht allzu sehr beliebt, weil die Straße gelinde gesagt nicht allerhöchsten Standards entspricht. Wenn es regnet, wie an jenem Abend, ist sie sogar gefährlich. Womöglich deswegen verlor Diego die Kontrolle über den weißen Peugeot 307, schleuderte hin und her und krachte schließlich gegen einen übergroßen Baum. Die vier Freunde waren eingequetscht, Diego schwer verletzt, die anderen sofort tot.

Eine zweite Gruppe Heimfahrer fuhr hinterher, wurde Augenzeuge der Tragödie, aber viel wichtiger: Sie konnten sofort Hilfe rufen, auch wenn sie in drei Fällen zu spät kam. Die Feuerwehrleute mussten das Wrack, und mehr war der Neuwagen nach dem Unfall nicht mehr, auseinander schneiden, um die jungen Menschen zu befreien.

"Kümmert euch um meine Freunde!"

Als Diego verletzt am Boden lag und Erste Hilfe geleistet wurde, schrie er: "Lasst mich liegen und kümmert euch um meine Freunde!" Er wusste in diesem Augenblick nicht, dass seine Jungs schon tot waren. Diego wurde mit mehreren Knochenbrüchen und einer sehr ernstzunehmenden Lungenquetschung ins Krankenhaus eingeliefert.

Diego Buonanotte ist heute 24 Jahre alt, immer noch Fußball-Profi, inzwischen beim spanischen Erstligisten FC Granada - aber das Wichtigste: Er lebt. Denn auch seine Lage war äußerst instabil.

Eduardo Allegrini, Leiter des Krankenhauses, in das Buonanotte eingeliefert wurde, berichtete, Buonanotte werde in der Intensivstation behandelt. Eine Nation sorgte sich um einen kleinen, jungen Mann, der mit seinen 21 Jahren die Menschen bis dato nur glücklich machte.

Bis "außer Lebensgefahr" gemeldet werden konnte, verging viel Zeit. Ganz zu schweigen davon, ob er je wieder Fußball spielen darf. Irgendwann trauten sich Ärzte in Buenos Aires, dorthin wurde Buonanotte zur besseren Versorgung transportiert, eine Prognose abzugeben: In sieben Monate könne er wieder an Fußball denken.

"Mörder!"

Am 17. April 2010, also knapp vier Monate später, gab Buonanotte sein Comeback bei River Plate, seinem Stammklub. Eingewechselt in einem belanglosen Ligaspiel, war es für ihn die Rückkehr ins Leben. Ohne "El Enano", dem Zwerg, geriet River in eine schwerwiegende Krise. 14 Punkte holte man in 14 Spielen, traf in fünf Spielen überhaupt nicht und krebste im Keller der Clausura-Liga herum.

"Ich bin glücklich, dass ich wieder spielen konnte, um den Kopf frei zu bekommen", sagt Buonanotte. Ganz so einfach war es aber nicht. "Mörder, Mörder", hallte es aus den Arenen in Argentinien, wenn der kleine Mann am Ball war. Ein brutaler Schmerz für die Seele, waren es doch seine besten Freunde, die er verloren hatte.

"Ich hatte gedacht, du vergisst alles, wenn du ins Stadion einläufst. Ich lag falsch", sagt Buonanotte. "Die Spieler waren sehr respektvoll, haben mich gut behandelt. Die Fans waren es nicht." Er lebte mit der Hoffnung, "dass es irgendwann aufhört und besser wird".

Auch wenn die Zuschauer irgendwann die Lust an der Geschmacklosigkeit verloren, war der Youngster nicht befreit von der Vergangenheit. Denn auch die Justizbehörden gingen der Sache auf den Grund, viele Verhöre, viele Verhandlungen und Gerichtstermine. Mord, hieß der horrende Vorwurf. Es dauerte über ein Jahr, bis das Gericht Buonanotte von der Schuld befreite. Er sei nicht alkoholisiert gewesen und auch ein angemessenes Tempo gefahren, hieß es im abschließenden Gutachten.

Verblüffend schnell fasste Buonanotte wieder Fuß. Die lange Anlaufzeit, die man ihm gewährt hätte, benötigte er nicht. Vielleicht fehlte ihm die Unbekümmertheit, die er vor dem Unfall hatte, und die ihn auf dem Fußballfeld so gefährlich und unberechenbar machte. Mit seinen 1,61 Metern klebte er förmlich am Ball und auf dem Spielfeld.

Als Diego zum Star wurde

Ein gottgegebenes Talent, das ihm mit 17 zum Profi-Debüt verhalf. Ein Talent, das ihn in seinem erst zweiten Spiel als Profi zum Superstar werden ließ, als er im Superclasico gegen die Boca Juniors eine astreine Leistung hinlegte und am nächsten Tag gefeiert wurde, als hätte der argentinische Fußball nie Maradona, Messi, Ardiles und Caniggia erlebt.

Natürlich folgte die Einladung zur Nationalmannschaft und zum Olympiateam, mit dem er 2008 Gold in Peking holte. Und natürlich war halb Europa hinter ihm her. Als unverkäuflich galt er damals, was so viel bedeutete wie: Wer eine Unsumme hinlegt, kann ihn haben.

Nach dem Unfall war er wieder begehrt, aber ob der neuen Situation nicht in der obersten Etage. Die Interessenten hießen jetzt Sunderland und Malaga, das gerade reich geworden, neue Talente suchte, die die anderen Neureichen nicht unter Vertrag nahmen. Also Buonanotte, der 4,5 Millionen Euro kostete und einen Vertrag bis 2016 bekam.

Ein halbes Jahr spielte er noch für River, um dann bei Malaga durchzustarten. Der Durchbruch gelang ihm aber nicht wirklich. Auf 19 Spiele kam er in zwei Spielzeiten, erzielte ein Tor: Dieses immerhin gegen den FC Barcelona im vergangenen Januar, als er beim 1:3 in den 30 Minuten zeigen konnte, warum man ich nicht abschreiben sollte.

Als Buonanotte im Februar erneut gegen Barcelona spielte, trug er das Trikot des FC Granada. Zum Abstiegskandidaten wechselte er kurz vor Transferschluss für knapp zwei Millionen Euro. Der nächste Anlauf, um wieder an alte Tage anzuknüpfen.

Dass er bisher vermehrt nur als Joker eingesetzt wird, wertet er als "sehr enttäuschend". Dann schwächt er seinen Unmut ab. Buonanotte sagt, dass er eben dem Trainer beweisen müsse, dass er in die Startelf gehöre.

Diego weiß in diesem Augenblick, dass er einst schwerere Kämpfe zu führen hatte.

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