Jesus Navas im Porträt

Ausbruch aus dem Korsett der Angst

Von Anant Agarwala
Donnerstag, 19.11.2009 | 11:30 Uhr
Irrwitzig schnell und trickreich: Auf dem Spielfeld ist Jesus Navas kaum aufzuhalten
© Getty
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Lange Zeit glänzte Jesus Navas nur im Trikot des FC Sevilla, nicht aber für Spanien. Chronisches Heimweh machte es ihm unmöglich, auf Länderspielreisen zu gehen. Seit November hat der Europameister nun aber auch die Waffe Navas in seinem Arsenal - Gespräche mit Psychologen und Trainern haben seine Probleme gelöst.

In der Begegnung zwischen Europameister Spanien und Argentinien sind fast 82 Minuten gespielt, als Andres Iniesta den Platz verlässt und jener Spieler unter tosendem Beifall auf den Rasen des Madrider Estadio Vicente Calderon sprintet, der lange mehr für seine psychischen Probleme als für seine fußballerischen Fähigkeiten bekannt war: Jesus Navas.

Seit dem 14.11.2009 jedoch ist dieses Kapitel - zumindest vorläufig - geschlossen. Seit dem 14.11.2009 kann die lange Liste an Attributen für Jesus Navas um einen weiteren Punkt ergänzt werden. Der Spanier, Andalusier, Außenstürmer, Rechtsfuß, 60-Kilo-Mann und Dribbel-Floh Jesus Navas ist nun auch der Nationalspieler Jesus Navas.

Sicher, es gibt berühmtere Männer mit diesem Vornamen. Doch es ist der kleine, außerhalb des Fußballplatzes fast unscheinbare Jesus Navas, der in den letzten Wochen Spanien beschäftigte.

Navas sportlichen Wert kennt auch der VfB Stuttgart

Sportlich bestand schon seit geraumer Zeit kein Zweifel an Navas' Qualitäten. Der VfB Stuttgart kennt diese spätestens seit seinen beiden Partien gegen den FC Sevilla in der Champions League, als der am Samstag 24 Jahre alt werdende Navas jeweils einmal traf und auch sonst vorzüglich spielte.

Besser noch beurteilen kann ihn der Ex-Stuttgarter Andreas Hinkel, der 18 Monate mit Navas in Sevilla zusammenspielte.

Im Gespräch mit SPOX betont er, dass Navas alle Voraussetzungen mitbringen würde, um ein Topspieler zu werden: "Er bringt alles mit: Technik, Schnelligkeit und einen Motor, der 90 Minuten im obersten Bereich läuft. Er ist einer der fittesten Spieler, mit denen ich je zusammengespielt habe." Hinkel schwärmt weiter: "Ein sensationeller Fußballer, der ein ganz Großer werden kann."

Chronisches Heimweh

Es ist nicht so, dass Spaniens Nationaltrainern dieses Talent bislang verborgen blieb. Das lange Warten auf ein Debüt für die Roja hatte einen anderen Grund. Es ist ein, zumindest in der Leistungsgesellschaft Profifußball, kurioser Umstand, der Navas' Einsätze für Spanien bislang verhinderte: chronisches Heimweh.

Aufgewachsen in einer andalusischen Kleinstadt mit dem pittoresken Namen Los Palacios y Villafranca, fällt Navas im Trikot von UD Los Palacios im Alter von vierzehn Jahren Spähern des großen Nachbarn FC Sevilla auf und wechselt gemeinsam mit seinem gut drei Jahre älteren Bruder Marco in die Jugend der Rojiblancos.

Die andalusische Hauptstadt ist nicht weit entfernt, knapp 30 Minuten fährt man auf der Autopista del Sur nach Los Palacios. Wahrscheinlich ist es diesem geographischen Umstand zu verdanken, dass Navas heute ein Star der Primera Division ist.

Navas braucht seine Familie

Denn seine vertraute Umgebung, seine Freunde und Familie, will und kann Navas nicht dauerhaft verlassen. Tut er es doch, leidet er im schlimmsten Fall unter Angstzuständen, die mit Panikattacken und körperlichen Beschwerden einhergehen. Schlechte Voraussetzungen für einen Profifußballer, könnte man meinen.

Öffentlicher Häme wurde er aufgrund seiner vermeintlichen Schwäche jedoch nie ausgesetzt. Carlos Yagüe, Journalist des andalusischen Sportmagazins "Estadio Deportivo", sagt zu SPOX: "Die Menschen kennen ihn hier schon, seitdem er ein Junge ist. Sie wissen von seinem Problem und versuchen, ihn zu unterstützen. Schmähgesänge hat es auch von Anhängern gegnerischer Mannschaften, sogar denen vom Lokalrivalen Betis, nie gegeben. Er wird in ganz Spanien respektiert."

Doch was versteckt sich hinter dem relativ harmlos besetzten Begriff "Heimweh"? Die Sportpsychologin Eva Pfaff vermutet, dass es sich in Navas' Fall um "eine Angststörung, eine psychopathologische Krankheit" handelt.

"Der ganze Mensch ist betroffen"

Im Gespräch mit SPOX erklärt sie seine Angst vor der Fremde als die spezifische Ausprägung einer Phobie, vergleichbar etwa mit der pathologischen Angst vor Spinnen (Arachnophobie). "Phobien wirken sich ganzheitlich aus, das heißt, dass die emotionale, vegetative, kognitive und motorische Ebene betroffen sind - also der ganze Mensch. Dadurch ist er in seiner Alltagsbewältigung beeinträchtigt." Eine Möglichkeit, sich der Probleme zu stellen, sei eine Psychotherapie.

Navas begab sich in der Tat in Behandlung. "Er war ein paar Mal bei einem Psychologen, nicht als Star, sondern als normaler Mensch. Auch die Trainer haben immer wieder in Gesprächen versucht, seine Probleme zu lösen", erzählt Yagüe.

Mit Erfolg: Am 5. November trat Navas vor die spanische Presse, um ein Kommunique zu verlesen. Er sei bereit, in Zukunft für Spanien zu spielen.

Trainingslagerfluchten gibt es nicht mehr

"Die Zeiten, in denen er aus Trainingslagern verschwand, um nach Hause zu fliehen, sind vorbei", weiß Yagüe. Seine starke Familienbindung aber hat Navas nicht verloren. "Er ist ein einfacher Junge, der noch bei seinen Eltern wohnt, dort, wo er sich wohl fühlt." Direkt im Anschluss an sein Nationalmannschafts-Debüt schickte Navas via Mikrophon dann auch Grüße nach Hause: "Die Unterstützung meiner Familie hat mir das alles ermöglicht, daher widme ich das Spiel meinen Eltern, meiner Freundin und meinem Bruder."

Der FC Sevilla hat stets dafür gesorgt, dass sich seine Nummer 7 wohl fühlt. Bei Auswärtsfahrten werden ihm bekannte Routen genutzt, nach Möglichkeit die gleichen Hotels. Seine Kollegen helfen ihm, in ihrer Mitte fühlt er sich sicher.

"Jesus ist ein wirklich netter und lockerer Kerl. Er war immer voll integriert", sagt Hinkel. Die Mannschaft ist Navas ein so vertrautes Umfeld, dass seine Leistungen auch in Auswärtsspielen nicht unter seinem Heimweh leiden.

Auf dem Platz ein anderer Mensch

Der Fußball, den Navas spielt, steht in einem krassen Kontrast zu seinem schmächtigen, jungenhaften Erscheinungsbild und seiner schüchternen Art. Extrovertiert, fintenreich, die ganze Länge des Platzes nutzend, alle Aktionen in höchstem Tempo. Seine extreme Schnelligkeit, mit und ohne Ball, reißt immer wieder Lücken.

Real Madrids Marcelo erfuhr dies schmerzlich bei der 1:2-Pleite der Königlichen im Estadio Ramon Sanchez Pizjuan zu Sevilla. Navas führte den Brasilianer vor und krönte seine Leistung mit einem Kopfballtor - und das bei einer Größe von 1,70 Meter.

Trotz seiner spärlichen 60 Kilo, die er auf die Waage bringt, ist er ein Schwergewicht der Rojiblancos, der "seit dieser Saison auch ein Leader ist", so Yagüe. Als Torhüter und Kapitän Andres Palop ausfiel, trug Navas gegen Stuttgart sogar die Binde.

Navas bereitet vor und trifft selbst

Navas bereitete in der letzten Spielzeit allein in der Primera Division elf Tore vor, traf zudem viermal selbst. Trotzdem mangelte es ihm noch an Effizienz und Konstanz.

In dieser Spielzeit hat er einen weiteren Schritt gemacht: Wettbewerbsübergreifend steht er schon jetzt bei sechs Treffern, mehr als ihm je in einer gesamten Saison gelungen sind. Macht er da weiter, ist die WM in Südafrika, für Navas wegen seines Heimwehs lange Zeit "Traum und Alptraum zugleich" (SZ), zum Greifen nah.

Navas: "Es war atemberaubend"

"Der Augenblick, als ich mit der Unterstützung der Mannschaftskollegen und den Anfeuerungen der Zuschauer das Spielfeld betrat, war atemberaubend. Diesen Moment werde ich nie vergessen", ließ Navas nach den ersten neun Minuten im Nationaltrikot keinen Zweifel daran, dass er gierig ist auf mehr.

Auf Klubebene jedoch hat er das Maximum bereits erreicht. Ein Wechsel zu einem größeren Klub sei nicht realisitisch, denn: "Er kann längere Auswärtsfahrten mittlerweile ohne Probleme bestreiten, hat aber immer die Gewissheit, danach nach Hause zurückzukehren. Ein Wechsel würde ihm viele Probleme bereiten. Nichtsdestotrotz gibt es in Sevilla viele Gerüchte über einen Wechsel", sagt Yagüe.

Englische Klubs wie der FC Arsenal und der FC Chelsea zeigten zuletzt immer wieder Interesse an Navas. London liegt aber nicht auf der Autopista del Sur.

Spaniens Kader im Überblick

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